Kalendergeschichte aus Kalender: Erzählungen und Lyrik by unitid.p.c.

Die eigenartigen Wagen

1

der Ägypter.

Sie legen die Rollen aus.

Darauf die Pyramide

damit

sie nicht

den Himmel verdunkelt

und den Sonnenwagen

des Gottes mit ihrer Spitze

zum mathematischen

Punkt macht.

Also woanders hin.

Aber wohin.

Wo die Sonne nicht

aufgeht und

nicht untergeht.

2

Ich habe geträumt

das Blasgerät ist wieder unterwegs

auf vier Rädern

zum Wegblasen der Blätter.

Der Mann

der auf dem Wagen sitzt

im blauen Arbeiteranzug

steuert in die Mitte der Straße

vom Rinnstein weg,

um auch dort das letzte Blatt

zu erwischen.

Immer wieder siehst du

solche eigenartige Fahrzeuge

klein, gelb, orange,

funktional,

die Straßenkehrmaschinen

für einen Mann

die Laubfeger

oder Sauger.

3

Aber der Postilion

Der Gelbe Wagen,

das Mädchengesicht

so hold

wie Luischen.

Singt Brüder,

damit es wiederkommt

das Lied vom Gelben Wagen.

Oder sind das jetzt die Mondkarren

die die Gesteinsproben entnehmen.

Vielleicht

Wir suchen weiter.

4

Der Große

und der kleine Wagen

am Himmel

über dir.

Nur eine kleine Anstrengung

und du weißt es wieder:

Im Schoß des Waldes

Auf der Insel in der

Irischen See

Auf den Sandhügeln

der Eiszeit

rund um die Hauptstadt.

Schau einfach nach oben

im aufrechten Gang.

Halte inne.

Kein Stillstand.

Kein Fortschritt.

5

Der große

und der kleine Klaus

die saftigen Wiesen

und die Sumpfotter

– geh du nicht hin –

fallen dir ein,

wenn du nach unten schaust

und dich vergewissern möchtest

wohin dich dein Stern geführt hat.

Laß jetzt.

Laß dir Zeit in der Nacht

wenn es sie gibt.

6

Ich, Hieronymus Bosch

habe nicht den Heuwagen gemalt

um die berühmte Nadel zu finden

sondern um zu zeigen

wie verworren die Welt ist

wenn das Gebet verloren geht

und damit

jegliche

innere

Ordnung!

Er fährt

ja er fährt

mit den unseligen Gestalten

zur Hölle

wollte ich sagen.

Ich, Hieronymus Bosch

habe sie umgehend illustriert

damit keiner denkt

sie sei nur virtuell zu verstehen

als gedachte Alternative.

Nein, nein

wir wissen

wie realiter sie sein kann

meine Brüder und ich

aus dem Orden der

Malerfreunde und Dichter.

Aber

da schaut die Lust hervor

in ihrer Absurdität der Un–Lust

und Langeweile: Seid lustig

damit die gnadenlose Zeit

niemand bemerkt.

Aber irgendwann bemerkst du sie

doch.

Da schaut die Geilheit

aus allen Halmen des

gemähten Grases und des

gedorrten in der

niederländischen Sonne

und kann nicht mehr

zwinkern

geschweige denn lächeln.

Das tut sie eben nicht.

Wer schaut denn da noch

und wird geschaukelt

weil die Höllenpferde

beginnen zu ziehen

und die Erdlöcher sich

bemerkbar machen

die Räder brechen

weil der Stellmacher

kein Eisen kennt.

Hü Schimmel hü.

Der Kutscher sitzt oben auf

und hat seine übervolle

Fuhre.

Ein eigenartiges Bild.

Sie werden alle abgeworfen

am Strand

und das Heu verfliegt

mit dem Wind.

6

Wollen wir noch andere Bilder finden

von dem Maler in Utrecht

oder anderswo?

Der absurden Spiele

der Urteile,

die vollstreckt werden?

Des verdammten Höllenschlundes?

Des Halses, durch den alles geht?

Der Mühle

die alles mahlt?

Faszinosum bis zum

Stillstand.

Wir haben seiner gedacht

des H.B. in diesem Jahr

des HERRN.

Und viele sind losgefahren

um in seiner Heimat

die Dinge besser

zuordnen zu können.

Lob.

Lob.

7

Das Rad der Geschichte

ist abmontiert

auf dem Platz

vor

des

Volkes

Bühne

im Osten

unweit

der

unsichtbaren

Grenze

Berlins.

Sie haben es beleidigt

nicht nach Berlin

West verbracht

sondern

wenn schon

dann schon

in das Land der Freiheit

der Marianne

des Hahns

der

Maria Magdalena

sie soll ein Flüchtling des Mittelmeeres

gewesen sein von Jerusalem an die

französische Riviera

Cannes und so.

Das Rad der Geschichte

das kaputte Rad der Geschichte

das Sinnbild eines zerbrochenen Rades

nicht auf der Zinne

– nie wieder –

sondern auf dem Rasen

gar nicht rostfrei

gegenüber dem Parteihaus

mit dem schönen Namen

ROSA.

Texte auf dem Pflaster.

Babylon gegenüber.

Schräg.

Ein Nachtbold

hat das Straßenschild

überklebt

mit einem

anderen Namen:

Ronald Reagan.

Nachdem ein Freiherr in Hohenschönhausen

und Kornblum diesen Präsidenten gewürdigt

haben

zu seinem 100. *-TAG.

Wegen dem Fall

der Mauer.

Jetzt wird es ein Allzwecktheater

wie Babylon.

Und auch in der Zeile:

Gauckbehörde

Berlin.

Schlimmer geht’s immer.

Schlimmer, Schlimmer.

Nimmer?

8

Troika

Quadriga

zerbrochenes Rad

Lenkrad?

9

Steuerbord rechts oder links.

Geradeaus sowieso.

Denn der Sturm bläst

wie er will.

Der Wind.

Steuerbord

Rad

Schiff ahoi

Kahn der ewigen kleinen Leute

Fröhliche Wissenschaft ahoi.

Kahn der fröhlichen Leute.

Halt es fest

wenn alles bricht

Vergiß es nicht.

Das Rad.

Oder greif hinein.

Wenn du kannst.

Kalendergeschichte – Dezember

  1. Eine der vielen Weihnachtsgeschichten.

Endlich klingelt es einmal wieder in unserer Zweisamkeit.

Nachts.

Wir fahren auf und stehen in den Betten.

„Geh du!“

„Nein du!“

Als ob wir wüßten, wer es war.

Grauen.

Tatsächlich, es stehen zwei Kapoleute vor der Tür, die gehört haben, es sollen sich Weihnachtskerzen aus rot-und weißgefärbtem Wachs in unserer Wohnung befinden.

Im Keller.

Zum Anzünden am Heiligen Abend.

„Nie und nimmermehr!“ rufen sie im zweistimmigen Chor. „Unterstehen Sie sich!“

Wir fragen, auch zweistimmig (Tenor und Sopran),

wer sie geschickt hat.

Sie antworten: „Das Amtsgericht. Es ist untersagt, Kerzen zum Anzünden aufzubewahren.“

„Warum?“

„Es ist eine Gefährdung.“

„Wieso?“

„Wachs brennt und außerdem haben Sie eine Fichte

aus dem Kirchenwald Mannichswalde im Thüringisch-Sächsischen Grenzgebiet – extra schön – geschlagen.

Wir haben das Gespräch mit dem zuständigen Pfarrer abgehört.“

„Dürfen Sie das?“, fragen wir zu zweit in die fahle Lichtdämmerung der Beleuchtungsanlage im Wohnpark Nr. 8 -13.

„Wir dürfen alles, wenn es um die Sicherheit der Bürger geht und um ihre Gesundheit.“

Zweistimmiges Kapolied:

„O-O-O b e r s t e P r i-o-r i-t ä-t ä t !“

(Tenor-Kopfstimme und Bariton).

Dieser Refrain, diese Strophe kam immer wieder.

Und es hallte zurück aus dem naheliegenden Wald.

Wir konnten es nicht mehr hören und knallten, unhöflich wie wir sind, die Tür zu.

Da brachen sie sie auf. Die Tür.

Wir ahnten nicht, daß sie es ernst meinen.

Die schwarzen Helme der Sicherheitsleute glänzten im Mondlicht und strahlten unter den Parkleuchten, die die Nacht so grell fade erscheinen lassen, daß es einen umtreibt.

Nur eine flackert und geht stundenlang aus.

Worüber sich alle freuen.

Aber es darf nicht sein.

Es hätte längst gemeldet werden müssen und abgestellt, also angestellt.

Ohne Flackern und Pause.

Der Hausmeister hat bestimmt deswegen

ein schlechtes Gewissen.

Ich fürchte, es hat ihm schon jemand gesteckt.

Oder auch nicht.

Weil sich wirklich a-a-a-lle freuen.

Ausnahmsweise.

Also wir gehen einmal davon aus,

daß der Hausmeister es gar nicht weiß,

weil im Morgenlicht, wenn er kommt,

alle europäischen Birnen nur noch Glas sind,

ohne brennenden Docht.

Abgeschaltet.

Obwohl – im Winter stimmt das nicht ganz.

Inzwischen haben sie die Tür wieder aufbekommen

und wir stehen zitternd vor Kälte und Schreck.

„Lassen Sie uns durch! Haussuchung!“

Neulich Nacht hatten wir die Schweine zu Besuch, die wälzten sich in der Lake unterm Dornenstrauch. Nur ihre Spuren hatten wir am nächsten Tag zu Gesicht bekommen. Das war doch was. Einen Kurzbericht wert an die Enkel.

Aber das?

Sie nahmen ihren Helm nicht ab und stürmten die Wohnung.

Sie fanden nichts.

Dann zeigten wir ihnen den Weg.

Auf dem Wohnparkweg ums Haus durch den Haupteingang in den Keller.

„Aber bringen Sie erst das Schloß in Ordnung“, sagte ich und zog eine Pistole, die ich mir bei einem Waffenhändler in Tirol gekauft hatte unter Vorlage einer Berechtigung. Sie wurden nervös. Bloß keinen Aufruhr mitten in der Nacht unter Ausleuchtung aller Details.

Sie rannten zu ihrem Überfallwagen und brachten

ein Ersatzschloß, das sie einsetzten mit Hilfe eines Schlossers, der die ganze Zeit auf der hinteren Sitzbank geschlafen hatte. Niemand hatte damit gerechnet, daß wir ihnen die Tür vor der Nase zuknallen.

Am wenigstens der Schlosser, ein friedlicher Mann.

Nun haben sie ihn also wachgerüttelt.

Nach all dem nun hinunter zur richtigen Kellertür.

Dort lagen sie: die Schachteln mit roten und weißen Christbaumkerzen.

Vom Schwarzmarkt.

Aus Rußland eingeschmuggelt, sagte uns vertrauensvoll unser Händler.

Eins, zwei, drei, vier mal zugreifen und hinein in den Beutel aus schwarzem Samt.

Keine Verhaftung aber Beschlagnahmung.

Wieder oben.

Sie gingen zu ihrem Jeep.

Kein Gruß.

Der Handwerker stand auf dem Parkweg, auf dem er gewartet hatte. Dann stürzte er als erster auf den Jeep zu und riß die hintere Tür auf.

Endlich war die Aktion abgeschlossen.

Irgendwo gibt es Löcher in dem Zeittunnel,

über die die roten und weißen Christbaumkerzen

zu uns gekommen sind. Das Geheimnis ist beschädigt worden. Ja, es hat jemanden so in Aufregung versetzt, daß er geplaudert hat. Vielleicht auch angezeigt bei den obersten staatlichen Behörden.

Wir mußten nun eine elektrische Baumkette kaufen.

Europäische Norm, dachte ich.

Aber mein Frau nahm mich beiseite: „Sie sind dumm, sie haben nicht nachgeschaut unter dem Rost, auf dem sie gestanden haben, als sie geklingelt haben, mitten in der Nacht. Den sie fast durchgetreten haben, als sie mit Gewalt das Schloss zerstörten, indem sie sich dagegen stemmten.“

Kalendergeschichte – Februar

Oder – der Grundriß einer Wohnung.

Anfang Februar.

Plötzlich klingelt es – wieder.

Es hat tagelang nicht geklingelt.

Auch nicht nachts.

Der Postbote, der das Paket des Nachbarn los werden möchte?

Der Nachbar selber, der es endlich wissen möchte?

Was geschehen war.

Neulich nachts.

Uns trennt nur ein schmaler Fußweg und beidseitig so etwas wie ein grüner Graben.

Vorsicht Ökologie“, rufen die Ewiggestrigen.

Es gibt ja keinen Frühling, Sommer, Herbst und Winter mehr und man erkennt an den Stoppelfeldern, über denen die Drachen hoch fliegen nicht mehr, ob es wirklich Herbst ist. Stoppelfelder vielleicht noch als Erkennungsmarke einer Jahreszeit. Eben kurz nach der Ernte. Wann ist die. Na ja – ungefähr noch wie früher.

Aber Drachen.

Geht doch an die Ostsee.

Dort fliegen sie immer.

Oder in Kopenhagen haben wir sie über die Dächer fliegen sehen mitten im Sommer, von einem Fenster aus gehalten.

Nichts stimmt mehr.

Sofort der Pflug.

Sofort kommt der Samen in das Land.

Fruchtfolge.

Also, der Graben ist immer grün. Man könnte meinen, es ist Kunstrasen.

Alles nur Deko“, singt der Chor in der Parkaue.

Und dann noch einmal die Ewiggestrigen:

Vorsicht Ökologie!“

Das Regenwasser läuft besser ab nach den Berechnungen.

Die Büsche in den Gräben sind kurz gehalten.

Sie sollen dem Haus nicht schaden und uns keine Dunkelheit bereiten.

Dabei wollen wir sie, die Dämmerung des Gebüschs, wenn die Sonne hernieder scheint im Sommer.

Nein, nein, nein!“ rufen einige Bewohner. Sie wollen noch mehr eigene Fahrzeuge.

Und überhaupt nicht mit dem Bus fahren!“

Hört auf mit dem Gemaule“, schaltet sich der Hausmeister, der auch als Parkwächter fungiert, zwischen die streitenden Parteien.

Also kein Nachbar?

Auch nicht einer von den vielen gegenüber vom Fußweg: Doppeltes Längshaus.

Wir sind Parterre. Eigentlich Souterrain.

Und wenn es klingelt, stehen sie sofort im Haus,

in der Wohnung. Wenn du erst einmal aufgemacht hast.

Kennst du die Geschichte vom Schuhmacher, der auf Jesus wartet, weil im Traum ihm jemand gesagt hat: „Der wird dich morgen besuchen!“

Du kennst sie nicht? Hol‘ es schleunigst nach.

Nimm und lies und mach dich auf!

Hau auf die Trommel, die du finden wirst,

damit sie aufwachen: die Schläfrigen und Müden.

Du weißt auch nicht, wer wirklich kommt?

Der Mensch kommt, du wirst lachen, der Mensch, der gerade verlorengegangen ist. Der sich verliert im ganz und gar Unmöglichen und andern unsäglichen Dingen.

Aber es sind die Armen, vergiß es nicht.

Nimm und lies den Schriftsteller Tolstoi,

oder wo es sonst noch zu finden ist.

Du wirst es selber sehen.

Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an“,

spricht CHRISTUS DER HERR.

Erinnere dich an den russischen Schuhmacher im Souterrain.

Hat es wirklich geklingelt, ich bin allein zu Haus.

Und mach nicht jedem auf.

Es ist in der Dämmerung eines grauen Februarnachmittags.

Gut, daß die Büsche kurz geschoren sind,

sonst wäre es dunkel, gerade jetzt.

Wie recht haben sie: die Grünzeugflotte des Senats und die Kolonnen für die Bepflanzungen.

Gut, dass die Büsche kurz geschoren wurden, gegen unseren Widerstand“, werden wir uns immer wieder zuflüstern, wenn es ernst wird.

