1
Anne dachte nicht an den Unfall hinter der Biege,
sondern an Amerika.
Als sie umstieg in den Zug nach Hamburg, war es
bereits gegen Mittag und die Herbstsonne meinte es
gut mit dem Vergolden der Blätter. Und dem Lächeln
der Menschen war sie förderlich, als sie den Park nutzten
und die Wirte noch einmal draußen deckten.
Und im Zug nach Norden wieder dein blasses Gesicht
DOSTOJEWSKI.
Endlich taucht es auf, damit die
Versöhnung ihren Lauf nimmt und nicht nur das.
Nur wir sehen es, wenn wir es erzählen, diese deutschen
Geschichten aus der Gegenwart und Zukunft. Wiedergeben
diesen Film.
Hohe Stirn. Blass. Tiefliegende Augen. Hinter Glas gemalt.
Aquarell. Die Bäume fliegen vorüber. Die Dörfer.
Die Häuser. Bilderbuchlandschaft in Deutschland.
Warum will jemand nicht hier bleiben.
Warum nicht diese Heimat lieben. Warum fahren Züge
mit den Flüchtenden. Warum fliehen sie?
Anne weiß, warum sie nach Amerika geht. Sie hat ein
Angebot bekommen, dort zu studieren. Das möchte sie
wahrnehmen.
Sie haßt nicht ihr Land. Sie hält keine Plakate hoch, auf
denen zu lesen ist „Nie wieder Deutschland! “Sie möchte
ganz einfach ihre Chance suchen in dem großen Land der
unbegrenzten Möglichkeiten. Sie möchte dort reisen. Die
berühmten Routen.
Sie ist sehr gespannt und freut sich auf die lange Reise mit
dem Schiff, dass sie buchen konnte, weil ihre Großmutter
ihr geholfen hat, einen solchen Schiffsplatz bezahlen zu
können.
Sie wird kaum wieder so schnell Eisenbahn fahren, wie
jetzt vom Westerwald nach Hamburg, weil die
Pullmannwagen vielleicht nicht mehr die Bedeutung
haben wie in amerikanischen Kurzgeschichten.
Aber hier ist der Schatten der Vergangenheit präsent.
2
Fjodor setzt sich zu ihr und beginnt zu erzählen
die Geschichte von den Unglücklichen. Von den
Sündern und Heiligen.
Er stellt sich vor.
Wie aus heiterem Himmel fängt er an zu erzählen, was ihn bewegt.
Vielleicht weil Sonntag ist. WOSKRESSENIE.
Es ist eine biblische Geschichte.
Ein Gleichnis. Viele kennen es: Das Gleichnis von der Gerechtigkeit Gottes.
“Weißt du, da ist der Markt. Die buckligen Häuser ringsum. Die
Läden, die aufgeklappt werden, sobald die Sonne aufgeht.
Und da kommen sie, die Tagelöhner, die Tagediebe, die
Betrunkenen am frühen Morgen, die nie schlafen können,
weil sie ihr Gewissen plagt. Die Weinenden,
die ihre Familie nicht ernähren können, weil die Barmherzigkeit ausgestorben ist und die Gerechtigkeit Gottes auf sich warten lässt. Da ertönt ein Signal und alle wissen, er kommt persönlich. Der HERR. Das Warten hat sich gelohnt. Gestern kam niemand.
Heute soll er wirklich kommen? Sie drängen sich, die
Ausgemergelten, die Zerrütteten, die Greise, die Huren,
die zu alt geworden sind, um sich zu verkaufen. Alle rufen:
“Herr, wir sind hier! Hilf uns!“ – Aber der Herr verzieht.
Scheinbar reitet er um die Stadt herum, um sich ein Bild zu machen, was
die Wohlhabenden aus ihrer Stadt gemacht haben. Er gehört in gewisser Weise ja auch dazu. Jetzt kommt er wirklich ohne Signal. Reitet mitten auf
den Markt und ruft: “Wer möchte in meinem Weinberg
arbeiten?“ Alle sind erschrocken. Davon war nie die Rede.
