SILVESTER
Endlich frei, keine Kirchenglocken zu Silvester. Nur Knaller und Raketen. Der gestirnte Himmel über mir wird verbrannt.
Gott sei Dank gibt es keinen Krieg und die Angsthasen im Tiergarten werden ihre Höhle gefunden haben, wenn sie meinen, die Welt geht unter. Sie geht ja nun schon einige Jahre unter am Brandenburger Tor.
Nur, – die Hasen haben nicht solch eine Nachhaltigkeit aufzuweisen, was ihre Lebensuhr angeht.
Und wer weiß, ob sie es weitersagen, sukzessive von Wurf zu Wurf, wo sich die Unterkünfte befinden, wenn es wieder losgeht am letzten Abend des Jahres.
Wir lieben doch die Tiere sonst so, aber darüber hat sich anscheinend noch keiner Gedanken gemacht. Keine. Oder sollten wir unseren Spaß über alles stellen?
Jedenfalls haben wir uns aufgemacht. Gefahren durch den Harry-Potter-Wald. Nicht, wie aufgestellt. – Nein. – Als Kulisse. Sie wissen schon. Oder doch? – Aber gut verschleiert, als ob die Wildnis echt sei. Herumliegende Bäume. So ein richtiges Schaulaufen der Förster und ihrer guten Zusammenarbeit mit den modernen Wissenschaften des Waldes und der Heide. Schlecht gestapeltes Holz. Referenzgebiete noch und noch. Biotope.
„Nur das Einhorn, wo ist das.“
Der große Eber ist schon da.
Und da flieht auch schon einer in dem Gespensterwald.
Vor sich selber? Wo er doch dachte, er findet sich dort.
Neulich sahen wir ihn noch wie er unter einer Eiche im Herbst ständig Kontakte suchte – per Handy – mit dem Kybernetos, dem Steuermann. Danach betrieb er seine Gymnastik weiter in dem verwahrlosten Kiefernwald, wo die Stämme so rot schimmern, wenn die Sonne untergeht wie bei Emil Nolde im Bild.
„Kennen Sie Nolde?“
„Hallo- o- o“, schallt es zurück.
„Kennen Sie Nolde?!“, fragte ich noch einmal.
„Halli – Halloh!“
„Sie kennen ihn nicht?“
Und nach einer sehr langen Pause:
„Eigentlich sch – a – a – a – de“, im Chor der Waldfreunde.
Vorausgesetzt natürlich, es ist gerade keine totale Sonnenfinsternis, weil der Mond des Tages sich vor die Sonne des Abends schiebt und dunkle Gewitterwolken den ganzen Tag über uns einen sonnenfreien Tag bescherten. Nur dann sieht der Kiefernwald manchmal aus wie bei Emil Nolde.
„Wer war es?“
„Wer?“
„Na, der, der Kontakt suchte unter der deutschen Eiche mitten in der Schweinemast mit Eicheln im Herbst.“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht ein Therapeut. Vielleicht ein Patient.“ „Vielleicht wird einfach etwas dokumentiert. Jemand hat sich zur Verfügung gestellt.“
Meine kleine Enkeltochter und ich nickten ihm zu, weil unser Einkaufsweg an seinem Standort entlang ging. Und mir lag daran, daß wir schnell in unser Ghetto zurückkamen. In unseren Wohnpark für Besserverdienende, die sich pro Quadratmeter siebeneurofünfzig leisten können.
Ins Reservat Zehlendorf des Ostens. Müggelheim.
Ich schaute aber doch zurück und sah, wie er seine Übungen fortsetzte im Takt der Matrix und dann entsprang. Wohin? Kam er wirklich nicht aus der Predigerschule von nebenan, die ihre Kandidaten in den Berliner Müggelwald schickt zur Meditation?
Eber waren schon immer gewaltige Tiere, die Angst und Schrecken eingeflößt haben. Vielleicht nur den Schneidern, leicht wie Schmetterlinge, die auf Kirchturmspitzen den nächsten Etat beraten.
Also, einen haben wir gesehen, wenn er durch den Wald trabt und mit großen bösen Augen an den Zäunen verharrt.
„Weil die Menschen ihnen ihren Lebensraum genommen haben“, so der Naturschützer Ohm.
Heute ist Winter. Der letzte Tag im Jahr.
„Das Einhorn?“- dafür war es noch nicht spät genug. Dunkel schon.
„Ja, ja, der Harry-Potter-Wald“, sagt meine Frau.
„Allet Harry, sagt der Berliner“, sage ich .
„Gib Gas, Gustav!“- Wir müssen da durch!
Wir müssen unbeschadet durch diesen Wald, wenn wir
pünktlich zum Sammelpunkt kommen wollen bei dem
S-Bahn-Chaos in Berlin.
Der Westen ist nicht einmal in der Lage, die S-Bahn in Berlin zu übernehmen. Was können die eigentlich. So ein Pfusch. Die Straßenbahnen haben sie auch abgeschafft.
Nur die U-Bahn. Die ist Klasse. U-1 und so. Na Sie wissen schon, was ich meine.
„Wir kommen!“
Keine Sau kreuzt die Piste, kein Igel die Loipe, kein grauer Wüstenfuchs der Stadt Berlin sieht uns mit seinem Elendsgesicht und der Elendsfarbe seines Fells an. Das hätten wir uns auch verbeten. Weißt Du wie laut wir da gehupt hätten.
