Leipzig und Umgebung
1.
Die Züge fahren immer noch im Takt
Wenn sie halten
Du musst nur auf den Zettel schauen
an der Lade aufgeklappt
des großartigen Fensters
im großen Garten
vierhundert Meter im Quadrat
Zehn nach um hin
und vierzig nach um
Richtung
Las Vegas zur Spielhölle,
Tankstelle
Große Kaufhäuser
Läden unter einem Dach
von der Puppenstube aus gesehen
mit Puppenklo, wo du zum Freund wirst der Ameisen
und anderem Kleintier
Spinnen an der Wand.
Die Wunder, die du nicht mehr siehst
in deinem Trotteltrott.
Ja, so ist das.
Lass dich umwuchern von Brombeeren und Himbeeren
Lebensbäumen en gros,
sei skeptisch
gegenüber
den gezüchteten
und eingefärbten
Tannen
blau.
Jetzt marschieren sie auf,
die Kleingärtner aus Leidenschaft,
und zeigen dir
ihre Früchte
und wenn du Glück hast
legen sie dir über Nacht oder am Morgen
den Kürbis vor die Tür.
Iss ihn andächtig auf.
2.
Stück
Regentropfen
trommeln nicht an die Fenster im Ostwind,
dem ständigen seit über vier Wochen,
der die Erde austrocknet seit Ostern im Mai.
Aber das Stück heißt so in der Grundschule,
die die Klavierlehrerin mit benutzen darf für Auftritte ihrer Schülerinnen,
zu guten Gelegenheiten
inzwischen ist sie voll integriert
in der Schule mit kreativem Ansatz
Im Museum der
Clara Wieck.
Außerdem.
Sie soll extra eines bekommen.
Vernachlässigt bis dato
die einhellige Meinung der Kultur
Clara,
die Tochter des Lehrers Wieck
aus dieser piefigen Kleinstadt
am Fluss
der Ost und West verbindet
Dresden und Hamburg
Sachsens Karl May
Weit Schlimmeres
und Hanseaten, Protestanten.
Wie fühlt sich das an?
Schumann
Kinderszenen
der fröhliche Landmann
Nikolaus
Robert-Schumann–Haus.
Aber es kommt
die Revolution.
Alle Menschen werden Brüder.
Jetzt Regentropfen,
von Chopin eigenartigerweise.
Der Klassiker der
Klavierstunde.
Hat man mich belehrt.
Nacht
der Museen.
Auftakt mit stolzen Eltern
und Großeltern
und natürlich der Lehrerin.
Sie weint vor Rührung.
Ich auch.
Wo ist der Tanz
das Ballett
der Walzer
Tschaikowski
Chopin
Den spielt meine Enkelin
für uns
im vollen kleinen Saal .
Applaus.
Regentropfen trommeln an die Scheiben,
nein.
Wir warten auf Regen in diesem kalten trockenen Wind
aus Ost.
Wir wollen ja zurück
in das Paradies
den Garten
vierhundert Meter im Quadrat.
Putin schickt seine Signale.
Der Westen versteht wie immer
immer noch nichts.
Nicht einmal das.

Verkehr
Du
kommst aus dem Wald der Kiefern
gebohrt in den Sand der Mark Brandenburg
atmest durch
nach der Erfrischung
steuerst zu
auf den Hund
wo du nicht weißt
ist es eine Schmusekatze
oder ein Raubtier
und bittest um Entschuldigung
weil du stören musst
auf dem Bürgersteig für alle.
Ein böses Fauchen
und „Bitte“ mit Betonung
ABSCHRECKUNG.
Nachdem ich danke sage.
Nie wieder Fahrrad
immer zu Fuß.

In den Staub
Kennst du
das Land wo die Zitronen
blühn?
Du bist nicht Goethe
Ich weiß.
Aber du
solltest dich bewegen
hin zu den Strömen
die nicht fließen
sondern stehen.
Ein bisschen
wie Bobrowski
Fontane nicht
mit seinen ewigen
Beschreibungen.

