America

Michael Wohlfarth

Gedicht oder Roman

Texte: Michael Wohlfarth

Umschlag: Aus privater Nutzung

michael.wohlfarth@t-online.de

In allen einschlägigen Buchhandlungen

Zueignung

Genug, genug.

Enough.

Es ist genug von den Autoren geredet worden.

Oder haben sie es nötig.

Müssen Sie getröstet werden.

Hat es Fjodor Dostojewski

aus dem alten Russland so nötig.

Seine Tränen.

Heiß.

Sie fließen in den Nächten.

Auch wenn du ihn verwendest.

Gebrauchst.

Auch wenn du ihn vorkommen läßt

in deinem Roman, der keiner ist.

Er ist im Club der toten Dichter.

Die Tränen längst verdunstet.

Oder der Co-Autor.

Was geht er uns an.

Er soll seine Arbeit tun.

Geist – Schreiber.

Mitschreiber.

Mitläufer.

„Geh mit!“ – ruft der Chor dazwischen.

Auf schaukelnden Wellen.

Im Wind.

Jetzt sehen sie Irland.

Der Luxusdampfer legt an.

Grün.

Tiger.

Alles vorbei.

Wer jetzt kein Haus hat, findet keines mehr.

Und die Katholische Kirche.

Die sanfte Mission.

Bitte jetzt nicht Odenwald.

Und auch keine Tonbandaufzeichnungen.

Alles verjährt.

„Alles verjährt!“ –

ruft der Männerchor dazwischen.

„Nein!“ – rufen die Erinnyen.

Die Nadel ist nicht gesprungen,

der Nordpol noch lange nicht erreicht.

Und es ist ein Segelschulschiff.

Aber Irland.

Irland ist erreicht

Armer Böll.

Du und das Lindenblatt der Deutschen.

Alles von Bord.

Anlegen bei Sturm.

Anne bleibt. Sie mag nicht.

Sie wartet an Bord.

1

Symbol

Endlich, endlich.

Wir sehen die Freiheitsstatue winken.

Nein, wir karikieren sie nicht, weil wir wissen, wie ernst es den Siedlern war,

den Sträflingen

wie in Australien.

Den Frei – Kirchlern, die aus den Gefängnissen

der Herzogtümer entkommen sind.

Den Juden, die mit einer Stimme Mehrheit „zugelassen“ wurden für die Besiedlung des gelobten Landes.

Aber mit Anne ist das anders.

Sie ist nicht einem Dorf entflohen,

das vor Armut anfing zu trinken,

in Gänze,

bis auf ein paar wenige,

im 19. Jahrhundert.

Sie hat – wenn man so will –

den globalen Spleen.

Sie hat etwas geerbt von ihrem Vater,

der den Sozialismus bewachen musste

auf der anderen Seite.

Nun das ganze Gegenteil.

Sie wollte weg.

Ja, weg.

Sie wollte aus dem dunklen deutschen Wald

ins Helle.

Hat sich einem Schiff anvertraut,

wo gelernt wurde, die Segel zu setzen,

wenn der Wind günstig ist.

Sie durfte bedienen und in der Küche helfen.

Ihre Großmutter hat ihr alles Gute gewünscht.

Sie sind ja per Handy verbunden.

Nein, es war kein Forsthaus, aus dem sie stammt. Die gibt es ja noch in Deutschland.

Solche Forsthäuser mit rotem Ziegeldach.

Wo schon längst die Pfarrer

ihre Pfarrhäuser fliehen,

bleiben die Förster:

So ein ehrwürdiges Forstamt,

ringsum Wald,

der deutsche Wald.

Das ist was.

Nein, daher kommt sie aber trotzdem nicht

in unserer Weiterführung der Geschichte.

Auch nicht aus einem deutschen Pfarrhaus,

das es vielleicht gar nicht mehr gibt.

Oder angeblich. Auf die näheren Hintergründe möchte ich hier aus sicher verständlichen Gründen nicht eingehen.

Über den Glauben spricht man nicht

in Deutschland – und auch nicht über Geld,

im Unterschied zu Amerika.

Hat sie gehört: Anne aus der KfZ – Werkstatt

mit schönem Wohnhaus am Rand eines gefährlichen gesamtdeutschen Waldes.

In dem schon viel passiert ist.

Schüsse. Abgründe. Umwege.

Wir haben das alles schon mehrfach berichtet.

Grenzoffiziere, die sich zu Unternehmern gemausert haben, die einen Wald besitzen,

der gut bewirtschaftet wird.

Von Wäldern und Grenzen, Minen und Politik.

Aber Anne hat sich aufgemacht über das Meer und hat gewartet, bis die Matrosen von ihren Landausflügen zurückgekommen sind und auch die Biologen – Gruppe, die nach Wegen suchen,

um Getier und Pflanzen dort zu belassen,

wo sie hingehören.

Zuletzt war das in Irland.

Irische See.

Stürmisch.

„Aber jetzt geht es weiter“.

In der Takelei.

All die frohen Lieder.

Die Frische des Windes.

Das Steuer.

Der vertrauensvolle Lehrausbilder.

Die Jungs, die Mädchen.

Wenn das unsere Bundeswehr wird.

Wie gut.

Wahrscheinlich haben sie Jahre vorher

das Wetter studiert, den Golfstrom, die Eisberge, um eine Schneise für die Ausbildung zu finden, eine Fahrt, die sich gewaschen hat und geeignet, um zu lernen.

Das Leben zu lernen.

Den Kurs zu halten.

Den Stürmen zu trotzen.

Das Handwerk.

Zur See fahren.

Ein Traum.

Nicht abstürzen.

Disziplin, weil sie nötig ist und solidarisch.

Da hat sie aber Glück gehabt, solch ein Timing. Solch einen Zeitpunkt.

KAIROS.

Ausgerechnet, nach dem Frühjahr der Stürme

eine Stille, Wind, Wind, gemäßigter Sturm. Ausgerechnet heute musste ein solches Schiff aufbrechen, in See stechen mit allerlei

Hokuspokus, fast wie zur Leipziger Messe.

Aus Japan soll das kommen.

Mit einigen Originalen.

Aber Respekt: einer Mannschaft,

der sich Anne anvertrauen wollte.

Hamburg – was für eine Stadt. Das Tor zur Welt.

Und schon bis Irland. Jetzt geht ’s aber los.

Na ja, über die Reling, wenn ’s losgeht?

Jemand klopft auf die Schulter:

„So haben wir alle angefangen. Wir Landratten.“ Auch Darwin hat das erlebt.

Ja, in stürmischer See. Wenn sie brüllt. –

Wenn der Matrose hinaufklettert,

um die Segel zu kappen,

damit der Hauptmast nicht bricht.

Wir könnten den polnischen Grafen zitieren,

der den Wald nicht kennt, aber die See.

Wir könnten den Teufel heraufbeschwören,

den Hai, den Wal, die Walfänger mit dem Käptn, der es mit dem Bösen aufnehmen möchte.

Aus Wut.

Weil der ihn verletzt hat bis zum Krüppel.

Den einst Mächtigen auf seinem Schiff

in unwegsamen Gegenden des Ozeans.

Wir wissen das.

Wie oft sind wir gefahren auf den Autobahnen und Landstraßen unseres geteilten Vaterlandes und plötzlich tauchten die Angebote auf an den Litfaßsäulen und in den Glashäusern

der Omnibusunternehmen, in denen die Mitsechzigerinnen und ihre Männer warteten,

dass der Bus käme und sie abholte zum Ziel.

Nicht ihrer Träume, sondern ihrer Arzttermine wegen und Weh – Wehchen, was es so gibt zwischen Himmel und Erde und Haarwurzeln und Fußzeh.

Jetzt America.

Endlich.

New York.

Eine Nacht, zwei Nächte, drei Nächte,

vier Nächte, fünf Nächte.

Nun ist es aber genug für diesen einmaligen Vorzugspreis.

Also haben wir uns aufgemacht,

den veralteten Diesel stehen gelassen,

eine Reise gebucht zu den Wolkenkratzern

in Gottes gelobtem Land.

Es wird Zeit, dass wir alles hinter uns lassen

und über den Wassern der Erde fliegen zu denen, die längst dort sind: Unsere Protagonisten.

Anne ist inzwischen dort.

Sie kämpfte sich durch.

Sie hat in Irland nicht das Segelschulschiff verlassen, wie die Gärtner aus Deutschland,

die sich mit den Amerikanern verbrüdern wollten, wenn sie versprechen, zu kooperieren

und keine artfremden Getiere und Pflanzen

in die Alte Welt zu lassen.-

Es muss überschaubar bleiben in der Botanik.-

Wie die Matrosen, die endlich wiederkamen

von ihrem Landgang, die Gräfin mit ihrem Pferd, die Große Moderatorin aus Berlin.

Alle, die gesund werden wollten,

indem sie ein Abenteuer bestehen.

Geschickt vom Jugendamt.

Sozialamt.

Sie hat gewartet, bis sie wiederkamen

vom Landgang und es konnte endlich

von Irland aus weitergehen.

Sie konnte Dienste übernehmen, die Versorgung der Besatzung und der Passagiere betreffend.

Nein, sie wollte nicht fliegen,

sondern wie die Alten die Neue Welt entdecken durch die Wasserwüsten hindurch.

Nein, nicht fliegen?

„Irland ist dazu prädestiniert. Als Stützpunkt für Flieger, die nicht genug getankt haben.“

Die alte Bauart eben.

Das Schiff sticht in See.

Der Flieger bleibt am Boden.

Sie sortiert ihre Briefschaften.

Jetzt hat sie genügend Zeit.

Deshalb hat sie sie mit genommen.

Das ist ihr wichtig.

Besonders die Briefe einer ihrer Freundinnen,

in denen das Schicksal

eines Mädchens erzählt wird.

Viel trauriger als ihr eigenes Schicksal.

Immerhin hat sie ihre Mutter verloren

bei einem nicht aufgeklärten Verkehrsunfall.

Wenn das Schiff gleitet

und eine Brise für Kühlung sorgt auf den Planken, wirft sie sich in eine Ecke voller Seilschaften

für den Schiffsbetrieb und liest diese Briefe, genauer Manuskripte.

Sie sollte sie unbedingt lesen,

hat ihr das Mädchen aus Weimar geschrieben. Deswegen hat sie sie mit genommen, weil in den letzten Wochen zu viel los war

durch ihre Abreise.

Was war los gewesen in Weimar, der Stadt Goethes und Schillers, Herders, Klopstocks, all die versammelten Heroen.

Viel.

Die Republik.

Die Republik von Weimar, das Fundament

siehe oben.

Das Denkmal hat sie alle überdauert. Sie reichen sich die Hände auf dem Sockel

vor dem Deutschen Theater: Goethe und Schiller.

Der eine ein Schürzenjäger – oder keiner –

wenn die Alternativen forschen, der andere…? Das Drama, ach Dostojewski,

der erste Kriminalroman: Aus verlorener Ehre.

Das alles interessiert Anne nicht so furchtbar.

Doch, wir müssen uns das in‘ s Gedächtnis rufen, vielleicht mit Franz Liszt und seiner rasenden Klaviermusik. Oder seiner Orchestrierung zu BARBAROSSA.

Die Klassikerstadt.

Die Kleinstadt.

Thüringen.

Die Wächter da oben auf dem Ettersberg.

Aus den Bauernstuben mit den großartigen Bohlen.

Die Bohlenstuben.

Die Fachwerkhäuser.

Die deutschen Namen der Orte.

Die Kirche. Wie ein Glucke, die ihre Flügel ausbreitet, wenn der Adler erscheint.

Oben am Himmel.

Die SS, das Reservoir aus unseren Dörfern.

Haben jüdische Händler das Vieh zu billig bekommen?

Ettersberg Buchenwald.

Der Turm, den unsere Deutsche Demokratische Republik gebaut hat nach dem Sieg über den Hitler – Faschismus durch die Rote Armee.

Fritz Cremer die Figuren, den Christus, der vom Kreuz herabsteigt und nachträglich siegen möchte.

Herder aus Ostpreußen.

Der Generalsuperintendent.

Wilhelm von Humboldt mit seinen vielen Sprachen, aber einer besonders.

Sie ist gar keine Sprache,

weil sie die Sprache Gottes ist.

Das Bild.

Zeichen.

Semiotik.

Das alles in Weimar und der darüber thront.

Jetzt kannst du Kaffee dort trinken,

du sollst zivil werden. Urban, aufgeräumt.

Nicht mehr nur die Asche – Felder, Paul Schneider, Ernst Thälmann. Die Osterpredigt aus dem Keller hinausgeschrien: Christus ist auferstanden.

Haben sie es in Weimar gehört. Bestimmt nicht. Viel zu weit oben im Buchenwald.

Haben sie den Gesang der Häftlinge gehört?

Oder war das nur der romantische Gesang

Jahre später an den Lagerfeuern.

Es musste ja weitergehen in der Jugendarbeit

der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Mit Klampfe. Ich spiel sie heute noch.

Wenn ich so traurig bin wie die Lorelei.

Nein, nein, das muss gesagt werden.

Weimar hier und dort. Klassiker.

Braun brauner am braunsten.

Sie mußten dann die Filme sehen, als alles vorbei war. Die Weimaraner.

Es gab bestimmt auch Aufrechte.

Neben Sauckel mit seinen acht Kindern.

Alle vergiftet von ihm selber.

Was wollen wir also sagen, nur weil Anne Briefe lesen wird von einer Freundin?

Was steht da drin,

dass wir uns so erinnern müssten?

Wer hat geschrieben.

Ein Mädchen aus Weimar, das sich nicht beugen wollte, konnte. Sie wusste nicht, was sie getan hat?Sie hat gar nichts getan. Sie hat nur einen Aufsatz geschrieben zu einem schönen Thema:

Dein Vorbild.

Ihr Vorbild war JESUS. Der Mann aus der Bibel. Der gute Hirte. Der Mann am Kreuz.

Den sie gemartert haben, gefoltert,

wie das Otto Pankok malt als die Geschichte der Menschheit. Eine ständig weitergehende.

Sie hat es aufgeschrieben. Hat dieAMERIC

In das Direktorenzimmer der erweiterten Oberschule in Weimar-Süd.

Die Oberschule hieß nach

Johann Wolfgang von Goethe.

Goethe war das Kreuz auch unheimlich.

Vielen.

Sie sagte: „Nein, ich ändere meinen Aufsatz nicht. Ich schreib ihn auch nicht neu. Ich sollte mein Vorbild beschreiben. Ich habe es getan.“

Sie war immerhin die Klassenbeste und hatte einen gewissen Stolz als Mädchen in der Klasse mit ihrem Glauben, den sie zeigen wollte.

Seine Schönheit.

„Aber Jesus ist doch gar kein Mensch gewesen“,

sagte der Direktor.

„Doch!“

„Warum nimmst du nicht deine Eltern, wie die anderen,“ sagte vermittelnd ihre Deutschlehrerin.

„Warum nimmst du nicht deine Großeltern

wie andere?“

„Ich will nicht andere nehmen! Ich will nicht Goethe und Schiller nehmen

ich will sie alle nicht,

nur Jesus.“

CHOR:

Nobody knows the trouble I’ve seen…

but JESUS.

Niemand kennt das Leid, das ich sehe

nur Jesus.

Sie hat es schwer.

Sie fällt zurück.

Sie wird blass.

Sie geht nach dem Westen

In den Schwarzwald

Sie stirbt.

Die Freundin des Mädchens hat sich noch lange geschrieben mit ihr bis zum bitteren Ende.

Sie hat die Briefe aufgehoben und an die Tochter des ehemaligen wehrdienstpflichtigen Grenzsoldaten geschickt.

Sie waren sich oft begegnet.

Die Eltern kannten sich. Die Mütter. Um viele Ecken herum.

Natürlich hat Anne Leskow die Briefe schon alle überflogen, jetzt wird sie sie lesen.

2

New York – Glückliches Ende und Ausblick

Sie hat sich eine Billigwohnung genommen.

In der soundsovielten Straße in New York.

Es geht.

Sie hat einen Job angenommen. Sie kann also ihren Lebensunterhalt selber aufbringen.

Sie kann sich sogar nach ihren Schichten auf einen Barhocker setzen, nahe ihrer Unterkunft.

Sie hat jemanden gefunden, mit dem sie alles teilen will. Ein, zwei Jahre jünger als sie.

Sie haben sich lange unterhalten über die Welt, aus der sie kommen. In den Parks.

Bis sie es wusste, er hatte auch etwas damit zu tun, wo ihr Vater vor der Wiedervereinigung Deutschlands zu Hause war.

Der Grenzer. Der Vater von Anne.

„Er war der Sohn eines Werktätigen in der Deutschen Demokratischen Republik, wo die Menschen nicht an Gott glauben, sondern Atheisten sind. Wo sie gebildet sind, weil sie an die Naturwissenschaften glauben, Darwin und

Karl Marx und Friedrich Engels und viele andere“.

In Kurzform gesprochen. Die Klischees sind mit fotografischer Genauigkeit bedient.

„Und der Sohn einer Werktätigen in der Deutschen Demokratischen Republik, die Arbeit und Beruf gut mit den Pflichten einer Hausfrau und Mutter unter einen Hut brachte“.

Da sind sie denn doch erst einmal eingekehrt in eine der vielen Bars und haben Swing getanzt.

Am nächsten Tag war Sonntag. Da haben sie sich eine Kirche angesehen, wo schwarz gesungen und gebetet wird, aber Weiße erlaubt sind.

Sie haben zugehört.

Ein bisschen Englisch konnten sie schon.

In der Kirche lernt man gut englisch, weil der Prediger gezwungen ist, zu artikulieren, damit die Botschaft von Jesus Christus auch ankommt.

Am besten war das Lied von den Sklaven, die frei werden, wenn sie glauben. Da haben sie mitgesungen, weil sie frei werden wollten von ihrer Angst, etwas falsch zu machen. Sie haben sogar geschunkelt und ihre Augen blitzten.