Und die Wölfe sind noch nicht in Aussicht.
Sie sollen Schafe gerissen haben in der Lausitz. Keine Kinder überfallen. Wir müssen keine Republikaner werden und darauf bestehen: „Das Recht des Freien Mannes heißt WAFFEN TRAGEN.“ Weil der Staat uns nicht schützt. Oder gegen Abtreibung sein. So sind sie eben – diese rechten Amerikaner.
„Und bitte etwas mehr Nachhaltigkeit im Programm.“
Aber nun kommt die MÜGGELSEEPERLE. Du siehst die Ufer des Müggelsees. Schneise. Riesiger Parkplatz. Kaum ein Auto. Erlesene Gäste aus Nah und Fern? Dann – RÜBEZAHL aus dem Riesengebirge ruft zu uns herüber:„Ein gutes neues Jahr!“ Wir rufen zurück und fahren weiter die Gerade vorbei am CHAUSSEEHAUS auf dem Damm, links die Trift. Kiezer Feld. Dahme. Schlösschenweg.
„Was wohnen da für Leute?“
„Jetzt nicht. Weil wir zum Sammelpunkt müssen.“
Und nicht zu den Riesenaquarien.
Salvador Allende. Laßt uns diesen Vers woanders singen. Zu den Chaostagen. – Heute ist Silvester.
Wo waren wir eigentlich stehengeblieben. Wir gingen nicht durch einen grasgrünen Wald, aber wir haben NACHTHEIDE vergessen. Die Station. Steig du mal aus dort. Der Bus neigt sich zum Asphalt, damit die Stufe nicht zu hoch ist. Wir leben in einer freundlichen Welt, nur die Herzen erstarren vor Kälte, weil die Freundlichkeit eine Erinnerung nach vorne geworden ist, eine ewige Wiederholung – ohne den Frühling, den wir alle so bitter nötig haben, den warmen Regen, der die Erneuerung bewerkstelligt und den Segen bringt. Die Erneuerung der freundlichen Menschheit. Ja, aber nun? Geh in den kalten grasgrünen Wald, auf dem der Schnee lastet von den Wochen der Weihnacht. Nein, ich greife vor, beziehungsweise – ich renne der Zeit hinterher mit meinem Schreiben. Wir wollten doch gar nicht auf die Heide in dieser Nacht, sondern die Raketen uns um die Ohren fliegen lassen aus Bosnien, aus dem Irak, aus Afghanistan und sonst woher, Südkorea nicht, nein das wäre vermessen zu sagen, auch im Scherz. Iran? Ja, ebenso, sicherlich.
Ja, fallen Sie doch nicht gleich in Ohnmacht gnä-diges Fräulein. Meine Gnädigste, wie Frau Müller aus Rumänien zu sagen pflegt, wenn sie nach Deutschland kommt, in das Land des Ersten und Zweiten Deutschen Fernsehens. Von den anderen Kanälen haben wir ja sowie so den Rand voll. Bis zum Umfallen voll. Daß nichts mehr hineingeht.
Es ist so. Ja, wirklich, die Langeweile, die Armut und sexy. Was sollen wir da machen. Ich stelle mich doch nicht auf das Bett, wenn es um zwölf ist am einunddreißigsten im Dezember – und mache dann was? Na nichts. Ich schalte das Fernsehen ein, wo sie in altdeutschen Filmen zu jenen Zeiten den Volksempfänger auf volle Pulle gedreht haben, allerdings gab es da „Freude schöner Götterfunken“, die Gloriosa oder so was ? – Alles schaut gespannt auf die eingespielte Uhr, das Brandenburger Tor und dann – na ja eben das Feuerwerk. Det kannste oorijenal ham. Dacht ick. Und bin los. Zwölf Uhr Mittags. Det wird een echter Western.
Det mit dem Reichsrundfunkgebäude war schon janz schön nahe an die Stalinorgeln in der Wirklichkeit des Deutschen Reiches, was zugrunde gegangen ist aus Hochmut und Grausamkeit gegenüber allem, was Odem hat. Jetzt haben wir nur den Spaß. Wer denkt schon an so wat. Steigen Se ein in den Zug der großen Vergnügung und Verjüngung abends halb acht, damit wir och ja nischt versäumen, sagt der Lautsprecher Bahnhof Köpenick, nachdem der Bus nun endlich angekommen war und nicht aufzuhalten ist durch Gespenster der Vergangenheit und des deutschen lichten Kiefernwaldes im Winter nach Weihnachten am letzten Tage im alten Jahr. Durch Enthusiasten nicht, die einen Jagdschein gemacht haben und wild drauflos schießen im spitzen Winkel, damit niemand zu schaden käme. Durch die wilden Schweine nicht, die sich köstlich amüsieren von wegen der Jäger, die auf sie anlegen. Und dann geht nischt los. Auspuff verstopft. Durch niemanden und nischt. Der wilde Eber hat gutmütig aus dem Gebüsch gezielt und der Reifen ist heil geblieben und die Frontscheibe nicht gesplittert. Wär ja auch schlimm gewesen im Bus mit vielen Leuten, aber auch im Auto mit Vieren.