Arbeiten? Sie meinten, sie bekommen die Ration. Deswegen sind sie da.
„Das muß eine Neuerung sein, “murmelten sie. Einige
melden sich doch, nicht viele. Drei. Er nimmt sie mit.
Er steigt ab von seinem Pferd und führt sie zur Stadt
hinaus durch das südliche Tor zu den Bergen.
Er hätte auch vorausreiten können, denn jeder wusste in
dem Gebiet, wo der Weinberg des Herrn lag. Aber er ließ
es sich nicht nehmen. Er hätte ja auch genauso gut einen
Fest – Angestellten, dem er einigermaßen vertraut, in die
staubige Stadt schicken können. Brauchte er wirklich
Arbeiter in seinem Weinberg?
Es waren ja wirklich immer Menschen auf dem Markt,
die dort herumlungerten wie nach einer durchzechten Nacht, um angeheuert zu werden.
Bettler auch, die auf Almosen hofften. Von den Dreien war einer ein
Bettler. Irgend etwas an diesem Morgen, als die Sonne im
Osten empor stieg, erinnerte ihn an ein Lied seiner
Kindheit, welches seine Mutter sang, wenn sie zur Arbeit
ging.“
3
Hier brach der Erzähler ab und schaute versonnen auf die
vorbei fliegende Landschaft. Er ließ die Zuhörerin allein im Abteil
und verschwand.
Wohin.
Ich weiß es nicht.
Ins MITROPAABTEIL? Toilette. Gang. Fenster runter und Wind, Fahrtenwind im Gesicht, weil es so schwül ist im Abteil.Fenster geht nicht herunter zu ziehen. Es ist ein INTERCITY. Viel zu schnell.
Das war damals, wenn wir von Ort zu Ort gefahren sind und unsere Freiheit dumpf war, in der wir lebten und voller Freude einem Ziel entgegenfuhren auf der Scheibe, die wir Erde nannten. Und unser Land, DDR. Zigaretten. Ach ja, Zigaretten. Verqualmt alles. Tief eingezogen die Luft, die einem entgegen blies. Fenster runter! Jetzt alles rauchfrei. Fjodor, du musst nicht zum Fenster stürzen. Meistens klemmte es übrigens. –
4
Wo ist Fjodor?
Nein, er ist nicht zum Fenster gegangen, um frische Luft zu schöpfen in einem verräucherten Abteil. Er ist ausgestiegen. Er war darauf angewiesen zu sehen und zu hören.
Es war Sonntag.
Er hatte Glück. Der Zug ist nicht durchgefahren und
machte Station zwischen dem Westerwald und Hamburg,
wo die großen Schiffe anlegen. Auch die von Übersee.
Er hatte Glück, dass der Bahnhof eine Bahnhofsmission
hatte und einen Saal in der Nähe, wo die Heilsarmee zu
Hause war und die Evangelien predigte. Der Gottesdienst
hatte bereits begonnen – der Prediger bereits die Bibel
aufgeschlagen und in die Kanzel getreten.
Es waren eigenartige Gestalten in dem Saal.
Ähnlich wie in der nicht zu Ende erzählten Geschichte, würde ein DDR-Pfarrer denken: Volksmission in Sachsen, in der alten Textilmetropole Crimmitschau. In DDR-Zeiten. Ich weiß nicht wie es heute dort aussieht. Der Glamour des Westens wird sie auch erreicht haben, diese Stadt, in der der erste moderne Textilarbeiterstreik organisiert wurde um die vorvorige Jahrhundertwende.
„Liebe Gemeinde,
wir haben uns heute hier versammelt zum Sonntag
Sechzig Tage vor Ostern, lateinisch Sexagesimä.
Dieser Sonntag – wie schon der vorherige – kündigt
einen Perspektivwechsel an, den wir alle dringend
benötigen.