„Eigenartig, sie sind doch völlig unreligiös erzogen worden“.

„DDR-Bürger glauben nicht an Gott.

Sie sind Atheisten“.

„Anne ist nicht völlig anti-christlich erzogen worden, sie ist getauft worden und ihr Vater, der Grenzer hatte nichts dagegen“.

Sie sind anschließend zu dem schwarzen Pastor gegangen und haben ihm erzählt, wer sie sind und woher sie kommen. Der Pastor hat zugehört und ihnen eine Bibel geschenkt. Jetzt lesen sie englisch die Bibel.

Nach einer gewissen Zeit sagt Anne zu ihrem Freund: „Ich werde mich nicht melden bei der Adresse, die ich habe, um dort für ein Jahr die Kinder zu hüten. Ich werde ihnen einen Brief schreiben.“ – In dem Brief stand: „Liebe Familie Wilder, leider muss ich Ihnen mitteilen, dass sich etwas geändert hat in meinem Leben und ich die Austauschstelle nicht antreten werde.

Ich hoffe, sie finden bald einen Ersatz.

Mit herzlichen Grüßen

Anne Leskow“.

Der Brief ging an eine Adresse in Pensylvanien. Und die Ersatzeltern machten sich ihre Gedanken und haben sich auch geärgert, weil sie fest damit gerechnet haben: Anne Leskowim Austauschverfahren als Au – pair- Mädchen. Sie wollte doch hier Englisch lernen und dann vielleicht studieren.

New York ist eine riesige Stadt.

Viel größer als Berlin und viel höher gebaut.

Die Entstehungszeit ist aber ähnlich. Mittelalter hat sie nicht, geschweige eine Römerzeit oder so.

Also unsere Maßstäbe können wir erst einmal vergessen.

Sie liegt am Meer.

Die Freiheitsstatue winkt.

Die Yankies wohnen hier.

Ihre Nachfahren.

Die Weißen, die gegen die Südstaaten gekämpft haben, weil die dagegen waren, die Sklaverei rechtlich zu beenden.

Die Geschäftsleute.

Das Business.

Der Biss.

Der Gott der Stadt?

Das weiß ich nicht.

Ich war nicht dort.

Aber ich kenne sie vom Hörensagen.

Von Filmen.Von Katastrophenfilmen.

Aus Kurzgeschichten, die eigentlich Romane sind.

Der GROSSE GETSBY.

So etwas. In der Art.

Oder Tennessee Williams.

Ich weiß es nicht, ob der jemals in New York gewesen ist.

Doch durch die Verleger.

Mindestens.

Die Hochhäuser sind Türme, die Kirchen sind klein dagegen. Aber es gibt sie.

Zum Beispiel die Schwarzenkirche, wo

Anne Leskow und ihr Freund hingehen,

wenn der Sonntag kommt.

Läuten dort die Glocken? Insider fragen. –

Das deutsche Glockengeläut soll ja das schönste sein. Siehe Gretchen vor dem Dom.

Kennen Sie die Aufnahme mit Gründgens?

Anne hat ihren Job, sie wäscht wirklich Teller und ihr Freund auch.

Es ist wie im Bilderbuch und in den vielen Storys

seit Jahrhunderten oder mindestens Jahrzehnten.

Trotzdem machen sich die Eltern Sorgen.

Hat Oliver Eltern?

Anne hat eine Großmutter und einen Vater,

der eine KfZ – Werkstatt aufgebaut hat am Rand eines Waldes. Ihre Mutter ist bei einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

„Wir sagten das schon.“

Mit der Großmutter hat sie das letzte Mal in Hamburg telefoniert. Es wird Zeit, dass sie anruft.

Sie hat die Stürme des Meeres vorüberziehen lassen, den Lärm der Schiffsmannschaft,

als sie nach ihren Ausgängen zurückkam.

Das Gewäsch der Kleingärtnergruppe und die großartige Ankunft mit dem Pathos der Statue.

Und immer noch nicht hat sie zum Handy gegriffen und die Nummern eingetippt, die das Handy zu Hause von der Großmutter zum Zittern bringt oder Klingeln: Die Großmutter hat sich ein Volkslied gewünscht als Weckmelodie.

Aber das ist ja verzeihlich, hat Anne Leskow doch nun einen Freund gefunden für das amerikanische Leben in New York, in den Häuserschluchten,

vor den Towers, in den Parks.

Er heißt Oliver und hat ziemlich abstehende Ohren, groß genug, um alles zu hören und zu verstehen, was sie sagt. Wie Segel, die den Wind „von drüben“ einfangen.

Dann müsste es eigentlich Ostwind sein.

Gibt es den in Amerika?

Immerhin kommen sie ja beide „von drüben“, vielleicht sogar von ganz drüben, mehr als ihnen lieb ist.

Und den anderen auch. Die haben Biss.

So könnten sie vermuten:

jenseits der Demarkationslinie geboren.Wenn sie einen ehemaligen Soldaten zum Vater hat, der in der DDR diese Demarkationslinie unter allen Umständen zu verteidigen hatte und beinahe ums Leben gekommen ist bei einem Verkehrsunfall,

von dem manche wussten, er hätte etwas mit dem vormaligen Beruf ihres Vaters zu tun.

„Wissen wir“.

Und bei dem ja ihre Mutter, ausgerechnet ein Westkind Deutschlands, ums Leben gekommen ist.

„Wissen wir“.

Gut, dass es dann die Großmutter gab, die sich auskannte in dem Dschungel der BRD alt –

auch neu?

Oliver erzählte nicht so viel von sich.

Wenn Anne nicht fragte, sagte er gar nichts

zu seiner Vergangenheit.

„Wo komme ich her?“

Sie wusste bis jetzt nicht einmal, warum er in die USA gekommen war.

Bald hörte er mit dem Tellerwaschen auf und ging regelmäßig in ein Büro. Er erzählte ihr, „drüben“ seinen Abschluss gemacht zu haben und dann ein Flugzeug genommen zu haben, um hierher zu kommen. Ein bisschen früher, als er sollte, zu einem Eignungstermin, damit er „schnuppern“ konnte.

Nun war der Termin und „sie“ haben ihn genommen.

Er sagte ihr, er wäre jetzt Staatsbediensteter und sein Aufgabenfeld nennt sich Sicherheit und Ordnung. Sie wollte aber ihre kleine Au – pair-Wohnung nicht aufgeben und sie wollte auch erst einmal weiter arbeiten in dem Hotel, das sie aufgefangen hatte, wie sie sagt, nachdem sie ihren Fuß in dieses Land gesetzt hatte.

Er erzählte nichts von seinen Eltern, geschweige von seinen Großeltern. Allerdings … es gab Anrufe aus Deutschland. So redet man nur mit einer Mutter. Und eines Tages gestand er ihr,

dass seine Mutter eine lebenslängliche Strafe abbüßt, sie aber aus dem Gefängnis ihn regelmäßig anrufen darf. Einen Vater gibt es nicht.

Für ihn nicht.

Aber Pflegeeltern.

Vorher Heim.

Damit das Schweigen nicht unerträglich wird, gehen sie in den großen Stadtpark in der Nähe.

Wo die Tauben gefüttert werden.

Sie machen Picknick und stecken sich ihre Hörmuscheln hinter die Ohren, um George Gershwin zu hören: Porgy und Bess.

Erst die Decke.

Gott sei Dank regnet es nicht.

Sie können den ganzen Tag draußen bleiben.

Der Rotkäppchen-Korb steht neben ihnen.

Nicht weit von ihnen ist eine weiße Bank unbesetzt. Seit einer Stunde.

Er schlägt vor, sich auf die Bank zu setzen und die Sachen dort zu deponieren.

So sitzen sie schon einige Minuten, ohne ein Wort miteinander gesprochen zu haben.

„Weißt du, Anne, das ist eine lange Geschichte…

meine Mutter hat mir auch nicht den Grund erzählt. Wie sollte sie auch. Sie ist im Gefängnis.Und ich bin im Gefängnis zur Welt gekommen. Bald kommt sie frei…

Vielleicht kommt sie dann nach.

Wenn sie darf. Ich bin in ein Heim gekommen, weil sich niemand gefunden hat, der für mich zuständig war. Der Vater meiner Mutter war ein Flüchtling, als die Welt noch geteilt war in Gut und Böse. In Ost und West. Er meinte im Westen sei alles besser. Vielleicht war es wirklich die Freiheit, die er suchte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Stacheldraht oder Minen sein Leben auf Dauer begrenzen. Er konnte es nicht ausprobieren wie es in der Freiheit ist, wo da die Grenzen liegen. Die wirklich eigenen.

Die Gott setzt. Oder seine Veranlagungen. Freiheit ist für meine Begriffe immer eine Begegnung mit Gott. Doch, da steckt schon ein wenig Transzendenz in diesem Verlangen.

Frei zu sein.

Aber es war ein tödliches für ihn geworden,

wie für viele. Er hat sich nicht fügen wollen.

Und er war auch rücksichtslos gegenüber seiner Frau und seinen Kindern. Seine Tochter musste es nun ausbaden.“

Pause

„Wie rücksichtslos sind die Heiligen, wenn sie ihre Kinder im Stich lassen und ihre Pilgerschaft antreten.“

Lange Pause.

Tauben fliegen im Park

„Das ist kein DDR-Problem, das gehört zu uns. Immer.“

Der Abendwind kam auf

in der großen Stadt New York.

Die Sonne ging nicht unter.

Sie sahen sie nicht.

„Also sie haben ihn geschleift, als corpus delicti …und sicher auch irgendwo verbrannt und zu Asche werden lassen…

Er war ein Republikflüchtiger. Eine Schande für die ganze Familie…“

Hier brach der Erzähler ab und wollte die Sachen zusammenpacken. Er begleitete Anne nach Hause in Richtung Wohnung im soundsovielten Stock eines Hochhauses der so und so vielten Straße in New York in Amerika.

„Willst Du noch einmal in Dein Büro?“

Er blieb stehen.

„Nein, aber so lange die Geschichte nicht zu Ende erzählt ist, geh ich in mein Haus, dass mir zur Verfügung gestellt wurde als Bediensteter eines Geheimdienstes der Vereinigten Staaten von Amerika.“

Anne wurde weiß und grau im Gesicht und begann zu schreien und zu weinen.

Die Leute drehten sich um.

Oliver Thielemann wendete sich ab und wollte gehen.

Sie klammerte sich an ihn.

Die Nacht brach herein.

3

Zu Hause

Zu Hause in Europa in den Gefängnissen taten die

Beamten ihren Dienst und schlossen die Türen auf

und zu. Heute morgen in Deutschland sollte eine Frau Erna Thielemann entlassen werden, nachdem sie eine so genannte lebenslange Haft absolviert hatte in einem zivilen Gefängnis. Ohne anschließende Sicherheitsverwahrung.

Frau Thielemann war vor Jahren geständig und hat zugegeben, ihren Bruder angestachelt zu haben ein Fahrzeug von der Fahrbahn abzudrängen und den Tod dreier Menschen dabei in Kauf genommen zu haben. Nein – ihn damit bewusst herbeigeführt hat.

Weiter: Sie hat eine intime Beziehung zu einem Mann hergestellt, um ihn dann in einem passenden Augenblick während eines gemeinsamen Waldspazierganges so an eine Klippe heranzuführen, dass ein Stoß genügt hat…

Ein Kind aus dieser Beziehung, ihr Sohn, lebt jetzt in Amerika. Sie schreibt ihm regelmäßig Briefe. Oder ruft an, bzw. : Wird angerufen.

Jetzt freut sie sich, dass ihre Strafzeit zu Ende ist und sie das Frauengefängnis verlassen kann.

Sie hatte sich gestellt, weil sie die Jagd auf sie nicht mehr riskieren wollte, Ermittlungen behördlicherseits wegen ihrer Straftaten war die eine Sache, die andere, sie war nicht sicher, inwieweit alte Seilschaften weiter in den deutschen Wäldern ihr Unwesen trieben und sie aufs Korn nahmen.

„JETZT IST SIE DRAN!“

Es hatte sich herumgesprochen in den einschlägigen Kreisen.

„Wir halten zusammen.“

„Wenn uns jemand antastet.“

„Sie ist eine Mörderin“

So schallte es durch den deutschen Wald.

Den Grenzwald.

Obwohl alle Minen längst beseitigt waren.

„Das tut man nicht.“

Biblisch, sagen wir.

Verworfen.

Dunkel.

Abgründig.

Was sonst.

Es gab sie noch, die alten Seilschaften.

Sie funktionierten noch.

Sie waren nötig zum Schutz der alten Truppe.

Zum Schutz der alten Schwüre.

Auf Verrat stand immer noch die Todesstrafe und nicht nur „lebenslänglich“ mit anschließender Sicherheitsverwahrung bei Gefahr des Rückfalls.

Oder keiner.

Was musste sie sich auch an einem harmlosen Waldbesitzer vergreifen, die alten Geschichten aufwärmen, die niemanden mehr interessieren.

Der Klassenkampf geht weiter.

Im Untergrund.

Menschen werden entsorgt.

Keiner weiß, wo sie abgeblieben sind.

Unaufgeklärte Fälle für die deutsche Justiz.

Nein, da war ein ordentliches Gericht die einzige Möglichkeit um dem Fememord zu entgehen.

Allerdings – hoffentlich haben sich keine Wachleute auf Grund ihrer soliden Ausbildung eingeschlichen in den Apparat und schließen am Morgen und am Abend die Türen auf und zu in deutschen Gefängnissen in Deutschland West und Ost.

Gott sei es gedankt: es war nicht so.

Jedenfalls nicht in der Geschichte, die wir beauftragt sind hier zu erzählen.

Nicht an diesem Ort in Thüringen.

Sie sind ja auch meistens in den Westen gegangen, die grauen Mäuse.

Graue Mäuse.

Erna konnte ihre sieben Sachen packen.

Sie kam in den Keller, wo ihre Habseligkeiten aufbewahrt wurden und von zwei Wächterinnen, die fein säuberlich die Dinge auf die Bank gelegt hatten, übergeben wurden mit Unterschrift des Empfanges.

Erna nickte.

Ihr Koffer war auch noch greifbar.

Dann wurde sie hinaus begleitet.

Bis an das Sicherheitstor.

Dann Freiheit.

Niemand, der sie abholte.

Doch, dort winkte jemand aus dem Auto.

Wie in unzähligen Filmen.

Sie ging über die Straße.

Sie sollte angeworben werden.

Man steckte ihr Geld zu.

„Wissen Sie, wir haben Ihren Lebensweg verfolgt und schon den Ihrer Eltern, auch den Ihrer Großeltern und natürlich wissen wir Bescheid, dass es Ihrem Sohn gut geht und sein Vater in der Hölle schmort. Ha, ha, ha, ha.“

Der Engländer mit seinem englischen Humor lachte sehr ausgiebig, zu ausgiebig über eine Familientragödie, die nicht die seine war.

Der Fahrer griente ebenfalls. Das konnte Erna sehen im Rückspiegel von der hinteren Sitzbank aus, neben dem englischen Spion.

„Was wollen Sie von mir?“ fragte sie schließlich nach längerem Schweigen, die lebenslängliche Insassin des Frauengefängnisses.

„Wir wollen erst einmal gar nichts“ , sagte der Unbekannte mit Mantel und Hut neben ihr.

Nach einer Biege im Thüringer Wald:

„Aber wir haben Mitleid.“

„Warum, Sie wissen, ich bin eine Mörderin.“

„Sie sind ein Opfer des geistigen Terrors in der DDR und waren bis heute in einem bundes-deutschen Gefängnis – und wie viele laufen herum, die Blut an ihren Händen haben, sie aber so fein gewaschen haben, dass sie nun blütenweiß sind.“ Darauf weiß Erna nichts zu erwidern.

Nächtelang hat sie sich diese Fragen gestellt und musste im Gerichtsaal bedauern, zur Selbstjustiz gegriffen zu haben, in der Hoffnung, die Strafe zu mildern.

Wie viel hätte der Vater ihres Kindes und Liebhaber ihrer Mutter bekommen,

wenn sie und ihr Bruder ihn angezeigt hätten in der neugewonnenen Freiheit?

Nacht, Laub raschelt, Schritte. Ein anderer schießt: auf Grund des Grenzbefehls.

Ihr Vater stürzt, weil er sich verlassen hat auf die Aussage seines Freundes, des Offiziers an diesem Abend.

Was willst du da beweisen. Du weißt es nur.

Ein dunkles Geheimnis. Hat es ihnen ihre Mutter doch weiter gegeben. Sie war dabei, als die beiden Freunde diese Nacht skizzierten mit dem erfolgreichen Grenzübertritt, damit endlich „zusammenwächst, was zusammen gehört“ –

ihre Liebe. Ihre Liebe zu dem Mann an der Grenze, der darauf achtet, dass die Grenzen nicht verwischt werden.

Sie mochte beide. Wie das so ist. Dann hat sie Erich geheiratet und nicht Waldemar, den Soldaten und Offizier, sondern den Maurerpolier, der es bis zum Fachschulabschluss brachte. Aber sie waren immer zusammen.Und eines Tages, als die Liebe angeblich erkaltet war und die Gewohnheiten über Hand nahmen, sprang der Funke, von dem jeder weiß, dass er immer da ist, wenn du ihn nicht schützt und in Grenzen hältst. Sie, Eva aus Hinterdermbach hatte einen Geliebten, der schon immer ein Freund war ihres Mannes und auch ihrer. Und er, der unverheiratet geblieben war, Waldemar Fischer, hatte endlich seine Jugendliebe wieder. Der andere ausgeschaltet durch das mörderische System zwischen den Welten.

Tod.

Getragen auf der Weltbühne in sein Dorf.

Asche zu Asche, Erde zu Erde, Staub zu Staub.

Der granitene Block kündet von Erich Thielemann geb. 1944 und gestorben 1988.

Das war eine Gnade, dass der Republikflüchtige in seinem Heimatdorf zu Grabe getragen werden konnte, weil die STASI – Leute sich unter die Trauergemeinde mischten.