Das S-Bahn-Chaos fährt schon seine Trichter, habe ich bei einer rumänischen Schriftstellerin gelesen. Strudel.
Jawohl, es entstehen laufend Strudel und die Menschen stellen sich auf zu Fenstern und bilden ein Menschenhaus im zweiten oder ersten Programm. Kußfreiheit stand neulich in der Zeitung. Wenn du mitmachst und einen Partner oder eine Partnerin mitbringst auf den Platz vor der Oper, wirst du fotografiert und kommst in die Zeitung. Aber das war in Wirklichkeit für eine Inszenierung eines Opernregisseurs. Ja, ja, diese Mechaniker. Kußfreiheit. Viele Küsse. Viel Liebe. Sollte die Botschaft sein. Es sollte ausgiebig geküsst werden. Innig. Kein Schmatzerl. Ick weiß im Moment nich, ob es een Weinchen dafür gab am Ende im Foyer der Staatsoper. Iss ja ooch ejal. Zu Hause oder dort. Oder wo du grad bist.
Wo sind wir denn? – Auf alle Fälle in der Bahn nach Berlin von Köpenick aus, was ja ein extra Teil ist. Ganz früher sächsisch, sagen die Katholiken, also in sächsisch katholischen Zeiten. Kannst du vernachlässigen, sagt der Berliner. Unsere Stadt ist jung. Erst mit Schinkel und so, aber das Schönheitsideal an Hand der Prinzessinnen ist gut. Und Luise auch. Und die Kirchenjuste hat viel für die Arbeiter getan, daß sie nicht in die Kneipe gehen, weil zu wenig Kirchen da sind in dem riesigen Gebiet.
Aber Geschichte? In den Wäldern, auf den Seen, wenn sie zugefroren sind, kannst du über Wasser gehen. Mußt nur auf die Eislöcher zum Fische rausholen aufpassen, dass du nicht stolperst. Wenn der Nebel kommt und die Schneeflocken die Sicht versperren. Gut, wenn da einer eine grüne Lampe an das wilde Südufer stellt.
Geschichte? Ja, eben. Wie können sie Raketen losschießen in den Himmel, die mich immer erinnern an das Fernsehen von den Kriegen und an die Reichsrundfunkreden und die jüdischen Witze vor dem Reichstagsgebäude Nalepastraße 20 bis 50. Sie können, weil der Berliner nich vergnügungssüchtig ist, aber seine Repräsentation und das Amusement so nötig hat nach den Nächten vor über sechzig Jahren, als sie hell waren wie die Sonnenschmelze und das Feuer ein Sturm war wegen der Flugzeuge mit Bomben an Bord.
Außerdem, es sind ja gar nicht nur Berliner. Die meisten kommen mit Sonderzügen wie zu einem Fußballspiel, wie ich, der es satt hat, um Mitternacht auf den Knopf zu drücken und dann geht es los. Im ausgebrannten Himmel die Silhouette des Wahrzeichens mit der Bahnhofsuhr. Feuerwerk. Sträuße am Himmel über dem Tiergarten. Ganz Deutschland sieht es. Jetzt hat das Neue Jahr begonnen. Nur für die Schlafmützen nicht. Die vergessen haben, den Fernseher anzuschalten. Erstes Programm. Breitwand. Heimkino. Na ja, oder so ähnlich.
„Wir wollen das Original!“ rufen die Sprechchöre zu Hunderten, wenn sie sich formieren und hoffen, dass der KGB die Schilder richtig herum gehängt hat und nicht etwa die fröhlichen Menschen zu Tausenden und Abertausenden desorientiert. Es sind ja durchaus dienstbare Geister, umzufunktionieren für eine gute Sache – wie den GROSSEN ZUG. Wir laufen also im Karree um das Eigentliche herum im grasgrünen Wald, in der Nähe scheppert ein See, die Eisschollen plätschern im Teich, die Wasservögel fliegen erschreckt auf, weil es zu viele sind, die da kommen. Ich bin mitten unter ihnen. Morgen wird es in der Berliner zu lesen sein. Eine Million. Die größte Party der Welt. Der Regierende ist stolz über alle Maßen. Berlin wächst. Das Schwein grunzt und ist überhaupt nicht bissig in seinem Versteck.
Noch keine Rakete. Kein Himmelsstrauß aus Feuer, ganz ungefährlich. Nichts Chinesisches. Kein Böller. Aber ein bisschen Mitgebrachtes. Die Flasche am Mund in der Hand im Gehen.
Die Jugend tut sich keinerlei Zwang an. Aber an der Pforte zum Entscheidenden wird ihr der Spaß vergehen. Jugendliche Wächter, ehrenamtliche Jäger zielen auf die Flaschen am Mund in der Hand.
„Nichts da!“ brüllen auch sie im Chor.
„Keine Flaschen am Mund in der Hand!“
„Hier wird nicht öffentlich gepinkelt und es kommen keine Scherben vor, verstanden ihr Penner?“
„Wir haben verstanden!“ rufen die Penner im Chor und schmeißen im Takt ihre Grün- und Braunflaschen in den Container.
„Recycling! Recycling!“
Nun gehen sie befreit von der Last ihrer Flasche am Mund und in der Hand durch die Menschenschleuse in den großen Gang.