Und du erkennst niemanden mehr in der Dämmerung,“ murmeln wir einträchtig in voller Harmonie mit allen Bewohnern des Wohnparks.

Vor allen Dingen kommen ja auch noch die Wölfe von Polen herüber. Die Zeiten ändern sich.

Einen Spion haben wir nicht. Also öffne ich die Tür. Und wieder stehen zwei Männer in schwarzer Uniform mit der Aufschrift vor der Tür. Sie halten mir einen Beutel unter die Nase. Er kommt mir bekannt vor.

„Gehört der Ihnen?“

„Nein, aber ich habe ihn schon gesehen.“

„Wann?“

„Vor Weihnachten.“

„Erzählen Sie!“

Ich bat sie, herein zu kommen, aber sie wollten nicht.

Es muß POLIZEI sein. Schwarze Klamotten…

Die betreten nicht so einfach eine fremde Wohnung ohne einen Hausdurchsuchungsbefehl.

Einer von beiden dreht sich nach links so, daß ich auf seinem Rücken in großen Buchstaben

POLIZEI lesen kann im Dämmerlicht

des späteren Nachmittags.

Diese bewaffneten Uniformierten. Sie hüten sich davor, die Bürgerinnen und Bürger in Angst und Schrecken zu versetzen. Bei der deutschen Geschichte.

Sie sind scheu.

Die beiden schwarzen Polizisten halten mir immer noch den schwarzen Beutel hoch vor meine Nase.

„Entschuldigen Sie, wenn Sie nicht hereinkommen wollen, dann muß ich den Türstopper durchtreten, damit ich nicht immerzu die Tür mit meinen Händen aufhalten muß. Das ist hinderlich, wenn ich mit Ihnen rede.“

„Ist Ihre Frau nicht zu Hause?“

„Warum?“

„Sie war Zeuge eines Vorfalls in der Zeit vor Weihnachten“.

„Wie ich auch?“

„Ja.“

Sie redeten im Wechsel einzeln oder im Chor

und endlich übergab der eine dem anderen den Beutel. Und sie hielten ihn nicht mehr ständig vor mein Gesicht.

„Wollen Sie nicht doch hereinkommen. Es ist Februar. Und der Wind macht die Wohnung kalt.“

Das haben sie eingesehen und sie kamen in den engen Vorraum und ich konnte zwei Schritte rückwärts gehen aus dem kleinen Vorraum, in dem die fremden Männer standen in Uniformen mit der Aufschrift POLIZEI,

aber ohne Namen.

Ich ging rückwärts durch die zweite Tür in den wesentlich größeren Mittelraum, von wo aus Wohnzimmer, Wintergarten, Küche, Arbeits-Dienstzimmer und das Zimmer mit der Um – die – Ecke – Schlafmöglichkeit abzweigen.

Alle Türen waren verschlossen und die beiden Polizisten waren nicht neugierig, so wenig, daß sie nicht einmal um eine Ecke geschaut hätten.

Gute Preußen am Süd-Ost-Rand Berlins.

Nach einer langen schweigenden Minute sagten sie dann aber doch:

„Ach wissen sie, wir nehmen Ihr Angebot an!“

„Welches?“

„Von vorhin!“

„Platz nehmen?“

Sie nicken im Chor.

Ich öffne die Wohnzimmertür und führe sie in den Wintergarten, der daneben liegt.

Die Tür ausgehängt, weil es meine Frau so wollte.

Ich zünde die Kerze an auf dem Tisch und bitte,

Platz zu nehmen.

Die Herren haben jetzt die Möglichkeit nach draußen zu blicken, dahin, von wo sie gekommen sind.

Wenn sie nicht zu abgelenkt sind von den Unmassen

an Bildern, die alle Wände schmücken.

Ah, ja, da kommen die Heimkehrer von der Arbeit auf dem Laufsteg und die hübsche Verkäuferin aus der Boutique von einem Großmarkt am See.

„Sie wissen inzwischen, warum wir geklingelt haben?“, der eine.

„Noch nicht ganz!“

„Weil wir Ihnen etwas zurückbringen möchten!“

Pause.

„Was Ihnen zu Unrecht abgenommen wurde.“

Damals mitten in der Nacht, vor Weihnachten?“

„Richtig!“

„Sie sehen ähnlich aus – wie… die… damals!“

Pause.

Weiter: „Ich weiß nicht mehr genau, ob der Schriftzug POLIZEI auch auf ihrem Rücken zu lesen war.“

„Das können sie ja auch nicht, weil im Mondlicht und in dem fahlen Licht der Parkbeleuchtung das nicht so einfach war“, sagt der andere.„Ach so, ja. Sie standen uns ja auch nur gegenüber. Und dann der Überfall, Haussuchung. Wir waren froh, Sie in den Keller zu den Kerzen führen zu können.“ Dabei haben sie nicht an Lesen gedacht?“, der Linke vor der Wand mit Blick auf die Verglasung. „Kapo, Kapo,“ und weiter: „So geisterte es durch das fahle Licht in unseren Köpfen.“

„Na ja, Sie gingen ja auch vorneweg und haben ihnen nie auf den Rücken geschaut. Ein richtiger Polizist wird immer auf so etwas achten.“

Um zu zeigen, wie vertrauensvoll anders die Situation diesmal war, standen sie auf und drehten sich um.

„Lesen Sie!“

„Ihr Kollege hat sich vor der Tür bewußt so gedreht, daß ich den Schriftzug gut erkennen konnte. Auch in der Dämmerung eines späten Nachmittags im Februar: Polizei!“

„Sehen Sie“, der eine.

Wir alle drei: „POLIZEI!“

Berliner Polizei.

Die Sanftmütige.

Überhaupt keine Bullen.

„Und neulich?“

„Lassen wir das jetzt. –

Wir sind hier, um Ihnen zu sagen, daß alles seine Richtigkeit hatte. – Sehen Sie, hier sind Ihre ROTEN KERZEN aus Wachs.“

Der Linke öffnete den schwarzen Beutel, der mir so bekannt vorkam und zeigte sie mir.

Lange Pause im Wintergarten. Jeder sah den anderen an in der Dämmerung. Dann machte einer der Besucher das elektrische Licht an und telefonierte.

Der andere blies das Teelicht aus.

Im Chor der Linke und der Rechte: „Wir möchten aus Sicherheitsgründen noch die andere Packung haben.“ Keine Antwort von meiner Seite.

„Wir wissen, wo sie ist.“

„Deswegen hätten Sie uns auch nicht herein bitten müssen.“

„Viel zu viel Umstände.“

Der etwas Rundlichere – bei genauerem Hinsehen: „Die schwarze Tasche gehört uns“.

„Bitte gehen Sie vor die Tür und hebeln sie den Rost aus!“

„Warum?“

„Weil Sie dort die restlichen ROTEN KERZEN versteckt haben.“

„Unsere Recherchen haben ergeben, daß Sie doppelt so viel rote altdeutsche Wachskerzen bei dem Händler, der inzwischen in den Ruhestand gegangen ist, gekauft haben. Unsere Kollegen sind noch in der Ausbildung und haben sich mit der Hälfte zufrieden gegeben.

Sie haben natürlich auch Fehler gemacht: Grob, verwüstend u.s.w.“

Schweigen.

„Aber jetzt sind wir gekommen und erschrecken Sie nicht in der Nacht. Das machen nur Anfänger.“

Der Hagere: „Bitte gehen Sie jetzt!“

Er zog eine Pistole.

Ich stürzte durch alle Türen unter das Glasdach des Einganges, riß den Rost hoch und war froh, daß meine Frau noch nicht bis dahin gekommen war, wirklich alle Dekorationen in den Keller zu bringen.

„Hier, die Kerzen!“

„Danke!“

„Darf ich noch eine Frage loswerden?“

„Woher?“

„Ja, woher.“

„Der Nachbar hat es uns gesagt. – Geben Sie es doch zu, wie gefährlich es ist, einen Baum anzuzünden!“

Sie erhoben sich aus unseren Korbstühlen. Der eine steckte seinen Revolver wieder ein und der andere schmiss die doppelt gefüllte Tasche über die Schulter. Dann gingen sie zurück in den immer dunkler werdenden Tag. Sie warfen das Auto an.

Scheinwerfer – und surften davon.

Ich weiß bis heute nicht, ob es Polizisten waren oder andere vergleichbare Menschen, die sich umgezogen hatten, um ordentlich zu sorgen – für ihren Kiez.

Kalendergeschichten März bis Juni

Im Frühling.

Diesmal klingelt es überhaupt nicht.

Es kann gar nicht, weil: wir sind nicht zu Hause.

Aber auf einer Parkbank im Frühling

kommen zwei Beamte auf uns zu und stellen sich vor: „Erwin Schmidt, Geheimpolizei in Stuttgart.“

„Roland Gürtler, ehrenamtlicher Ortsteilbürgermeister in Schleendorf.“

„Ja, bitte“, ich.

„Ja, bitte“,meine Frau Gemahlin.

„Wir sind auf Reisen“, setzen wir noch hinzu,

als ob wir uns entschuldigen müßten.

Na und ob.

Natürlich.

Wir sind einmal wieder zu schnell gefahren und einer hat uns gesehen.

Nicht das Auge Gottes wie in den Abraumhalden

New Yorks in den 20er Jahren des Großen Gatsby. Nicht der Staatsicherheitsdienst „Zur Schorfheide“ 1988, nicht einmal die fröhlichen Nachbarn in Berlins äußersten Waldbezirken, die sind viel zu weit weg.

Oder?

„Wir sind auf Reisen!“

Auch nicht der Starkasten, der die Geschwindigkeiten fixiert. Ob er nun oval und schön aussieht wie in Schweden. Oder immer noch häßlich wie in Deutschland. Militärisch grün, pure DDR.

Die beiden sagen nichts.

„Na, wer hat uns denn angezeigt, diesmal?“

Eigenartig, daß selbst ein ehrenamtlicher Ortsteilbürgermeister es fertig bringt zu schweigen.

Das wird der Geheimpolizist mit ihm trainiert haben.

„Das falsche Benzin?“

„Du kannst sie nicht provozieren“, sagt schließlich

meine Frau.„Und du solltest es auch nicht!“ Nach einer gebührend langen in der Oper gelernten Kunstpause.

Ich rate weiter: „Ha,ha, ha – die irreguläre Glühlampe. Oder haben wir einen zu grünen Salat im Kofferraum, gemessen an europäischen Standarts?“

„Nichts von alledem“, sagt Erich: „Wir wollen Ihnen etwas zurückbringen!“

„Das haben mir im Februar in Berlin schon einmal zwei verkleidete Beamte gesagt. Sie haben es mir sogar gezeigt aber dann – verdoppelt – wieder mitgenommen.“

Meine Frau wird nervös, weil sie bei dieser Geschichte nicht dabei war. Ich nehme an, sie glaubt mir immer noch nicht. Es ist ja auch fast nicht vorstellbar: friedlich – sanftmütig – kriminell mit großen Buchstaben auf den Jacken: P O L I Z E I.

„Zurückbringen?“ rufen wir aber dennoch im Chor.

„Kommen Sie doch einmal mit an unser Auto“,

sagt Roland.

„Weshalb?“

„Das werden Sie schon sehen.“

Wir erheben uns ein wenig unschlüssig und gehen mit in die Richtung der beiden.Es beruhigt uns kolossal, daß der Ortsteilbürgermeister dabei ist und der Wagen von Roland und Erich gleich um die nächste Biege steht des breiten Kiesweges, der knirscht, was das Zeug hält.Von da ist es nicht weit bis zu unserem Quartier in Schleendorf im schönen Schwäbischen.

Halt, hatten sie vielleicht geklingelt an unserer Tür dort, in der Urlauberwohnung. Dann haben sie uns gesucht. Herausgefunden, daß wir nicht sehr weit weg sein konnten. Es lag noch Kaffeedampf in der Luft, die Türen waren nicht so hermetisch abgeriegelt wie in Neuzehlendorf, Berlin.

Die Frühlingssonne war gerade im Begriff unterzugehen in der künstlichen Sommerzeit.

Und wir waren nun wirklich gespannt.

„Haben Sie etwas gefunden, was uns gehört?“, fragte ich ahnungsvoll. So etwas war mir schon oft passiert.

Der Ermittler: „Nein, sie haben nichts verloren, da würde sich das Fundbüro melden und auch der Ortsteilbürgermeister hat anderes zu tun.“

„Haben Sie denn etwas verloren?“ unterbrach Roland.

„Nicht, daß wir wüßten“, meine Frau und ich gemeinsam, fast zweistimmig.

Erwin Schmidt, Geheimpolizist, Ermittler, Kriminaler feierlich: „Wir haben etwas gefunden in mühevoller Kleinarbeit, was Ihnen gestohlen wurde.“

Uns fielen alle unsere Sünden ein, wie in DDR-Zeiten, wenn wir aufs Revier bestellt worden sind, als plötzlich der Kriminale Erwin vor uns stand mit Roland, der Staatsmacht des Ortsteils Schleendorf in Baden-Württemberg. Das geht uns leider immer noch so bei jedweder Berührung mit diesen Außerirdischen.Wir kommen eben aus dem Ghetto, aus dem Untergrund. Aus dem Osten. Und das Licht zu dem wir uns mühsam empor gekämpft haben in der lang anhaltenden friedlichen Revolution blendet uns noch all zu oft.

Und wir lassen uns täuschen und fallen auf fast jeden faulen Trick herein in der Individualwirtschaft des Landes, wo die Sonne untergeht: WEST.

Und jetzt diese Wendung: Uns fielen wirklich die ROTEN KERZEN AUS WACHS ein, die im Keller unserer Parterrewohnung, die in Wirklichkeit eine Souterrainwohnung war, den Besitzer gewechselt hatten vor Weihnachten, nach Weihnachten wiedergebracht wurden für einen Augenblick. Aber nur um die zweite Packung auch noch mitzunehmen, die meine Frau listigerweise unter dem Rost vor der Tür versteckt hatte – unter Androhung von Gewalt! POLIZEI! Ordnungskräfte. Selbsthilfegruppe mit gestohlenen Uniformen? Jetzt kommt die Aufklärung der Geschichte. Da hat es sich doch gelohnt.

Aber warum Baden-Württemberg?

Kapo-Leute haben wir sie genannt, schwarz, wie die Tschechenpolizei im Sozialismus, wenn wir über die Grenze machten. – Highway. – Ungarn. – Freiheit.

„Sie schlagen schnell…“ flüsterten wir uns damals zu.

Es ist wie gestern.

Heute?

Wir sagten aber nie etwas…

Wir machen jetzt eine Pause, aber keine Angst:

die Geschichte geht gleich weiter.

Ich bin unterbrochen worden.

Irgend etwas wichtiges.

Vielleicht das Fernsehen.

Oder die AfD.

Oder ein nicht zu umgehender Telefonanruf, der getätigt werden muss.

Wahrscheinlich hat wirklich das Telefon geklingelt. Oder waren die Kinder noch da. Ich weiß es nicht.

Sie kommen immer zu Besuch, wenn in Sachsen Ferien sind oder in Thüringen: die Enkelkinder.

Jedenfalls: es gibt Wichtigeres als die Phantasien zu roten Kerzen, die alles volltropfen: Teppiche, Tischdecken. Und dann sind doch auch wirklich die Kunstkerzen aus elektrischem Licht viel geeigneter.

Und wir müssen keine Geschichten dazu erfinden und europakritisch werden mit seinen abstrusen Maßeinheiten. Nein, das müssen wir nicht.

Günter Grass hat über die KPD nachgedacht.

Wir über AfD.

So ist das.

Das war damals das eigentlich Erschütternde:

Im Bett liegen und über KPD nachdenken.

Der Trommler glaube ich. Und wir in der DDR mit unseren heiß ersehnten WestbesucherInnen,

die Günter Grass mitbringen. Und den Spiegel.

Man muß wirklich nichts schreiben.

Auch keine Kerzen an die Bäume klemmen und eventuell noch anzünden. Nein, nein.

Wir können es alles lassen, aber wir lassen es nicht.

