Stephan Behr, erfolgreicher Unternehmer und Christ. Der leidenschaftliche Manager kann mit seiner „pastoralen“ Art vermitteln und geschäftliche Auseinandersetzungen klären. Der Quarzglas-Hersteller „QSIL“ ist unter seiner Führung zum Weltmarktführer geworden.

(Hochgeladen über Online-Redaktion GLAUBE UND HEIMAT -Premium- von Michael Wohlfarth, Pfr.i.R. Berlin)

IT Spezialist: Wer im Internet nach Stephan Behr sucht, hat es schwer. Der Computer-Fachmann ist nahezu unsichtbar im weltweiten Web. Darauf ist er ein bisschen stolz. Willi Wild hat den Unternehmer „in echt“ getroffen und mit ihm über Bibel, Business und Bekenntnis gesprochen.

Sie kommen aus einem Pfarrhaus, aber Theologie zu studieren war nicht in Ihrem Fokus. Warum?
Stephan Behr: Meine Geschwister und ich sind damals in Zeulenroda gehänselt worden. Da hieß es: „Ihr glaubt an Gott? Juri Gagarin war im All und hat ihn nicht gesehen.“
Ich wollte eher in die Medizin gehen. Mit weißem Kittel und Stethoskop begegnen mir die Menschen mit Respekt, dachte ich. Dazu brauchte ich aber Abitur. In der Schulklasse waren wir zu zweit, die nicht bei den Pionieren waren und die nicht zur Jugendweihe gingen. Das waren schon einmal schlechte Voraussetzungen. Bei der Auswahl für die erweiterte Oberschule, also das Gymnasium der DDR, hieß es dann, dass ich das falsche Elternhaus habe. Der Kreisschulrat meinte: „Bei uns gehen Pfarrerskinder in den Schweinestall.“
Ich habe dann Berufsausbildung mit Abitur gewählt, das ging. Ich hatte eine Affinität zu Elektronik. In der 10. Klasse bin ich dann allerdings schwer erkrankt. Ich musste die 10. Klasse noch einmal machen, und dann bekam ich glücklicherweise durch die Hilfe meines Vaters einen Ausbildungsplatz in Hermsdorf.

„Bei uns gehen Pfarrerskinder in den Schweinestall“

Am ersten Tag in der Berufsschule kam gleich die Frage, was der Vater von Beruf sei. In der Klasse gab es mit mir drei Pfarrerssöhne. Wir waren von Anfang an stigmatisiert. Der Lehrer, ein ehemaliger Polizei-Offizier, meinte: „Das kann ja was werden.“ Und wieder kam ein neuer Lackmustest für die Treue zur DDR: Die Voraussetzung, um vorbildliches Kollektiv im sozialistischen Wettbewerb zu werden – immerhin gab es für die Auszeichnung 100 Mark –, war, dass alle in der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF) sind. Ich war der Einzige, der nicht dabei wahr. „Wegen dir fehlen uns jetzt 100 Mark“, sagten meine Klassenkameraden. Da habe ich mich dann schließlich dazu überreden lassen, die zwanzig Pfennig monatlichen Mitgliedsbeitrag zu bezahlen. Alle paar Jahre fielen den Obristen neue Tests ein. Wie heute.

Haben Sie die Entscheidung bereut?
Na ja, ich will es mal so sagen: Es stört mich bis heute, wenn Menschen zu etwas verpflichtet werden, nur um dazuzugehören. Ich habe mein halbes Leben lang erfahren, dass ich immer wieder genötigt werden sollte, ein Treuebekenntnis abzulegen. Zum Teil erlebe ich das heute wieder in der Gesellschaft und auch in der Kirche, mit einem gewissen Absolutheitsanspruch, „wenn du nicht dafür bis, bist du gegen uns“.

Wie ging Ihr Lebensweg nach der Ausbildung zum Elektrotechniker weiter?
Für das Medizinstudium fehlte mir Biologie im Abitur, und so habe ich Ingenieurwesen studiert, biomedizinische und technische Kybernetik.

Kybernetik habe ich im Zusammenhang mit Kirchen- bzw. Gemeindeleitung schon mal gehört. Aber das war es sicher nicht?
Kybernos, das ist die Steuermannskunst. Kybernetik ist die Wissenschaft des Steuerns. Ein einfaches Beispiel: Was gehört dazu, dass ein Flugzeug in der Luft bleibt? Oder was braucht es, damit der Wasserdruck immer gleich hoch bleibt? Das hat alles mit Steuerung und Regelung zu tun.