Es gibt viele Aufmärsche in Berlin. In Ostberlin, Friedrichsfelde noch ganz andere auf dem Zentralfriedhof.
Wir gehen etwa zwei Stunden ums Eck. Immer im Grünen und dürfen nicht herüber springen in den grasgrünen Wald, meine Frau und ich, die wir uns an den Händen fassen wie damals als die Mauer überwunden war und wir Geld abholen sollten. Hänsel und Gretel, ein deutsches Märchen in der Dunkelheit des Waldes. Hexe. Ofen. Gerettetes Hänsel. Gerettetes Gretel. Alles. Nach Hause auf dem Weg, den die schwarzen Hitchcockvögel leer gefressen hatten. Die Spur war weg. Endlich der Schwan, der uns hinüber gleiten lässt in den Westteil der Stadt.
Wir hatten etwas gegessen auf der einen Seite des Quadrates, das zu umgehen war.
Eigentlich wollten wir etwas Deftigeres. Vielleicht Bayrisch. Net? NJET. – Da, der Koreaner. Jeder bekommt dort etwas. Gut organisiert.
Was fiel uns ein, als wir hunderttausendfach um den Berliner Tiergarten zogen. Die Lichter des Karussells blinken durch das Laubwerk.
Abgesperrt. Du musst schon in den Gängen bleiben. In Viererreihen. – „Reih dich ein?“
Was hat der Grass da neulich geschrieben? GUSTLOFF. Übers Eis. Was ist das für ein Zug. Durch die Jahrtausende. Wüsten. Das Eismeer. Die Erde ist rund. Wir merken es nur nicht auf unserer Scheibe.
Joseph Haydn. Die Jahreszeiten. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Musik im Ohr. Die Landschaft voller Fenster durch die du den Himmel schaust. Er ist nicht ausgebrannt des Tages und des Nachts, wenn der Mond seinen vorausberechneten Bahnen folgt und die Sterne nach den gestellten Horoskopen der Astrologen glühen.
„Kein Burnout?“ – „Keine Behandlung nötig!“ –
„Aber was willst du mit den vielen Glühlampen anstellen?“ – Lange Pause! -„Du willst sie verbessern. Ich weiß.“
„Allet Neon?“ ruft der Chor, der sich im Hintergrund hält der Szene. „Berliner Schnauze!“ „Und Mutterwitz“, ruft ein anderer. Die Werbung verneint ihre Produkte, weil sie die himmlische Nacht verblödet und die Dunkelheit singt mit: „Geiz ist geil!“
„Hörst du den Chor der Vampire…“
Chor: „Und die stummen Katharinen müssen auf die Dächer steigen und brüllen, bis die Stadt aufwacht, die den Schlaf sucht. Sich unruhig hin und her wälzt oder eben in dem Großen Zug ist, der im Eck um das Grün sich bewegt in der Mitte.“
Gegenchor: „Die Gebete müssen aufsteigen, weil der Weltuntergang droht.“
Ich ziehe zu Hause die Rollläden bis auf den letzten technischen Punkt, um nur das nicht zu hören, wie das Brüderlein draußen in den hellen Morgen ruft: „Es brennt es brennt, das Städele brennt! Soll es so weitergehen?“
„Dann demonstriert doch endlich gegen alles. Gegen das schlechte Wetter, damit ihr in den Urlaub fahren könnt. Daß die Flugmaschinen nicht rutschen dürfen auf den Pisten, wenn sie landen oder aufsteigen sollen in ihrer Pracht, um die Sonne zu verletzen, den Mond und die Sterne. Daß die Flüge nicht abgesagt werden dürfen weil auch ich endlich in den Urlaub fahren möchte!“
Einer aus der Masse: „Tut euch zusammen. Entwerft Plakate und klebt sie an die Litfasssäulen, wenn ihr es bezahlen könnt, oder macht es bei Nacht und Nebel. Die Polizei ist liberal und der Staat hat kein Geld!“
Eine andere: „Es hat genug geregnet. Es hat genug geschneit. Wir sind dagegen!“
Und tatsächlich, überall hängt an den Bäumen: „Wer kommt mit zur Großdemonstration, zum großen Umzug am Silvesterabend?“ Fibriert es in allen Drähten, die zur Verfügung stehen. Ist heiß umstritten in allen Kolumnen. Erklingt es in allen Tonlagen in den siebenhörnigen Orchestern. Und alle sind gekommen zum großen Umzug, die Gelegenheit nutzend.
Es wird gegensätzlich gemurmelt: „Von Natur haben sie noch nie etwas gehört.“„Von Naturgeschichte auch nicht.“„Aber von Evolution.“„Irgendjemand muß doch schuld sein da oben“, entgegnen wir. „Wenn es nicht die Regierung ist, dann eben die Splittergruppe der Opposition“, pflichtet uns jemand bei. In der Dunkelheit erkennen wir niemanden im Tiergarten zu Berlin.
Neurose. Keine Nacht, in der die Schafsaugen glühen.