Das war die Bedingung der Gnade.

Der Pfarrer weiß das.

Er ist lange genug in dem Grenzdorf mit besonderen Auflagen und Belobigungen seitens seiner Amtskirche.

Denn die Grenze hatte es in sich.

Nicht nur, dass sie vermint war zuletzt und man schon mindestens einen Grenzoffizier kennen musste, um durch ein raffiniert ausgeklügeltes Zeitfenster bei Nacht steigen zu können in die andere verbotene Welt.

Hoffentlich sind die Diener Gottes sauber und verraten nicht, was sie wissen. Brechen das Beichtgeheimnis nicht, für das sie sterben müssten, wenn du es streng auslegst. Dem Priester ist das früher – auch jetzt noch – so auferlegt. Das ist das Kreuz Christi.

Auf einmal.

Mitten im Leben, zweitausend Jahre nach GOLGATHA.

Das Geheimnis lebt.

Das Geheimnis Gottes und des Menschen und seiner Liebe, seines Verrates, seines Todes.

Nein, es durfte kein Besuch empfangen werden im Grenzgebiet – so einfach. Dafür gab es Genehmigungen – oder eben keine.

Die Kreisstadt war außerhalb der Grenzzone

und bot sich als Treffpunkt an, wenn weder die Besucher noch der zu Besuchende oder die zu Besuchenden clean waren in den Augen der Regierenden. Pfarrer sind angewiesen auf Besuche und Konsultationen, auf Geschwister in der familia Dei oder ganz einfach auf alle natürlichen Verwandten und Freunde – gerade in der Einsamkeit einer Grenznähe, die tödlich ist, wenn du sie nicht einhältst – die Regeln

im Kalten Krieg. Gerade hier muss Wärme entwickelt werden, sonst erfrierst du wie am Kältepol in der RUS.

Es gab Dauergenehmigungen für alle Familien, die hier wohnten. Das stimmt. Ein bestimmter begrenzter Personenkreis war zulässig.

Hermetisch abgeriegelt.

Wie war das damals, als aufsässige Bauern umgesiedelt wurden, ihre Äcker als Grenzland beschlagnahmt wurden. Bei Nacht und Nebel weggebracht wurden auf Lastwagen in ’s Innere des Landes.

Gut, es war nicht so schlimm, wie der andere terminus technicus: ABHOLEN.

Wohin abgeholt? In den Zeiten Walter Ulbrichts und Josef W. STALINS.

Vielleicht hat Ulbricht ja sogar noch Schlimmeres verhütet mit seiner Gruppe, die damals in Schönefeld gelandet ist, um die DDR aus der Taufe zu heben.

„Sie haben den und den abgeholt“, wurde gezischelt am Morgen beim Milchmann.

Er kam nicht wieder.

4

Der Erzähler

„Als er mich holte,“ habe ich gelesen als Titel eines Buches, in dem eine indische Christin beschreibt, wie sie Christin geworden ist.

Wer hat hier wen geholt.

Ja, ja, es ging um die Weltrevolution und die Zukunft der Welt, als die Kolonnen zu den Weltfestspielen fuhren in BLAU.

Berlin Berlin.

Sei Berlin.

Schon immer.

RUSSLAND

Zur gleichen Zeit in der Ukraine, als es unruhig wurde in den Städten und Dörfern der Republik, die sich die Deutsche Demokratische nannte, sich die letzten aufmachten, um in den Westen zu fliehen, wo es gar nicht mehr nötig war, wenn sie die Handlinien der Zeit hätten lesen können wie die Wahrsagerin in Rumänien oder in einem Westberliner Club eine Edel-Sinti mit unglaublichem Schmuck und Gepränge,

Samt und Seide und einer dröhnenden Stimme, die die Männer um Einsturz brachte.

Ob es Edelmänner gewesen sind, wage ich zu bezweifeln.

Zur gleichen Zeit also in der siegreichen Sowjetunion mit den Riesenstatuen am Dnjepr wie an der Wolga etwas weiter östlich. Als mir ein Atomwissenschaftler folgenden Witz erzählte.

Da seid ihr gespannt, wa?

Ich auch. Immer wieder. Ihr mit eurem Putin und euren eingeübten Phobien, die ihr nicht wißt, was vorher gewesen war. Und wie es gewesen war.

Die ihr vergessen habt, dass sie den Revolver gezogen haben wie im Wilden Westen.

Am runden Tisch des Zentralkommitees im Kreml, falls jemand erledigt werden musste ohne viel Aufhebens.

„Es muss sein, Brüderchen“.

„Es muss“.

Als der Wodka noch floss und die Zahnputzbecher knapp wurden in den Geschäften für den alltäglichen Bedarf, weil sie neuerdings zu oft nach dem Getränk an die bröckelnden Wände geschmissen wurden in der überschäumenden Siegerfreude der Weltrevolution.

Das soll sich geändert haben.

Beria.

Stalin.

Chruschtschow.

Das Volk wusste, dass alles gut wird.

Und gut gemacht wird: Letzten Endes.

Blindes Vertrauen.

1989 im August.

Gorbatschow.

In der DDR Friedhofsruhe.

In den Schaufenstern der Sowjetunion

ISWESTIJA und PRAWDA.

GLASNOST und PERESTROIKA.

Was sagt Ilja – immer noch.

Glaubt er nicht?:

„Weißt du mein Lieber, was ist Fortschritt?

Sie sind gekommen, haben geklingelt.

Wir haben die Tür aufgemacht.

Sie sind in die Wohnung gekommen und haben uns erschossen.

Aber wir sind wieder auferstanden, wenn auch meine Kinder geweint haben und erst die Frau.

Also sind sie wiedergekommen nach der allgemeinen Verbesserung der Lage.Und haben geklingelt, denn wie gesagt, es gab uns ja noch immer.Wir machen die Tür auf. Diesmal meine Frau, unsere Tochter ist in die hinterste Ecke der Küche geflohen und fing an schrecklich zu schreien. Es hat niemanden gestört.

„Wo ist Ihr Mann?“

„Im Keller!“

„Oh, das ist gut! Da gehen wir hinunter.“

„Nein, bleiben Sie! – holt nur die Kohlen, sonst erfrieren wir ja in diesem Winter.“

„Nun, wir warten, wir sind ja keine Unmenschen.“

Ich brauche nicht weiter zu erzählen. Die Herren nehmen Platz und warten.

Ich komme, der wieder auferstandene Ilja.

Sie erheben sich. Nehmen mich bei den Armen und führen mich die Treppe hinunter. Die Türen werden leicht geöffnet. Es wird <<<<<<<<<<<<<´rein geballert.

Schnell gehen sie wieder zu.

Jetzt sind wir bei den Kohlen.

Fünf Treppen tief.

Es knallt. Sie haben mich diesmal im Keller erschossen. Ein Fortschritt gegenüber früher.

Ihr kennt die dritte Stufe der Verbesserung?

Sie klingeln wieder und bitten mich mitzukommen.

Sie warten.

Wir gehen in den Keller des KGB und dort werde ich erschossen.

Das ist die Verbesserung.“

Ha,ha, ha.

Ungarn

Zur gleichen Zeit, nur ein bisschen früher, als in Ungarn der Gulaschkommunismus herrschte und wir uns wunderten über die Schwierigkeiten dieser Sprache, gab es unglaublich erfolgreiche Spaziergänge mit einem ehemaligen Türken-missionar, der seine Studien in Deutschland getrieben hatte und uns seinen Garten zur Verfügung stellte, damit wir unser Fünf-Mann-Zelt nahe Budapest und Donau aufstellen konnten, um Westen zu spielen. Immer mal Gefängnis und mit echten Kommunisten im Loch. Das sind schon Abenteuer.

Von den kanibalischen Vergnügungen der zu Missionierenden in grauer Vorzeit ganz zu schweigen.

Ferenc hatte etwas zu erzählen und die Gänge wurden immer länger und der Schlaf im Garten immer aufgeräumter, weil es hier ein Weltbild gab, eine Nation, ja auch eine Zeitgrenze auf deren einer Seite zum Nationalfeiertag Flöte gespielt wurde, wie ein Volkslied. Ich habe das nie vergessen bei den ganzen Anfeindungen,

die aufgesagt werden wie ein Gedicht von Feinden.

Heute.

Jetzt.

Gerade eben wieder.

Sie haben keine Ahnung, sage ich mir, wissen sie nicht, was der Ungarnaufstand bedeutet hat für niedergehaltene Völker, um es in der Sprache der Evangelien zu sagen.

Wissen sie nicht, wie es zu dem Hass kam.

Zum Aufstand?

Kennen sie Europa so wenig?

Also da wird der Pfaffe nach oben geholt zur Vernehmung. Immer die gleichen Fragen.

Es ist wie das Lernen beim Katechismus. Wiederholung ist alles.

Aber es wird nicht besser dadurch.

„Bitte bring mir unbedingt Zigarettenstummel mit, ich verdurste,“ sagt der Altkommunist in der Zelle zum reformierten Pastor, dem ehemaligen Türkenmissionar.

Der tut es.

Der Dank?

„Weißt du, Diktatur ist wie Faust. Immer Faust, immer Faust. Aber Du bekommst Krampf in die Faust. Du musst sie öffnen. Das ist Diktatur.“

Ferenc hat mir den Witz weiter erzählt, den er aus dem Gefängnis mitgebracht hat.

Es ist kein Witz. Es ist die wahre Geschichte von der Weltrevolution. Die Faust öffnet sich.

Sie musste sich öffnen. Ich habe das nie vergessen, 89 auf der Straße nicht, nirgendwo.

So haben wir allmählich gelernt, keine Angst mehr zu haben. Wir waren eine Schicksals-gemeinschaft und sind es. Wir wissen, dass die Sonne im Osten aufgeht und nicht im Westen. Dort geht sie unter. Auch schön.

„Oh, wie wohl ist mir am Abend.“

Der Weltabend?

Gibt es ihn.

Oder zieht sich das ewig so hin.

Zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig?

Die Teilung Europas wird nicht überwunden durch Geldzahlungen, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. „Sondern von einem jeglichen Wort Gottes, das aus seinem Munde geht.“

Davon leben wir auch.

Nicht nur die Osttypen, sondern auch wir, ich, der sogenannte westliche Mensch.

Der es vielleicht nur nicht sagt, weil er nie gelitten hat. Nicht so. Oder andere hat leiden lassen.

Ja ja, wir Abendländler.

In Trachten und mit hoch erhobenen Weingläsern auf primitiven Wahlplakaten der AfD.

Oder weil er zu stolz ist, unbändig stolz.

5

Tief im deutschen Sozialismus

Lenin oder Urlaub.

Im Sozialismus waren wir froh, daß die Kinder solch lange Sommerferien hatten, in denen sie ausgebildet wurden zu wahrhaften und später beziehungsweise immerzu wehrhaften preußischen kleinen Soldaten und Soldatinnen mit rotem oder blauem Halstuch.

Dadurch hatten die Eltern Zeit, sich zu erholen.

Wovon?

Von ihren Kindern?

Von den Schulaufgaben ihrer Kinder?

Die Kinder, die nicht mit in die Lager fuhren, fuhren mit ihren Eltern in den ideologiefreien Urlaub von der Schule, vom real existierenden Sozialismus, vielleicht, um vom „wirklichen“ Sozialismus zu träumen?

Dann waren da aber die Scheinwerfer nachts über der See, die Truppenübungsplätze.

Die langen Ferien bedeuteten Stillstand –

wie im Auge des Orkans vielleicht.

Die „andere DDR“ verschnaufte an den FKK-Stränden und regenerierte sich – auch die Ferien nutzend. Die Kibbuzim-Ferien…

Das sind Verhaltensweisen des Hinauszögerns, des Bummelns, des Nach-Vorschrift-Arbeitens, des heimlichen Streiks, die sich da herausgebildet haben. Ferien und Urlaub als ideologiefreier Raum. Natürlich: als Zeitnische.

Allerdings – 89 wurde sie ein Timetunnel, diese Zeitnische für die Generation, die 1994 um die

50 war. Die damals noch Jüngsten von den Alten.

Die sich auf Günter Grass berufen haben und andere, die noch nicht wussten, daß er auch nur ein Mensch war, ein junger Mensch, nur er hätte es besser laut gesagt und nicht so getan, als wäre er unfehlbar, der SPD-Mann und Nobelpreisträger.

Sie schlüpften durch den Tunnel in Botschaften, durch Zäune und Drähte, so massenhaft, daß es keine Einzelfälle mehr waren und Karl-Eduard von Schnitzler Lügen gestraft wurde, weil auch er nicht mitbekommen hat, dass eine neue Generation herangewachsen war, unter der Hand der Partei sogar.

Nicht Ländergrenzen wurden überwunden, sondern Zeitgrenzen deutlich.

Zivilisationsgrenzen, Kulturgrenzen wurden empfunden mit Aussprüchen wie: „Wenn du zurückkommst, darfst du nicht mehr riechen, fühlen, sehen, hören.“

Die Willkür wurde nicht mehr gelten gelassen…

Der Glaube an den Kommunismus als Idee war bei den Machtträgern zur reinen Ideologie verkommen, mittels derer man andere diszipliniert.Vielleicht war genau das das Böse, gegen das im biblischen Sinne Widerstand nötig wurde und weswegen sich von Haus aus Konservative – nicht Aufsässige – den Bürgerbewegungen anschlossen. Gerade auch katholische Christen z.B. im Demokratischen Aufbruch. Oder in der Aktion Katholische Christen. Ja, weswegen in dunklen Stunden Ronald Reagen Recht gegeben wurde mit seinem „Reich des Bösen“ und der These vom Totrüsten der Sowjets..

Ja, Intellektuelle lügen auch. Übrigens auch in der Hitlerzeit. Gerade da.

Reagen vor dem Brandenburger Tor.

Die Bildzeitung lässt sich auch von Oberlehrern

in der ZEIT nicht davon abbringen, die Tage der Mauer zu zählen.

Es war letztendlich ein konservativer Widerstand, um mit Karl Marx zu sprechen – eine konservative Revolution – wie in den damaligen Ausgaben der WELTBÜHNE betont wurde, die den Ausschlag gegeben hätte.

Das lähmende Entsetzen bei der deutschen Sozialdemokratie angesichts des Zusammenbruchs aller bisherigen Weltkonstellationen im Ost-West-Konflikt spricht Bände. Auch Äußerungen von führenden Gewerkschaftern, die jetzt entschuldigend ihre Mitglieder anmahnen, nicht alle wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Irritationen auf die Wiedervereinigung zu schieben. Es stimme ja nicht (im Gleichklang mit dem Kanzler Kohl).

Es wäre auch ohne die Wiedervereinigung so gekommen.

Das macht mich fassungslos, heute noch, wenn ich das nach Jahrzehnten lese. Und viele meiner Landsleute haben das auch so empfunden.

Und wenn die Wiedervereinigung ursächlich daran Mitschuld getragen hätte? Was dann?

Dann hätte man wohl empfehlen wollen, darauf zu verzichten? Dem Zynismus sind weiß Gott keine Grenzen gesetzt.

Der Patriotismus (s.auch Grass in ambivalenter Weise) ist den Rechtsradikalen überlassen worden. Von Anfang an.

Den jugendlichen Rechtsradikalen.

Den so Genannten. Im Osten wie im Westen.

Der Verlogenheit sind keine Grenzen gesetzt.

Der Sinnlosigkeit auch nicht.

Da gedeihen Extreme.

Ob nun Lenin in Finnland Kohlrüben essend oder in Polen Patiencen legend mit seiner Schwiegermutter, Frau und Kind – unser Urlaub war eine Auswanderung von Anfang an.

Zuletzt vor 1989 Ungarn, wo wir WESTEN spielen durften. Ein wenig, wie wir heute wissen.

So weit der Erzähler.

6

Amerika ist ein Traum.

Onkel Toms Hütte.

Die Sklavenbefreiung.

Die Gospels.

Die Predigten in Musik.

George Gershwin, Hemingway.

Aber der große Hemingway konnte sie nicht begleiten.

Er war in seiner Jagdleidenschaft verunglückt.

Keiner weiß Genaues.

Warum die Kugel sich gelöst hat.

Manche wissen es.

Es war ein Unfall und er war im Schwarzwald.

Oft.

Habe ich zufällig gehört, als Männer zusammenstanden vor dem Lessinghaus

in Berlin Mitte Nikolaiviertel, gegenüber der Nikolaikirche. Ein Topos der Erinnerung an die Opfer.

Welcher Opfer?

Ich habe gelesen, dass die Jüdische Gemeinde sich dagegen verwahrt, dass es einen Gedenktag gibt an die Opfer der totalitären Regime im

letzten Jahrhundert. Ich habe auch Solschenizyn gelesen in Bezug auf die Oktoberrevolution und die Roten Garden. Und von dem AfD-Mann in Fulda, der sich mehrmals entschuldigt hat, missverständlich geredet zu haben von Tätern und Opfern, als er noch in der Christlich Demokratischen Union war.

Havel, Landsbergis und Gauck haben es erfolgreich eingebracht, dass es einen Gedenktag im September zu geben habe an diese Opfer in Europa. Es ist in der Europäischen Union beschlossen worden. Und die Jüdische

Gemeinde hat dagegen protestiert.

Warum. Mir haben vor allen Dingen die Juden in Deutschland geglaubt, wenn es um die Repressalien ging, die der totale Staat Deutsche Demokratische Republik auf mich ausgeübt hat. Vor allen Dingen eine Jüdin, die nach Hause gekommen nach dem Zusammenbruch des Hitlerreiches, einen Offizier anstellte in ihrem Gemüseladen mit der Bemerkung, es müsse nun wirklich Schluss sein. Sie hatte ihr Kind versteckt bei freundlichen Nachbarn in der Kleinstadt. Niemand hat gefragt. Wo kein Kläger ist, ist kein Richter. Immerhin ging es um Lebensmittelkarten.