Vielleicht gerade auch wegen der Enkel.

Es ist wie der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt: Der Tropfen!!!

Aber es ist nicht einfach.

Plötzlich Pause und Unterbrechung.

Es gibt Wichtigeres.

Aber nur, wenn es auch Unwichtiges gibt. Ist doch so.

Nein?

Also zum Beispiel Österreich, diese Protestanten, diese Minderheit. Sie machen Ärger.

Es gibt noch andere Beispiele.

Hesse.

Ich habe ihn das erste Mal – wieder – in Österreich gelesen. Im schönen katholischen Tirol: auf 100 Leute ein Protestant. Die Atheisten lassen wir außen vor.

Sonst wird es kompliziert.

Hesse.

Ich erinnere mich noch ganz genau: Besuch getrickst aus der DDR zu einer Tante, die es nicht gibt.

Hesse.

Pietismus.

Schlag 10.00 Uhr.

Ich renne über die Wiese und spüre die Engigkeit in Baden-Württemberg nördlich von Stuttgart.

Alles gut.

Technik gut.

Mercedes.

Schiller.

Ich fliege über die Wiese, dem Bach zu und ich weiß, hier war Hesse zu Hause.

Und jetzt, also damals Urlauberseelsorge in Tirol – und der Hesse unter meinem Kopfkissen.

Mir war das immer so schwülstig…Aber was soll man machen. Irgend etwas muss der Mensch machen.

Dann bekommt er solch eine Biografie zwischen die Finger…..

Du kannst nicht nur predigen, auch nicht immerzu wandern. Trinken kannst du, einen Wodka unten bei die Russen. Das sind ja solche Gewölbe in Schwaz, wo sie uns einquartiert hatten. Neben der Garage, viel zu teuer für uns.

Aber auf den Berg könntest du.

Ist das wichtig.

Es ist beeindruckend.

Für Kinder auch, Erwachsene, Eltern und Großeltern.

Weiter geht’s.

Weißt du noch, geneigter Leser, wieso es uns nach Baden-Württemberg verschlagen hat im Frühling.

Hesse.

Von Berlin aus.

Von den Kellern aus, wo die Kerzen versteckt werden, damit die Kontrolleure sie nicht finden, die allen unnötigen Kitsch verdammen und Europa zum Opfer bringen.

Inzwischen ist der März vorüber und wir sind am Ende des schönen abwechslungsreichen Monats April, der macht was er will. Stürme. Schneeflocken. Regen. Minusgrade am Morgen.

Plusgrade am Morgen. Erste gärtnerische Versuche. 200 km von hier in Nordsachsen, um nur ja nicht zu versäumen, wenn der Vorsitzende des Kleingarten-vereins das Wasser anstellt, durch jeden Garten persönlich geht, aber wieder umkehrt, wenn der Sturm und die Flocken zu heftig sind kurz vor Ostern.

Also weiter mit diesen Kanistern, die gefüllten Krüge, zum Kochen und Waschen in der Minilaube am Rande von Z., wo die Leute reden wie in Halle an der Saale.

Aber endlich klärt es sich auf und nach Ostern Wasser Marsch aus allen Brunnen und die Leute sind glücklich. Es geht los. Die Saison hat begonnen.

Also Schwaben.

Das schöne Schwaben.

Hermann Hesse.

Die Abendsonne.

Nach den vielerlei Unterbrechungen wegen vieler wichtigerer Dinge als Aufschreiben einer völlig unwichtigen Erzählung über rote oder weiße Kerzen aus Wachs, die nicht mehr konform sind in der EU. Christbaumkerzen. Ah, Christbaum, vielleicht liegt da schon der Hase im Pfeffer, inzwischen im April der Osterhase, das alte Fruchtbarkeitsgeschenk.

Christbaumkerzen.

Der korrekte Ausdruck könnte ja auch anders heißen.

Wir haben länger die Zeitung nicht gelesen, das Radio nicht angeschaltet und den PC mißbraucht als Schreibmaschine ohne die ganze wunderbare Nachrichten- und Reklamewelt, aus der man ja alles erfährt, alles Notwendige.

Nun ja, jetzt hatten wir Ostern, das christlichste aller Feste – wenn da keiner etwas dagegen hat.

Wie sollte er.

Also ich erzähle weiter: Sie erinnern sich – die Biege. Dahinter das Auto von dem Kriminalen und dem Bürgermeister. Der Sand knirscht. Die Kiesel quietschen.

Die Sonne geht langsam auf den Horizont zu. Die Abendsonne.Wir sind im Frühjahr. Und machen einen Kurzurlaub. Hesse hat uns dazu verführt.

Sind wir einen anderen Weg gegangen als den, der zum Dorf führt? Die Biege müßte längst zu Ende sein .

Erst jetzt fällt mir auf, wie der Schlapphut herumläuft, besonders meiner Frau. Sie flüstert es mir ins Ohr: „Sieh dir den einmal ganz genau an und den anderen, bevor es zu dämmerig wird und du gar nichts mehr erkennst. – Wo ist denn nun der Wagen des Geheimpolizisten in Lederjacke?“

Der Ortsteilbürgermeister steckte sich eine Zigarette an, obwohl linkerhand der Wald begann. Aber es stand nicht POLIZEI auf seinem Rücken. Bei beiden nicht. Es war nicht so eng wie in unseren Räumen und Vorräumen zu Hause in Müggelheim (Berlin). Es war Freiheit in Baden-Württemberg, dem Musterländle.

Draußen im Freien gegen Abend bei schönem Wetter.

Endlich der Mannschaftswagen?

Ja, der Mannschaftswagen. Hier würden wir erfahren, was der Geheime uns zu sagen und zurückzubringen hat.

Wir fragten.

Er zeigte auf die Treppe, die „auf Deck“ führt.

Es saßen keine Soldaten auf den seitlichen Bänken, auch keine Polizisten.

Der Planwagen war leer.

„Zoll“, dachten wir. Rauschgiftdezernat.

„Bitte nehmen sie Platz!“sagte der Ortsteil-bürgermeister von Schleendorf, der er natülich nicht war, obwohl er so harmlos aussah.

„Sie wollten uns etwas zeigen?“

„Wir sind extra im Vertrauen darauf, daß Sie uns die Wahrheit sagen, mitgekommen.“

„Ja, wir waren dummerweise auch neugierig“,bemerkte meine Frau resigniert. „Der schöne Abend“, jammerte sie.

„Es wird noch viel schöner werden“, sagte die Lederjacke mit Schlapphut. Die Freundlichkeit in Person im Gegenlicht der untergehenden Sonne

vor der Parkbank.

„Wie meinen sie das?“

„Kommen sie endlich zur Sache, wir wollen nach Hause in unser Quartier. Und ich bestehe darauf, daß wir nicht zu Fuß zurückwandern, sondern Sie uns bitte schön nach Hause fahren.“

Plötzlich packten sie uns und legten uns Handschellen an und fesselten uns – wie den Spürhund – an jeweils eine mittlere Stützstange des Planwagens.

„Wir protestieren!!!“ – im Chor….

Längst waren die beiden Männer im Führersitz und fuhren los. Sie hatten uns gefangen genommen, wie zwei Schwerverbrecher. Sie haben uns angelogen. Zumindest der eine, der sich ständig als der joviale Ortsteilbürgermeister ausgab und mit seiner schwäbischen Zunge schnalzte. Und mit dem Daumen schnippte.Wie ein Berliner aus dem Ostteil der Stadt.

„…hab ich zahlt“, hören wir immer im X69, wenn wieder einmal eine schwäbische Gruppe im ehemaligen INTERSHOP, jetzt MÜGGELSEEPERLE-HOTEL, zu Gast ist.

„…hab ich zahlt“, dachten wir.

Wofür zahlen wir jetzt.

Sind wir schuldig geworden.

Ein Justizirrtum?

Sie hatten uns gelockt in das Dunkel des Waldes und des Abends im Frühling. Wir hatten uns keinen Dienstausweis zeigen lassen.

Wir sind naiv.

Uns fielen die horrendesten Geschichten ein:

Wir werden durch ganz Deutschland gekarrt,

den Rhein hinauf und hinunter…..

Aber erst einmal: sie steckten einen Hund unter die Plane. Er tat uns nichts, sondern legte sich winselnd neben den Eisenfuß einer Holzbank. Auf so einer

saßen wir. Hatten sie ihn aufgelesen, bemerkt im grellen Scheinwerferlicht ihres Holz-Vergasers.

„Aha, sie sind tierlieb und bremsen auch für Tiere.

Das hat man ja bei solchen Leuten“, dachte ich.

Und es fiel mir die deutsche Geschichte ein.

Ja wirklich, vorhin bremsten sie kurz und schmerzlos.

Es war der Hund.

Was wollten sie?

Wollten sie uns vor ein Gericht zerren.

Ein selbst erfundenes oder ein ordentliches.

Wenn er wirklich von der Kripo war, war es schon ganz gut. Wenn…

Und der Ortsteilbürgermeister?

Jetzt hatten sie erst einmal für eine Sekunde die Plane gelüftet, um den Vierbeiner unterzubringen.

„Können Sie uns sagen, was das soll?“, schrie meine Frau die Leute an. Es muß schlimm um uns stehen, sonst würde sie so etwas nicht machen. Es hat mich immer kolossal aufgeregt, wie ruhig sie oft geblieben ist, wo man sich schon mal aufregen konnte, ja mußte, nach meiner festen Überzeugung.

Keine Antwort.

Die Planen waren wieder undurchdringlich geschnürt in ganz raffinierten Mustern. Wahrscheinlich elektronisch untersetzt. Eingebaute Luftschlitze ermöglichten allerdings einen Frischluftzug.

Was sollen wir dem Vermieter sagen im Schwäbischen. Er hatte uns eingeladen zum Frühstück am nächsten Morgen in sein Haus. Er wird sich wundern wegen der Unhöflichkeit. Nur gut, daß wir uns noch einmal umgeschaut haben, wie immer, wenn wir aus dem Haus gehen, als wir die Ferienwohnung verlassen haben. Damit wir sie im Gedächtnis behalten, wenn wir wieder heimkehren.

Man kann ja schließlich einmal eine Nacht wegbleiben.

Das werden die Nachbarn in den anderen Ferienhäusern nicht übelnehmen, wenn sie es überhaupt registrieren.

Jetzt schüttelte es und rüttelte es aber. Es war ein Waldweg. Durch die Schlitze der Plane sahen wir, daß der Himmel sternenklar wurde….

Der Ortsteilbürgermeister stieg aus dem Fahrerhaus und kam zur Plane: „Aussteigen, bringen Sie den Hund mit!Wir machen hier eine Rast.“ Er schloss uns die Handschellen auf und schickte uns in den Wald.

„Hinten rechts sehen sie Toiletten. Die können sie benutzen“.

Tatsächlich sie standen da.

Kultiviertes Land.

Wo waren wir?

Wir wagten nicht zu fliehen. So schlimm war es ja auch noch gar nicht.Wir konnten schreien. Wer hört uns?

Außerdem glaube ich die Geschichte mit dem Hund nicht mehr. Wahrscheinlich ist er abgerichtet für Leute wie uns, wenn sie Angst zeigen und weglaufen.

Gebremst haben sie wahrscheinlich wegen Komplizen, die sie beauftragt haben, ihnen den und den Hund an die und die Stelle zu bringen an unseren Fahrweg.

Was w a r unser Weg?

Wir haben uns getroffen in der Mark Brandenburg, meine Frau und ich, nicht zu weit von dem Bäcker entfernt, dessen Frau so tolle Gedichte redigiert und selber schreibt.

Eines vom ungeborenen Leben.

Eines vom Baum in der Landschaft, der man selber wird.

Man muß nur bleiben in einer Welt des Grau.

Nein mit Grün hat das ganz und gar gar nichts zu tun.

Nur mit GRAU.

Das war lange her.

In Hirschluch.

Sie, die Studentin der Theater-und Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität. Worauf ich stolz bin: Auf die Theaterwissenschaft, wenn auch nur im Zweitfach dazu gemogelt. Auf die Kulturwissenschaft nicht, das war doch nur die Raffinerie der Ideologie, die Umwandlung von Salz in Zucker für das Volk, das sich dann später erhob und schrie:

WIR SIND DAS VOLK.

Kein Wunder.

Sie haben den Zucker, der kein Zucker war, ausgespien, den Polizisten vor die Füße.

Hirschluch ganz in der Nähe von unserem Vorort, wo wir in die Kirche gehen, wo die Spießer wohnen, die Sozialisten im Rentenalter, eine ansehnliche Wählerschicht, die Kopp-Bücher verbreitet und Verschwörungstheorien glaubt, falls ihr alter Glaube ins Wanken geraten ist.

Die Frau des Bäckers heißt Strittmatter, EVA und er, der Bäcker heißt auch Strittmatter, ERWIN, ein wenig pornografisch wie alle Handwerker vom Orgelbauer bis zum Bäcker. Es muß ja schließlich auch flutschen.Was ist wohl flutschen…?

Schreiben, ja schreiben, ruft ERWIN STRITTMATTER auch und legt los mit seinem Wundertäter. Dazu fällt mir nur Ulbricht ein und daß die Leute sagen, er sei der, der aus dem ROT-LICHT kommt in dem neobarocken Leipzig, um die Ecke.

Erwin Strittmatter in der Nähe von Leipzig und Berlin im gesamtdeutschen Maßstab der deutschen Wiedervereinigung: Seele ist Ausdehnung, sagt Konrad Lorenz, der Tierforscher. Na – zwischen Leipzig und Berlin, da gibt es noch Einziges – und Einiges. Die Lausitz, die Oberlausitz, die Niederlausitz.

Wo ist Fontane gewandert?

Wir müßten das prüfen im Internet.

Und den Grafen, nach dem das Eis genannt ist, auch solch ein Frauenheld: Wie war doch gleich sein Name, sein Gesicht?

Seine Herkunft?

Seine Zukunft?

Pückler.

Seine Parks.

So nahe an Polen.

An den polnischen Trödelmärkten.

Mädchen gab es hier nicht wie in Tschechien.

Ah.

Na, ja.

„Allet zwischen Oder, Neiße, Berlin und Leipzig,“ ruft der Berliner dazwischen.

„Da liegt Musike drin!“

Jetzt reden sie wieder alle durcheinander:

„In einem Polenstädtchen.“-

Der Chor.

„Der Grass ist hier auch gewandert.“-

Einer der Quertreiber.

„Mit der SS.“

Muß der das sagen.

In seiner Zwiebelperspektive des Weinens, für das man nicht kann wegen der Zwiebel, sage ich.

Sie ist schuld.

Hitler ist schuld.

Wir nicht.

Der Verbrecher.

Im Krieg, als der schon verloren war.

Da liegt ja auch noch Cottbus, nach dem das Cottbuser Tor benannt ist in Kreuzberg in dem Land Berlin. Kreuzberg mit „Golgatha“, ein wenig darunter, wenn man einkehren möchte. Ich nie, weil – Blasphemie ist nicht meine Sache in dieser Programmtheologie dieser Zeit und Stadt, wo nur noch am Stadtrand die Kirchen nach Heiligen heißen. „Marien“ und „Sophien“ ausgenommen.

Das stimmt.

Ein Glück, würde die Frau des Buchhändlers in der Biedermeierstadt Altenburg sagen.

Jetzt haben wir aber erweitert den Dunstkreis -nach Süden von Leipzig aus.

Am östlichsten liegt Dresden.

Sachsen und Preußen u n s e r Land.

Mein Land Thüringen.

Ihr Land Sachsen.

Aber geboren in der Mark, der Neumark.

Landsberg an der Warthe.

Ich.

Flucht.

Umsiedlung.

Mörsdorf.

Schöngleina. Schöngleine. Ich höre die Kinderstimmen und sehe den Opel P 4 mit dem Tierarzt.

Nein, ich höre ihn. Ein fernes Geräusch zwischen den Hügeln, auf denen jetzt Blockhütten des Sozialismus stehen: Datschen nach russischem Vorbild, damit wir uns ausruhen können nach der Mühe der Ebene. Altenburger hatten dort unter Umständen solch eine Hütte – im Holzland.