Wir teilen die Stadt mit Füchsen, Steinmardern, Oberförstern und anderen Tieren. Sie alle wollen den Ausgleich. Bis das Land in einer Ebene mit dem Wasser spielt. Der Sand sich verläuft und kaum merklich deine Sandale umspült wird. Alles gut, wenn es nicht weiter steigt das Wasser, wenn es nicht wieder zurückgeht und wir wieder im Trockenen latschen bei d e n Temperaturen, wenn wir im Sommer an die Nehrung fahren werden, zu den Landzungen, zu dem zerklüfteten Küsten, zu den Bodden und Meeren. Zu den Segeljachten. Ich stelle mir jetzt den Sommer vor. Obwohl die Kälte nicht eisig ist und es beim Koreaner gut geschmeckt hat. Der Genuß wird uns schon noch vergehen. Die Waage wird so nicht gehalten werden können und es gibt eine neue.
Wo ist eigentlich die Mitte. Wer bestimmt sie? Wer ist die Mitte. Eine Gruppe, eine Partei. Eine Institution. Eine wissenschaftliche Richtung?
Jetzt ist Winterreise.
Wir sind dem Aufruf gefolgt und wollen das ORIGINAL zur Jahreswende: jetzt haben wir es und sitzen gemütlich zu Hause. Verachten die Fernsehnation.
Jetzt ist Wintermärchen.
Jetzt ist Franz Schubert.
Jetzt ist Genricha Geine auf russisch.
Heinrich Heine in deutsch und französisch.
Jetzt ist Silvester. Be Berlin! Sei Berlin! Auf allen Kanten der Bahnsteige ist es zu lesen gewesen. Der Winter hat es eliminiert. Jeden Motor schmückt es trotzdem noch.
Jetzt ist die Zeit der Gnade! Nicht morgen. Nicht übermorgen. Nicht gestern. Nicht vorgestern. Kauft die Zeit aus, solange es Tag ist und die Krämer ihren Laden nicht verschließen. Tanze! Solange gespielt wird. Oder höre ich die Stadtpfeifer nur durch das Grün der Wälder, den Weg entlang und sehe die Lichter der Riesenräder, die sich drehen. Und sie dreht sich doch? Die Bettler als Einzige suchen den Takt. Wir werden sehen, wenn nur endlich der Marsch sein Ende hat in dem Schlamm.
Weißt du die Hoffnung, die so viele haben in langen Märschen in Tälern und auf den Bergen der Begeisterung. Um dem Elend zu entgehen.
Erinnere dich an die schwarzen Blöcke, an die roten Blöcke. Wie gut hast du es jetzt. Im Viereck zu laufen vorbei an den Absperrungen: Erinnere dich an die wilde Flucht. An die wilde Jagd.
Weißt du, du läufst um Leipzig und nach dem siebenten Mal ist die feierliche Übergabe, der Sieg. Die Mauer in Berlin wird freigegeben für jeden und jede, die ein Stück davon aufheben möchten. Die Scheibe ist zu Ende. Die STASI ist zur Rentnervereinigung mutiert. Der Gehorsam bleibt. Für die Nächsten.
Also lauf bis zum Eingang in die Vergnügungsmeile. In die Schleuse, wo die Container stehen und die ehrenamtlichen Jäger, die nach den Flaschen zielen und schießen, wenn du sie nicht in hohem Bogen im Müllkasten platzierst. Wenn sie voll sind, werden sie sofort abgeholt und mit Kränen auf die Plattform des Müllwagens verladen. Dafür wird ein neuer herabgelassen. Gut, bestens, ausgezeichnet organisiert. Man hat ein sicheres Gefühl, wenn man die Schneematschstraße von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor betritt.
Aber halt, wie sind wir eigentlich hierher gekommen. War da nicht ein Stacheldraht, eine leere Wiese mit dem ehemaligen Führerhauptquartier der letzten Tage darunter. Niemandsland. Preußischer Landtag. Wo stoßen denn die zwei Welten aufeinander. Die erste Welt und die zweite Welt. Die dritte lassen wir einmal draußen vor. Da rechnet es sich besser.
Stacheldraht? Das verwechselst du. Hier waren Mauersteine und Absperrungen. Doch vielleicht auch Stacheldraht. So weit sind wir nicht gekommen. Schon das Brandenburger Tor war nur aus einhundert Meter Entfernung zu besichtigen, wie unsere Soldaten es bewacht haben.
Weißt du, wir schreiben das Jahr zweitausend und neun und wenn wir am Tor sind zweitausend und zehn. Der Platz ist voll bebaut mit den Gebäuden der neuen Mitte, der Schrödermitte. Wenn du auch noch immer merkst, wenn du die Zone verlässt und umgekehrt.
Na und dann der Reichstag auf der anderen Seite. Ja, ja, deshalb die Umbögen und die Ecken und die Quadrate und Dreiecke, bis du dort bist, wo du hin sollst. Wenn du hin willst. Die Göre leuchtet wie ein Engel in klassischer Eleganz. Engel uff Berlin. Keen bisschen Barock. Nee gar nich. Da falln dir alle deine Sünden ein und die Herfahrt.
Auto.
Schneetreiben und Gespensterwald beim CHAUSSEE- HAUS und in der NACHTHEIDE, beim MÜGGEL-SEEPERLE-Hotel und bei olle RÜBEZAHL aus Schlesien. Allet Mügge. Keene Sau. Endlich Köpenick und Stadtbahn, die fährt in die WUHLHEIDE, wo du – na jut ick gebe es zu – am liebsten aussteigen würdest wegen die Mädchen bei Zillebildern, frech und entblößt vor hundert Jahren.