Und in der Schlange vor dem Ofen, nackt, redete sie zu ihrer Schicksalsgenossin:

Ha, die Krätze hatte ich noch nicht, –

auf altenburgisch – thüringisch.

Das hörte der Wachhabende:

Du bist wohl aus Altenburg, der Skatstadt? – Ja!

Geh nach rechts einen Schritt weiter in die Schlange, die zum Steinbruch führt. Dort bekommst du etwas zum Anziehen und das Werkzeug. So ist sie gerettet gewesen und nicht verbrannt in dem Ofen. Nicht vergiftet unter der Dusche mit Gas. Vorher.

Hamas. Hamas. Juden in‘ s Gas. Rufen sie jetzt wieder auf den Straßen Berlins. Und eigentlich geht keiner hin und verhindert das.

Wo leben wir.

Sie war in der SED.

Ihr Sohn nach der Wende SPD-Bürgermeister in einer Stadt an der Ostsee. Viel zu früh gestorben.

Das Kind, das die unpolitischen Nachbarn versteckten.

Nacht. Träume. Die Nummer auf ihrem Arm.

Sie nehmen mir mein Kind weg.

Gott habe sie selig.

Gott sei es gedankt, ich durfte mit ihr reden.

Gnade.

„Es ist das Gleiche – wie damals.“

Wie damals? Hat sie gesagt.

Andere auch.

Die müssen es wissen.

Nicht das Geschrei der Zeitungen.

Das war tief in der Provinz.

Wo es kein Multikulti gibt, aber Agitatoren 1989/90, die nicht die Kirchen aufsuchten, sondern frech die Pfarrhäuser.

Sie wussten, dass ihnen da aufgemacht wurde, wenn die Klingel schrillte.

Sie haben den Leuten erzählt, wie man es macht.

Auch Bildchen waren dabei.Von rechts und links.

Von der Vielfalt, von den sexuellen Neigungen.

Sie nannten es Orientierungen. Inzwischen weiß ich, dass auch die Odenwaldschule vorkam:

„Mit Tricks können wir vieles durchsetzen.

Wir warten einfach bis die falschen Leute gegangen sind. Dann der Antrag„Angenommen.“

Alle denken, alles ist gut. Die, die geblieben sind.

Die meinen, das ist wohl jetzt modern.

Wie war das damals tief in der Provinz, wo Homosexuelle und Christen als Minderheiten angesehen wurden in der Deutschen Demokratischen Republik, wenn man die Kinder und Jugendlichen danach gefragt hat.

Und mit ihnen ins Gespräch kommt.

Wie eine geschickte Lehrerin.

Es stimmt sogar für eine Mehrheitsgesellschaft mit 99% igen Wahlergebnissen.

7

Aus diesen Verhältnissen ist unser Held geflohen mit Hilfe seines Freundes, des Offiziers der Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik.

Er wollte ein besseres Leben.

Freiheit?

Er kannte das West – Fernsehen.

Die Reklame.

Die Süßigkeit des Lebens wollte er schmecken. Das Verwöhnaroma probieren.

Der Offizier?

Der Freund?

Die Mutter konnte nicht mehr schweigen ihren Kindern gegenüber, als sie von dem Unfall erfuhr im Schwarzwald. Und dass sie ihn bewusst verursacht haben, um den Mörder ihres Vaters zu strafen. In Selbstjustiz, weil niemand der Justiz mehr etwas zutraut, was die Vergangenheit angeht in Deutschland-Ost. Von West sollen andere reden. Aber vielleicht gibt es da ja auch Überschneidungen.Sie hat es gewusst, warum die Flucht nicht gelungen ist.

Und es jagten ihre Kinder den vermeintlichen Täter in jener Vollmondnacht, der seinen Dienst versah. Sein Vorgesetzter neben ihm, der so tat, als geschehe nichts.

Dem Sohn wurde es unheimlich: Eine tote Frau, ein einfacher Soldat, der seine Frau verloren hat.

Ein kleines Mädchen, das seine Mutter an einem Abend verliert am Rand einer nicht sonderlich befahrenen Straße in der Bundesrepublik Deutschland.

Er bedankte sich bei seiner Mutter für die Wahrheit, für die ganze Wahrheit und zog in die Welt. Bis jetzt wissen wir immer noch nicht wohin.Wir wissen ja noch nicht einmal, wo er eigentlich herkam. Plötzlich war er wieder im Dorf.

Eigentlich wissen wir gar nichts.

Und sind doch nicht gar aus.

Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?

Wer sind wir.

Wo liegen unsere Grenzen.

Haben wir sie längst überschritten und wissen nicht, wo und wann.

Oder liegen die Minen noch verstreut.

Aber du wirst geführt, wie auf einem Pfad durch den Sumpf.

Wer führt uns.

Die Tochter hat nicht locker gelassen.

Sie schreibt die Judithgeschichte neu und findet den Freund und Geliebten von damals.

Sie freundet sich an.

Das ist eine böse Geschichte.

8

Wer war der Grenzoffizier?

Jemand aus dem Dorf?

Nein, ein einfacher Soldat aus Berlin, der nicht die Mauer in seiner Heimatstadt Berlin bewachen sollte. Um Loyalitätskonflikten aus dem Weg zu gehen.

Es könnte ja sein, dass er die Schusswaffe zu gebrauchen hätte, es aber nicht tut, weil er fürchtet, jemandem tödlich nahe zu sein, der ihm nah ist, verwandt, Freund, Freundin. Wer weiß das in einer ehemaligen ganzen Stadt, jetzt aber geteilt durch einen so genannten Eisernen Vorhang.

Berliner an die Front. Aber nicht in ihrer Stadt. Sondern möglichst weit weg in dem kleinen Reststaat des Kommunismus in dem ehemaligen Großdeutschen Reich, in Jammer und Elend zugrunde gegangen. Gegenüber der neue große Feind, der deutsche Imperialismus, die BRD.

Weit weg bedeutet Thüringen.

Grenzdorf.

Tanzen.

Soldaten.

Einheimische.

Ein Mädchen.

Es könnte fast ein Polenmärchen werden, wenn es nicht so schlimm zu Ende gegangen wäre.

Zwei Freunde, ein Mädchen. Sie entscheidet sich.

Für den Ansässigen.

Doch.

Aber sie bleiben alle drei: „DREI FREUNDE“. Bis – wir haben es schon erwähnt.

Viel zu oft.

Der Funke.

ISKRA.

Die Kinder sind noch klein.

So klein auch wieder nicht.

Sie werden einander erkennen,

später, wenn der Vorhang aufgezogen wird.

Und aus zwei Geschichten

eine Geschichte werden muss.

Sie, die Tochter, die ihren Vater rächen will, findet ihn – endlich. Sie erkennt ihn.

Er erst einmal nicht. Bis man es ihm sagt.

Er steht sowieso auf Kriegsfuß

mit alten Erinnerungen.

Sie sind feindlich – jetzt. Früher war das anders.

Ist das die Schuld?

Man kann nicht alles auf den Staat schieben.

Aber sie erkennt ihn. Sofort.

An seinem Gang, seiner Rede. Seinem Lachen.

Sie hat ihn ja auch gesucht, nachdem sie und ihr Bruder wussten, der Grenzer war es nicht.

Er hat nur geschossen.

Er musste schießen.

Aber wer hat ihn in die Falle gelockt.

Wissentlich in Kauf genommen, dass es eine Todesfalle war.Einer ihrer Nächsten neben den Eltern, Großeltern und Verwandten rings in den Dörfern.

9

Sie war ein Dorfkind.

In der Natur groß geworden. Eigentlich hatte sie vor, ihn als toten Mann zurück zu lassen nach dem Liebesakt.

Er war hungrig nach Liebe. Wie ein Wolf.

Sie ließ sich nehmen. Aber dann versagte ihr Arm und sie ging. Wortlos. Aus dem Zimmer in der Gastwirtschaft, in der sie sich eingemietet hatte als Aushilfskraft, für ein paar Wochen.

Ein paar Mal setzte sie sich zu ihm, wenn er in die Wirtschaft kam. Und sie unterhielten sich, als ob nichts zu sagen wäre.

Aber es war etwas zu sagen. Inzwischen.

Sie hatte ihm schon mitgeteilt, wer sie war.

Und dass sie gute alte Bekannte seien von früher.

Er erinnerte sich.Und das war gefährlich. Für sie.

Denn sie entzog sich ihm.

„Weiß sie mehr?“

„Ahnt sie alles?“

Fragte er sich jetzt häufiger.

Die sozialistischen Mechanismen funktionierten nicht mehr so recht, wenn er sich zurechtlegen wollte, wie recht er doch gehandelt habe mit solch einem Strolch so umzugehen: Land verlassen. Land verraten. Aufhängen. Jawohl.

Da war das noch eine Gnade. Auf Kosten des Staates studieren. Dann labil in den Westen gehen. Alles auf Kosten anderer.

Die Rechtfertigung versagte.

Der Überbau fehlt. Sagt er.

Er fragte die alten Genossen und Genossinnen nicht, was er tun sollte. Zu heikel.Wenn sie sich trafen insgeheim, wie die alten Nazis in den Grenzdörfern. Wo sie sich sicher fühlten.

Das sind Privatgeschichten vermengt mit dem Grenzregime. Damit muss er schon allein fertig werden.

Zu einem Priester könnte er gehen.

Wir wissen nicht, ob seine Familie aus dem Osten nach Berlin gekommen, schon vor dem Krieg, ihm da eine Hilfe gewesen ist.

Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er sich vielleicht auf den Weg gemacht.

Er musste mit jemandem sprechen.

Wollte das die Tochter seiner großen Liebe von Anfang an in dem Walddorf. Wollte sie ihn quälen, dass er sich jetzt so quälen muss.

Sicher.

Es ist eine Judithgeschichte. Sie hat eine Mission.

Ob das Gerechtigkeit ist, was sie antreibt?

Das lassen wir einmal dahin gestellt.

„DIE RACHE IST MEIN!“

Sie hätte zur Polizei gehen können, zur Gauckbehörde. Nein, wirklich strafbar hat sie sich gemacht, indem sie den Tod von drei Menschen billigend in Kauf genommen hat, als sie ihren Bruder anstachelte, das andere Auto von der Straße zu drängen.

Der Klassenkampf endete im Straßengraben, tödlich für die Mutter des kleinen Mädchens.

Fahrerflucht? Ja, mindestens, wenn man

die Hintergründe nicht weiß. Natürlich wollte sie zuerst auch nicht glauben – und ihr Bruder auch nicht – dass ihr Freund die Regie geführt hat in dem finsteren deutschen Märchenwald, der West und Ost vereinigt. Allerdings, den Grenzpolizisten hätte man recherchieren können…

10

Nach der Fahrerflucht sind ihnen Zweifel gekommen und sie haben die Mutter aufgesucht.

Jedenfalls der Sohn, wir haben es gesagt, der genug hatte.

Die Mutter gestand, was sie wusste.

Sie ist heute noch in dem Haus, wo das entscheidende Gespräch stattgefunden hat.

Sie wussten alle drei, dass ihr Freund in der Nacht die Regie führt, wenn e r durchbricht. Die Mondnacht hat alles gesehen, gehört und der Soldat hat den Schießbefehl ausgeführt nach dreimaligem Rufen, wie nachzulesen ist. Und Warnschuss.

Niemand durfte ihn daran hindern.

Es kann immer etwas schief gehen.

Jeder hat sich seine Gedanken dazu gemacht im Dorf, nachdem es ruchbar wurde, wie die beiden zueinander standen – wieder, weiter und immerzu.

Jeder, jede, die lebt.

Dann kam die Wende und die Flucht aller in alle Himmelsrichtungen. Und der Neuanfang, der ein Abgrund war, für viele. Sie hat nicht mehr von ihm gehört. Und die Kinder sind gegangen. Sie pflegt das Grab.

Die Bleibenden haben resigniert. Sie haben ihre Zeichen zurückgesetzt, die Zeichen ihrer Liebe, ihres Glaubens und ihrer Hoffnungen.

„Der Frust war unausbleiblich und unaussprechlich.“

„Nur Stammeln? Nur Gebet?“

„Ja.“

11

Er wusste, dass sie ein Waldläuferin war .

Im Film, nach dem ich hier erzähle, spielt eine große Rolle: ein Doppelschuß. Er fällt – und von einer unbekannten Kugel getroffen eine Waldläuferin.

Eine Verwechslung.

Wie sich herausstellt.

Getroffen werden sollte wirklich eine andere:

eine blonde schöne junge Frau, wie ihrer Mutter aus dem Gesicht geschnitten immer noch im ehemaligen Osten, in Thüringen, einem damaligen Grenzdorf an der Zonengrenze, einer Grenze zwischen den Welten.

Er hatte sich geirrt und seinen Waldpfleger in Verwirrung gestürzt, weil der auch nicht wusste, dass neben seinem Wild, auf dass er im Begriff war anzulegen, noch ein anderer Wilderer am Werk war. Der Besitzer des Waldes auf unerklärliche Weise, der vormalige Grenzoffizier, der um seine neu erfundene Identität bangte, weil eine junge Frau ihm zu nahe gekommen war,

um ihn zu enttarnen.

Jetzt musste erst recht gehandelt werden.

Trotz und wegen der Aufklärungsarbeit der Polizei. Ein klassischer Tatort. Es gab einen Handlungszwang für den Jäger ebenso wie für die Gejagte. Sie spielt ihre Reize aus, als ob nichts gewesen wäre.

Oder hat sie wirklich nicht kombiniert?

In diesem Spiel der Basisinstinkte.

Jedenfalls ein Briefchen in der Othello-Art:

„Bitte komm doch ans Ende des Ortes gegenüber dem windschiefen Fachwerk, zur Gabelung.

Ich freue mich auf den Spaziergang.

Wir müssen reden.“

„Weiß sie nicht, wer geschossen hat?“

Er macht sich auf den Weg. Sie winkt.

Das leerstehende Fachwerkhaus. Die Gabelung. Sie gehen rechts. Das Ende des Weges ist ein Abgrund, felsig. Dort stößt sie ihn hinunter.

Sie stellt sich, wir haben es schon erwähnt.

Sie konnte es nicht mehr aushalten

nach einem Jahr. Das große Halali nach dem Untergang.

Und nun, nach dieser Zeit im Wagen des britischen Geheimdienstes.

Jemand kümmert sich um sie.

12

Wir haben von den Gefängnissen gehört,

in denen

sie saßen; die mutig genug waren, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in Beziehung setzen zu wollen. Die mutig genug waren, Freiheit und Sozialismus als Begriffspaar anzuerkennen.

Die mutig genug waren, gegen Unterdrückung im Namen der Deutschen Demokratischen Republik aufzustehen. Das war lebensgefährlich.

Es existierte die Todesstrafe im sozialistischen Bruderland DDR bis 1988. Erst dann wurde sie ausgesetzt.

Wir wissen, wie unterschiedlich Gefängnisse sein können.Wo viel Federlesens gemacht wird und wo nicht.Wo Folter angewendet wird und wo nicht.

Ja,

wir leben in einer Zivilgesellschaft.

Jetzt.

Allerdings meinen viele, die damals auf die Straße gegangen sind: Für den Westen haben wir nicht gekämpft, sondern gegen die Unfreiheit.

Jetzt sagen sie das auf einmal, seitdem sie endlich merken, dass im Westen auch nicht alles Gold ist was glänzt. Bananenrepublik hat unser Freund aus Südafrika das genannt.

Und er hatte Recht.

Nur eine Tote gab es 1989 auf einem Bahnsteig in Leipzig. Eine alte Frau wurde tot getreten bei dem Ansturm auf einen Waggon, der in Richtung Berlin rollen sollte mit vielen anderen, alle überladen und voll, weil sie alle ihr WESTGELD abholen wollten auf der Straße des 17. Juni im Tiergarten zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor.

Sie rutschte auf einer Bananenschale aus bei dem Gedränge. Sie war zu gierig. Alle waren zu gierig.

Das Wort des Jahrhunderts: GIER.

Freiheit auch. Unser Bundespräsident, der es inzwischen nicht mehr ist, weiß das auch.

Hat er es deutlich genug gesagt?

Ich glaube, ja.

Die es nicht gehört haben, wollten es nicht hören. Aber es stimmt: In seinen diplomatischen Höhenflügen hat er nicht immer die Augen eines Adlers gehabt, der die Maus, die Katz, das Huhn, das Küken, sieht.Weil er keinen Hunger mehr hatte. Er war gesättigt. Das haben ihm Viele übel genommen.

„Man musste schon ganz schön zwischen den Zeilen lesen, um zu bemerken, dass er nicht verbogen ist.“

Das zischelten seine Getreuen.

Mit der Freiheit wird das also so eine Sache bleiben. Und das ist ja auch gut so.

Frau Erna Thielemann weiß von diesen Gedanken nicht allzu viel. Sie war viel zu sehr mitten drin und froh, endlich aus der Strafvollzugsanstalt entlassen worden zu sein. Wie froh sie war, vom englischen Geheimdienst in Empfang genommen zu werden, wird sich noch zeigen.

Beziehungsweise nicht, weil sie sehr schnell übergeben worden ist an den CIA, der sie bis in die USA begleitete und eines Morgens nicht unangemeldet vor der Tür ihres Sohnes stand und klingelte. In der soundsovielten Avenue

im 20. Stock. Dort öffnete nicht ihr Sohn die Tür, sondern ein neuer, aber informierter Mitarbeiter, weil Oliver Thielemann ein typisch amerikanisches Holzhaus auf dem Land bezogen hat im Einverständnis – ja sogar auf Befehl – seines Arbeitgebers.

Es wurden Papiere ausgetauscht und Informationen.

13

Indes, was macht Dostojewski.

Wir haben ihn völlig aus den Augen verloren. Zu Unrecht.

Denn: er hat sich gefangen, ist zurückgekommen nach Deutschland, um hier sein Glück zu machen.

