Aus America…

…ist die Geschichte, die ich Ihnen viel lieber vorlesen würde – wie vorige Woche, genau vor einer Woche in der Bibliothek, die gegründet wurde zum „Andenken an die Opfer des Stalinismus“ am Nicolaiplatz mitten in Berlin. Denjenigen, die gekommen waren um „Ach Dostojewski…“ mit seufzen zu können, wenn sie ihn vorgelesen bekommen oder den anderen großen Bruder Leo, wie er seine Ansichten kundtut (Thomas Mann), seine Sicht der Dinge, seine Anschauungen, wozu die Deutschen Dichter sich nie die Zeit nehmen würden oder je genommen haben(?).

Begonnen hat die Lesung mit der Gans von Niels Holgerson, eine Hausgans, für den Topf gedacht, aber vorher für weiche Betten. Dann aber: DIE WILDGÄNSE RAUSCHEN HÖRT – UND FLIEGEN LERNT. – So eine Hausgans!

Das bin ich“, habe ich gesagt als Legitgimierung. (Aus dem Umschlag meines ersten Gedichtbandes: ZEITLOS, Verlag Saarbrücken GOLDENE RAKETE).

Wie hat mir Selma Lagelöf geholfen – nicht nur Tolstoi -,um etwas zu sagen, was die Deutsche Wiedervereinigung angeht.

Das ging damals am besten im Gespräch mit Fjodor Dostojewski, den ich als Kind kennenlernte, weil meine um Jahre ältere Cousine ihn las, heimlich unter der Bettdecke. Ihre Tante, meine Mutter mochte nicht das lange Lesen. Vor allen Dingen nicht am Morgen schon. Wie ungesund! Aber abends auch nicht zu lange, Kinder müssen schlafen.

Der Schluss war ernst.

Sehr ernst.

Wie die Bibliothek oder die Ausstellung in der Wustrower Kirche an der Ostsee:“Märtyrer im 20. Jahrhundert.“

Hier ist nun die Geschichte aus AMERICA, der Anschlussgeschichte des Buches, für das ich angetreten war. Natülich mit dem HIntergedanken:“ Nun kauft doch gleich diesen dünnen Band mit“.

Aus America, Selbstverlag mit Dank an epubli:

Sie sortiert ihre Briefschaften.

Jetzt hat sie genügend Zeit.

Deshalb hat sie sie mitgenommen.

Das ist ihr wichtig.

Besonders die Briefe

einer ihrer Freundinnen,

in denen das Schicksal

eines Mädchens erzählt wird.

Viel trauriger als ihr eigenes Schicksal.

Immerhin hat sie ihre Mutter verloren

bei einem nicht aufgeklärten Verkehrsunfall.

Wenn das Schiff gleitet

und eine Brise für Kühlung sorgt auf den Planken, wirft sie sich in eine Ecke voller Seilschaften für den Schiffs-

betrieb und liest diese Briefe,

genauer Manuskripte. Sie sollte sie

unbedingt lesen, hat ihr das Mädchen aus Weimar geschrieben. Deswegen hat sie sie mitgenommen, weil in den

letzten Wochen zu viel los war

durch ihre Abreise.

Was war los gewesen in Weimar,

der Stadt Goethes und Schillers, Herders, Klopstocks, all die versammelten Heroen.

Viel.

Die Republik.

Die Republik von Weimar,

das Fundament

siehe oben.

Das Denkmal hat sie alle überdauert. Sie reichen sich die Hände auf dem Sockel vor dem Theater:

Goethe und Schiller.

Der eine ein Schürzenjäger – oder keiner – wenn die Alternativen forschen, der andere…? Das Drama, ach Dostojewski, der erste Kriminalroman:

Aus verlorener Ehre.

Das alles interessiert Anne nicht so furchtbar.Doch, wir müssen uns das in’s Gedächtnis rufen, vielleicht mit Franz Liszt und seiner rasenden Klaviermusik. Oder seiner Orchestrierung zu BARBAROSSA.

Die Klassikerstadt.

Die Kleinstadt.

Thüringen.

Die Wächterda oben

auf dem Ettersberg.

Aus den Bauernstuben mit den

großartigen Bohlen.

Die Bohlenstuben.

Die Fachwerkhäuser.

Die deutschen Namen der Orte.

Die Kirche. Wie ein Glucke,

die ihre Flügel ausbreitet,

wenn der Adler erscheint.

Oben am Himmel.

Die SS, das Reservoir

aus unseren Dörfern.

Haben jüdische Händler das Vieh zu billig bekommen?

Ettersberg

Buchenwald.

Der Turm, den unsere

Deutsche Demokratische Republik

gebaut hat nach dem Sieg über den

Hitler-Faschismus

durch die Rote Armee.