Na, aber nee, wir fahren durch. Wir wolln ja zu
Silvester nach Westen und von da aus bis an die Grenze
zurück um det Jefühl zu haben: Wir waren ooch da!
Wo allet passiert.
Also nix Wulheide. Schon janich im schönsten Winter, der ja ooch reizend sein kann und erotisch, wenn du zu Hause bleibst. Na. Kiekebusch kennst de doch ooch. Oder? Was issn mit Karls Horst. Det heeßt KARLSHORST, hat ein Museum, den Krieg betreffend, den die Sowjets gewonnen haben. Du weißt schon, was ich meine. Die Kommandantur. Jetzt Museum. Da steigen wir ooch nich aus. Von wegen Rennbahn jetzt im Schneegestöber mit russische Vollbluthengste aus dem Ural. Nee, weiter geht’s. Die Bahn zischt. Alles fliegt vorbei. Auch die vielen Züge auf den hunderten von Gleisen und den Werkstätten, die dem Chaos zuliebe wiedereröffnet werden. Keiner steigt aus. Heute nicht. Weil Silvester ist.
Wir haben noch etwas vergessen. Nicht die Zeit, die unwiederholbare, nicht das Chagrinleder, in welches das Schicksal hinein gewoben wurde durch eine gütige Fee oder Honoré de Balzac, die den Lauf der Dinge bestimmen sollen nach ihren Vorgaben oder Handschriften, nach den Horoskopen der schönen Wahrsagerinnen an den mondbeschienenen Sumpfwiesen und Lichtungen am großen See.
Nicht den Text, den ich spielen werde auf der Bühne des Lebens.
Außerdem, wozu gibt es Souffleusen, Friseusen, Masseusen, Trainer und Trainerinnen, Wortverdreher, Redenschreiber. Sie werden für ein Trinkgeld dir beispringen, wenn du versagst.
Nein, aber wir haben vergessen, wie es gewesen ist in der Nacht und deshalb nicht wissen, was morgen sein wird am Tag, und welches von den vielen Zielen, die sich anbieten, wir wählen sollen.
Zum Beispiel am Glücksrad in der Meile zwischen Siegessäule und Wagen, da benötigst du kein Ziel, da kannst du alles vergessen haben, wer du bist, wo du herkommst, wohin du willst, was du sein wirst. Da bist du glücklich und bringst das Rad zum Drehen.
Oder am Schießstand mit den vielen Blumen. Da
brauchst du kein Ziel, weil dir jede Blume gleichermaßen mißfällt, aber du schießt trotzdem. Obwohl du gar keinen Grund hast.
Darum gehe dort hin, weil du deine Vergangenheit vergessen hast und du kein Ziel hast. Geh in die Meile. Laß dich quetschen und drängen. Nimm kein Kind mit.
Es ist zu gefährlich, wenn Tausende sich drängen zu einem Ziel, daß es nicht gibt, aber nachdem wir insgeheim verlangen. Daß uns treibt. Es soll offenbar werden. Deswegen sind wir ja schließlich hier. Wir wollen doch alle diesen großen Fischzug. Diesen EX.. Wir haben doch alles stehen und liegen lassen und folgen ihm nach, als ob der Feind vor der Tür steht und du mußt weg.
Weg. Weg!
Wir konnten gar nicht so schnell sehen, wie wir gelaufen sind. Wir haben uns den Mund zu gehalten, um nicht aufzufallen durch unseren heißen keuchenden
Atem. Wir haben die Liebe vergessen, um durch die Tore zu kommen.
Der Paß wird verriegelt. Nach diesem Anstieg.
Das Nadelöhr mit dem Kamel verstopft. Es kann nicht vorwärts und nicht zurück.
Laß alles hinter dir, was dich belastet. Schau nicht zurück, damit du nicht erstarrst wie Lots Weib und wirf dich in den Strom, der alles verheißt und dich trägt wie er das brennende Blatt der Buche im Herbst trägt, wenn er anschwillt und zum Meer sich ergießt.
„Also jetzt seid ihr da, Glücksräder, Schießbuden, Stoffpuppen in den schwarzen Löchern des Kosmos,“ seufzt einer neben mir.
Wir wälzen uns zuerst in die andere Richtung, wie glückliche Schweine im Schlamm des Tauwetters. Die Goldene Göre lockt. Dort ist Musike drin. Wir schwingen die Hüften und denken an RUMMELSBURG, Schönheide, Wuhlheide, KIEKEBUSCH, der schöne Name und die noch schönere Vorstellung, BETRIEBSBAHNHOF.
Auf einmal ist Berlin Berlin.
Ein Berlin. – „Eine Stadt, die sich gewaschen hat.“ „Sehn Se, das ist Berlin!“
Die sein soll und ihre Geschichte ist nicht zu lang, als dass man sie sich nicht merken könnte. Hoffentlich holen uns nicht die Gespenster ein, gerade jetzt nicht, wo wir alles vergessen und alles eins ist.
„Live.“
„Stop!“
Wir klatschen und wenden uns, auf die Sekunde, Tausende. Kein Nachklatscher. Das wirkt. Wie einstudiert. Ist es auch. Der Tanzmeister hat seine Arbeit gut gemacht.