Zuletzt fanden wir ihn in den Alpen. Dort wo die Klänge des Wolfgang Amadeus die Wut vertreiben. Du musst sie nur hören, wie sie herauf wehen aus dem Tal der Salzach.

Sie sind ja überall – die Russen, bauen sich teure Zweitwohnungen am Hang und wollen die große russische Erde, die Allgewaltige hinter sich lassen – für ein Zeit, bis sie es zerreißt und sie nicht anders können als zurück, zurück zu den Ursprüngen, in die Heimat. Als sie ihn schließlich fanden im Heuschober auf der Alm, welch eine Vorstellung, nahm er Reißaus und wollte – immer noch nicht zurück. Vielleicht nie mehr.

Im Gegensatz zu seinen Brüdern und Schwestern, den Kapitalisten aus dem Reich des Wladimir Putin. Nein, er schritt tage – und nächtelang die Schienen entlang. Wich aus, wenn ein Zug sich angekündigt hat. Er legte sein Ohr auf die Schiene, aus Sicherheitsgründen und sprang in die Büsche, wenn der Intercity sich näherte. Es war lebensgefährlich, aber er wollte gehen und nicht wieder unter einem Güterwagen, wie ein Asylsuchender eingeklemmt hoffen und bangen, dass alles seinen sozialistischen Gang geht.

Einmal abgesehen von den verbesserten Vorkehrungen der Behörden an den Länder-grenzen, die es auf einmal wieder gibt.

Jeder Hund jagt ihm einen Schrecken ein. Seit es ihn gibt, den Fjodor Dostojewski. Nord – Süd,

Süd – Nord war sein Thema und sein Problem.

Er sehnte sich auf einmal zurück zu den Studenten und Studentinnen, die ihren bolschewistischen Kaftan in die Ecke schmeißen, wenn sie hören, es gibt noch andere als Karl Marx und Wladimir Iljitsch Lenin.Wenn die Russen ihnen etwas von Gott erzählen möchten. Eigentlich mochte er sie in ihrer Naivität. Aber, das stimmt auch, er hasste ihr Unwissen. Also Berlin, nicht wieder die Büsche und Gartenhäuser auf der ehemaligen Demarkationslinie, nein, das bestimmt nicht.

Vielleicht auf der Straße, im Park.

Im Sommer.

So konnte man untertauchen.

Vorlesungen? Kaum.

Womöglich wird er in ein Kloster gehen.

Jetzt sehen, hören bis zum Ziel.

14

Was ist aus dem Co-Autor geworden,

der das einzig Richtige tat: mit dem Flugzeug

in die Neue Welt und warten, wie sich die Dinge weiter entwickeln?

15

Die Kleingärtner sind längst wieder zurück – diesmal geflogen – und haben Freundschaft geschlossen mit ihren amerikanischen Kollegen.

Fortsetzung folgt...

Müggelheim: Ein faszinierendes Dorf mit Geschichte

„Sie wohnen in Müggelheim?“

„Ja, und zwar dort, wo früher versucht worden ist Wein anzubauen wie in der rheinländischen Pfalz. Dann aber doch besser Kartoffeln wie in Preußen und Amerika und Korn und Weizen.“

Die Pioniere der Siedlung(s. Straßennamen) wurden vom preußischen König angeworben, um den Sandboden, in dem nur Kiefern wuchsen, zu bevölkern. Die Sage geht: in Konkurrenz zu Amerika. Und eigentlich war der Oderbruch gemeint und nicht das Wald-und Seengebiet, welches später nach dem Müggelseee und den Müggelbergen Müggelheim genannt wurde.

Die Sumpf-und Mückenplage im Oderbruch waren so allgemein und unbekannt für die Pfälzer, dass sie, die vor den Erbfolgekriegen im 18. Jahrhundert flohen, lieber an den Ufer des Müggel-Sees wollten. Und sollten dann und nicht mehr an die Oder, wo Friedrich der Große doch Großes vorhatte mit ihnen.

In der DDR hat man gerne verschwiegen – und das deckte sich mit der Berliner Säkularisierung in alten und neuen BRD-Zeiten – dass es konfessionelle Gründe gab, von der Pfalz weg zu gehen, die Heimat zu verlassen. Sie waren Protestanten und wollten nicht in die Hände eines katholischen französichen Herrschers fallen. CONFESSIO heißt Bekenntnis und in der DDR gab es nur ein Bekenntnis, nämlich das zum Sozialismus. – Welches Bekenntnis prägt uns? – Nur verwunderlich, dass selbst in sogenannten kirchlichen Kreisen diese Fälschung herunter gespielt worden ist und stattdessen alles Mögliche unwidersprochen gedruckt wurde, was für den Ortswechsel ausschlaggebend war, nur nicht der Glaube der Glaubensflüchtlinge. Da ich selber, der Autor, Vorfahren habe, die aus solchen Gründen ihre Salzburger Heimat verlassen mussten und unter unsäglichen Mühen mit Sack und Pack sich eine neue Heimat gefunden haben in den Niederlanden – andere in Ostpreußen – möchte ich dieses Lied singen, wenn es um die Entstehung von Müggelheim geht. Zumal das Kirchlein, welches ausschaut wie ein Feuerwehrhäuschen im Quadrat, dem Autor ebenso wenig gleichgültig ist wie die Fluchtgeschichte selber, aber genau damit auch zusammenhängt. Das erste bei den Siedlern war immer: Kirche und Schule. Auch in Preußen. Nicht nur in Amerika. Übrigens auch in jeder missionarischen Unternehmung weltweit, soweit es christlich ist. Ich nehme aber an, dass es in andern Konfessionen und Religionen ähnlich sein wird, wenn es um ein spirituelles Erbe geht, dass – egal , wo auf der Welt – etabliert wird. Ich schreibe so ausführlich darüber, weil es uns immer ärgert, auf welche Weise Profil verloren geht zugunsten einer Menge von Fakten, die einen dann erschlagen (beeindrucken) wie ein Steinschlag. Oh – wie schön. Wie toll, wird dann gesagt. Oh Wissenschaft. Oh Akademie! – Oh, wie fallen wir immer wieder darauf herein und wundern uns dann, wo alles, was doch gut war, verloren gegangen ist. Nicht nur der Himmel, nein auch die Erde wird auf diese Weise wüst und leer – wie vor dem Beginnen.

Müggel heißt eigentlich MUGEL. Mugel heißt Grab. Der Müggelberg ist ein Kultberg der Sprewanen, der Urbevökerung dieser Gegend abwärts vom Spreewald kommend. Immer der Spree und der Dame entlang. Woher ich das weiß? Mit dem Fahrrad unterwegs an einem großen Hotel am See lese ich: MUGEL und die dazugehörige Erklärung. Damit die Hotelgäste wissen wo sie sind. Das sollten sie dann nicht mehr. Gab es Ängste? Das war schon vor Corona. Nein sterben wollen wir noch nicht. Das ist unheimlich. Dass die alten Völker eine Religion hatten, vielleicht eine primitive mit Kult-Berg, nicht ganz so wie auf Rügen, aber immerhin, muss kein Tourist wissen.

„Wir sind empfindsam.“

„Sagen sie“.

„Wer, die Gäste oder der Anbieter?“

Irgend ein Programmierer hat es entdeckt, als der dem Ganzen neuen Schwung verleihen wollte und nahm sich dieser Info an. Ich war sehr enttäuscht, als ich bemerkte wie flach und hohl alles wurde, was ja immerhin einen gewissen Tiefgang hatte. Man konnte sich schon wundern. Erst, dass solche Dinge in einem Schaukasten zu lesen waren und dann: nicht mehr. Auf einmal.

Ja, alles kostet seinen Preis.

Die Neue Zeit.

Der Glitzer und der Glammer.

“Wir wollen so etwas nicht hören. Oberfläche bitte. Bitte, mehr Oberfläche,bitte!“

Mugel gleich Grab gleich Kultberg, der Müggelberg und der Müggelsee. Mit Mücken hat das absolut nichts zu tun.

Wie Kitzbühel in Tirol nichts mit Kietzen zu tun hat. Da mag es noch so viele Holztiere davon geben, weil man ja schließlich etwas mitbringen muss für die Kleinen.

„Vergiss es!“

„Verzeih es!“

Es ist alles o lange her und selbst Napoleons Truppen haben das Dorf nicht finden können auf ihrer Futtersuche…und mehr.

„Sie wohnen wirklich dort?“

Ich und meine Frau Margard seit nunmehr über 18 Jahren. Seit meinem Ruhestand. Unsere Kinder und Enkel kommen uns dorthin besuchen und auch andere, die gucken wollen, wo wir geblieben sind. Damals: erste Besuche. Es ist natürlich sehr weit draußen hinter den sieben Bergen. In dem Fall die Müggelberge. Über dem See. In diesem Fall über dem Müggelsee. Wenn Du auf der Terasse sitzt und lauschst, am besten gegen Abend, noch besser in der Nacht: Du hörst ihn rauschen: Den Wald, den Henry-Potter-Wald. Auf diesen Auisdruck sind wir gekommen durch die Filme – Du weißt schon… Literarisches Event, was wir mitgebracht haben aus Thüringen und Sachsen. Echte Fangemeinde. Ich habe das dann übernomen für meinen ersten Versuch zu erzählen, was die Welt bewegt mit dem Buch BERLINER ERZÄHLUNGEN-HEILE WELT; BESONDERS IN DER ERSTEN ERZÄHLLUNG „SYLVESTER“, die Fahrt von Müggelheim bis in den Berliner Tiergarten, wo dann die RIESENPARTY STATTFINDET ZU JEDEM JAHRESWECHSEL.

Ja, Du hörst, wie das Wetter umschlägt. Du siehst wie auf einmal die Flugzeuge vom Flughafen Schönefeld nicht mehr starten, sondern landen, je nachdem aus welcher Richtung der Wind kommt. Allein die Strömung ist aussschlaggebend, damit die Flügel tragen. Wie – wenn Du Drachen steigen lässt. Du musst den Finger in den Wind halten, um zu wissen in welche Richtung du rennen musst, damit er steigt. Das bringst du Deinen Enkeln bei auf der Kirchenwiese, wo jetzt eine KITA gebaut wurde. Eine Freude, wenn er steigt. Und Trauer, wenn er abstürzt, weil du nicht wusstest, wo der Wind herkommt.

Oder das Bellen des Hundes ganz weit draußen in der Siedlung, wo früher die Äcker waren.

Oder natürlich das Singen der Nachtigall, bei offenen Fenster.

Das Käuzchen.

Die Glocken der Gottesschachtel in Richtung Osten.

Bei Westwind hörst Du sie nicht.

Kennst du das Buch „Die Messerhelden?“ Von daher denke ich immer an „DEN RAPPEL IM CARTOON“, wenn ich die Glocken der „Gotteschachtel höre oder sie sehe oder darin tätig bin.

Wer einmal Jugendpfarrer war, muss dieses JESUSBUCH kennen.

3

„Sie wohnen also in der Philipp-Jacob-Rauch-Straße?“

„Und zwar genau dort, wo früher versucht worden ist, Wein anzubauen wie in der rheinländischen Pfalz. Dann – doch besser Kartoffeln wie in Preußen und Amerika. Und Korn und Weizen.“

„Sie haben sich in diesem Berliner Dorf eine Wohnung genommen, nachdem sie gerechnet haben wegen der Miete?“

„Nein, das war anders“. Und der Weg zur Arbeit war nicht wesentlich beschwerlicher als der innerhalb der Stadt?“

„Nein, das war anders. Meine Frau Margard und ich sind in Rente gegangen und wir wollten noch einmal Berlin erleben, die Stadt, in der wir uns in der Studentengemeinde kennen gelernt haben“.

„Aber doch nicht am Südostrand Berlins?“

„Nein, ganz bestimmt nicht. Das ist nur ein Tick: Zwar nicht am Westrand, wo die Pensionäre sonst wohnen, angeblich, aber an den grünen Ostrand wollten wir ziehen. An den Müggelsee. Und-am Fusse des höchsen Berges in Berlin. Nicht künstlich, sondern aus Sand“.

4

„Philipp Jacob Rauch war einer der Pioniere, die der Preußische König angeworben hat, um seinen Sandboden, in dem nur Kiefern wuchsen, zu bevölkern“.

„Schon wieder SAND?!“

„Ja. Schon wieder Sand.“

„Wie an der Ostsee?“

„Genau.“

5

Gottesschachtel. Bei Westwind hörst Du sie nicht, die Glocken. Da muss die Strömung eine östliche sein.

Siehe nach den Flugzeugen, wenn sie starten.

Dann weißt du, woher der Wind weht.

Bildnachweis:

Predigtheft von Michael Wohlfarth,

Albert-Schweizer-Erinnerung, aufgestellt vom Müggelheimer Umweltkreis vor der Müggelheimer Kirche

Bezug auf Harry – Potter – Wald: aus HEILE WELT-BERLINER ERZÄHLUNGEN (REISE VON MÜGGELHEIM IN DEN TIERPARK ZU SILVESTER). Cover.

Auf der Terasse

———————————————————————————-

In Teilen ist dieser BLOG hergestellt worden in Bayern, Oberammergau, Parkhotel

Das Titelbild beinhaltet den Spruch von Werner Bergengrün am Kriegerdenkmal (Veteranenclub)/ Wanderweg zum Kofel, beginnend in Oberammergau. S.vorherigen BLOG. Passend sehr für Müggelheim, weil Werner Bergengrün ein ostpreußischer Dichter ist. Und Berlin hat sehr wohl etwas mit Ostpreußen zu tun.

Kalender 25, 3/4

Tag 1 Montag 31. März

Anreise über A9. Besonderheiten Einkehr AUTOHOF, AUTOHÖFE. STIL sehr bayrisch d.h. persönlich. Überhaupt keine Struktur, würden manche sagen. Bulli voller CHIEMSEE-BIER. Eine Ladung mitgenommen für …, wenn er kommt. Oder wer. Oder nicht.

Schon AUTOHOF CAFEZEIT war bemerkenswert. Wie aus dem Buch gesprungen, die pausbäckige randlose Brillenträgerin hinter dem Dresen, die uns den Cafe zum runden Zweiertisch brachte in die Sitz-Ecke, obwohl Schlange, Schlange, Schlange. Unglaublich, Die Ruhe hat sie weg.

Gegen Acht in Oberammergau im Parkhotel. Sonnenhof. Anmelden u.s.w. Feststellung: Salzburger Rucksack vergessen (unter dem Pult).

Was nun?

Wie früher, einfach so auf‘ s viel zu weiche Unterbett.

Tag 2 Dienstag 1. April

Was heißt früher?

Unterwegs zur Apotheke für Margard. Dann BAROCK. Kirche. Friedhof. Denkmal für die Gefallenen, Geschundenen, Gequälten.

„Opfer, die wir anschauen.“ (1920). Bemerkenswert.

Weiter.

Ein in Unterwäsche wartender Mann auf der Dorfstraße vor dem Hotel TURM.

Ich hätte ihn fragen müssen: „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Durchgefragt.

Ersatz für den Inhalt des vergessenen Rucksack aus Salzburg. Extra fürs Gebirge gekauft vor anderthalb Jahren, als wir beim Bauern waren in Theisendorf, nahe der Grenze, nach Leseaufenthalt in Heidelberg entgegengesetzt auf der Landkarte West-Ost. Im Süden Deutschlands. Immer diese Ungeschicklichkeiten.

Die Verkäuferin im Textilladen ist Kasachin, erstaunt, dass ich lese. Sie musste mir nämlich eine extra Tüte geben, weil die andere Tüte besetzt war mit meinen Büchern.

„Mein Sohn liest auch.“

„Ich lese nicht nur.“

„Ich schreibe auch welche.“

Freundliche Leute die bayerisch Integrierten, seit vielen Jahren.

„Ich habe russisch gelernt.“

“ Ha, ha, ha. Mein Sohn liest deutsch und englisch. Er ist hier geboren. – Meine Tochter kann ein paar Worte – noch“, sagt sie.

Weiter.

Alles falsch.

Erst REI. Dann brauchst Du nichts zu kaufen, nur Zahnpasta und Bürste. Egal. WEITER. ZUR LOCK. Bahnhof. Gewerbegebiet. LIDL. REI. Versorgt.

Medikamente plus Hygiene plus, plus, plus.

„Endlich zu Hause“. SMAIL s. Werbung in Berlin-Müggelheim für unsere Wohnung unter dem Sand-Berg. Müggelberge.

Damit war der Tag ausgefüllt. Schlafanzug und alles andere. Nicht mehr im Trainingsanzug wie früher im Zelt an der Ostsee.

NEIN JETZT IST DAS ZU HAUSE DER KOFEL. Der Hausberg grüßt zum Fenster hinein. Sogar Balkon.

Fotos, ja, die auch.

Tag 3 Mittwoch 2. April

Endlich Ammergebirge, Ammer-Fluss.

Entdeckt beim Rückweg von der LOCK (Gewerbegebiet, Bahnhof) am Fluss entlang: Einstieg zur KREUZIGUNGSGRUPPE. Also aufgemacht. Hinauf. Alles steil.

„Wir mit unseren derzeitigen Sandbergen – höchster Berg Berlins“.

Oben angekommen gegenüber dem FESTSPIELHAUS OBERAMMERGAU DER FESTSPIELGEMEINDE SEIT HUNDERTEN VON JAHREN.

PLATEAU.

GRÖSSTES STEINDENKMAL DER WELT.

JESUS sagt zu Johannes: „DEINE MUTTER.“ UND ZEIGT AUF MARIA. UND UMGEKEHRT.(Johannesevangelium).

„Ludwig II. war so ergriffen. Und er weinte“, steht da auf einer Tafel.

Er finazierte aus der Staatskasse Bayerns dieses Denkmal und zwar genau in dem Jahr, als Bismarck den Franzosen um der Einheit willen den Krieg erklärte. KRIEG 70/71. Er bestimmte auch den Marmor aus der bayerischen Nähe und den Bildhauer aus München. Es dauerte 5 Jahre, bis der Koloss aufgestellt werden konnte.