Fritz Cremer die Figuren, den Christus, der vom Kreuz herabsteigt

und nachträglich siegen möchte.

Herder aus Ostpreußen.

Der Generalsuperintendent.

Wilhelm von Humboldt mit seinen

vielen Sprachen, aber einer besonders.

Sie ist gar keine Sprache,

weil sie die Sprache Gottes ist.

Das Bild.

Zeichen.

Semiotik.

Das alles in Weimar

und der darüber thront.

Jetzt kannst du Kaffee dort trinken,

du sollst zivil werden.

Urban, aufgeräumt.

Nicht mehr nur die Asche-Felder,

Paul Schneider, Ernst Thälmann.

Die Osterpredigt aus dem Keller hinausgeschrien:

Christus ist auferstanden.

Haben sie es in Weimar gehört.

Bestimmt nicht.

Viel zu weit oben im Buchenwald.

Haben sie den Gesang

der Häftlinge gehört?

Oder war das nur der romantische Gesang Jahre später an den Lagerfeuern.

Es musste ja weitergehen in der Jugendarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen.

Mit Klampfe. Ich spiel sie heute noch.

Wenn ich so traurig bin wie die Lorelei.

Nein, nein, das muss gesagt werden.

Weimar hier und dort. Klassiker.

Braun brauner am braunsten.

Sie mußten dann die Filme sehen, als alles vorbei war. Die Weimaraner.

Es gab bestimmt auch Aufrechte.

Neben Sauckel mit seinen acht Kindern.

Alle vergiftet von ihm selber.

Was wollen wir also sagen,

nur weil Anne Briefe lesen wird

von einer Freundin?

Was steht da drin,

daß wir uns so erinnern müßten?

Wer hat geschrieben ?

Ein Mädchen aus Weimar, das sich nicht beugen wollte, konnte. Sie wußte nicht, was sie getan hat? Sie hat gar nichts getan. Sie hat nur einen Aufsatz geschrieben zu einem schönen Thema:

Dein Vorbild.

Ihr Vorbild war JESUS. Der Mann aus der Bibel. Der gute Hirte.

Der Mann am Kreuz.

Den sie gemartert haben, gefoltert,

wie das Otto Pankok malt

als die Geschichte der Menschheit.

Eine ständig weitergehende.

Sie hat es aufgeschrieben.

Sie wurde gerufen

in das Direktorenzimmer der

Erweiterten Oberschule in Weimar-Süd.

Die Oberschule hieß nach

Johann Wolfgang von Goethe.

Goethe war das Kreuz auch

unheimlich.

Vielen.

Sie sagte: „Nein, ich ändere meinen Aufsatz nicht. Ich schreib ihn auch nicht neu. Ich sollte mein Vorbild beschreiben. Ich habe es getan.“

Sie war immerhin die Klassenbeste und hatte einen gewissen Stolz als Mädchen in der Klasse mit ihrem Glauben, den sie zeigen wollte. Seine Schönheit.

Aber Jesus ist doch gar kein Mensch gewesen“,

sagte der Direktor.

Doch!“

Warum nimmst du nicht deine Eltern, wie die anderen,“ sagte vermittelnd ihre Deutschlehrerin.„Warum nimmst du nicht deine Großelternwie andere?“

Ich will nicht andere nehmen!

Ich will nicht Goethe und Schiller nehmen ich will sie alle nicht,

nur Jesus.“

CHOR:

Nobody knows the trouble I’ve seen…

but JESUS.

Niemand kennt das Leid, das ich sehe

nur Jesus.

Sie hat es schwer.

Sie fällt zurück.

Sie wird blass.

Sie geht nach dem Westen

In den Schwarzwald

Sie stirbt.

Die Freundin des Mädchens hat sich noch lange geschrieben mit ihr bis zum bitteren Ende. Sie hat die Briefe aufgehoben und an die Tochter des ehemaligen wehrdienstpflichtigen Grenzsoldaten geschickt. Sie waren sich oft begegnet. Die Eltern kannten sich.

Die Mütter. Um viele Ecken herum.

Natürlich hat Anne Leskow die Briefe schon alle überflogen, jetzt wird sie sie lesen.

Veröffentlicht von famwohlfarthtonlinede

Jahrgang 44 Lieblingsbeschäftigung:Schreiben und Predigen.Sehnsuchtsort Ostsee. Wohnort Berlin, Heimat Thüringen. Wenn Du mir schreiben willst, bitte über michael.wohlfarth@t-online.de; https://kaparkona.blog; michael-wohlfarth.jimdo.com; michaelwohlfarth.wordpress.com

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