Die Perspektive heißt Ostern. Ostern, das bewegliche Fest.
Das in seinem Zeitpunkt sich nach der Stellung des
Mondes zur Sonne richtet.
Liebe Brüder und Schwestern,
wir haben uns heute hier versammelt, weil Sonntag ist, auf
russisch Woskresenie. Zurückübersetzt ins Deutsche
AUFERSTEHUNG. JEDER SONNTAG HEISST AUFERSTEHUNG.
Sie haben das Gleichnis vom vierfachen Acker gehört und nur ein Viertel des Samens fällt in den Schoss der Erde und bringt Frucht.
Jeder von uns fragt sich, wer bin ich.
Bin ich der Weg? Sind wir die Dornen? Wer ist der Fels?
Und wer das gute Land. Wir wollen alle das gute Land sein,
dass Frucht bringt. Oder etwa nicht. Aber alle denken an
die Sorgen. Die Dornen des Lebens.
Die Großen und die Kleinen. Laßt uns Gott bitten, dass
die Sorgen nicht unseren Glauben ersticken, das unser Glauben auf den breiten Straßen dieser Welt nicht zertreten wird, die
Begeisterung für das Gute anhält und der Regen nicht
alles, was wir gehört haben wegspült. AMEN.“
5
Eine sehr kurze Heilsarmeepredigt. Dachte F. Aber okay.
Es wurde noch ein Lied gesungen und dann löste sich die
Versammlung auf.
Ah- die russischen Chöre. Wo sind sie.
Sonntag.
Auferstehung?
Der Westen ist so kurz angebunden.
Na, ja. Er nahm sich ein Hotelzimmer in der Nähe des Bahnhofs.
Aus: hereinspaziert – die sonderbaren welten des herrn panther epubli.de 2016 Berlin michael wohlfarth Kalendergeschichten und Anne im Zug. Das sind Reisegeschichten. Ja, doch auch, wenn Du zu HAUSE bleibst in diesem typisch deutschen Sommer. Warm, heiß, Dusche, Regen, Donner, Blitz. Die Pflanzen sind dankbar. Die Wiesen sind grün. Seid DANKBAR, dasse kein Dürresommer ist. Bittet für die, die unter Überschwemmungen leiden, oder unter einer Dürre, so wie sie in der Bibel beschrieben werden.

Die Geschichte von Anne im Zusammenhang könnt Ihr lesen in „Ach, Dostojewski“.

Zum heutigen Datum Sonntag d.4.August 2024, 10. Sonntag in der Trinitatiszeit: Und vergesst nicht: heute ist ISRAELSONNTAG und gestern? – gestern war Schabbat, die Juden warten auf den Messias und lassen die Türe nur angelehnt, dass er eintreten kann. Wenn sie feiern und eine Kerze anzünden. Seht Euch unbedingt den Ostseefilm an: Die Herrlichkeit des Lebens. Ich kenne keinen Besseren. Googelt!
KOMM HERR JESUS, SEI DU UNSER GAST UND SEGNE WAS DU UNS BESCHERET HAST. SAGEN WIR UND WARTEN DASS ER WIEDER KOMMT WIE DIE MÖNCHE AUF DEM ATHOS WENN SIE SCHWEIGEND AN IHREN TISCHEN SITZEN UND IHRE SUPPE LÖFFELN. UND NICHTS SAGEN. SIE WARTEN AUF DIE WIEDERKUNFT DES HERRN. Sagt Erhard Kästner in seinen ATHOS-ERINNERUNGEN.
DER UNTERSCHIED ZWISCHEN CHRISTEN UND JUDEN: BEI UNS KOMMT ER WIEDER.
Bibelstellen Fjodor das Gleichnis Von den Arbeitern im Weinberg nach zu erzählen(Matthäus 20 1 ff.). Der überraschende Schluss bei Matth.20, 8 – 16. Bibelstelle zur Predigt im Saal der Heilsarmee Matthäus 13 1 ff. oder Lukas 8, 4 ff.