Tonnenschwer.

Die Oberammergauer hatten extra für den König allein die Passion aufgeführt. Ihnen wurde das Denkmal gewidmet. Aus Dankbarkeit. –

Das war in der Früh. Ich musste endlich auf die Höhe. Wenigstens dorthin, wenn schon nicht auf die Spitze des Kofels. Verabredung 9.00 Frühstück im Hotel mit Schwimmbad und Sauna.

Ich habe das geschafft in der Morgensonne dieser unseligen Sommerzeit Europas und der Welt. Warum lassen sie die Zeit nicht wie sie ist.

Jetzt schmeckt das Frühstück, Mantel über den Stuhl, Utensilien auf das Fensterbrett. Sie werden abgegeben in der Rezeption, wenn Du sie liegen läßt. Ehrliche Leute.

Triumph in der Ehe. Kleinlaut ich, ja, ja.

Umtauschen im Dorf oder Stadt. Oder Marktflecken. Gemeinsamer Dorfbummel bis zur LOCK. Wieder. Kaufhalle MÜLLER. Neben Kaufhalle LIDL. Klingen und Schaber. Ich will keinen Drei-Tagebart. Wir sollten zu Hause bleiben. Alles vergessen. Alles im Rucksack. Extra für das Wandern gekauft in Salzburg vor anderthalb Jahren, als wir beim Bauern waren.

Es gibt jedes Mal etwas Neues zu sehen.

Tag 4 Donnerstag 3.April

Endlich KFZ. Versehentlich an den See gefahren in Österreich. Über die Königsschlösser zurück. Allgäu. Wiesen. Frühling. Ausruhen. Schlafen in der Sonne, egal welche Zeit.

Keine Werkstatt gefunden unterwegs wegen eines Lämpchens, welches glüht und anzeigt, dass eine grössere Lampe (Fernlicht rechts) nicht funktioniert. In Oberammergau zurück am Kofel vorbei schnell noch zur LOCK/Tankstelle: „Ja wir haben eine Werkstatt, fahren Sie am Gelben Haus vorbei. dort finden Sie sie…Mayer. Sie gehört zu uns. die machen das. Heute nicht mehr. Zu spät. Morgen“.

Tag 5 Freitag 4.April

Schwimmen, Werkstatt im Gewerbegebiet. Alte Post.

Wanderung am hellen Mittag, nach rechts entschieden an der Wegscheide im Gebirge. Der Finger Gottes. Wie Elbsandstein. Nur viel höher. Der Kofel.

Nur eine Begegnung.

Handy dabei.

Stock. Gutes Schuhwerk. Zu wenig Zeit. Umkehr.

Im Gebirge habe ich gelernt umzukehren. Und zwar so: Als ich eine Familie gesehen habe, wie sie auf dem Kammweg balancierte. Das erste Mal. Und auch, wenn die Wipfel der Fichten oder Tannen (?) von oben zu sehen waren und es grollte der Himmel.

Als Bild für die Umkehr 1989 genommen. Und gepredigt. In Altenburg/Thüringen, von wo aus wir alle diese Orte das erstemal uns angesehen haben. „Gegrast“, wie B.L. es immer ausdrückte, unsere Referentin (Altenburger Akademie-Offene Kirche).

Aber immerhin – leider ohne meine Frau – erster Anstieg.

Abendspaziergang. Ausgelöst den DRINK-Schein als Willkommensgruß an der Bar in LUDWIG, Gaststätte 200 m weiter Richtung Ettal. An der Bar Begrüssung mit Frühstücksgast so spät wie wir. Und Zeitung TAGEBLATT GARMISCH-PARTENKIRCHEN. Er sorgte dafür, dass der Gast die Zeitung bekam, die er wollte. Gute Zeitung. Nicht hetzerisch. Kein Kriegsgeschrei. Nicht verantwortungslos, eben Zeitung. Nachrichten. Fast wie NZZ. Man konnte sie lesen. Keine Floskel. Mehr. Wenn ich das so sage, glauben Sie mir.

„MAN KONNTE SIE LESEN.“

Vieles sollte man heutzutage nicht lesen. Es verdirbt. Ein Grund, dass wir geflüchtet sind.

Der spätere Frühstücksgast war kein Altlinker, wie ich vermutet habe, sondern der Besitzer des Hotels und der Gaststätte. Er war mir aber genau so sympathisch. Ich habe ihm bei gebracht: Was ist die Russische Welt. Was ist die russische Sprache. Wer ist Putin. Wer ist Gorbatschow. ‚Warum bin ich in die Russische Botschaft – gegenüber die protestierenden UkrainerInnen – in Berlin?“ Lange Pause – „Um mich einzutragen in das Kondolenzbuch gegenüber dem Kreml-Fenster – wie ein Kirchenfenster im hohen Botschafstsraum mit gewaltiger Treppe. Unter den Linden in Berlin. Unweit des Reichstages, auf dem die sowjetische Fahne gehisst worden ist, damit alles klar war 1945 im Mai“.

Es ist ein FENSTERBILD und Du hörst Radio Moskau wie BBC London, wenn du dort sitzt und dich einträgst. Es ist Weltgeschichte. Wenn du genügend Phantasie hast und dir die Filme dazu einfallen. Der Klang und das Bild.

Tag 6 Sonnabend 5. April

Am Sonnabend Sabbat. Wanderung nach Links von der Wegscheide aus gesehen zum KOFEL. Ein bisschen über den Wipfeln schon, oberhalb des Friedhofs hinüber zur Grotte, nachempfunden der Höhle von LOURDES in Frankreich: Wegen einer Krankheit. – Bis zu einem Hang. Ideal zur Abfahrt oder zum Rodeln. Dort ein Soldatenkreuz. Vom Veteranenverein errichtet. Darf man heute alles wieder machen und sagen, sogar im protestantischen Norden, nach dem Einmarsch Putins vor über drei Jahren in die Ukraine. Sonst dürfte man es immer noch nicht sagen. Ich bin mir sicher. TABU. TABU. TABU. Zivilgesellschaft. URBAN u.s.w….S. dazu: Theologumenon“ FRIEDLICHE REVOLUTION“, DIE WIR ANGEFÜHRT HABEN MIT ANDEREN Z.B. IN DEM MITTELZENTRUM ALTENBURG IN THÜRINGEN.

Paradox.

Glaubenskategorie.

Kierkegaard.

Jetzt HOCHHUT: Geschichte absurd.

Ja, Schiller.

Kofel, wenn du dich entscheidest, links zu gehen…

…kommst du an diesen Hang und im Tal das Kriegerdenkmal mit einem Gedicht von Werner Bergengruen. Ein Ostpreuße.

Tag 7 Sonntag 6. April

JUDICA 9.30 Messe in der Barockkirche…

Vorbei an den Krügen …in der Empfangshalle des Hotels…

…An den parkenden Autos…

Nach dem Gottesdienst…noch einmal der Ort, nahe bei dem Festspielhaus: Das Verlegerhaus, in dem Ludwig Thoma geboren wurde. Die Stifterszene für die Oberammergauer Passionsspiele. Selige Erben.

Fahrt nach Garmisch und Partenkirchen. In Grainau Haus Barbara gesucht und weiter über Östereich die andere Seite der Zugspitze, am P.-See zurück in Richtung D/OA.

Tag 8 Montag 7.4. 25

Sören Kierkegaard: Wiederholung ist Erinnerung nach vorn. Ich hoffe, wir haben das beherzigt.

Über Regensburg nach Hause. Berlin.

DANKE HERR FÜR ALLE BEWAHRUNG UNTERWEGS ZU FUSS IN DEN BERGEN AUF DER STRASSE AUF DEN AUTOBAHNEN DURCH MÜNCHEN REGENSBURG UND IN ALLEN ANDEREN STÄDTEN AMEN.

Auf Wiedersehen!

BROT

Abendmahlsgottesdienst in Müggelheim am 30.3.25, Sonntag Lätare-Freut Euch, 10.00 Uhr.

Lieder: 447 1-6; 396 1-3; 396 4-6; 115 1,4,5; 389 1-2

Psalm-Lesung Eg 734, Ps.84

Predigttext aus Johannes 6 1ff. unter Zugrundelegung Johannes 1,1 und 14

—————————————————————————————————————

Liebe Gemeinde,

1

Das Johannesevangelium beginnt so: Im Anfang war das Wort…(1,1).

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit(1,14).vcvcvv

Was dann kommt ist die ‚Auslegung dieses Satzes an Hand der Geschichte von Jesus Christus, dem Menschensohn und Heiland der Welt.

„Siehe das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“(1,29 Johannes der Täufer.) Darauf hin die ersten Jünger am Jordan.

Vielen Menschen begegnet JESUS. Viele nehmen ihn auf. Andere nicht (1;11,12).Vielen schenkt er Neuanfang und Vergebung, Freude und Wahrheit: Den Jüngern und Jüngerinnen, der Hochzeitsgemeinde in Kana, dem Pharisäer Nikodemus, der Samariterin am Brunnen.

„JESUS lebt mit ihm auch ich“, singt der Professor aus Leipzig in der Aufklärungszeit unserer Zeitrechnung. Und wir mit nachher. 2000 Jahre später.

Und die Vergebung und Heilung wird in Christus spürbar für Viele, die an ihn glauben. Sicher sogar die, die nicht an ihn glauben wollen und sein Feinde sein wollen als Wechsler im Tempel oder als Lehrer.

2

Gottes Liebe ist grösser.

Die alle gesund geworden sind in Jerusalem, nahe der Stadt, unterwegs über Samarien, in Richtung Heimat Galiläa, wo er sicher fühlte und glücklich am See Genezareth, wie mir ein Reiseführer versicherte. Einige zogen mit ihm, viel folgten ihm, als er über des See Genezareth fuhr.

Die Herrlichkeit Gottes. Sie folgten ihm nach. Wegen der Zeichen, die er gibt und der Wunder wegen, die er tut. Und der Fragen wegen, die er aufwirft: “Ist Jesus, Josefs Sohn,Gottes Sohn?“

„Auf den wir warten“.

„Der Messias“.

See Genezareth, das Galiläische Meer oder See von Tiberias. Dort fahren sie hin und her. Die Jünger, Jesus, die Nachfolger.Die Follower. Sie wollen ihn zum Brotkönig machen, weil sie die Zeichen des HERRN nicht verstehen, sondern nur, sondern nur, dass sie für den Moment satt geworden sind bei der Speisung der 5000, als es auch Reste gab, 12 Körbe voll.

Jesus flieht. Er möchte nicht ergriffen werden.

Allein auf der Spitze des BERGES.

3

Nach dem Event kommt die Nacht. Die Jünger haben längst die Boote bestiegen zurück nach Kapernaum. Aber die Menge bleibt bis sie merkt am nächsten Morgen. JESUS ist weg. Verloren für sie als Brotkönig. Und sie haben nimmer ausgesorgt für immer. Wie sie das dachten. Sie ahnen, dass er wieder dort drüben ist. In Kapernaum in der Synagoge. Sein liebster Aufenthaltsort in Galiläa. Dort waren sie ja auch gestern, als der die Kranken berührte.

Als sie ankommen, sagt er zu ihnen:“Ihr sucht mich nicht, weil ihr das Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid.“

„Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. Die wird euch des Menschen Sohn geben.“

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen. Er wird nicht hungern und wer an mich glaubt, der wir nimmer mehr dürsten.“

(Predigttext 6,47-51) „ Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, der davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und diese Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“

Das ist die kürzeste Erklärung für die Eucharistie, für das Heilige Abendmahl, dass wri das Opfer Christi annehmen.

„Das ist mein Leib.“

„Das ist mein Blut.“

Oder: Brot des Lebens, Kelch des Heils.

Christus, das Manna seiner Kirche, seiner Gemeinde,der Christenheit, welche über 2000 Jahre durch Zeit und Ewigkeit zieht. „Und wir sind mitten unter ihnen.“Durch Wüsten, durch fruchtbare Auen, Tag oder Nacht. An klaren Bächen entlang. Im Zwielicht der Ereignisse. In Klarheit und Wahrheit. Durch Trümmerlandschaften.Durch neue Städte und Dörfer, durch alt Städte und Ruinen. Jetzt, gestern. Heute. In Kreuz und Auferstehung. Christus der HERR. Von Ewigkeit zu Ewigkeit.Im leben und im Sterben.In Verfolgung und Not. Im Glück ebenso wie im Scheitern.

„Weil wir eins sind in ihm.“

So sagen wir es in unserem Glaubensbekenntnissen und Liedern und bezeugen es in aller unserer Armut des Wortes und Unvollständigkeit unserer guten Werke.


Alle werden das nicht so sagen können.

Vielleicht den einen oder den anderen Satz.

Und nicht immer.

Vielleicht haben wir die Sehnsucht, es so sagen zu können.

Immer.

Vielleicht können wir es manchmal plötzlich in Dankbarkeit.

Die Liebe Gottes ist größer.

4

Gestatten Sie mir zum Schluss der Predigt noch eine Geschichte zu erzählen aus meiner ersten Zeit als Pfarrer in unseren Wismutdörfern. Es war in der Nähe von Crimmitschau. Ich sitze auf einer Parkbank und warte auf meine Frau. Mir schräg gegenüber ein junger Vater, der Probleme mit seinem Sprössling hat. Plötzlich höre ich den Vater:“Du BROT!“M.E. schimpfte er den Sohnemann aus. „Du Brot!“ Hatte ich noch nie gehört. BROT? Schimpfwort? – Bis heute hoffen ich, die Situation nur nicht richtig verstanden zu haben.

Ich wünsche uns allen einen gesegneten Sonntag zum Mahl des HERRN, dass wir in der Lage sind unter der Woche von der Kraft des Brotes und der Freude des Weines abgeben zu können von dem was wir empfangen haben.

Wir beten:Herr, schenke uns den rechten Glauben, damit wir leben können. Und danke für Dein Sakrament, Brot und Wein, dass wir stark sind, wenn wir gebraucht werden in unserer Zeit. AMEN.

Fastenzeit

Mitten in der Fastenzeit ein Text aus dem 6. Kapitel des Johannesevangelium in der so genannten Einheitsübersetzung (evangelisch-katholisch).

1 Danach ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt. 2 Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. 3 Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder. 4 Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe. 5 Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?  

7 Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll. 8 Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm: 9 Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele? 10 Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer. 11 Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen. 12 Als die Menge satt geworden war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brocken, damit nichts verdirbt! 13 Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Brocken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren. 14 Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein. 16 Als es aber Abend geworden war, gingen seine Jünger zum See hinab, 17 bestiegen ein Boot und fuhren über den See, auf Kafarnaum zu.

Das ganze Kapitel 6 mit seinen 71 Versen ist ein Hohes Lied auf das Brot. Auf das Brot, welches geteilt wird. Auf das Brot des Lebens, das Christus selber ist, wie es uns zugesprochen wird in der Feier des Heiligen Mahles. Abendmahl. Mehr als ein Zeichen, das Leben selber. Das Leben in der Gemeinschaft, die Jesus Christus stiftet in seinem Kreuz, in seiner Auferstehung. In seiner Kirche und Gemeinde.

W e r ist das Brot des Lebens ? Was ist das Brot des Lebens? Was treibt die Menschen um? Die französische Revolution. Wie war das? Das Brot. Die Mütter. Der 17. Juni 1953 in Berlin. Der Zorn speiste sich aus der Wut wegen der Lebensmittel. Gerechtigkeit! Aber dann?Wovon lebt der Mensch weiter? Wenn er satt geworden ist. Wartet er einfach auf den nächsten Hunger? Fressucht. Fettsucht. Hört er nicht wieder auf zu essen? Den meisten Menschen ist es nicht gegeben, von einer Party auf die nächste zu rennen.

Auch in der Zeit war das so, als Jesus über dieses Thema spricht mit den Angehörigen seines Volkes und seiner Familie. Sie waren an dem Abend zwischen Berg und Ufer froh, wenn sie zu essen hatten und wollten sich nicht Federn von großen Vögeln in den Mund stecken, damit sie erbrachen, was sie gerade gegessen und angeblich genossen hatten, damit das „unendliche Fest“ weitergeht. Sie haben nicht Toiletten neben ihre Festtafel bauen, damit e s funktioniert, oder Bier trinken noch und nöcher u n d Wasser lassen….Gleichzeitig.

„Was für ein Fest“.

„Na, Sie wissen schon.“

Nein es waren einfache Menschen, die Jesus folgten an den See auf den Berg und danach seine Rede über das Brot hörten, nachdem sie ihn verloren hatten nach dem Wunder, dem Zeichen und wieder gefunden hatten am nächsten Tag auf der gegenüberliegneden Seite des Sees Genezareth. Es war zu verführerisch.

Er sollte ihr König werden.

Ihr Brotkönig.

Angefangen hat das Ganze auf einem Berg, auf den alle Israel-Touristen geführt werden, auf dem eine Kapelle steht zur Erinnerung an das BROTBRECHEN zur Speisung der 5000. Wie kam es dazu? Jesus tut Wunder. Setzt Zeichen. Ist ein Zeichen in der Zeit Gottes. In Jerusalem. – Er wollte eigentlich seine Ruhe haben. Eine auszeit nehmen. In seiner Heimat. Galliläa.Luft holen. ATMEN. BETEN. Um Kraft zu schöpfen für seinen Weg. Den er noch vor sich hatte. Zurück in die Große Stadt. In den Tempel. Da sieht er die Vielen am Fuße des Berges. Es ist Abend. Er fühlt sich verantwortlich und verachtet nicht den Hunger, nicht das Notwendige. Die Bedürfnisse. Er erbarmt sich. Es ist Abend. Spät. Niemand kann zu dem Krämern rennen, in die Backstuben. Es würde sowieso nicht reichen. Ein Junge hat etwas mit und Christus, der HERR teilt die Gaben, die vorhanden sind.

EUCHARISTIE. DIE GUTE GABE GOTTES. Sie wollen ihn zum König machen. Zum BROTKÖNIG. Sie werden ihn ergreifen. Als er das merkte, „entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein“(Johannes 6, 15).