Wie haben Sie die sogenannte Wende erlebt? Wie ging es für Sie weiter?
Ich habe im November 1989 einen Artikel über den Personenkult um den rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu in der Zeitung „Das Volk“ geschrieben. Anschließend bekam ich eine Vorladung zur Kriminalpolizei. Die Polizei zeigte mir einen Brief: das Todesurteil der rumänischen Securitate gegen mich. Darin stand: „Wegen Beleidigung des hochgeehrten und geliebten Führers, des Genossen Nicolae Ceausescu, wird Herr Stephan Behr zum Tode verurteilt.“ Den Satz vergisst man nicht. Da bin ich gewaltig erschrocken. Dieses Schreiben führte dann letztendlich dazu, dass ich mich doch nicht so stark im Neuen Forum engagierte, wie ich das eigentlich wollte. Ich hatte schlichtweg Angst um mein Leben.
Als dann die DDR-Wirtschaft innerhalb von wenigen Monaten zusammenbrach, habe ich mich mit einem Kommilitonen auf das Wagnis eingelassen und mich selbstständig gemacht. Wir wussten zwar gar nicht, wie das geht, aber die Alternative, im Westen als Ingenieure zu arbeiten, war für uns mindestens genauso abenteuerlich.

In welcher Richtung haben Sie den Weg in die Selbstständigkeit eingeschlagen?
Wir kannten nur Computer und wollten im IT-Bereich tätig werden. Wir haben dann angefangen, unsere ersten Computer zu schrauben, Software zu entwickeln und versucht, das zu verkaufen. Wir wussten nichts von Mehrwertsteuer oder Sozialversicherungsbeiträgen. Da haben wir am Anfang tüchtig Lehrgeld bezahlt.

Das klingt heute wie die Geschichte eines Garagen-Start-ups aus dem Silicon Valley in den USA.
Genauso war das. Wir haben zu zweit die Firma am 28. Februar 1990 gegründet, und sie besteht bis heute. Die Firma Ibykus hat mittlerweile 300 Mitarbeiter und macht im Jahr 50 Millionen Euro Umsatz. Am Anfang hießen wir noch ICE, aber dann kam die Bahn und hat uns überrollt. Da habe ich Ibykus gewählt: „Zum Kampf der Wagen und Gesänge, / der auf Corinthus Landesenge / der Griechen Stämme froh vereint, / zog Ibycus, der Götterfreund.“ (F. Schiller, Ballade „Die Kraniche des Ibycus“, Anm. d. Red.). Das Management dieser Software-Firma habe ich im Jahr 2000 verlassen, bin jedoch bis heute einer der Hauptgesellschafter.

Hatten Sie da das „Heu“ drin? Konnten Sie sich, mit Anfang 40, schon zur Ruhe setzen?
Ich arbeite nicht wegen des Geldes, ich bin leidenschaftlicher Manager und Unternehmer. Müßiggang würde mich krank machen. Mich sprach dann jemand an, ob ich nicht in einer Auseinandersetzung zwischen Gesellschaftern in einem Unternehmen mit meiner „pastoralen“ Art vermitteln könnte. Und so kam ich in Kontakt mit einer Firma in Ilmenau, die Quarzglas herstellt. Das wird beispielsweise bei Halogen-Scheinwerfern eingesetzt.
Diese Firma ist ein Werkstoffspezialist und hat ein Alleinstellungsmerkmal. Das ist weltweit einmalig. Nachdem der Konflikt in fünf Jahren gelöst war, bin ich dort eingestiegen. Damals lag die Firma bei sechs Millionen Euro Umsatz. Heute sind es über 200 Millionen Euro. „QSIL“ gehört mittlerweile zu den Top 5 der unabhängigen Thüringer Unternehmen. Fünf Werke existieren in Thüringen mit 850 Mitarbeitern, 150 Arbeitsplätze in den Niederlanden, 200 Arbeitsplätze in Großbritannien.

Da ist ein gutes Händchen in Sachen Mitarbeiterführung gefragt.
Allerdings. Ich bin keiner der Unternehmer, die auf einem hohen Ross sitzen. Ich spreche viel mit Menschen und nehme Anteil an ihrer Arbeit und ihrem Leben. Wenn mir ein Mitarbeiter an der Drehmaschine von seinen Sorgen und Nöten erzählt, dann stelle ich häufig fest, welche Kluft zwischen der arbeitenden Bevölkerung, die die Werte schafft, und dem Mainstream-Denken vorhanden ist.

Wie sieht Ihr ethischer Kompass aus? Welche Werte sind Ihnen wichtig?
Mein Kompass ist der Bibel entlehnt und hat einen biografischen Hintergrund: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“ (Römer 1,16). Ich stelle heute nach 66 Jahren fest, dass mich diese Kraft in all der Zeit begleitet hat.