KLAGELIED
(zur Gedenkfeier am 1. September 2018 in Kyritz)
Wir reformieren
und beschmieren
Zettel
klug und fein.
Dann kommen wir zur Tat
über das Feld
mit Stecken und Stab
und erschüttern die Welt.
Vor lauter Gerechtigkeit
ohne Barmherzigkeit.
Wir reformieren
und beschmieren
Zettel
klug und fein.
Dann säubern wir die Akten
und schaffen Fakten
schreiben Geschichte
und ich Gedichte
über die Ungerechtigkeit.
Was soll nun werden
auf dieser Erden

Wenn ich jetzt …
1
Wenn ich jetzt nach Berlin fahre
auf der Nord–Süd–Autobahn
Nummer 9
in Buchstaben Neun
dann danke ich Gott
wenn ich wohl angekommen bin
zum Beispiel ohne Sabotage
wie es in den Neunzigern sie noch gab:
„Schrauben locker,
ich habe es
irgendwann gemerkt
bevor es zu spät war
und bin
an die Box gefahren.
In den Rennstall
der Weltpolitik,
die wir damals
machten, weil wir auf die Straße gegangen sind
ohne zu fragen
mit List und Tücke
frei nach Lenin.
Und das war das Schlimmste!
Er spricht:
DENN DIE SPIESSER IN DEUTSCHLAND
WERDEN NIE DEN RASEN BETRETEN
DAS GIBT ES DORT NICHT
DESHALB KÖNNEN SIE KEINE
REVOLUTION
BEGINNEN
SIE TRAUEN SICH NICHT
ZUG ZU FAHREN
OHNE EINE FAHRKARTE GEKAUFT
ZU HABEN.
Natürlich nur ein Bild mit der Box:
Tankstelle
schon Esso
ich weiß es nicht mehr.
Halt doch
Minol.
Aber schon
von den Franzosen gekauft.
Es war nicht der Nürburg–Ring.
Inzwischen aber pleite?
Sondern der Leipziger Ring.
1989 in Worten
neunzehnhundertneunundachtzig
ineinander verschlungen die Achten und Neunen.
Und neuerdings habe ich erkannt:
Die Sexen.
Die Nixen.
Achtung 68
in Worten
neunzehnhundertachtundsechzig
Sex Acht!
Von dem kamen wir.
Von diesem Heuhaufen mit den vielen Nadeln,
die sich entpuppen müssen
nun.
Es war diese Box
dieses Rennstalles
Revolution und Politik
Wenn Sie so wollen!
Sprach er.
Er hätte sich dann
einen passenden Schraubenschlüssel geliehen
8 – ter, 10 – er
Achter, Zehner
und die Schrauben der Vorderräder
seines alten Trabant`s
wieder angezogen.
Und konnte so weiter fahren
nach Berlin
der alte
Bürgerrechtler auf der A 9.
So hat er es mir am Telefon erzählt,
als ich ihn fragte
wie es ihm gehe.
Lange her?
Ich bin mir überhaupt nicht mehr sicher.
2
Der Rapper
Wenn ich überhaupt
unterwegs bin
und endlich
gut angekommen
wenn auch müde oder
alt und bekümmert
und krank
stoße ich ein Gebet
zum Himmel:
in keinen Unfall verwickelt
nicht verursacht
nicht geschnitten
bei 100
bei hundert.
3
Wie damals bei Dresden
Die Bautzener Nummer.
Ich forsche nicht, was die Buchstaben bedeuten.
Denn du musst ja persönlich fahren
du kannst die Verantwortung nicht abschieben.
Ja, das ist anstrengend.
4
Oder neulich nachts
wo Du nicht weißt
die Sekunde.
Ich bin schuld.
Jetzt auf einem anderen Ring
nicht Breslau
nein
oder in einer anderen Stadt
auf dem Erdball
sondern seit 2000 und…
die Bahnen um Leipzig
in seiner Umgebung
in Beton gegossen und Teer.
Hüte dich.
Bleibe behütet.
Amen.

———————————————————————————-
Aus Gedicht-Form
von Michael Wohlfarth
epubli Berlin
Veröffentlichung (Softcover)
ISBN: 978-3-759859-29-7
Erscheinungsdatum: 14.08.2024
Bilder
Stasiakte
Stückentwurf
Land der zwei Ströme: Dahme und Spree, Zweistromland Berlin
Vor der Grünauer Kirche: Freiluftausstellung
Brüderkirche zu Altenburg, am Markt: DAS AMEN IN DER KIRCHE, DER FRIEDENSGEBETE UM FREIHEIT, UM SCHUTZ FÜR DEN PILGER, FÜR MENSCHEN UNTERWEGS IN IHRER MISSION, IN IHREM ALLTAG UND SONNTAG, IN IHRER RASTLOSIGKEIT UND ZERRISSENHEIT.
WIR BETEN: HERR, BLEIBE BEI UNS IN DIESER ZEIT DU EWIGER GOTT UND GELEITE UNS AUF ALLEN UNSEREN WEGEN.
AMEN.