Das Galliläische Meer, auch See Genezaret genannt, ist der Schauplatz der Überfahrt der Jünger von einem Ufer zum andern. Vom Berg nach Kapernaum, in dessen Synagoge Jesus seine Predigt halten wird, von der Nachhaltigkeit ohne Propaganda. Vom Ewigen Leben, vom Brot, dass ER ist und dem Wein, der ER ist.

Das HEILIGE. Das Sakrament.

Kapernaum, die erste Wirkungstätte Jesu. Sie werden ihm dorthin folgen wegen des Brotes. Hier werden sie ihn nicht ergreifen und zum König ausrufen. Aber sie werden streiten mit ihm. Wir lesen:

Am nächsten Tag stand die Menge am anderen Ufer des Sees; sie hatten gesehen, dass nur ein Boot dort gewesen war und dass Jesus nicht mit seinen Jüngern ins Boot gestiegen war, sondern dass seine Jünger allein abgefahren waren. 23 Von Tiberias her kamen andere Boote in die Nähe des Ortes, wo sie nach dem Dankgebet des Herrn das Brot gegessen hatten. 24 Als die Leute sahen, dass weder Jesus noch seine Jünger dort waren, stiegen sie in die Boote, fuhren nach Kafarnaum und suchten Jesus.  26 Jesus sagt zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. 

35 Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben. 

47 Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben. 48 Ich bin das Brot des Lebens. 49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. 50 So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. 51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.

Wenn du über das Galliläische Meer fährst auf einem nachgebauten Boot und du den Berg siehst der Seligpreisungen, begreifst du vielleicht wie das mit dem Brot auch sein kann, entgegengesetzt zu der Bitte im VATERUNSER:“Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Ja, Fresssucht war im Mittelalter Todsünde. Was heißt hier Todsünde und Mittelalter? Vielleicht wissen das die Jugendlichen, die vegan leben wollen, besser. Der Sitz der Askese im wirklichen Leben seit dem es Menschen gibt auf unserer Erde ist die Fastenzeit. Eine Gegenbewegung zur Wohlstandsgesellschaft. Zur Genusssucht. Zum Egoismus.

Ja, deswegen gibt es FASTEN nicht nur im ISLAM, nicht nur in der christlichen PASSIONSZEIT, nicht nur in Krankenhäusern der weltweiten christlichen Adventgemeinden, die krebskranke Menschen aufnehmen und nach eigener Aussage auch Heilerfolge durch das Fasten vorweisen können.

Ich fahre also auf den Berg zu. Wie so viele vor mir. Ich steige hinauf. Ich komme aus Kapernaum, aus den Ruinen der Synagoge, in denen Jesus die Bibel ausgelegt hat, seine Bibel. Ich sehe auf den See, auf dem sich Christus seinen Jüngern als der HERR der Welt, der Armen und der Reichen, der Wohlhabenden und der Bedürftigen offwenbart hat. Und ich werde auch wieder zurückfahren in die Ruinen des Weltreiches, der pax romana.

Dort wartet der Bus.

Nach Aschermittwoch

1

Das stimmt genau für den vorherigen Blog. Ich hoffe, er hat Euch gefallen: Ungarn, Balkan, Bulgarien, Rumänien (kam nicht direkt vor) – unsere sozialistischen Reiseziele.

Griechenland ein Traum. Griechisch, ein Alptraum in der Ruine des Berliner Doms: Sprachprüfung und auch dort dann unter Aufsicht des Bischofs: Neues Testament.

DIKAIOSYNE gleich Gerechtigkeit im neutestamentlichen Griechisch, eine Umgangssprache damals. Wie heute englisch. U N D das einzige wirkliche Wort, welches ich im heutigen Griechenland bei meinen Wanderungen auf dem Athos entdeckt habe. Als Hinweisschild. Es bedeutet so viel wie Gemeindeamt. Amt schlechthin. Für Touristen nicht unwichtig.

Heute ist immer noch – genau besehen – die Woche, die mit dem Sonntag INVOKAVIT begonnen hat. Übersetzt aus dem Lateinischen, der nachfolgenden Weltsprache :“Er ruft mich an.“ Und weiter: „Darum will ich ihn erhören.“(Psalm 91, Vers 15). Und noch weiter: Bitte selber aufschlagen in der Bibel und selber lesen! Unbedingt. Gerade heute in diesen kriegerischen Zeiten wo wir nicht wissen, wie es zu Ende geht mit diesem Krieg im Osten und im Westen. Im Norden und und im Süden. Bei uns und anderswo. INNERLICH und ÄUSSERLICH: HERR GIB FRIEDEN.

Selig sind die, die Frieden stiften! Verhandeln!

Die Namen für die Sonntage richten sich in der Regel nach solchen Psalmworten. NACH SOLCHEN GEBETSWORTEN. Das Tröstliche: Dieses Wort zum Sonntag Invokavit war und ist GOTTES WORT. Nach unserem Gebet. Ja, der Psalm wird am Ende zu einem Gespräch zwischen dem Beter, der Beterin und dem, der es erhört.

Zwischen Gott und mir.

Lesen. Unbedingt! Nicht fragen: Wie soll es weiter gehen. Wo soll das hinführen. Oder doch. Aber dann das: Gott spricht: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören“.

2

Der kommende Sonntag hat auch einen Namen: REMINISZERE. Da beten wir mit DAVID, dem KÖNIG ISRAELS: „Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit!“ (Psalm 25, 6). ERINNERE DICH GOTT. RÜTTELN WIR GOTT WACH MIT UNSEREN GEBETEN? Wir flehen.

3

Also bitte: nicht nur Asche auf `s Haupt streuen. Das auch, wenn es uns hilft. Sondern mit Gott und unseren Nächsten, mit unseren Feinden, im Gespräch bleiben!

IHN anrufen und auf die Zeichen der Zeit achten. Bereit sein, wenn es auch anstrengend ist und wir in unseren Gärten, die GETHSEMANE heißen, schlafen wollen und nicht wachen, wenn der Menschensohn kommt und uns darum bittet: Wachet mit mir!

In dieser PASSIONSZEIT.

Weisst Du das noch, ein Hymnus

Als wir in Ungarn waren, unserem Traumland im DDR-Sozialismus.

Den Himmel über uns fliegen sahen.

Die Häuser versetzt gebaut ohne deutsche Bürokratie.

Die Operettenklänge im Ohr. Und vor Augen die Kostüm-SHOW.

Margard weiß Du das noch?

Jeden Tag von Pecel hinunter gefahren zur Donau in die Weltstadt Budapest mit der Frau übermäßig am Giebel in der Engen Straße. Werbung. KINO.

Immer an den schmucken Industrieanlagne vorbei, damit die Arbeiter

und Arbeiterinnen sich wohlfühlen. GEWERKSCHAFT?

Weißt Du das noch Beathe?

Wie das Klaus

+Kreuz+

beeindruckt hat?

Er war der Arbeiter aus einem ehrlichen Haushalt mit Parteizugehörigkeit, allerdings mit ganz anderer Meinung.

Hauskreise. Sprotte in Thüringen, Schmölln, aufwärts.

Wir wollen ihm ein Denkmal setzen. Hier. Von Leipzig und Berlin aus.-

Und ich?

DIGITAL CAMERA

Die LKW in Richtung Balkan, zu dem die Ungarn nie gehören wollen, mit Kennzeichen Griechenland. Traumland, wenn es ginge. Du siehst es von einem Kloster in Bulgarien aus, sagte M.D. zu mir.

Jetzt ging es plötzlich. Aber wir hatten keine Zeit nach 89. Erst Israel. Wieder Israel, wieder von Berlin aus gemischt Th. und B. Dann Arbeit mit Jungendlichen.Tirol. Braunau beim Transport der Rüstzeitutensielien extra ohne die Jugend. Ohne die Schüler. Erst einmal so. Dann mit Frau, auch Privat, wie Israel immer ausch ganz privat war, wogar sakral. Wegen Braunau in Oberöstereich. Noch viel anderes. Aber dann. Aber dann endlich 2012 im Neuen Jahrtausend. Schlichter Jahrhundert: Es braucht einen Philosophen, Michael, auf in den Athos. Das war wohl auch nicht Griechenland, aber die Rettung des Abendlandes, weil die Mönche geschickt waren im Verhandeln und es fertig brachten durch kluge Verträge, unantstabr zu bleiben. Ja, ja, die Osmanen. Weltreich. Athos durfte bleiben mit den klassischen Bibliotheken der heidnischen Vorfahren im Denken. Die Philosophen. Unglaublich. Durch die Orthodoxie. Merkt es Euch bitte in Eurem Kulturkampf, den Ihr gar nicht führt. So ehrlich seid Ihr, redlich? Ihr seid feige, weil Ihr wisst, dass Ihr nicht recht habt. Letzten Endes. Gott verlassen.

Ja nun war ich dort nach so vielen Jahren Freiheit. Im Ruhestand.

Weißt Du das noch?

Valentin

Berlin-Müggelheim 13.02.2025

Morgen ist Valentinstag und ich erinner mich dankbar an die Offen Kirche-Franziskanerkirche-Brüderkirche in Altenburg/ Thüringen. An einen 14. Februar im Jahr 2006: Ab 8.00 Uhr morgens geöffnet. Da kam das erste Paar und ließ sich segnen. Dann ging es weiter. Die Offene Kirche wurde an diesem Tag besonders gut angenommen als Hort der Liebe, wie sie von den Paaren verstanden wurde. Ältere Paare, schon länger oder sehr lange verheiratet, Jüngere. Liebespaare waren sie m. E. alle. Wer will das nicht sein. Sonst würden sie nicht kommen.

Sonst würden sie nicht kommen.

Es ist noch viel länger her…

Mein Vater war mit mir in einer Kirche. Ich war sicher greade in der Pubertät. Oder gerade noch darunter.

„Gott ist die Liebe.“ Es muss das Ergebnis gewesen sein eines guten Gespräches zwischen meinem Vater und mir. Es fällt mir immer mal wieder ein, wenn ich nicht weiter weiß in all den Konstruktionen und Himmelsstürmereien jedweder Natur und jedweden Charakters an allen Orten in unseren Zeiten.

In der Seelsorge. Für mich. Für andere: Gott ist die Liebe (Johannesbriefe). Und es fiel mir auch immer ein, wenn wir uns in unsren Arbeitsgruppen auf den Valentinstag vorbereitet haben, zusammen mit den Katholiken, zusammen mit Menschen, die guten Willens sind. Da haben wir nicht gemeckert über die böse Blumenindustrie, die ja nur verkaufen will. Oder gar über die bösen Amerikaner, die aus allem ein Geschäft machen. Nicht über die Hochzeitsmessen mit den schönen langen Brautkleidern in Weiss. Gutsitzenden Anzügen für die Herren der Schöpfung. Die Kritik haben wir anderen überlassen. Den Neid auch. Nein, wir haben uns gefreut, wenn sie einen Pfarrer/ eine Pfarrerin dazu eingeladen haben.

Nein, wir haben guten Wein für die Abende gekauft, Lisa hat sich da hervorgetan mit weltläufiger Erfahrung als Lehrerin in Dänemark. Und eine Gastwirtin und eine Schmuckhändlerin, die zu uns gestoßen waren und wunderbar einkaufen und kochen konnten, dass es bezahlbar blieb.

Auch für die Ärmsten an der Tafel.

Oder war gratis?

Ab 19.00 kamen die berufstätigen Paare und standen Schlange im Gang mit dem Roten Teppich vor dem Altar, vor dem nazarenischen Bild des heiligen Abendmahls (grauer Stein). Pfarrer Sorge hat den Segen gespendet. Ich habe vor der Segnung mit jedem Paar gesprochen und sie gefragt, ob wir beten wollen. Ja, sie wollten es sehr oft.

In der Schlange. Im Stehen.

Ich habe nie wieder das so erlebt wie an diesem einen Valentinstag, der mir so in Erinnerung ist, dass ich ihn hier beschreiben möchte.

Und danke Gott für den Segen, der von diesen Paaren ausging.

Weil es Abend war, haben wir im Kirch-Saal noch zusammen gesessen und der Abend klang aus . Durch unsere Lieder.

Es war nicht irgend ein Wein. Es war nicht irgend ein Brot. Es war das Agapemahl, welches uns zusammnen führte und stärkte für unser Leben. Als Mann und als Frau.

Für das Altenburger Wochenblatt, gegründet u.a. von Ingo Schulze in der Arbeitsgruppe MEDIEN, Brüderkirche zu Altenburg, nach den ersten Demonstrationen im Herbst 89 in der damaligen Kreisstadt Altenburg/Thüringen.

2006 in der Erscheinungs-Woche/Altenburger Wochenblatt vor dem 14. Februar:

„Herr, heilige die Ehen!“- aus dem Großen Fürbittgebet der Kirche

„Die letzten Sonntage habe ich Ihnen etwas erzählt über Clowns, die – wie sonst keine Berufsgruppe – deutlich machen können mit ihren Veranstaltungen,

Verrenkungen, graziösen Vorhaltungen, wohin der Weg eigentlich führen sollte, aber dann doch immer wieder woanders hinführt. Wie wir Menschen lernen müssen mit paradoxen, ja absurden Situationen umzugehen. Erinnern Sie sich an Wladimir und Estragon? Zwei Erfindungen eines irischen Dramatikers.Heute möchte ich Ihnen etwas erzählen von einem komischen Heiligen, der deutlich macht, wie paradox, ja närrisch wir leben müssen – immer im Spiegel dessen, was unsere Vernunft übersteigt : daß Gott Mensch geworden ist in Jesus Christus, daß wir durch sein Kreuz leben und durch sein Leiden auferstehen können zu erneuertem Leben, daß uns Glaubensbekenntnisse nicht einengen, sondern Freiheit schenken , daß Gott die Liebe ist und voller Gnade, trotz allem Elends.- Den Heiligen kennen Sie inzwischen alle und sie erraten auch schon, von welchem ich rede. Obwohl er von gestern ist und seine heidnische Patronin Juno, die römische Göttin der Ehe. Obwohl er ganz und gar politisch gegen die vom Staat festgelegten Zeremonien Liebespaare nach christlichem Ritus getraut hat und wegen dieses Ungehorsams für seinen Glauben im antiken Rom sterben mußte. Obwohl er dann im mittelalterlichen England, Frankreich, Belgien und später in Amerika zu neuen Ehren kam und schließlich- wie so Vieles – nach dem verlorenen 2. Weltkrieg – von dort nach Westdeutschland gekommen ist und nun auch zu uns. – Ob in England oder Frankreich – immer soll es der 14. Februar gewesen sein, an dem im Andenken an den christlichen Berater in Partnerschaftsfragen Valentin berühmte Liebespaare ihre Liebe erneuerten …Ein Schriftsteller soll plötzlich seiner Frau Liebesbriefe geschrieben haben….

Der 14.2. ist ein Gedenktag an einen Märtyrer, der aus der Seelsorge an Paaren heraus wusste, daß die menschliche Liebe in all ihre eigenen Widersprüchen verwickelt – trotzdem und gerade vielleicht deshalb- .die Liebe Gottes widerspiegelt und in Erinnerung ruft mit all dem, was wir unter Sexos (Sex), Eros (Erotik), Agape (Nächstenliebe) verstehen. – Neulich habe ich ein Gebet gehört: „ Danke, Gott, für all die glücklichen Augenblicke, die ich erleben durfte.“

Ich wünsche mir und Ihnen, daß wir auch so beten können. AMEN.„

1990 bis 2025

Friedliche Revolution ist Arbeit und Mut

„Die Zeiten, als sich Arbeitsgruppen bei uns in der Brüderkirche in Altenburg trafen, um einen gesellschaftlichen Neuanfang zu wagen, sind m. E. noch lange nicht vorbei. Nur die Menschen sind andere, die Namen – nicht alle – die Ziele sind dieselben geblieben: Erneuerung! Nur die Formen sind vielleicht anders geworden, der Inhalt ist geblieben: Sehnsucht nach einer heilen Welt in einer kaputten Welt. Damals bildeten sich Arbeitsgruppen während der Friedensgebete. Heute ist das auch noch so. Nur: das Friedensgebet ist unter dem Namen MITTAGSGEBET bekanntgeworden. Und die Arbeitsgruppe könnte man nennen: Communität für den Tag, eine Initiative von Senioren für unsere Stadt. Es lohnt sich zu erinnern, um festzustellen: die Formen ändern sich vielleicht, nicht die Inhalte. Jedenfalls nicht die, auf die es ankommt in einem fruchtbaren Leben. Vielleicht meinen das die Juden wenn sie sagen, ERINNERUNG IST ERLÖSUNG. – Wenn ich mir die alten biblischen Geschichten anschaue, merke ich immer wieder, daß es nicht so viel anders ist, als damals, heute! Und ich nehme mich auch nicht mehr so wichtig in meinem Fortschritt, weil ich merke, die Liebe, die Hoffnung, der Glaube waren damals das tragende Lebensmotiv und sind es heute. Damals gab es Liebeskummer, Tod und Sehnsucht nach Vollendung. Und heute auch. Das geht mir nicht nur so mit der Bibel, sondern auch, wenn ich mir eine ausgegrabene Stadt anschaue. Alles da, vielleicht keine Autos. Das war es aber auch schon. So mein Eindruck. Geschichte ist gesund, um seinen Größenwahn aufgeben zu können. Das alles meint das Wort ERINNERN. Ein Sonntag, geneigter Leser und geneigte Leserin, hat für mich deshalb einen besonders schönen Namen. Er heißt REMINISCERE! Er fällt in die Zeit der Leidenschaften, der Passion, der Buße, der Auferstehung. ERINNERE DICH! – Wer sich nicht erinnern will, hat keine Geschichte und damit auch keine Werte für sein Leben, die ihn tragen! Wer sich nicht erinnern kann (nach einem Unfall: unzählige z. T. gute Filme handeln davon), ist schwer geschädigt. Wer eine Zukunft haben will, muß sich erinnern wollen und Gott danken, daß er es kann. Sicher auch das Geheimnis von „DRESDEN“ oder „So weit die Füße tragen“, falls Sie diese Filme gesehen haben. Erinnerung ist ERLÖSUNG? Ja, wir dürfen sogar GOTT daran erinnern, daß er uns Zukunft versprochen hat. Auch das ist ein Teil unserer Gebete im Christlichen Glauben. Und nicht nur sonntags. Einen gesegneten Sonntag mit guten Erinnerungen und Sammeln von Kräften für den Alltag morgen und übermorgen für Sie!“

  • Ich habe mich entschlossen diese Kolumne aus meiner Thüringer Zeit in Altenburg in diesen BLOG zu stellen.