Weil wir merken, der Fluß fließt nach oben. Wie in den russischen Wundern, den sieben. Alles zurück. Zum Tor. Je weiter wir nach oben kommen, um so mehr Buden und Sänger auf Band und die Leute sind so ausgelassen, daß sie sich drehen wie verrückt im Takt .
„Rummel- rummel- rummel – ja!“
„Wuhle- Wuhle- Gänschen. Was wackelst du mit dem Schwänzchen?“
„Macht doch hier endlich mal Betrieb auf dem Bahnhof!“, ruft mein Nachbar wieder dazwischen, obwohl ja nun weiß Gott genug Betrieb ist und Schweinereien mit dem Wettergott wegen dem Eis und dem Schnee und vor allen Dingen gerade heute mit der Nässe.. „Pfui Teufel!“
Immer muß er mich begleiten, der Nachbar Schmidt.
„Ich will jetzt auch mein Vergnügen. Ich will jetzt nicht
nachdenken, wo komme ich her, wo gehe ich hin. Sondern, ich will Spielzeug sein.“ Sagt der philosophisch Interessierte zu seiner Begleiterin, einer Dame von Westberliner Welt.
„Wer bedient die Kurbel?“, ruft dort einer von hinten. Er meint das Karussell. Es dreht sich ihm nicht schnell genug.
Mir ist es jetzt schon zum Kotzen. Und was fällt uns ein: Max Liebermann neben dem Brandenburger Tor.
„Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich …“
Gut, daß wir nichts weiter gegessen haben als ein wenig koreanisch. Ums große Eck. Beim Niemandsland. Wo der Metallzaun steht. Als Absperrung.
„Kennst du Kanada?“- singt der Chor, den die Hüpfburg angeheuert hat und das Riesenrad, daß die Leute auf den Kopf stellt. Und das Schußgerät, bei dem nichts passieren kann, weil jeder Mensch angeschnallt wird, auch wenn er Kopf steht, amüsiert er sich, weil er nicht herunterfallen kann, sondern nur den Atem anhält in dem Betrieb zwischen Himmel und Erde. Großer Bahnhof des Vergnügens. Wir machen gar nix. Wir vergniechen uns, sagen se in meiner Heimat.
„Kennen Sie Emil Nolde? Mit den roten Kiefern im Licht des Abends?“ , ruft mir plötzlich der Waldgeist aus dem Osten zu.
„Kennst du die Nixen, die aus dem See steigen im Paradies des Ostens und das Lied der Verführung singen vom Grund. Wenn sie heraufsteigen, umkränzt. Und die Tänzerinnen der Südsee, die – gerade angekommen mit der Bentley – den Käptn umgarnen, dem es gar nicht so wohl ist in seiner Haut. Das kann ja ein Abend werden im Sommer.“
„Laß doch diese Geister und genieße den Abend jetzt, so doch gleich der Goldregen beginnt.“ Sagt die Freundin meiner Frau, die wir getroffen haben und die jetzt das große Wort führen will.
Es vergeht eine Zeit, ein Stunde. Keiner sagt mehr etwas, weil es eng wird und enger. Und alle wollen es nicht zugeben, daß jetzt der Spaß bald aufhört, wenn das so weitergeht.
Da ruft jemand nach mir.
Wer ist es?
Da erst bemerke ich, daß wir getrennt wurden.
„Ich komme zu dir. Halte aus. Halte dich fest an einem Stein oder lege dich auf den Ast von dem Baum des Lebens, damit du nicht weggetragen wirst von dem Menschenstrom an das andere Ufer und dort hängen bleibst im Gebüsch der Stromschnelle.“
Ich mache die Bewegungen eines Schwimmmeisters, der nicht schwimmen kann, um zurück zu kommen und erreiche tatsächlich die Ertrinkende, reiche ihr die Hand und ziehe sie aus dem Wasser nach oben. Der Strom schwillt an. Da treibt ein Kind und ruft den Namen seines Vaters, wie er ihn von der Mutter kennt. Der rettet den Kleinen und verflucht den Tag, wo er sich eingelassen hat auf das Original der Party aller Partys.
Gut, das wir den Wald im Rücken haben und sein Sausen wohl hören als die Grundmelodie des Abends von Anfang an. Aber nicht nur den Wald der roten Stämme, sondern auch die Berge mit ihren Fichten.
Das gibt uns Kraft, wenn wir den Lindenbaum hören unserer Kindheit, wenn er anfängt zu erzählen. Wir stemmen uns gegen den Strom und kehren um und verlassen seitwärts das Brausen. Hinter den Absperrungen finden wir uns wieder.
Dort wo die Orangenen die Böller aufstellen für den
Himmelstanz um 12 Uhr abends. Unversehens und unversehrt.
Gott sei es gedankt.
Es ist uns zu Ohren gekommen, daß es überhaupt kein Ziel gibt in der Bewegung, sondern: daß nur alles Spaß sei, ohne Ernst.
Was gab es am Ende? – Das Tor mit der Troika.
Davor eine Bühne mit verkleideten Männern. Die tragen die Frauen zum Singen. Ich höre die Lautsprecher durch die Bäume des Tiergartens. Es ist eine riesengroße Bühne. Es wäre besser, wenn niemand da wäre, dann könnte man die Sinnlosigkeit des Unternehmens besser erkennen. Aber so lungern sie um sie Bühne herum, zerdrücken ihre besten Teile, wenn sie nicht acht geben auf den Ansturm zur Unzeit. Alles brandet auf an der Bühne und wendet sich.