Meine Kindheit.

Zuflucht im Pfarrhaus, weil der Krieg jenseits der Oder verloren ist.

„Seele ist Ausdehnung“, ruft der Chor im Wald während der Pinkelpause für die, die hocken muss und den, der im Stehen pinkeln darf, wenigstes im Wald bei den Schwaben.

Schwabenwald?

Oder wo?

Wo sind wir, ruft der kleine Junge, wenn er unter die Kiefer gesetzt wird, weil die Mutter und die Großmutter, die Mutter des Vaters Reisig suchen müssen für den Winter.

Der kommt bestimmt.

Zwitschern diesmal nur die Vögel, ruft nicht auch Rübezahl im Holzland bei Mörsdorf und macht den Schlesiern Mut, die den Krieg hinter sich haben und ihre Heimat.

Und die Russen und die Deutschen.

Die Frauen. Die Männer. Die Kinder.

„Nun aber mal nicht alles durcheinander!“

„Ja, es ist aber alles durcheinander!“ gibt der Chor der Waldgeister dem Schreiber recht.

Und gerade ist Sonntag und wir wollten zur Besinnung kommen, Choräle singen und beten lernen.

Wir dürfen aussteigen aus dem Karren, der uns fährt.

Sie kennen die menschlichen Bedürfnisse und wollen nicht, daß ihr Karren beschmutzt wird weder durch Menschen noch durch Tiere.

Wenigsten dieser Ordnungstrieb hat sich erhalten.

Aber wir haben Angst.

Was wird noch kommen auf großer Fahrt. Wir wissen ja nicht einmal, wer uns fährt. Der Postillion, der Kapo, der Administrator. Eigentlich sind wir ganz weit weg von unserem Urlaubsort in Schwaben im Frühjahr diesen Jahres.

Um Hermann Hesse nachzuspüren.

Eine irre Idee, wo ich ihn nie leiden mochte. Dieses Weichei, bis, ja bis wir den Glockenschlag hörten über der Wiese und wussten: nein, diese Enge in Baden-Württemberg. Das war im Kalten Krieg, wo wir eigentlich andere Sorgen hatten. Aber vielleicht sind das ja die eigentlichen Sorgen, die wir uns nicht nehmen lassen wollten. Einmauern lassen wie den Hund im Mittelalter, der das Haus abergläubisch beschützen sollte?

Wir kamen uns wie der Hund vor.

Die eingemauerten Sorgen.

Nein, er war nur ein Anlass.

Hermann Hesse.

Nicht nur. Es zieht uns immer wieder in diese Gegend, als wir ihn gelesen haben im Süden, in den Alpen, ist uns das klar geblieben. Er hat uns bestätigt, dass wir eine Seele haben.

„Schwaben reicht bis zum Bodensee“, sagt jetzt meine Frau.

Wir steigen wieder auf.

„Wir müssen.“

Der Motor springt an und der Ortsteilbürgermeister entschuldigt sich bei uns für die Entführung. Er sei gar kein Ortsteilbürgermeister aus dem schwäbischen Örtchen, sondern ein gedungener Mörder, der frei herumläuft uns aber nichts tun wird, weil er nichts gegen uns hat.

Im Prinzip nicht.

Dann gibt er dem Kriminalen, der sicher auch nur ein Krimineller ist, das Lenkrad in die Hand von diesem elenden Holzvergaser mit Russenplane, die elektronisch untersetzt ist, und IFA-Motor und sagt: „Weiter!“

Nach einigen Kilometern wagen wir wieder zu fragen, was mit uns wird. Da gibt es nämlich ein Fensterchen, das wir aufmachen können zum Führerhaus.

„Das werdet ihr sehen.“

Der Hund winselt und tut uns nichts.

Es ist Nacht.Wir haben es gesehen.

Draußen im Wald.

Inzwischen wussten wir, es ist unser Schicksal.

Wir wussten nicht was.

Aber – das….

Wir fingen an zu überlegen.

Handy?

Nein.

Unsere Kinder?

Erst nach Wochen.

Wir hatten von drei Wochen gesprochen im schönen Schwabenland, wo die Schilder an der Straße stehen und auf Hölderlin aufmerksam machen, auf Möricke und na – ja: Hesse. Das Idol der Blumenkinder in Amerika.Wir hatten noch viel vor: hinüber nach Frankreich fahren zu den strengen französischen Eltern, wo sie noch Sie sagen, die Kinder, angeblich.

Wo die Eltern bedient werden, nicht die Kinder.

Strasbourg, wo der Troubadour in Goldweste und weißem leinenen Hemd auf Kosten des Staates die Leier führt mit den herzzerreißenden Melodien der FRANZÖSISCHEN REVOLUTION.

„KUNST, KUNST. KUNST…“ ruft der Chor dazwischen, von einer unangenehmen Zeitung

bestellt!

„Freiheit, Freiheit, Freiheit!“, singt die Lorelei und der Hahn pfeift sich eins, die deutsche Henne gackert.

Johanna kannst du pfeifen?

Holde Kunst und holde MUSICA.

Was ist das für ein herrliches Land.

Oder eben hinunter ans Schwäbische Meer.

Oder in die Liederhalle Stuttgart.

Weinberge wie in der Bibel im Gleichnis.

Tabak, daß es nur so kracht in der Gesundheit.

„Wein, Wein, Wein!“-

Aha, der Winzerchor ist durchaus präsent.

Die Raucher? – Keine Lobby!-

Höchstens in der verachteten 2. Welt.

Lettische Tennisschläger… und so.

Wir werden keinen Chor dazu aufmachen.

Obwohl: es kotzt mich an, der Gärtner versteckt seine Zigarette in einem freien Land auf dem Parkweg des Wohnparks in Berlin, den er pflegt.

Wie ein Halbstarker.

Er heißt Karl May.

Ungelogen.

Und die BIBEL bei den Frommen.

Die Pietisten in der Verfassung.

Die Bischofswahl in der Öffentlichkeit.

Jetzt sind wir wieder in Württemberg, nicht in Baden.

Und wir aus Ostberlin.

Ehemals Thüringen/Sachsen.

„Abraham ischt gesegnet“, hören wir noch den Vater des Posaunenchores.

„Nicht nur die Armen“, der Posaunenchor.

Aber nun?

Unter der Plane?

Im Schneckentempo durch den deutschen Wald.

„Wohin geht die Reise“, fragte mich neulich eine Leiterin eines kleinen südwestdeutschen Verlages.

FRAGEN WIR UNS AUCH.

Jetzt.

Heute.

Werden sie uns erschießen, weil wir irgend einen Strich durch eine Rechnung gemacht haben, von der wir nicht wissen, daß sie existiert.

In was sind wir geraten?

Wir schlingern durch den geordneten Wald ohne neuerliche Konzeption der süddeutschen Förstereien.

Das Benzin beziehungsweise das Buchenholz dampft zum Autoschornstein neben dem Cockpit hinaus in die frische Waldluft.

Es schlingert wie auf den Kaliningrader Straßen, wo der Prediger und Chauffeur uns von Schlagloch zu Schlagloch balancierte in seinem nagelneuen Moskowiterauto.

Fahren eine Kunst.

Mit weißen Glacéhandschuhen einer Großmacht, Rußland.

So, genau so, kam ich mir vor. Und erzählte es ausführlich, weil meine Frau nicht dabei war .

Vor Jahren Richtung Ostpreußen, Königsberg, Kaliningrad, eine Abschußrampe für Atomraketen der ruhmreichen russischen Armee.

Das ist Jahre her.

Jetzt ist jetzt.

Wahrscheinlich.

Schwarzwald oder Rhön, oder Taunus, deutsche Mittelgebirge jedenfalls. Die uns verbinden: Ost und West.

Schlingern.

Ist das Gestell hin.

Das Hirschgeweih – haben wir im Volkswagen der DDR gelernt.

Oder habe ich mich damals verhört.

Verführen lassen von der Poesie des DDR-Alltags: Trabant.

Ist das Lenkrad hin.

Die Aufhängung.

Gibt es WISMUT-Schnaps da vorne im Gehäuse.

Und wir unter der Plane, mittlerweile zwei Hunde

unter der Bank.

Was sollen wir sagen?

Was sollen wir tun.

Wir sind entsetzt.

Die Pinkelpause liegt schon lange zurück.

Ja vielleicht ist es immer noch die vornehm durch geforstete katholische Rhön.

Damals ist vor einer Stunde.

Ein Tag.

Ein Jahr.

Ein Mond.

Haben wir geschlafen.

HABEN SIE UNS EIN Gemisch verabreicht aus Kinderlimonade und…

Vielleicht.

Vielleicht.

Vielleicht.

Sind wir Tage unterwegs.

Jahre, Monate, Jahreszeiten.

Ach ja, das Fenster, wie ein Zeitfenster.

An der Decke des alten Armeelasters.

Was machen der Geheimpolizist und der Ortsteilbürgermeister mit uns.

Sie wollen uns quälen.

Bestrafen.

Der Weg ist das Ziel, wenn man kein Ziel hat.

„Goethe hat recht“, tönt der müde und immer matter wirkende Chor der Waldgeister.

Sie verstehen auch die Welt nicht mehr.

Eigentlich müssten sie keifen.

Sie sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Warum nicht.

Es wird eben sachlicher.

25 Jahre deutsche Einheit ist ja auch genug, daß man sich wieder beruhigt.

Oder sind sie da vorne, der Kriminale und sein Gegenteil auch längst ausgewechselt worden von einem Geheimdienst, der selber längst ausgewechselt worden ist, weil er nicht länger zu rechtfertigen war.

Solche Fragen stellen wir uns.

Nichts ist zu vermitteln.

Wie es heute so schön heißt.

„Ja, ja besser unter einer Russenplane im Schwarzwald als im falschen Blätterwald Berlins!“, tönt es aus einer Ecke des Carrés,

War das der zugelaufene Hund.

Der wirkliche Mephisto.

Wir sind Faust.

Na, na.

Nun ist es aber wieder gut.

„Satiriker allet!“

So ein Berliner, der Köter.

Die Ecken scheinen besetzt unter den Bänken.

Quark, Quark.

Was für ein Wagen.

Wir gucken uns groß an und nehmen uns vor,

mehr auf die sogenannten überflüssigen

Stimmen im Marktkonzert zu achten.

Auf Fahrt.

„Thespis, Thespis!“, jetzt erwachen die Geister zu neuem Leben im Wald, im Wald.

Die Plane ist durchlässig.

Karre, karre dich durch die Landschaften Germaniens, wo vielleicht die Imperialisten geschlagen worden sind von den Thüringer Ersatzheeren, als die Römer frech geworden, sim, sim, sim.

Simsalabim.

Durch die undurchdringlichen Wälder. Wir schmiegen uns ungewöhnlich eng aneinander.

Weil wir nicht wissen, was kommt.

Schicksal.

Plötzlich lichtet sich der Wald.

Wir hören sein Rauschen nicht mehr weiter.

Elektrischen Licht fällt durch das Zeitfenster.

Kein Geräusch mehr von Gesträuch an den Seitenplanen.

Hört der Waldweg auf?

Wähnen sich die Fahrer, Gangster in Sicherheit.

Öffentlich auf einer Stadtautobahn.

Wir wollten uns doch gerade in des Waldes Dunkel

und Licht und seiner Dämmerung unsere Geschichte,

unsere Rebellion in Erinnerung rufen.

Jetzt Geschwindigkeit.

Anhalten.

Der Schornstein wird als Kulisse überflüssig und abmontiert.

Ein tolles Stilmittel.

Schade.

Sie schieben ihn zu uns in den Waggon.

Wir stellen die Füße darauf.

Nichts da.

Es wird eine Treppe besorgt, sogar die.

„Bitte!“, der Fahrer.

Wir steigen ab.

„Sie können jetzt das Weite suchen!“

Pause.

„Allerdings, wir finden Sie, jederzeit.“

„Falls Sie uns wieder in die Quere kommen!“,

tönt es vom Beifahrersitz aus.War das immer noch

der Kriminelle aus Schwaben.

Wir erkennen sie nicht mehr.

Wir standen unschlüssig.

Sie schoben den Transporter noch näher an den Straßenrand. Er stand vollkommen abschüssig.

„Geht!“

Wir gingen.

Zurück.

Nicht ins Helle, sondern dahin, wo wir meinten, hergekommen zu sein.

„Geht!“

„Schneller!“

Dann krachen Schüsse.

Wir schmeißen uns auf den Boden.

Die Kugeln pfiffen über uns hinweg.

Sie hätten uns treffen können.

Alles wegen roter Kerzen am Christbaum in Müggelheim?

Weil die Mitbewohner das nicht mochten von wegen der Sicherheit.

Ganz bestimmt n i c h t!

Und wegen uns verkleidet und austauschbar hinterher gereist.

In das Land Hermann Hesses, eines Schriftstellers, der uns nie viel gesagt hat.

Aber pflichtgemäß kundig gemacht.

Sein Leben ernst genommen.

Und unseres?

Wir wagten wieder aufzublicken.

Sie stiegen in einen Flitzer um.

Ein Dritter hat ihn aus Straßburg gebracht.

Der Planwagen stand schräg.

Beleuchtung fahl.

War hier die Grenze.

Wir kennen uns überhaupt nicht aus.

Außer in Berlin-Ost, Brandenburg, Mecklenburg, Thüringen, Sachsen.

Auch Sachsen-Anhalt, nicht so.

Was sind wir doch für eingezwängte Leute gewesen.

Die Hälfte unseres Ehelebens hinter Stacheldraht.

„Die Freiheit ist nicht so einfach“, stellen wir immer wieder fest und seufzen.

Der Wald verschluckt uns wieder.

Wir haben einen langen Marsch vor uns.

Nur keine Panik. Bald sind wir zu Hause.

Wir tun so, als ob nicht passiert ist, wenn wir den Ort finden, wo wir zuletzt saßen auf der Bank in der Wegbiege, um zu schauen, wie der Feuerball des Herbstes hinter dem Horizont verschwindet und uns zurück läßt in unserer Einsamkeit zu zwein.

Wir werden es den Wirtsleuten ein paar Häuser weiter erklären, wenn wir sie finden.

Aber wir bleiben nicht länger, wir brechen ab

und reisen.

Und nichts falsch machen, sonst finden sie uns, denkt jeder von uns beiden, aber sagt es nicht.

Schweigen im Walde.

Im wieder deutschen Wald?

Wer sind sie und wer sind wir?

Kalendergeschichte Juli

Endlich frei

Nach einer Weile des Wanderns im Zwielicht der Ungewißheit und des eben noch Erlebten eine Lichtung im Wald und wir suchen uns Steine, auf die wir uns setzen und warten.

Wir haben keine Landkarte und keinen Kompaß.

Wir sind ja von einer Parkbank im Schwäbischen entführt wurden, als die Sonne im Sinken begriffen war und wir gerade in unser Quartier zurückwollten , uns vorlesen wollten aus dem Club der toten Dichter oder Hermann Hesse, nachdem wir französischen Wein, Käse und deutsches schwarzes Brot aus dem Gästekühlschrank bescheiden aufgetafelt hätten

auf dem quadratischen Tisch am Fenster nach Osten,

wo die Sonne aufgeht.

Allmählich fiel uns das alles wieder ein, wie weiße Flocken, die von einem grauen Himmel fallen.

Was hatten wir erlebt.

Inzwischen.

Ist das alles wahr?

Oder Einbildung.

Es ist wahr und keine Einbildung.

Wir müssen uns wappnen.

Von was hatten wir gelebt.

Gab es eine Rationierung.

Oder haben sie uns in einen Tiefschlaf versetzt mit einer Dreifachspritze, in der auch Ernährung inbegriffen war.

Wie lange wird das vorhalten?

So einsam ist Deutschland nicht.

Nicht wie in den Märchen der Gebrüder Grimm, wo

der Wald kein Ende nimmt und des Rätsels Lösung

die Hexe ist, ohne die es kein Überleben gibt.