KI ist ein großes Thema. Da müssen auch ethisch-moralische Entscheidungen getroffen werden. Wie stehen Sie dazu?
Eins sollten wir dabei beachten: KI kann kein menschliches Gehirn und schon gar nicht die menschliche Seele ersetzen. Der Computer hat keine Seele. Es gibt Entscheidungen, die nicht mit richtig oder falsch entschieden werden können. KI ist eine Hilfestellung, weil hier sehr schnell sehr viele Informationen verarbeitet werden können. Wir haben das doch heute schon im Flugzeug-Cockpit. Die Piloten müssen sich darauf verlassen können, was der Autopilot vorgibt. Aber das schließt die menschliche Komponente nicht aus.

„Wenn sich die Kirche voll und ganz auf ihren ›Markenkern‹, das Evangelium, konzentriert, dann hat die Kirche Zukunft“

Sie haben die Entwicklung Ihrer Unternehmen geschildert. In der Kirche geht es gerade in die andere Richtung. Haben Sie als Manager eine Empfehlung?
Ich denke, das ist ganz einfach: Wenn sich die Kirche voll und ganz auf ihren „Markenkern“, das Evangelium, konzentriert, auf die Verkündigung des Wortes Gottes, und nicht einer „woken“ Kultur hinterherrennt, dann hat die Kirche Zukunft. Das Wort Gottes ist so kostbar und seit 3000 Jahren überliefert, da sollte man nicht daran rumbasteln, bis es einem passt.

Ist der Zeitgeist schuld am Mitgliederschwund?
Ja, das glaube ich. Ich vermisse oft die Authentizität. Auf der Kanzel sollte mit ganzem Herzen das Evangelium von Jesus Christus verkündigt werden und keine Ideologie. Wenn es aber heißt, Gott wäre „queer“, dann halte ich das für Häresie. Und das sollte man auch sagen dürfen. Wo bleibt da die Ehrfurcht und der Respekt vor dem heiligen Gott, der von uns Menschen eben in keine Schublade zu stecken ist?
Nicht, dass ich hier missverstanden werde: Ich bin nicht gegen Veränderungen und neue Gedanken. Als junger Mensch wollte ich auch die Welt aus den Angeln heben. Aber es sollte abgewogen werden, was zu bewahren ist, und was in der heutigen Zeit neu gedacht werden muss.

Sie sind seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Kirche engagiert. Warum?
Weil mir das wichtig ist. Ich habe viele Erfahrungen in und mit der Kirche gemacht und ich möchte auch ein Stück davon weitergeben und mich für die Kirche mit meinem Glauben einsetzen.

Sie waren Gemeindekirchenrat, spielen im Posaunenchor und engagieren sich im Beirat der Deutschen Bibelgesellschaft. Was können Sie dort mit Ihren Fähigkeiten bewirken?
Ich wurde gebeten, mich mit meiner unternehmerischen Expertise dort einzubringen. Dabei geht es darum, Medium und Inhalt unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten so aufzustellen, dass viele Menschen erreicht werden können. Ich kann mitwirken bei der Verbreitung der besten Botschaft der Welt. Das ist doch eine schöne Aufgabe. – Ende des Interviews

Noch ein paar Bilder von unserer Rundreise Berlin, Bebra in Hessen, Heidelberg, Obertheisen nahe Salzburg.

Metanoia, Charis, Kairos d.i.:Umkehr, Gnadengabe/Freude,“Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“- die Übersetzung Michael Gorbatschows für den neutestamentlichen Begriff KAIROS.

Gefunden an der Außenwand einer Kirche im Berchtegadener Land – erschreckend aktuell in der Zeitenwende, jedenfalls für uns aus dem Osten Berlins unweit zu Polen. Meine Frau musste das fotografieren bei einer ihrer Spaziergänge durch das oberbayerische Oberetheisendorf. Vom Neuhauser Hof aus (an der Landstraße nach Salzburg).

Interview mit Stephan Beer ist Chefredakteur Willi Wild /Wochenzeitung der Mitteldeutschen Evangelischen Kirche „Glaube und Heimat“,
Weimar, Magdeburg/ SOMMER – INTERVIEW
Margard Wohlfarth: Fotografien 2023/7, Kerstin Hoppe: Altenburger Akademie, Grafik 1988/7

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3 Kommentare

Alexander v.Medem aus Weimar

am 10.08.2023 um 19:03

Danke für die Vorstellung eines so großartigen Christen.  Mehr von solchen…

Veröffentlicht von famwohlfarthtonlinede

Jahrgang 44 Lieblingsbeschäftigung:Schreiben und Predigen.Sehnsuchtsort Ostsee. Wohnort Berlin, Heimat Thüringen. Wenn Du mir schreiben willst, bitte über michael.wohlfarth@t-online.de; https://kaparkona.blog; michael-wohlfarth.jimdo.com; michaelwohlfarth.wordpress.com

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