Endlich der Gott, auf den wir warten? NEIN!
Eine riesige Flasche, auf der steht CO-CA-CO-LA.
Das ist der Kick.
Keiner wagt etwas zu sagen. Alle kreischen laut auf. Nicht einmal ein Kind ruft, daß er ja keine Kleider an hat. Ich habe doch Kinder gesehen. Eine Laola bewegt sich zur Siegessäule zurück, auch die, die die Flasche nicht sehen, kreischen. Sie fassen sich an den Händen und tanzen um die Flasche herum. Sie heben die Hände hoch wie zu einem Gottesdienst. Und rufen: „Silvester, komm.! Nimm uns mit. In Dein Reich. Wir sind happy,
weil wir alles vergessen können bei dir. Wir danken Dir dafür.“
Die Flasche ist so hoch, daß sie schwankt. Aber sie stürzt nicht. Alle berühren sie und werden diese Berührung weitergeben an die armen Zeitgenossinnen, die diesen Abend nicht miterleben können – aus welchen Gründen auch immer.
„Das Original der Jahreswende von 2009 zu 2010“, rufen im Chor eine Million. Und der Ruf setzt sich fort in allen Fernsehanstalten der Welt, in allen Rundfunkanstalten Europas, auf vielen Plätzen der Republik.
Oh, wie es dröhnt, oh wie es dröhnt, ohne PAX in den Ohren. Oh wie es stöhnt, oh wie es stöhnt auf der Bühne, wenn die schwitzenden Männer die Frauen tragen und die Frauen mit ihren Reizen nicht sparen dürfen, damit der Anziehungspunkt erhalten bleibt. Der Rhythmus des ohrenbetäubenden Lärms mit der Oberstimme aus Sopran treibt uns noch weiter in die Dunkelheiten des Tiergartens, die Kaninchen laufen um ihr Leben, die Kanzlerin winkt und wünscht die Energie, die wir brauchen, um aus dem Schlamassel wieder heraus zu kommen.
Plötzlich geht das Feuerwerk los und wir fassen uns an den Händen wie damals, als wir auf der Oberbaumbrücke – oder war es am Naturkundemuseum – an den Händen faßten, weil wir wußten, die Deutschen hatten etwas ausgehalten – den Kalten Krieg. Und vielleicht ein wenig durch ihre gemeinsame Sprache dem Weltfrieden einen Dienst erwiesen. Haben wir nicht damals so geweint, wie Hänsel und Gretel, die zurückfanden aus der Welt der Grausamkeiten.
Das Feuerwerk geht eine halbe Stunde und die Massen strömen zurück in die Züge und auch wir lassen uns tragen wie auf einer Woge auf den Bahnsteig und hoffen auf Züge in die richtige Richtung, und auf ein Auto, nicht angezündet inzwischen von feiernden Politikern und Politikerinnen, weil es nicht zu erkennen war, ob es zu DC gehört oder nicht. Weil es vielleicht auf dem Bürgersteig stand, der mit Sand und Schnee zugeschüttet war. Wir haben es gefunden.
Niemand hat es umgeworfen oder etwa eine Barrikade daraus gebaut gegen die Feinde.
Und wir sind ohne Zwischenfälle zu Hause angekommen, um auszuschlafen den ganzen Tag. Wie kann man so aus dem Rhythmus kommen.
Wie kann man sich so vergessen.
Wir haben keine Glocken gehört.
Die Welt war stumm.
Nur ab und an Schüsse, Raketen des kalten Friedens.
Sprachlos.
„Gnade.“
Schweigen.
Wer ist es, zu dem wir beten sollen.
JESUS CHRISTUS
Sonst kommen wir um.
In der Langen Weile des Friedens.
Den wir proklamieren.
Um nicht zu sterben.




In der Küche jenes Bürgerhauses in dem sich unter dem Sofa ein Mitglied der Bader-Meinhof-Gruppe versteckt hielt wärend einer Hausdurchsuchung. Es: Sie/Er ist nicht gefunden worden. – Die Lesung des Verlages AUF DER WARFT fand am Vorabend der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse statt (FBM). Im Erscheinungsjahr des Titels „Berliner Erzählungen-Heile Welt“ 2014. Die eigentliche Lesung der Autoren dieses Verlages fand dann in der lang gestreckten Diele statt.
Ich saß als Zuhörer auf jenem Sofa.
Eleganter COUCH.
Als Vorleser am Ende, am Fenster.
Die Ausgabe mit dem Ostberliner Fernsehturm war die erste, als CD heraus gekommen und als elektronisches Buch (Machtwort-Verlag Dessau).



Geselllschaft für Deutsche Sprache in Münster/Universität. Der Vorsitzende des Bezirkes Münster und Herausgeber Klaus Siewert lädt ein in die Uni (ehemals Westfälische Wilhelms-Universität). Zu sehen Barbara Höhfeld/1.von links(gelesen „Kindertreu“) und Barbara Fischer-Reitzer/2.von links („Lillit“).Neben Wohlfarth(„Berliner Erzählungen-Heilie Welt“)
Advent 2014 Münster.