Die Hexe, die Brücke.

Die Hexe zum Überleben.

Allerdings: Immer der Kampf mit ihr.

Der siegreiche Kampf.

Die Eroberung des Terrains.

Nur dann kommt der Schwan

und die Kiesel leuchten im Mondlicht.

Und die Eltern ändern sich.

Kein Hexenhaus in Sicht.

Kein Pfefferkuchen.

Windstill.

Dort, ein Wartehaus.

Und da kommt er schon, der lustige Bus der deutschen Mittelgebirge, um uns aufzuladen, gegen ein geringes Entgelt.

Der Postbus, dachten wir.

Niemand in dem Bus.

Außer der Kraftfahrerin in schickem Hemd und roter Schleife.

Gut gemacht.

Wir fassen uns an der Hand und steigen ein.

Wir fassen Mut.

Es wird schon nicht wieder etwas passieren.

Eigenartigerweise hat uns die Fahrerin nicht gefragt, wie weit wir wollen. Wahrscheinlich verkauft sie Pauschalkarten für einen Weg ins Unendliche. Mindestens für ein Bundesland.

Wir hatten ja auch wirklich unsere Seniorenkarte dabei.

Bestens versorgt.

„Es muß ein Touristenbus sein, der angemeldete Mitreisende aufsammelt für eine der schönsten Reisen der Welt“, sagten wir uns.

Denn nach einer Weile des Fahrens wurden wir noch einmal begrüßt: „In unserem Luxusbus mit vier Sternen auf der Fahrt von Warnemünde, Rostock, Berlin nach Paris über Luckenwalde, Chemnitz, Thüringen, Saarbrücken!“

„Fahren Sie wohl!“

Eine eigenartige Ausdrucksweise: „Fahren Sie wohl!“

Es wird wohl eine Ausländerin sein,

die es besonders schön machen wollte.

Es war die Fahrerin.

Wie sie sparen!

Auch hier.

Wir hatten die Gruppe nicht wahrgenommen.

Oder waren sie so hinter den hohen Lehnen versteckt in ihrem geübten Reiseschlaf, daß wir sie nicht sehen konnten nach dem, was wir erlebt hatten.

Völlig benommen.

Verängstigt.

Es wurde immerhin geschossen an der Grenze.

Wir waren an einer Grenze angekommen.

An unserer eigenen Grenze.

Und liefen wie Ausgesetzte und Verschonte von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch.

Taumelten vor Glück, daß die Schüsse, absichtliche oder nicht, uns nicht getroffen haben.

Es waren doch Schüsse, die wir gehört haben?

Oder?

Der Transporter stand doch schief am Straßengraben und die Gangster entfernten sich?

Sie sollten uns einen Schrecken einjagen.

Das war ihnen nicht nur gelungen.

Wir sind fassungslos.

Wir sehen Gespenster.

Wir sehen den Gespensterbus.

Und dabei ist es ein Bus auf der Fahrt in die Stadt

der Liebe.

Oh.

Wir sehen, daß er leer ist.

Dabei verstecken sich die Insassen hinter ihren hohen Lehnen.

In der Dämmerung.

In der Nacht.

Das Licht ist ausgeschaltet.

Die Scheinwerfer draußen suchen den Weg.

Vornübergebeugt der Fahrer,

die Fahrerin jetzt neben ihm.

Aha, ein Wechsel hat stattgefunden.

Der Beifahrer ist nach vorne gekommen,

er hatte auch einen Gästeplatz

hinter einer Lehne auf der vorletzten Reihe.

Gleich neben uns.

Erst als er sich ächzend erhebt, bemerken wir ihn.

Die Fahrerin bleibt vorn.

Mit der Zeit werden wir müde und schlafen ein.Wären wir wach geblieben hätten wir uns an die Dunkelheit gewöhnt und die Gesichter hinter den Lehnen erkannt.

Zudem huschte ab und an der gute alte Mond an den Fenstern vorbei und traf mit seinem Strahl den einen oder anderen.

Sie werden uns wecken, wenn wir am Ziel sind.

Dann werden wir weiter sehen.

Kalendergeschichte August

Auf einmal fanden wir uns wieder in jener riesigen Höhle. Sie haben uns aufgelesen mit vielen anderen. Das kann ein Vergnügen werden.

Wie viele Tage waren wir eigentlich allein unterwegs mit dem Kommando, welches uns von unserer Aussichtsbank – der untergehenden Sonne entgegen – aufgelesen hatte und uns unter einem fadenscheinigen Vorwand weggelockt hatte zu einem Fahrzeug,

das sich als ein Vehikel der besonderen Art herausstellte: nämlich ein Gefängnis.

Es war ein Transporter für Gefangene, zeitlos, geschmacklos, stillos. Einmal Benzin, einmal Diesel, einmal Holzvergasung.

Keine Pferde, nein.

Nur Neuzeit.

Mehrteilig im Antrieb.

Ein Kunstwerk vielleicht auch.

Wer weiß.

Darin wurden wir herumgefahren, bis uns schwindlig wurde vor lauter Interesse und Freiheit und Gefangennahme, knurrendem Hund – der arme – unter den Pritschen zum Liegen, Schlafen und Sitzen.

Wir saßen ein am Tag.

Wir saßen ein in der Nacht.

Aber wir sind sie wieder los geworden.

An der Grenze zu Frankreich.

Zwar gab es noch eine Schießerei.

Wer weiß, wem sie wirklich gegolten hat.

Wir konnten uns zurückziehen und hofften,

sie würden nicht zurückkommen

in ihren Lederjacken und Kostümen.

Die beiden.

Immer dieselben.

Wer weiß.

Wir liefen und liefen.

Immer gefaßt an den Händen.

Wie Hänsel und Gretel.

Die Alten inzwischen.

Vielleicht hatten wir uns in‘ s Gras gelegt an einem lauen Sommerabend. Da waren sie und nutzten ihre Chance. Natürlich haben sie immer auch ein Betäubungsmittel zur Hand.

Sie brauchen nur die Nacht abzuwarten.

Nein, so war es nicht.

Das Haus in Schwaben für eine Auszeit als Ziel der Rückwärtsbewegung?

Es war zu gravierend an der Grenze.

Wir müssen uns durchschlagen bis in die Kiefernwälder des Nordostens, um schließlich in unsere Stadtwohnung zu gelangen am südöstlichen Rand Berlins.

Wir sind eingestiegen in den Linienbus.

Ganz freiwillig.

Endlich in ein System.

Endlich ein Fahrplan.

Endlich eine Haltestelle.

Wir haben gewartet.

Wir waren viel zu müde.

Wir sind eingestiegen in den Ferienbus.

Wir sind eingestiegen in den Bus, der sein Ziel kennt.

Die Stadt der Liebe.

Paris.

So ist das.

Wir sind eingestiegen in den Bus der Liebe

L‘ AMOUR.

Wir hatten schon viel vom Jüngsten Gericht gehört

und gelesen.

Die Bilder gesehen.

Zur Rechten und zur Linken.

Schafe und Böcke.

Christus der Weltenrichter.

Wir hatten uns schon viel zu sagen gehabt unterwegs

in dem umgebauten Mannschaftswagen

aus seligen DDR-Zeiten, als sie uns durchgeschüttelt hatten auf holprigen Waldwegen.

Jeder hat seine Geschichten erzählt.

Und jetzt diese Höhle, in der wir aufwachen.

Ku Klux Klan?

Ein etwas höher angelegtes Schiedsgericht?

Die Weisen aus dem Morgenlande?

Eine Gerichtsbarkeit, wie wir nicht kannten.

Situation um Situation spielten sie uns vor.

Es waren schlecht bezahlte Schauspieler und auch Schauspielerinnen.

Das ist nicht selbstverständlich.

Schauspielerinnen waren lange Zeit verboten.

Und überhaupt das Schauspiel.

Im katholischen Paris mußten die Rollen gesungen werden.

So entstand die Oper.

Oder es waren die Simultanspiele, die Mysterienspiele, die verkündigten, was gut und böse sei.

Hier in der Höhle haben wir es mehr

mit Schulbeispielen zu tun.

Wie aus der reformatorischen Tradition, um die rechte Lehre besser und einfacher „herüberzubringen“.

Ab und zu rieselte der Kalk von den Seitenwänden und die Flammen der Fackeln legten sich, richteten sich dann aber wieder auf.

Es war also nicht so schlimm mit der Zugluft.

Uns hatte man auf eine Bank gewiesen,

die nicht so furchtbar stabil schien.

Aber besser die, als gar nix…

Vielleicht war diese Bank

als Erziehungsmittel geeignet:

wir mußten schön still sitzen.

Die erste Situation

Ein Mädchen, das schmollte, weil sie fand, nicht genug geliebt zu werden.

Das ging wohl in meine Richtung.

Ich hätte sie ja auch mehr lieben können.

Demütig schaute ich nach unten

Meine Frau tröstete mich.

„Siehst du, jetzt weißt du, was du falsch gemacht hat.“

– Pause – „Damals“…

Blackout.

Alle Scheinwerfer an.

Mit der Dunkelheit war es jetzt zu Ende.

Der anwesende Richter gab ein Zeichen.

Er schnipste.

Und sieben andere Richter strömten aus den Ecken des Raumes und beratschlagten mit dem Obersten der Richter, wie diese kurze Szene zu bewerten sei.

Während sie beratschlagten,

ein Blick auf die Darsteller.

Sie setzten sich in den Sand und warteten,

ihnen jemand den nächsten Text in die Hand drückte.

Wie von Geisterhand wurde dem Anführer

eine Rolle gereicht.

Ein großer zusammen gerollter Bogen, eng beschriftet.

Er bat zwei seiner Mitspieler, ihm zu helfen,

das starke Papier am oberen Ende fest zu halten,

damit er es „aufrollen“ konnte in der Manege.

Sie lesen.

Und nicken sich zu.

Sie verteilen die Rollen für die nächste Geschichte.

Jetzt durchflutet helles klares Sonnenlicht den Raum.Vielleicht kam das Licht von oben und nicht aus diesen widerlichen Großscheinwerfern, auch nicht von den Fackeln, die dem Ganzen einen Hauch von Jugendveranstaltung gaben.

Ein junger Mann sitzt am Klavier und spielt und spielt.

Plötzlich springt er auf und rennt in die Tiefe der Höhle und reißt dort ein Fenster auf.

Der Wind fing an zu wehen und alle mußten ihre Hüte fest halten, der Regisseur die Rolle auf dem Sand, auf die er sich vorsichtshalber legte.

Der jetzt verstärkt herabrieselnde und vom Wind getriebene Kalk legte sich auf alles.

Auf die Gesichter, auf die Spieler.

Auch auf uns.

Ich fing an mich zu erinnern.

Ich liebte ein Mädchen über alle Maßen.

Aber ich wagte nicht, es ihr zu sagen.

Immer kam mir das Bild des russischen Bauern vor die Augen, wie er eine selbst geschnitzte kleine Ente fast den Nacken einer jungen Frau berühren ließ.

Aber dann abließ mit seinen Versuchen,

sich dem Mädchen zu nähern.

Das Mädchen konnte ihn nicht wahrnehmen.

Sie konnte seine Zärtlichkeit nicht bemerken, die er ihr schenken wollte.

Er wagte nicht, sie zu berühren.

Ja, da riß ich das Fenster auf und ließ die kleine Nachtmusik über das ganze Tal erschallen, daß sie hinüberreichte bis in die Kammer.-

Meine Frau fragte mich, warum weinst du, es ist doch eine so schöne Musik, die der junge Mann da zaubert an diesem Ort.

Auf einmal ist es ein guter Ort.

Ich schaute sie an und nickte ihr zu.Wie recht hatte sie.

Plötzlich schlug das Fenster im Finstern zu und augenblicklich legte sich der aufgekommene Wind.

Und der Kalkstaub fiel von uns ab.Und die Gesichter waren nicht mehr weiß und verkalkt, sondern braun, rot, fahl, blass, gesund, krank. Mit stechenden Augen, mit freundlichem Blick.

Ob es nun die Richter waren, alle wieder getaucht in das Halbdunkel.

Die Luke hoch über uns wurde wieder geschlossen.

Ob es der Oberrichter war.

Die Spieler rollten die Rolle wieder ein und übergaben sie dem Spielmeister.Wenn ich mich nicht täusche, wurde ein Gefährt von oben herabgelassen.Auf seine Ebene wurde die Rolle gelegt und nach oben gezogen.

Die Truppe konnte sich erst einmal wieder

zurückziehen.

Wir warteten auf den Richterspruch.

Aber es kam keiner.

Der Sekretär hatte seinen Block gezückt

und sich Notizen gemacht.

Wahrscheinlich ist alles noch längst nicht zu Ende.

Die Richter setzten sich auf die Bänke uns gegenüber.

Wahrscheinlich schliefen wir ein,

nachdem sie uns eine Tablette gegeben hatten.

Eine Mehrfachtablette mit mehrfacher Wirkung:

Nahrung, Gesundheit, Schlaf.

Nachts wachte ich auf.

Eine Fackel an der Höhlenwand

leuchtete spärlich den Raum aus.

Wir waren allein in der Höhle.

Wahrscheinlich hatten sich die Mitspieler

und die Auswerter des gezeigten Spiels in bequemere Gemächer zurückgezogen.

Wir lagen auf einer Kamelhaardecke vor unserer wackeligen Bank.

Ich dachte an Flucht. Aber es gab keinen Ausgang.

Auch keine Leiter, um an die Luke in großer Höhe heran zu kommen.

Die Luke wird von außen gesehen solch eine kleine Betonerhöhung in der Landschaft sein. Wie man sie oft findet, um die Kanalisation ab und an mit dem Tageslicht zu verbinden. Dann müßte jemand von außen auf Signalton den Deckel wegschieben,

oder dergleichen.

Wie war das mit dem Flutlicht der Sonne und des Sommers.

Es gab ja sogar Schatten, wie draußen.

Dann verbinden uns die Schatten mit der Welt

da draußen.

Ich weiß noch wie ich die Jugendlichen das Gruseln gelehrt habe über der Existenzphilosophie der Griechen: Wir alle sitzen im Blues.

Das ist die platonische Höhle.

Aber Christus im Grab. Rolling Stones.

Der Stein ist weg.

Christus im Licht.

Ich bin wieder eingeschlafen. Gott sei Dank.

Keine Leitern an den Wänden.

Kein Ausgang.

Vielleicht liegen wir in der Tiefe der Höhle,

an ihrem Ende.

Und die Akteure von außen, von draußen, aus dem gleißenden Licht der Scheinwerfer und der Sonne.

Wir sind die Gefangenen.

In Untersuchungshaft.

Das Gefängnis ist eine rotbraune Erdhöhle mit Kalkelementen.

Aber sind wir nicht in der Bundesrepublik Deutschland. Mindestens in Europa. Nahe der französischen Grenze oder der belgischen.

Es wird wohl eine der vielen Erziehungsmaßnahmen sein, die sie anwenden, bei Leuten,

wo der Gesetzestext versagt.

Hoffen wir es.

Gibt es eigentlich Anwälte in dem Spiel?

Die zweite Situation

Auf einmal taghell.

Wir werden wachgerüttelt von Kapo-Leuten,

die wir kennen aus allen Zeiten,

die uns zugänglich sind.

Verkleidet?

Ja, es waren die Schauspieler.

Einer tanzte als Clown an uns vorüber.

„Der Bagger!“ riefen sie im Chor

„Der Bagger, der Bagger!“

„Der Baggerfahrer!“

„Eine zwielichtige Gestalt“, flüstert mir eine Tänzerin ins Ohr.

Die Richter in ihren Roben erheben sich müde

von ihren Bänken gegenüber.

Wir hatten sie völlig vergessen.

Aber sie waren noch da.

Hatten sie kein zu Hause?

Tatsächlich, ein Bagger schob sich langsam nach vorn, geradewegs auf uns zu. Es war eigentlich kein Greifarm, der märkischen Sand oder Thüringer Erde oder Geröll in den Alpen in seine Schaufeln nahm und sie herüber schwenkte auf den bereit stehenden Lastwagen. Dazu war es hier zu eng, jedenfalls nach jetzigem Ermessen.