Vielleicht ist das hilfreich für alle, die verwirrt sind und nicht mehr wissen, wo es lang geht. Ja, am 3. Oktober d.J. gedenken wir vielleicht unter anderen Aspekten als z. B. zum 10. Jahrestag der DEUTSCHEN EINHEIT dieses im Grunde genommen ja sehr abstrakten Tages innerhalb der deutschen Geschichte. Ein bisschen wie die willkürliche Grenzziehung im Wüstensand 1949, als der Staat ISRAEL gegründet wurde. Vielleicht soll auf diese Weise von vornherein verhindert werden, dass die Emotionen hochkochen. Mehr als zu jedem Wahlkampf – oder doch gerade wie zu diesem Wahlkampf, wo man den Eindruck neuerdings hat: es ist immer auch Kultur, um die es geht. Und Kampf darum. Jeder hat eine andere Vorstellung davon.

Jedenfalls geht mir das nach jeder Presseschau so.

Wir haben die Altenburger Akademie-Offene Kirche am 17./18.Juni 1988 in der Brüderkriche zu Altenburg in Thüringen gegründet mit einer „etwas anderen Presseschau“ auf einem grauen Sack-Tuch, ausgebreitet und aufgehängt, dort wo jeder vorbeigehen musste n a c h einem Konzertbesuch – da kommen die meisten – n a c h einem Gottesdienstbesuch – da kommen in der Regel weniger. „Mit dem Rücken zum Altar, wenn die Sauerorgel aus dem Blickfeld geraten ist unter der Ost-Empore, gehst Du direkt auf die versenkbare Butzenglaswand zu, die die Taufhalle vom Rondell des Kirchenschiffes trennt“.

Dort genau hing sie, die etwas andere Presseschau. Das sprach sich herum. Der Zuständige für Kirchenfragen im Sozialismus des Kreises Altenburg tauchte sofort auf und interessierte sich. Die Akteneinsicht war nach 1989 möglich. Solches Echo hat uns immer wieder Mut gemacht und wir machten weiter mit Einladungen in den Kirchsaal, der zum Sprengel gehörte. Der erste Abend: „Weltanschauung“ – ein Dozent des Priesterseminars Erfurt.

Ja, tatsächlich: DARAN denke ich bei dem Begriff DEUTSCHE EINHEIT, ein Abstraktum aus der Politik des Kompromisses auf allen Ebenen. Eigentlich ja gut. Aber wen hat es erreicht im OSTEN?

Also bitte: Friedliche Revolution ist Arbeit und Mut. Und meine Freiheit wird begrenzt durch die Liebe zu meinem Nächsten und auch durch meine Sehnsucht nach dem Frieden. Und immer wieder neu infrage gestellt durch die Suche nach der Wahrheit, die uns ebenso ins Herz gegeben worden ist und in meinen Verstand. Von Gott – wie ich glauben möchte. Und von niemandem anders im Zeitalter der KI.

Deshalb dieses Bild, welches ich mir mitgenommen habe aus meiner letzten Dienstgemeinde an den östlichsten Rand von Berlin-Müggelheim. Es hängt dort, wo die Gebetsanliegen zu sehen sind. Menschen, die von uns gegangen sind. Auch und gerade viele Beter und Beterinnen. – Gott sei uns allen gnädig. AMEN. AMEN. AMEN. SCHALOM:

Hier die Buchauswahl, aus der die Zitate stammen:

Fjodor Dostojewski

Fjodor setzt sich zu mir ins Nachbarabteil und erzählt mir die Geschichte von den Unglücklichen. Von den Sündern und Heiligen. Er stellt sie mir vor: „Weißt du,da ist der Markt. Die buckligen Häuser ringsum. Die Läden, die aufgeklappt werden, sobald die Sonne aufgeht. Und da kommen sie, die Tagelöhner, die Tagediebe, die Betrunkenen am frühen Morgen, die nieschlafen können, weil sie ihr Gewissen plagt, die Weinenden, die ihre Familie nicht ernähren können, weil die Barmherzigkeit ausgestorben ist und die Gerechtigkeit Gottes auf sich warten lässt. Da ertönt ein Signal, alle wissen, er kommt persönlich. Der HERR.Das Warten hat sich gelohnt. Gestern kam niemand.Heute soll er wirklich kommen? Sie drängen sich, die Ausgemergelten, die Zerrütteten, die Greise, die Huren, die zu alt geworden sind, um sich zu verkaufen. Allerufen: „Herr, wir sind hier! Hilf uns!“ Aber der Herr verzieht. Scheinbar reitet er um die Stadt herum, um sich ein Bild zu machen, was die Wohlhabenden aus ihrer Stadt gemacht haben. Er gehört in gewisser Weiseja auch dazu.Jetzt kommt er wirklich ohne Signal. Reitet mitten auf den Markt und ruft: „Wer möchte in meinem Weinberg arbeiten?“ Alle sind erschrocken. Davon war nie die Rede. Arbeiten? Sie meinten, sie bekommen die Ration. Deswegen sind sie da. „Das muss eine Neuerung sein“, murmeln sie. Einige melden sich, aber nicht viele.Drei. Er nimmt sie mit. Er steigt ab von seinem Pferd und führt sie zur Stadt hinaus durch das südliche Tor zu den Bergen. Er hätte auch voraus reiten können, denn jeder wusste in dem Gebiet, wo der Weinberg des Herrn lag. Aber er ließ es sich nicht nehmen. Er hätte ja auch genauso gut einen Festangestellten, dem er einigermaßen vertraut, in die staubige Stadt schicken können. Brauchte er wirklich Arbeiter in seinem Weinberg?

Es waren auch wirklich Menschen auf dem Markt,die – wie Matrosen im Hafen – dort herumlungerten nach einer durch gezechten Nacht, um angeheuert zu werden. Aber Bettler auch, die sich nicht genügend bemüht hatten und auf Almosen hofften. Von den Dreien war ein Bettler, der es sich abgewöhnen wollte, als Lohnsklave zur Verfügung zu stehen. Aber irgend etwas an diesem Morgen, als die Sonne im Osten empor stieg, erinnerte ihn an ein Lied seiner Kindheit, welches seine Mutter sang, wenn sie zur Arbeit ging.“

Hier brach der Erzähler ab und schaute versonnen auf die vorbeifliegende Landschaft. Er ließ den Zuhörer allein im Abteil und verschwand. – Wohin? Ich weiß es nicht. Ins MITROPA-Abteil. Toilette. Gang. Fenster runter und Wind und den Fahrtwind ins Gesicht, weil es so schwül ist im Abteil, geht nicht! – Es ist ein INTERCITY. Viel zu schnell.

Das war damals, wenn wir von Ort zu Ort gefahren sind und unsere Freiheitdumpf war, in der wir lebten und voller Freude einem Ziel entgegen fuhren auf der Scheibe, die wir Erde nannten. Und unser Land, DDR. Zigaretten. Ach ja Zigaretten. Verqualmt alles. Tief eingezogen die Luft, die entgegen blies. Fenster ‚runter! Jetzt alles rauchfrei.

Du musst nicht zum Fenster stürzen.

Meistens klemmt es.

SONNTAG heißt Auferstehung. Auferstehung heißt WOSKRESSENIE

Wo ist Fjodor, der Erzähler? Er ist ausgestiegen.Es ist Sonntag. Er wollte plötzlich nicht weiter eine Geschichte erzählen, die jeder kennt, der es mit der göttlichen Gerechtigkeit, mit der Gnade undBarmherzigkeit zu tun bekommen hat. Wie er. Er war darauf angewiesen zu hören. Er hatte Glück, dass der Zug nicht durchgefahren ist und angehalten hat zwischen dem Westerwald und Hamburg, wo die großen Schiffe anlegen. Auch die nach Übersee. Er hatte Glück, dass der Bahnhof eine Bahnhofsmission hatte und einen Saal in der Nähe, wo die Heilsarmee zu Hause war und die Evangelien predigte. Der Gottesdienst hatte bereits begonnen, der Prediger hatte die Bibel aufgeschlagen und war in die Kanzel getreten:„Liebe Gemeinde, wir haben uns heute hier versammelt zum Sonntag Sechzig Tage vor Ostern. Das heißt auf lateinisch SEXAGESIMAE. Dieser Sonntag – wie schon der vorherige – kündigen einen Perspektivwechsel an, den wir alle dringend benötigen. Die Richtung heißt OSTERN. Ostern, das bewegliche Fest. Das in seinem Zeitpunkt sich nach der Stellung des Mondes zur Sonne richtet.- Liebe Brüder und Schwestern, wir haben uns heute hier versammelt, weil Sonntag auf russisch WOSKRESSENIJE heißt, zurückübersetzt ins Deutsche: AUFERSTEHUNG. JEDER SONNTAG

HEISST AUFERSTEHUNG.

Sie haben das Gleichnis vom vierfachen Acker gehört und jeder von uns fragt sich, wer bin ich? Bin ich der Weg? Sind wir die Dornen? Wer ist der Fels? Und wer das gute Land. Wir wollen alle das gute Land sein, das Frucht bringt. Oder etwa nicht? Aber alle denken an die Sorgen. Die Großen und die Kleinen. Lasst uns Gott bitten, dass die Sorgen nicht unseren Glauben ersticken und dass die Begeisterung für das Gute anhält und der Regen nicht alles, waswir gehört haben wegspült. AMEN.“

Eine sehr kurze Heilsarmeepredigt. dachte F. … Aber okay. Es wurde noch ein Lied gesungen und dann löste sich die Versammlung auf. Ah – die russischenChöre! Wo sind sie? Sonntag. AUFERSTEHUNG? Der Westen ist so kurz angebunden. Na ja….Er nahm sich ein Hotelzimmer in der Nähe des Bahnhofes.

Was soll nun aus Anne werden?

Ganz einfach. Sie geht auf ein Schiff. Im Hafen liegen welche. Genügend Große und Kleinere. Sie muss mit den Leuten ins Gespräch kommen, damit sie mitgenommen wird als ermäßigt. So viel Geld hat sie nicht mit bekommen von zu Hause. Sie wird sich in eine Kneipe setzen. In so eine Hafenkneipe in Hamburg und sehen, was sich machen lässt.

Es lässt sich eigentlich gar nichts machen.

Die romantischen Zeiten sind vorbei. Also nimmt sie ihr Handy und ruft bei der nächstbesten Reederei an, um zu erfahren wie das heute so geht. Vorschläge. Angepasst ihren finanziellen Eckwerten. Ihrem Chip. Sie sagen ihr, ab wann sie sich einzufinden hätte in einem Reisebüro der und der Reederei. Unterkategorie der Großen Reederei. Der Übergeordneten. – Nächste Woche. So schnell geht es nicht. Aber nächste Woche gibt es die Möglichkeit mit einem Schiff nach Amerika zu kommen. Auf einem Tanker oder Containerschiff als Mamsell, die den Matrosen das Essen ausgibt in der Kombüse. Wenn sie es so macht, muss sie gar nichts bezahlen. Im Gegenteil, sie bekommt etwas für Amerika. Sie verdingt sich. Sie hat Zeit. Viel Zeit. Sie wird erst nach Weihnachten, im Frühjahr anfangen, Germanistik in Amerika zu studieren. Wenn sie es schafft, alte Verbindungen wieder aufzunehmen.

Gut, dass sie ein Handy hat. Sie wird immer das Gefühl haben, in der großen weiten Welt zu Hause zu sein. Zumindest nicht unterzugehen. Bildlich gesprochen. Gut, dass die Finnen das Handy erfunden haben, als die Sowjets keine Gummistiefel mehr brauchten in ihren Kolchosen. Gut für die Finnen. Gut für die Russen? Gut für alle anderen in der globalisierten Welt nach dem Fall der Mauer in Berlin und dem Schleifen der Zäune in Ungarn und überall…Der zivile Krieg. Der Kalte ist vorüber. Jeder gegen jeden. Der Globus quietscht und eiert. Das Gerede vom Globus und vom Globalisieren und EINE WELT.

Na ja.-Die Großmutter hat auch ein Handy. Ihre Freundin auch in Hamburg.„Hallo Großmutter, wie geht es dir?“„Bestens, mein Kind!“ – Pause.„Und dir?“ – Pause. Lange Pause.„Ich hatte interessante Zugbekanntschaften. Einen Zugbegleiter, der Geschichten erzählte. Sehr eigentümliche Geschichten. Von einem Weinberg und den Arbeitern dort im Süden, am Mittelmeer.“„Die biblische Geschichte vom Weinberg?“„Ja, genau die.- Er hat es auch nicht verschwiegen.“„Heutzutage ist ja wieder alles möglich. Vielleicht liegt das an den Türken. Die zeigen ja auch, was sie glauben. Und die Amerikaner, mein Kind, sollen auch so sein. Es bleibt ihnen ja auch gar nichts anderes übrig, mein Kind, wenn sie so viele Nationen bei sich aufnehmen mit und jeder einen anderen Glauben hat als der andere.“

Lange Pause.-„Nicht etwa keinen, wie bei uns.“

Lange Pause.-„Aber er ist nicht aufdringlich geworden oder so etwas in der Art. Es war ein sehr angenehmer Mann. Wie in den alten Büchern, die du in der zweiten Reihe zu stehen hast.“-„Was hast du denn noch erlebt?“ „Ich fahre erst in einer Woche übers Meer nach Amerika.“ „Aha!“ „Ja, ich kann bei einer Freundin übernachten und schau mich noch in Hamburg um.“ „Na, gut.”

“Ich melde mich wieder.“

Anne stand auf der Brücke in Hamburg, auf der sich sonst Liebespaare treffen. Ob sie Schlösser für ihre ewige Treue anschließen wie anderswo, wusste sie nicht. Aber sie hat davon gelesen, von einer Brücke in Köln. Brücken gibt es viele auf der Welt und noch mehr Treffpunkte für Liebespaare. Berühmte und weniger berühmte. Brücken über das Wasser. Manchmal über sehr großes Wasser wie in Holland. Über sehr klares Wasser und sehr schwarze Strudel! Über reißende Flüsse und Abgründe in fernen Ländern, über Gleiskörper der Deutschen Bahn und anderer Bahnen auf der Welt. Früher hießen sie im Osten Deutschlands Reichsbahnbrücken, in der DDR. Und auch im 3. Reich und vorher.

Auf Leben oder Tod wie in den Sonetten.Wie zwischen Potsdam und Westberlin –

Glienicke. Agenten werden ausgetauscht. Kameras sind nicht erwünscht. Check Point – Charlie – nein das ist keine Brücke, sondern ein Übergang. Manchmal ist auch eine Brücke ein Übergang. Ein Punkt. Ein Wendepunkt? Nein. – Doch. Es ist ein Nadelöhr. Wo kein Kamel durchkommt in Jerusalem und anderswo.Das Wasser ist viel zu tief. Wenn jemand die Nordsee als Brücke verstehen wollte. Sie ist es, ja! Zwischen den Völkern, weil die Menschen Schiffe gebaut haben. Den Wind ausgenutzt. Die Ebbe berechnet und die Flut. Und alle Faktoren zusammen gerechnet…..Na, bitte! Wind, Segel, das weite Meer und das Land dort drüben. Ja, aber wenn du meinst: Die Ostsee! Was ist das schon! Ein Binnenmeer. Keine Ebbe, keine Flut. Und du hast kein Segelschiff, wo du den Wind nutzen kannst und die Flut. Und auch keinen Motor, weil der gehört wird, sondern nur ein Schlauchboot. Das geht noch? Vielleicht.

Oder nur deinen Übermut.

Die schreckliche Selbstüberschätzung.

Das nackte Leben.

Jetzt unter den Scheinwerfern durch.

Glück gehabt.

DIE SUCHSCHEINWERFER.

JA, DIE SUCHSCHEINWERFER

DER NATIONALEN VOLKSARMEE, die uns bewachen.

Niemandsland.- Endlich Fischer aus Dänemark, die nicht schlafen am Morgen, sondern dich sehen, wie du kämpfst mit letzter Kraft, um in die Freiheit zu gelangen. Grenzerfahrung, Gotteserfahrung. Todesangst.

Ja, Freiheit.

Aus ACH DOSTOJEWSKI (Haag und Herchen)

Das Buch beinhaltet fingierte Gespräche mit Dostojewski, einen gemeinsamen Theaterbesuch. Die Erfindung einer Geschichte für die 3. Generation, die auf einem Segelschulschiff vor Irland stoppt und dann weiter geführt wird in dem Roman AMERICA (epubli) und DER GRÜNE SALON (epubli) und noch andauert als DANACH (in Arbeit).

Die zitierten Gleichnisse: Matthäus 20 1-16, Matthäus 13 1-9.

Gebet: Herr schenke uns die Geduld, die wir brauchen, damit wir die Wunder Deiner Werke begreifen können und so Deine Geburt, Dein Kreuz und Deine Auferstehung feiern können in den schönen Gottesdiensten des HERRN.

„Meinen Frieden gebe ich Euch“, hast Du gesagt. Gib, dass wir ihn benutzen zum Wohl unserer Nachbarn, in unseren Familien, dort, wo du uns hingestellt hast. In Arbeit und Beruf. In allen unseren Mühen in dieser Zeit. AMEN