Nein, es stand da ein Prediger auf der kleinen schwenkbaren Hebe-Bühne, mit Gitterstäben gesichert.

Er fuchtelt und fuchtelte.

Aber wir verstanden kein Wort.

Vielleicht sollte er singen.

Jetzt wurde der Motor abgeschaltet vom Baggerführer mit Helm. In Schwarz-Gelb.

Die Bühne senkte sich auf den Boden.

Der Clown sprang und öffnete das Gittertürchen für den Neuankömmling.

„Hoch lebe der Neuankömmling!“, riefen die Schauspieler und Schauspielerinnen.

„Bravo“, riefen die Richter in ihren Roben und klatschten dezent, dann aber mehr und mehr.

Ja, mit den Füßen stampften sie irgend einen Takt.

Dem Neuankömmling wurde ein Ehrenplatz zugewiesen.

Allmählich stellten die Beleuchter wieder dieses eigenartige Dämmerlicht her, wie es heute allgemein beliebt und beliebter wird.

Der Mann mit Helm stieg vom Bagger herunter, ein hellgelbes schönes Fahrzeug, und mischte sich

unter die Truppe.

Er war der Mittelpunkt. Unbestreitbar.

Die Damen umgarnten ihn.

Er flog auf Frauen, hatte man den Eindruck.

Der Spielführer erschien mit einem silbernen Tablett und überreicht ihm einen Wismutschnaps.

Dann kam ein Bäcker und bot Salzbrezeln an.

Nachdem dieser kleine Empfang glücklich überstanden war, wurde das Licht noch weiter heruntergeschraubt.

Man sah nichts mehr.

Wir legten uns wieder.

Die Roben wurden unsichtbar.

Und der Kumpelmann rief: „Licht aus, Licht aus…!“

Ein unanständiger Kinderreim aus meiner Jugendzeit, aus glücklichen Dorf-Kinder-Tagen.

Er schien aber auf sein Gefährt zu steigen.

Grelle Scheinwerfer.

Motor heult auf.

Rückwärtsgang.

Jetzt schien es mir, ich würde sein Gesicht,

diese Maske wieder erkennen.

Ja, als winkte er mir zu.

Dann dreht er sich um.

Er mußte den Weg aus der Höhle finden.

Wir konnten nicht mehr schlafen. Wenn auch das Licht ausging und heruntergeschraubt wurde auf Null. Stockfinsternis. Es wurde gehuscht und getuschelt.

Wir legten uns neben unsere Bank wie schon gehabt. Die Bilder tanzten an uns vorüber.

War das ein Event, den das Reiseunternehmen organisiert hatte, für das der Bus fuhr, der uns aufgelesen hatte und dem wir uns anvertrauen wollten.

Natürlich wußten wir nicht, wer wirklich in dem Bus saß. Und wir wollten es gar nicht wissen. Jedenfalls nicht so genau. Wir wollten einfach nicht mehr laufen und hofften so mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, daß wir Orientierung und Hilfe bekamen,

wie wir am besten zurückfinden konnten.

Es mußte Schnittmengen und Schnittlinien geben, Kreuzungen, wo man entscheiden konnte, in welche Richtung man umsteigen wollte.

Bis wir merkten, das war kein Linienbus, sondern ein Bus des Himmels und der Erde.

PARADISO. Ein Gefährt der Freude. Der Liebe und der Hoffnung.Keiner wollte uns sagen, wohin die Reise geht. Es war ihr Geheimnis.Wir konnten den Bus auch nicht anhalten, höchstens, daß es zu einem Halt kam, weil die Passagiere das in ihrer Mehrheit verlangten wegen Notdurft, Bewegung und frischer Luft.

Das muß eingeplant werden, auch von den verrücktesten Unternehmungen der Werbebranche,

die die Welt beherrscht. Nun warteten wir auf den Halt, um uns dann dort zu erkundigen, wie es weiter geht.

Vielleicht gab es ja auch eine Tankstelle, einen Imbiss, einen Grenzübertritt, einen freundlichen Tankwart und entgegenkommende Verkäuferinnen und Verkäufer.

Und nun waren wir hier in der Kleistschen Höhle des Käthchen von Heilbronn. Mystisch, verkehrt. Gelb, Schwarz. Da – es schien einen Totenkopf auf einem Faß zu geben.Gab es einen Mond, der bis hierher seine Strahlen sendete, daß die Uranfässer anfangen konnten zu fluoreszieren? Wollen Sie uns zeigen, wo das Millionen-Atom gelagert wird. Schon der Bagger kam mir verdächtig vor.

Mein Frau stieß mich an:

„Rezitiere dein jüngstes Gedicht! Bitte!“

Ich tat ihr den Gefallen nicht.

Sondern schwieg.

„Erzähle du eine Geschichte!“

Plötzlich huschte der Strahl einer Taschenlampe

über unsere Gesichter.

Wir verhielten uns ganz ruhig und taten so,

als ob wir schliefen.

Wir mußten mitspielen. Wohl oder übel.

Entweder einer der Richter in seiner Robe, auf seinem Schlafplatz – es erging ihm so wie uns, er konnte keinen Schlaf finden -, aber nein, es war mit Sicherheit eine Schauspielerin, die auch gleichzeitig als Tänzerin angestellt war, das belastet das Budget weniger, – jedenfalls wurde ein Lied gesungen, von einer Harfe begleitet:

Das Schlaflied.

Flaches Land. Flaches Land

wie bist du abgebrannt.

Wolltest aufsteigen in den Himmel

bist geblieben bei der Bimmel:

Immer dasselbe.

Immer dasselbe.

Dein Bäume wuchsen bis in den Himmel

Der Sturm hat sie entwurzelt

Der Gärtner gestutzt

mit scharfer Scher.

Die Grenzenlosigkeit war dein Ziel

Welch ein Unterfangen.

Es gibt sie nicht.

Weil alles endlich ist.

Trotz Goldener Raketen

und Bällen, die um den Erball kreisen.

Flaches Land.

Nagel deine Zäune dicht

Miss deine Entfernungen aus

Damit du berechenbar bleibst

für deine Bewohner.

Allmählich konnte man nichts mehr verstehen.

Weder an Text noch an Melodie.

Die Sängerin entfernte sich in die Richtung des Baggers. Sie hatte den Ausgang gefunden.

Wir sahen uns an, so gut das ging in der Finsternis

der Höhle.

Das Lied war gut.

Jetzt war es ganz verklungen.

Als der Bus hielt in einer flachen Weingegend, war es gegen Morgen. Wir waren ja mitten in der Nacht zugestiegen.

Es gab keinen Imbiss. Aber Wasser.

In einiger Entfernung Chemietoiletten.

Dann Aufstellen und Abmarsch zwei und zwei.

Wir waren nicht mehr allein.

Wir waren ein Kollektiv.

An einer Kurve des Feldweges war ein Verpflegungspunkt aufgebaut.

Wir konnten im Gehen etwas essen,

wie bei einem Langstreckenlauf.

Alles sehr ungewöhnlich.

Da am Horizont ein Schacht mit einem Fahrstuhl in die Tiefe. Das war die Attraktion. So sind wir hinunter- gekommen und liegen nun mit Spießen und mit Stangen. Verschollene Goldgräberinnen, verstohlene Tänzerinnen, verlegene Spießer und ein paar Profis, von denen aber niemand weiß, wer es wirklich ist, werden uns unterhalten und ihren Prüfungen unterziehen.

Du kannst niemanden ansprechen….

Alles schläft.

Uns fallen die Hunde ein, die in unserer Kutsche saßen, von der wir nicht wußten wie sie wirklich angetrieben wird. Ein Vehikel. Aber das ist ja jetzt vorbei.

Oben einen schöne flache Weingegend in Deutschland (noch) und ein komfortabler Liebesbus, der uns in die Stadt der Liebe bringen wird.

Aber wir müssen erst diese Prüfungen bestehen.

In diesen Schacht fahren, Angstproben bestehen von wegen Fässern mit einem Totenkopf als Symbol, gelb – schwarz, notdürftig beiseite geräumt, damit die Tänzer und Tänzerinnen genügend Raum und Zeit finden für ihr und unser Vergnügen: Tanzen.

Aber sie schlafen nun auch oder entwickeln in einem Nebengang ein Konzept, wie es weitergehen wird.

Ich bin gespannt, denn auch das Theater der Worte und Gesten ist eine Option in der Dämmerung dieser Höhle, in der wir keine Schatten sehen, wenn wir nach oben schauen.

Zu tief.

Wegen des Atoms.

Hat die Atombehörde der Bundesrepublik Deutschland diese Höhle freigegeben für gruppendynamische Übungen, verpachtet an Busgesellschaften,

die den Kick suchen für ihre zahlenden Gäste.

Eine Unterbrechung, die sich sehen lassen kann.

Dann haben sie liederlich gearbeitet beim Beräumen. Oder sie sind noch mitten dabei.

Siehe der GELBE BAGGER. Die Endlagerung scheint zu klappen und über Neunutzungen kann nachgedacht werden.

Wir sind die Neunutzung. Wir – die Menschen.

Wir, die etwas erleben wollen. Hart an der Kante.

Das Schlaflied ist gesungen.

Wann werden die Richter das Signal geben und den Urteilsspruch verkünden.Wir nehmen an, sie arbeiten nicht daran, sondern schlafen den Schlaf der Gerechten.

Ungewöhnlich früh schrillen tausend Wecker und wir werden aufgerufen durch den Lagerfunk, uns in die Duschräume begleiten zu lassen, damit der Richterspruch vollzogen werden kann. Die Richter in Perücken und Roben – bis zur Unkenntlichkeit verkleidet – kommen uns gestriegelt und gebügelt entgegen auf dem Weg zu den Duschkabinen.

Ihre Mienen sagen uns nichts. Vielleicht haben sie Masken auf.

Meine Frau sagt, ich soll das Dritte Reich meiden.

Nicht schon wieder.

Auch das noch.

Aber es ist eine Geschichte. Von lange her.

Mit meiden ist da nichts.

Es ist das Quantum, sagt uns der Richter in Gera.

Extra aus Berlin gekommen. Ihr habt ja recht…

geben wir uns mühselig zufrieden, weil ja die Richter und Oberstaatsanwälte auch schlafen möchten, wie die Funktionäre in der DDR – so ein Oberkirchenrat in der Arbeitsgemeinschaft: Arbeit auf dem Lande.

Da müssen wir quantifizieren und dürfen nicht absehen von den Volumina der Verbrechen.“

EINTAUSEND VERBRECHEN SIND SCHLIMMER ALS EIN VERBRECHEN.

Das muß Berücksichtigung finden in der Beurteilung.

Ja, ja, ja!“ ruft der Chor.

Aber im Ansatz ist es doch dasselbe!“, ruft der Gegenspieler.

Der Gegenspieler bin ich. Der Haarschopf auf meiner Seele wird grau und die Haare stehen zu Berge vor Grauen, was das wohl bedeuten würde.

Einen Juden umbringen ist nur kriminell und überhaupt – die Judenfrage.

Viele Juden – das ist der HOLOCAUST, die SHOA.

Mit gutem Gewissen (Pascal).

Die DDR war nur kriminell.

Nein, nein, nein!“ rufen wir.

Was denn.

Ungewöhnlich früh schrillen tausend Wecker und rufen zum Appell. Wir schnellen auf wie gute Pioniere und rennen in die Toiletten, um uns hübsch zu machen für die Weiterfahrt.

Denn es soll ja weitergehen mit dem Bus da oben, in die Zukunft der blauen Berge und unendlich weiten französischen Felder. Wahrscheinlich läuft sich der Motor schon warm und der verantwortliche Fahrer schaut nach dem Rechten.

„Schnell, schnell!“ rufen wir uns alle zu und die Richter stehen schon in Reihe mit den Protokollen ihrer Nachtberatungen in Händen.

Frühstück ist nirgends zu sehen.Die Tänzerinnen und Tänzer werden im Morgenlicht die Klapptische aufgestellt haben vor dem Transportmittel und der Reiseleiter ist unterwegs über die Grenze, um uns einen ersten Vorgeschmack französischer Küche zu vermitteln. Wir werden in alter DDR-Manier sammeln in einer Mütze, um uns bei ihm extra zu bedanken.

Endlich sind wir alle versammelt und erwarten den Spruch.

Oben betätigt einer – von außen – die Klappe, so daß Morgensonnenlicht einfällt in das rotbraune Höhlensystem mit Baggern, Fässern, Pritschen, Decken auf dem Boden und anderem.Im Grund sehen alle ein wenig übernächtigt aus. Aber alle sagen, es war prima. Wir schauen uns an und hoffen, daß das Schauspiel in der Tiefe zu Ende ist. Eine redselige Mitfahrerin gibt uns zu verstehen, daß alles im Programm zu finden ist und nichts zufällig.

Wir haben keine Ahnung, ob sie mitbekommen hat,

daß wir kein Reiseprogramm haben können, weil wir uns gar nicht angemeldet haben zu dieser Reise, sondern, daß wir nur froh waren, nicht weiter in der Nacht zu Fuß unterwegs zu sein.Wir wissen ja bis jetzt nicht, was die Fahrerin bewogen hat anzuhalten.

Es ist jetzt an uns zu entscheiden, so zu tun als ob wir dazugehörten. Sozusagen als die Letzten der aufgelesenen Reisegruppe in den Himmel der Liebe. Andererseits wird sich doch jeder Irrtum aufklären, sobald die Unterlagen des Reiseleiters, der gleichzeitig der zweite Fahrer des Busses ist, vervollständigt werden und ein Häkchen hinter unserem vermeintlich angemeldeten Namen gemacht werden muß.

Das Problem ist nur, warum hat er uns nicht längst gefragt.Er hätte doch auf uns zukommen können und seine Fragen stellen.

Jetzt wird geläutet.

„Nummer 1 und 2“

Sie treten vor.

Der Richter in der Mitte übergibt den beiden ein Zertifikat und beglückwünscht die Reisenden zur ihrer 1.und 2. Probe „GUT bestanden“.

„Sie können schuldenfrei weiterfahren! Gratulation!“

Wir merken, es ist ein weit verzweigter Platz.

Die Klappe oben bleibt die ganze Zeit offen.

Es muss inzwischen gegen Mittag sein, fast alle Paare sind aufgerufen, nur wir noch nicht. Sie sind aus den Gängen gekommen. Alle sind numeriert für den Glücksbus. Ja, sie haben wie Nummern-Girls ihre Nummern vor sich hergetragen, kamen tänzelnd zum Teil aus ihren Unterkünften für die Nacht. Sicher haben sie so genächtigt wie wir und bestimmt haben die Tänzer und Tänzerinnen alle auch zu ihnen Texte in die Hand gedrückt bekommen, die dann zu Szenen wurden in dem Labyrinth. Allerdings wurde die Zeremonie unterbrochen durch wiederholtes Auftreten des Baggers mit dem Prediger auf der Schaufel und dem Kumpel, der uns zuwinkte.

Endlich war es so weit. Von der Kapazität der Sitzplätze her müssten wir jetzt nach vorne gerufen werden. Aber wir wurden nicht gerufen.Der Vorsitzende nahm sein Perücke ab, zog seinen Talar aus. Seine Kollegen taten es ihm gleich. Und sie brachen in ein höchst ungelenkes Gelächter aus, zogen sich zurück mit irgendwelchen Attrappen von Akten unter dem Arm.

„Dürfen wir nicht weiter mitfahren? Wenigstens bis zur nächsten Haltestelle oder zur Grenze, wo mit Sicherheit Umsteigemöglichkeit besteht für unsere Heimkehr?“ riefen wir. – Keine Antwort. Die Richter verloren sich in den Gängen. Allerdings warfen sie ihre Kostüme in hohem Bogen in irgend welche Ecken.

Der Gerichtsdiener kam auf uns zu und verkündete uns, wir benötigten kein Zertifikat.Wir wären nur Gast.

Allerdings der Gerichtsdiener begleitete uns nicht nur bis zum Fahrstuhl, sondern bis in den Bus und setzte sich neben uns, wo in der Nacht vorher der Beifahrer geschlafen hatte. Die Reisegruppe hatte schon Platz genommen.

Käthchen von Heilbronn war zu Ende.

Schlußwort – Auf ins große Vergnügen

Es wäre ja nun die Gelegenheit gewesen, mit den Reisenden ins Gespräch zu kommen. Der Tag war sonnig. Der Wind wehte sacht und erfrischend.

Wir hatten alle viel erlebt.

Es war eine erstaunlich ruhige Reisegruppe. Nur einer machte ein paar Witze über die Pariser in seiner Jugend. Er meinte Kondome und keiner lachte. Der Busfahrer machte ein paar überleitende Bemerkungen. Auch er begrüßte uns nicht als Zugestiegene.Vielleicht hat ihm sein Arbeitgeber bedeutet: nicht fragen, nichts sagen. Also lag es jetzt an uns, auszubrechen und schleunigst zu verschwinden.

Irgend etwas hielt uns fest. Wir stiegen ein, als gehörten wir dazu und studierten die Reisehefte, die verstreut in den Netzen hinter den Lehnen der Sitze lagen. Auch bei uns.

Ein letzter Blick zurück auf den Busplatz, die Chemietoiletten, in der Ferne der Schacht…

Ohne ein erklärendes Wort geht es weiter. Der Motor wird angelassen, heult kurz auf und der Bus der fröhlichen schweigenden Leute setzt sich in Bewegung Richtung Westen, wie wir annahmen. Er schwenkte auf die Autobahn ein. Der Beifahrer, jetzt vorn etabliert, macht eine Durchsage, daß wir in einer halben Stunde die Grenze passieren und wir einen Haltepunkt ansteuern, an dem wir uns die Füße vertreten könnten, einen Kaffee kaufen, von ihm selbst aufgegossen. Brötchen könnten auch geschmiert werden.

Beifall.

Endlich Frühstück.

Keine all zu lange Pause, kein Umweg, um auch noch den letzten Mitreisenden kurz vor Paris sozusagen aufzunehmen in die Gesellschaft der Liebeshungrigen.

Keine dummen Witze. Jeder war dankbar für den nun geordneten Gang der Dinge, wie man sich das vorstellt.

Es war ein schöner milder Morgen im Frühsommer.

Allerdings nach der mehr oder weniger durchwachten Nacht waren wir müde und schliefen ein. Die Sonne im Osten, im Rücken. Nichts blendete uns.Wir konnten die Gardinen zuziehen und keiner störte uns.

Tatsächlich nach einer halben Stunde hielt der Bus, knapp hinter der Grenze zu unserem großen Nachbarland im Westen. Es gab ein Restaurant, in dem man geordnet seinen menschlichen Bedürfnissen nachkommen konnte. Freundlicherweise haben wir dann noch irgend etwas gekauft.

Die Reisegruppe saß auf Findlingen, die verstreut aufgebaut waren, dort einer, dort zwei u.s.w. Alle hatten etwas vor sich: Kaffee, Brötchen oder die eigene Proviant-Tasche.

Wir kannten die Gestalten und Gesichter aus der Höhle. Es waren die Schauspielerinnen und Schauspieler, die auch die Tänzer waren; es waren die Richter ohne Roben und Perücken, nur der Baggerfahrer und der Prediger auf der Schaufel des Baggers fehlten. Sie werden ihre Arbeit weiter tun in der platonischen Höhle, ob da nun Theater gespielt wird oder nicht.

Mit oder ohne Beifall.

Allerdings der Prediger so ganz ohne Gemeinde?

Nur der Fahrer des Baggers, der die Tonnen stapelt? –

Wer hat den das Zertifikat bekommen? Die Spieler für ihr Spiel. Die Tänzer für ihren Tanz. Sollten wir etwa die Richter richten?

Das war aktive Erholung. Die Reisenden hatten zu tun.

Ich hätte dem Obersten Richter das Zertifikat verweigert, weil er im Überschwang seine Robe respektlos in die Ecke geworfen hatte.Und die anderen taten es ihm gleich. Das wirkt ansteckend auf die anderen.Sie nehmen dann ihre Rollen nicht mehr ernst.

Sie müssen durchgehalten werden bis zur letzten Sekunde.

Nein, sie waren immer beides: Spieler und Publikum, Reisepublikum. Das war der Geck.

Wenn wir auch eine Rolle gehabt hätten, würde ich sagen, WIR waren beides: Richter und Gerichtete, Tänzer und Zuschauer, Schauspieler und Textlieferanten mit ihrem einfachen normalen Alltagsleben.

Nun hatte sich alles aufgeklärt und die Fahrt konnte weitergehen.Wir stiegen ein und jeder nahm seinen Platz wieder ein. Noch wurde nicht gewechselt und da und hier ein Besuch abgestattet, um zu fragen: „Alles gut?“- oder so…..

Es gab nur noch ein Ziel. Auf große Fahrt!

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Kaffee Gedicht

Komm

wir gehen in das Cafe`

wo der Kaffee noch schmeckt.

Die Zitrone noch gelb ist

ausgequetscht

in s

Stundenglas.

Die Torte vergiftet wird

von den Heinzelmännchen

die sie dann auch

selber essen.

Und nicht etwa

den Kuchen

servieren.

Kelcheinholung – wie es dazu kam?

Wer den BLOG Kelcheinholung gelesen hat, sollte diesen Blog auch lesen.

Liebe Schwestern und Brüder,

sucht euch eine Reisegruppe (Reisemission Leipzig wäre zu empfehlen). Oder fahrt selbständig dort hin: Italien, Umbrien, ASSISI.

Auf dem Berg gelegen.

Wie die Stadt auf dem Berge, beschrieben in den Gleichnissen Jesu.

Die Stadt auf dem Berg, wo der Wind am Abend kühlt, wenn die Tageshitze unerträglich war.

„Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn das man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“.(Aus der Bergpredigt Jesu.)

Dorthin fahrt. Unten in der Ebene – die große Kirche, wo die Dornen wachsen, die ihn nicht gestochen haben, obwohl er herein fiel.

Aber oben?

Halb oben.

Einen Seiten-Weg herunter von der Stadt, wo du Quartier genommen hast. Vorbei an der Stelle, wo ihm Christus erschienen ist, seit dem er seine Angst überwunden hat in Berührung zu kommen mit den Unreinen, den Aussätzigen. In der Nachfolge – der FRANZ VON ASSISI, das Bürgersöhnchen, dass nicht wollte wie sein Vater wollte bis hin zum Nackt-Ausziehen. Provokation.

ARMUT.

Steiniger Weg.

Endlich die kleinere Kirche, in der die Menschen stehen – und WARTEN. Warten auf wen, auf den Messias? Ja, vielleicht. Letzten Endes. Wie immer, wenn gewartet wird. Wann kommt er. Wie kommt er. Und überhaupt.

Nein, es ist die Kelcheinholung. So überraschend, wenn es dir niemand vorher gesagt hat, was da halbunten, halboben los ist. Sie stehen und warten. Auf dem Steinfussboden und auf der Empore.

Kein Wort.

Keine Handlung.

Nichts.

Stille bei so Vielen. Unglaublich. Kein Fußscharren in der Erinnerung.- Doch, da tut sich etwas. Der Priester trägt den KELCH. – Es ist der Kelch von GETHSEMANE. – Der HERR bittet, dass er vorrüber gehe, wenn es Gott gefällig ist. Wenn nicht. Dann eben nicht.- Ich rede jetzt für Jugendliche aus Berlin, vielleicht aus der ARCHE am Rand der Stadt. Als Streetworker auf den Bidermeierplätzen einer ostthüringischen Mittel-Stadt, in den Gassen der Revolution von 1989, die es erst möglich gemacht hat, dass wir mehrmals dies Stadt auf dem Berg besucht haben in Juda oder Umbrien. Seit ich den Film von PASSOLINI kenne: MATTHÄUSEVANGELIUM, die Schauplätze, ist das so verwandt miteinander.

Mittelmeer wie Grichenland, Riviera in Jugoslawien, Italien, Fankreich oder eben das Heilige Land.

Jetzt geht es eigentlich erst los glauben wir. Die Kelcheinholung.

Aha.

NEIN.

NICHTS GEHT LOS.

Seht euch den Film an: DIE STILLE.

Das ist es.

NOCH NIE HABE ICH SIE SO GEHÖRT:

DER KELCH AUF DEM ALTAR.

DER PRIESTER HAT IHN DORTHIN GETRAGEN.

Ich weiss aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – in den 90iger Jahren nach der Revolution in Deutschland und Osteuropa – dass junge Arbeiter und Arbeiterinnen vor der Schicht in die Kathedrale gegangen sind. Sich hingekniet haben und angebetet haben. TABERNAKELFRÖMMIGKEIT nennt man das. Blut Christi, welches uns rein wäscht wie Schnee, wenn wir schmutzig sind. TABERNAKEL. AUFBEWAHREN DAS HEILIGE.

„DA knien wir uns“, sagen die Katholiken, die ihren Glauben so praktizieren und stärken. Er muss ja gestärkt werden in dieser Welt.

Tabernakel in der Wand.

Der KELCH.

ER WIRD EINGEHOLT SICHTBAR GEMACHT UND AUF HALBER HÖHE. NICHT VERSCHLOSSEN IN EINEM SCHRANK. KELCHEINHOLUNG. Jetzt ist er zu sehen. ANSCHAUNG, ANSCHAUUNGSUNTERRICHT.

NEIN. DAS GEHEIMNIS. GOTT DAS GEHEIMNIS DER WELT. GEHEIMNIS DES GLAUBENS. STUNDEN LANG.

Die Leute kehren um.Sie haben genug gesehen. Sie sind sich wieder sicher. Sie können den Berg weiter hinunter gehen in die Wildheit des Lebens. Sie können wieder hinauf gehen, vorbei an der Station des FRANZISKUS, wo er den HERRN gesehen hat. Im Gebet. Und seitdem seinen Weg gegangen ist. Wie ihn die Welt kennt.

Jetzt wissen Sie, wie es zu der Kelcheinholung in Berlin-Müggelheim in der kleinen Dorfkirche kam. Zum zweiten Mal übrigens. Vergegenwärtigung.Erinnerung. Aufarbeitung. Zukunft. Machen Sie es gut. Wählen sie gute Reiseziele. Bleiben Sie gestärkt und behütet.

Ihr

Pfarrer i.R. und Erwachsenenbildner Michael Wohlfarth , Juni 25, Berlin, im Dorf Müggelheim.

KELCHEINHOLUNG

Pfingstsonntag 8.Juni 2025 in der Dorfkirche zu Müggelheim

Eingangslied

O Heilger Geist, kehr bei uns ein EG 130, Vers 1-3
Psalm 118, Liedzettel
Lobgesang (Doxologie), Liedzettel

Ho’onani i ka Makua mau*
Wochenlied
Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist EG 126, Vers 1.2.7
EG 805: Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel
Vor der Predigt

O Heilger Geist, kehr bei uns ein EG 130, Vers 4.5
Nach der Predigt
O Heilger Geist, kehr bei uns ein EG 130, Vers 6.7
Einholung des Kelches (Kantorin leitet den Gesang, mehrfach wiederholt)

Ubi caritas et amor
Anschauung des Kelches

Oculi nostri ad dominum deum EG 789.5
Nach dem Abendmahl

Nun bitten wir den Heiligen Geist EG 124
**Fürbittengebet: die Gemeinde antwortet mit
O Heilger Geist, kehr bei uns ein (aus EG 130)
Entlassung
Verleih uns Frieden gnädiglich EG 421

Besonderheiten
Lobgesang (Doxologie) nach dem Psalmgebet
Entfaltetes Kyrie mit Friedensgebet
Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel
Einholung und Anschauung des Kelches vor dem Abendmahl
Dank- und Fürbittengebet: Liturgen und GK

Die Verheißung des Heiligen Geistes

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

Der Friede Christi

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Dialog-Predigt Thomas Tunsch und Michael Wohlfarth

zu Johannes 14, Verse 15 -19 und 23 – 27

Thomas Tunsch

Einstieg

Pfingsten hat es schwer …
Das meint jedenfalls Tobias Götting– und für ihn liegt das am Heiligen Geist:
Pfingsten hat es schwer. Der Heilige Geist hat unter uns wahrlich ein
Vermittlungsproblem. Oder wir mit ihm. Alles pfingstlich Begeisternde findet kaum
Gehör bei meinen skeptischen Nachbarinnen und Nachbarn.
Wie sag‘ ich‘s also Ihnen oder meinem Kinde? Mit christlicher Mathematik: Dass bei
uns Christen nämlich 1+1+1=1 ist. Weil Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist aus
demselben Holz geschnitzt sind. Weil wir einen Gott kennen, der sich auf drei
verschiedene Arten und Weisen zeigt, vielleicht sogar spürbar wird?

Auslegung

Liebe Gemeinde,
wenn Tobias Götting sagt, „Pfingsten hat es schwer“, wollen wir es uns heute leicht
machen und noch einmal in die „Gute Botschaft“ schauen, die wir gehört haben.
Da verspricht Jesus den Jüngern damals und uns heute:
16… ich will den Vater bitten
und er wird euch einen andern Tröster geben,
dass er bei euch sei in Ewigkeit:
17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann …
Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch
und wird in euch sein.

18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen;
ich komme zu euch.

Jesus ist wahrhaftig auferstanden von den Toten und aufgefahren in den Himmel.
Aber wir sind nicht allein und verwaist im Glauben:
Der Geist steht uns helfend bei, er bleibt
bei uns, ja sogar
in uns!2
In uns? Was bedeutet das? Auch hier finden wir im Johannesevangelium die Antwort:
23 Jesus antwortete und sprach zu ihm:
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten;
und mein Vater wird ihn lieben,
und wir werden zu ihm kommen
und Wohnung bei ihm nehmen.

Wohnung bei mir nehmen …
… wie soll das denn gehen?

In der Kantate zum Pfingstsonntag
„Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten“ von Johann Sebastian Bach gibt zunächst eine Arie die gesungene Antwort: „…komm doch in die Herzenshütten,
sind sie gleich gering und klein,
komm und lass dich doch erbitten,
komm und ziehe bei uns ein!“
Zu Pfingsten möchte der Heilige Geist also bei uns einziehen – und Platz ist
schließlich in der kleinsten Herzenshütte…und wenn der Geist dann in meiner „Herzenshütte“ eingezogen ist, können er und meine Seele sogar ein Duett singen:

Dazu Aufstellung von Lektor und Pfarrer zu beiden Seiten des Altars.

Seele :“Komm, lass mich nicht länger warten,
komm, du sanfter Himmelswind,
wehe durch den Herzensgarten!“

Heiliger Geist:“Ich erquicke dich, mein Kind“.

Seele:“Sei im Glauben mir willkommen,
höchste Liebe, komm herein!
Du hast mir das Herz genommen“.

Heiliger Geist:
„Ich bin dein, und du bist mein!“
———————————————————————————

Michael Wohlfarth

Liebe Gemeinde,

Brüder und Schwestern,

zu Pfingsten 2025 in Müggelheim,

eigentlich hätten wir das Duett singen müssen: zwischen dem Heiligen Geist und der Seele und zwar so barock wie BACH, der 5. Evangelist wie ihn manche nennen, sich das gedacht, komponiert hat. Wie er es gehört hat in seinem Innersten, denn er komponierte ja GOTT zur EHRE, JESUS zur Ehre. Dem HEILIGEN GEIST zur Ehre.

Dem DREIEINIGEN GOTT.

Das Gespräch zwischen der Seele des Menschen und dem Heiligen Geist.

Heute feiern wir das Pfingstfest; WER ES KANN, kann eine Kantate komponieren wie Bach das in seiner Zeit per Auftrag sicher in Leipzig getan hat. Oder eine Fabel schreiben wie Goethe über den Fuchs und all die anderen großen und geringeren Tiere – über allem der Löwe. Oder einen Aphorismus abgeben wie Berthold Brecht: zu Pfingsten sind die Geschenke am geringsten.

Manche Kirchen sehen das übrigens anders: für sie ist Pfingsten das GRÖSSTE. Das Charisma der Liebesgabe Gottes an sein Volk, der TREUEGABE des HERRN Jesus Christus an seine NachfolgerInnen.-

In meiner Kindheit wurden Birken aus dem Wald geholt und aufgestellt, besonders, wenn es gleichzeitig der Konfirmationssonntag war – oder ist – wie heute in der Erlöserkirche Lichtenberg, wo die Köpenicker Konfirmanden den Segen Gottes empfangen zur Befestigung ihres Lebens – wie zu Christi Himmelfahrt die Müggelheimer.

Jesus will zum Vater beten, ja ihn bitten. Für uns. Ja, wir haben es nötig, gerade in diesen Tagen, in diesen Monaten, in diesen Jahren des Kalten und Heißen Krieges. Der Ödnis. Der Geistlosigkeit, der Sinnentfremdung. Des Amusements ohne wirkliche Freude. Der Ratlosigkeit. Der Verirrung in die Ich – Sucht und des Versteckspielens in allen möglichen WIR-KONSTELLATIONEN, die uns Glück und Erfolg verheißen.

Damit wir einen Tröster haben. Darum will er bitten.

Zu seinen Jüngern sagte er es so in den so genannten Abschiedsreden der Kapitel 13-17: es steht geschrieben und fest, der Vater wird euch einen Tröster geben. Ja gerade dann, wenn sie nicht weglaufen, die Jünger und Jüngerinnen.Nicht weg von Golgatha. Sondern umkehren nach den Fragen, die Christus ihnen und uns stellt: quo vadis. Wenn sie oder wir verwirrt zum Himmel schauen. Und IHN vermissen. Und nicht verstehen können oder wollen, dass er jetzt für alle da ist durch Christi Himmelfahrt.

Aber es ist ein Gott, der VATER, der SOHN und der HEILIGE GEIST.

Das Geheimnis: Der andere Tröster, von dem JESUS spricht, ist der Heilige Geist. Es ist wichtig um ihn zu flehen, damit wir getröstet werden tief in unserem Herzen, wenn wir mit einem Freund sprechen, der krank ist oder an Gräbern stehen.

Wenn wir uns Sorgen machen um unsere Kinder, wenn die Traurigkeit nicht weichen will. Wie in dem GOSPEL…“Wir werden überwinden/We shall overcome… deep in my Heart. Tief in meinem Herzen.

Tief in unseren Herzen wird er uns trösten.

Der Geist, um den wir bitten, weil Christus ihn uns verheißen hat. Seinen Jüngern und Jüngerinnen.

Uns.

Wenn wir nicht mehr aus noch ein wissen.

Wir den richtigen Weg suchen für uns und unsere Kinder und Kindeskinder, in diesen Zeiten.

Für unsere Kirchen und Gemeinden.

Für unsere Arbeitsgemeinschaften und Gaubensgemeinschaften.

Für unsere Gebetsgemeinschaften: Herr, was sollen wir beten? Wie sollen wir beten. Es bedrückt uns alles so sehr.

Für die EWIGKEIT, sagt der HERR.

Für unser Land. Für unser Volk. Ja und auch für unser politisches Zusammenleben.-

Jesus wird uns nicht allein lassen.

„Herr ich möcht` Dein Jünger werden in meinem Herz“, haben wir gesungen in der Jungen Gemeinde in Thüringen, sicher auch hier…

„Herr, ich möchte dein Bote werden mit meinem Lied“, in der nächsten Strophe.

Die Gospels wissen es auf dem Erdenrund.

Wenn wir Jünger werden, Jüngerinnen, wissen wir, es gibt Gebote, die Grammatik der Liebe, des Zusammenlebens, die wir einzuhalten haben, so wie es Christus lehrt. Sein Wort halten die, die ihn lieben. In der Liebe des Vaters. Kein Krampf, denn der Geist Jesu wird Einzug Halten bei uns, sein Evangelium verändert unser Gesicht, das zu Himmel schaut ins Licht.

Wie Gerhardt Teerstegen singt, der niederländische Mystiker.

Und auch die Wahrheit ist kein Tabu mehr, dass wir lieber nicht berühren, denn der Geist, um den wir zu Pfingsten in besonderer Weise bitten, ist der Geist der Wahrheit, der uns leben lässt…

auch und gerade zusammenleben lässt.

Die Jünger konnten ohne Jesus nicht sein. Jetzt werden sie ihn wiederhaben, gerade da, wo sie glaubten, ihn verloren zu haben.

Die Verheißungen des Gottessohnes haben sich erfüllt.

Jesus schenkt mit der Verheißung seines Geistes, des Vaters und des Sohnes etwas, was wir gerade jetzt so dringend nötig haben: Frieden.

Auch die Gabe zu vermitteln, Frieden zu stiften, im Kleinen wie im Großen.

Denn es ist der Friede Gottes, der nur die Welt retten kann, nicht der Frieden, den wir mit Gewalt erzwingen wollen.

Der Frieden des Dreieinigen Gottes ist d a s Geschenk, damit wir leben können. „Denn siehe ich lebe – Ihr sollt auch leben!“, sagt der CHRESTOS, der KYRIOS zu seinen Nachfolgern und verheißt damit Zukunft und nicht Angst!

Und wir?- Wir rufen:

„Herr, schenke uns den Geist des Friedens, wie Du es Deinen Jüngern versprochen hast, damit wir leben können“.

AMEN.

**F ü r b i t t e n

Herr unser Gott, wir danken dir für deine Gegenwart.
Wir bitten dich um deinen Geist, der uns stark macht im Glauben,
fröhlich und geduldig,
der uns mit Hoffnung erfüllt und unsere Phantasie beflügelt,
der uns deinen Frieden bringt.

Komm, Heiliger Geist!

Wir singen:O Heilger Geist kehr bei uns ein

Wir bitten dich, Gott, um den Geist der Freude
für alle, die ihre Freude am Leben verloren haben,
für alle, denen das Lachen vergangen ist,
die verzweifelt sind, die im Dunkel der Trauer gefangen sind.

Wir singen: Komm, Heiliger Geist!

O Heilger Geist kehr bei uns ein

Wir bitten dich, Gott, um den Geist des Verstehens
für alle, die sich unverstanden fühlen,
für alle, die für andere kein Verständnis aufbringen können,
für alle, die versuchen, dich mit Hilfe der Vernunft zu leugnen.

Komm, Heiliger Geist!

Wir singen: O Heilger Geist kehr bei uns ein

Wir bitten dich, Gott, um den Geist des Friedens
für alle, denen Macht wichtiger ist als Leben,
für alle, die unter Gewalt und Krieg leiden,
für alle, die mit sich selbst uneins sind,
für alle, die in Streit leben.

Komm, Heiliger Geist!

Wir singen:O Heilger Geist kehr bei uns ein
——————————————————————————————

*Hoʻonani i Ka Makua mau nachgereicht von Dr. Thomas Tunsch nach der BLOG-Veröffentlichung.
„Herr Gott, dich loben alle wir“ (EKG 115, Ausgabe 1976), Text nach dem lateinischen Dicimus grates tibi Philipp Melanchtons, deutsch von Paul Eber 1561, Melodie Louis Bourgeois 1551 (Genfer Psalter) • “Praise God, from Whom All Blessings Flow” (Thomas Ken, 1637-1711), mit der gleichen Melodie (nach Psalm 100 “Old Hundredth” genannt) • „Ho‘onani i Ka Makua mau“ (Hiram Bingham, 1789-1869, Missionar in Hawai‘i)

Der Vormittags-Gottesdienst mit Kelcheinholung und fortgesetztem Heiligen Mahl kam in seiner Dialog-‚Form zustande, weil Dr. Thomas Tunsch und Pfr. i.R. Michael Wohlfarth die Kelcheinholung schon einmal praktiziert haben. Daran erinnernd hat mich Thomas Tunsch angerufen und diesen Vorschlag gemacht: Liturgie mit der Besonderheit des Hawai-Gesanges, Liedauswahl er selber. Beide predigen s.o.! Leitung Michael Wohlfarth : Kelcheinholung und fortgesetztes Abendmahl. Die Veröffentlichung an dieser Stelle mit ausdrücklicher Zustimmung mit späterer Ergänzung in Form des HAWAI-LIEDES durch Pfr.i.R. und Erwachsenenbildner Michael Wohlfarth mittels seines BLOGS. Wir freuen uns auf Reaktionen und darüber, dass Kelcheinholung z.B. wärend jesuitischer Exerzitien gar nichts Besonderes darstellen. Aber im evangelischen Raum schon – meine ich.

Mit freundlichen Grüßen in der Trinitatiszeit

Ihr Michael Wohlfarth

Zum Singen:

Kolumne

Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei ist eines meiner Lieblingslieder und zu meiner großen Freude haben es auch immer jugendliche Schüler gern gesungen. Friedrich Hölderlin, der große deutsche Dichter aus Schwaben sagt, die Deutschen seien gedankenschwer, zu schwer, als daß sie sich aufraffen könnten zur rechten Zeit etwas zu tun, was getan werden müsste. Da kann man an die Große Koalition in Berlin denken oder an bestimmte Fußballspiele, wo erst in letzter Minute das erlösende Tor gefallen ist… Dietrich Bonhoeffer äußert sich ähnlich nach seinem Amerika- Aufenthalt: Die befreiende Tat…. Wo ist sie? Die Deutschen sind gehorsam, sie sind bescheiden, ja misstrauisch sogar der Stimme ihres eigenen Herzens gegenüber….Ja – wir kennen das auch ganz persönlich, wenn wir uns schwer tun, wie wir sagen, wenn wir uns quälen mit Entscheidungen, die gefällt werden müssen. Goethe sagt, etwas zu denken ist die eine Sache, etwas zu tun die andere, aber nach dem Gedachten zu handeln – das ist es! Wie recht er hat. Hilft uns das? Gedanken zum Sonntag, Sonntagsreden, Predigten, Moral-predigten vielleicht sogar? Die Juden meinen in ihrer Weisheit – übrigens auch der preußische Dichter Theodor Fontane: Oh – du sollst mit dem Herzen denken und mit dem Verstand fühlen. Ich würde sagen, jetzt hört es auf, eine Gedanken-spielerei zu sein mit lexikalischem Grundwissen in Sachen Religion, deutscher Literatur oder anderer Kunstarten. Ich meine, jetzt sind wir bei dem Wort, um das es geht: LIEBE. Die LIEBE höret nimmer auf, steht in einem Brief des Apostel Paulus an eine Gemeinde in Korinth in Griechenland. Sonst würden die Taten aufhören, die befreiend sind und die Gedanken, die die Grundlagen dazu bilden. Alles andere hört auf, aber die LIEBE nicht. Die LIEBE ist eine Himmelsmacht, die Menschen zusammenführt und zusammenhält, Familien gründen lässt, Generationen Verträge schließen lässt, das soziale Gewissen eines Volkes am Leben erhält. Sie soll der Maßstab sein all dessen was wir tun, steht in einer Andacht in meinem Gesangbuch. Ja, sie ist das Göttliche in unserem Leben. Ja, sie macht uns zu Ebenbildern Gottes, singen die Mönche im Karthäu-serkloster bei Grenoble in Südfrankreich. Insofern laßt uns das HOHELIED DER LIEBE SINGEN mit allen Aposteln und Propheten, daß Gott nicht seine Gnade von uns nimmt und wir diese Fähigkeit verlieren: Zu hoffen, zu glauben, zu lieben und die Lieblosigkeit immer mehr Raum gewinnt. Der Apostel, der dieses Hohe Lied der Liebe aufgenommen hat in seinem Brief, lässt uns aber nicht im schöngeistigen Regen stehen. Er sagt es ganz konkret: Macht Euch Jesus zum Freund, geht in seine Schule, dann werdet Ihr leben und volles Genüge haben. Dann werdet ihr es erfahren trotz aller gegenteiligen Erfah-rungen: DIE LIEBE HÖRET NIMMER AUF. Lesen sie es selber nach in der Bibel, im Neuen Testament, 1. Brief an die Korinther, 13. Kapitel. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

Herr, höre meine Stimme!“

Ich schreibe diese Zeilen zwischen zwei Sonntagen. Der eine, der vergangene, heißt ROGATE- gleich BETET! Und der andere heißt EXAUDI- Übersetzung aus dem Lateinischen s. Überschrift. Der berühmte Schriftsteller aus der Schweiz Max Frisch schreibt: Die kleinste Einheit des Friedens ist das Gebet.

Ein zweites Motto unserer Kirche, an der ich Dienst tue, lautet seit vielen Jahren: Treten sie ein – hier dürfen Sie schweigen (Reiner Kunze, ein vogtlän-discher Dichter, den die DDR verjagt hat).- Hilft Beten? Hilft Schweigen? – Fangen wir mit dem Schweigen an. Schweigen ist Gold, heißt ein deutsches Sprichwort, u n d – Morgenstunde hat Gold im Munde, auch. Der Morgen ist die Zeit des Schweigens. Der Morgen ist die Zeit der ersten Christen gewesen, als sie erfahren haben, daß ihr HERR auferstanden ist von den Toten. Jedes

Schweigen, jeder Morgen hat seit dem diese Qualität und erneuert geistiges, geistliches und physisches Leben. Versuchen Sie es doch einmal – einen Moment Stille am Morgen, ohne Radio, ohne Zeit – eine Handvoll Zeit (fünf Minuten) sich vorbereiten auf den Berufsalltag.- Ein Wort aus der Bibel lesen. Die Herrnhuter Losungen sind dafür geeignet. -Und das Beten? – das kommt dann von alleine. Bleiben Sie dabei nicht sitzen, wenn sie das Wort GOTTES lesen, stehen sie auf, lauschen Sie nach innen u n d nach draußen und blicken sie nach oben, – stärken Sie den i n w e n d i g e n Menschen. Geben sie ihm Halt für den Tag. Sagen Sie die Worte des Vaterunsers oder eines schönen Liedes und sagen Sie die Namen der Menschen, um die Sie sich sorgen, sprechen sie laut die Anliegen aus, die Sie quälen.- Und sonntags? Genau so! Aber sagen Sie vor allen Dingen danke für all das, was gut ist, was Sie stärkt, was sie gestärkt hat in der vergangenen Woche. Am schönsten ist, wenn daraus LAUTER LOB wird mit anderen zusammen. Suchen sie sich eine GEMEINSCHAFT VON CHRISTEN, in der es Ihnen FREUDE macht gemeinsam zu singen, zu beten und zu hören, was Gott sagt in seinem heiligen Wort – am Morgen. Ich wünsche Ihnen einen GESEGNETEN SONNTAG!

Gedanken zur Wortverkündigung in einer christlichen Kirche

Wie soll ich predigen?

Was soll ich predigen?

Das Wie und das Was hängen naturgemäß engstens zusammen .

Ich soll CHRISTUS predigen, der der Weg ist und das Leben. Ich muß es so tun, daß der Zuhörer merkt , daß die Geschichte, s e i n e Geschichte ist. Das Heil sein Heil, von dem da die Rede ist. Oder auch sein Unheil, wenn davon nicht die Rede ist.

Heilsgeschichte

Wenn wir eine Predigt gehört haben und sie läßt uns kalt, dann haben wir keine Heilsgeschichte gehört, die auch unsere Heilsgeschichte sein möchte. Das ist das Angebot. Wenn nicht Heilsgeschichte erzählt wird in der Katechese, nicht gepredigt wird in der Sonntagsrede des Pastors, nicht gelehrt wird an den Universitäten, muß ich mir es nicht anhören, denn ich suche das Heil. Nur aus diesem Grunde bin ich Hörer. Und kann nur so Täter werden. Der Zuhörer muß den Eindruck gewinnen, daß es s e i n e Geschichte ist, wenn es Heils-geschichte ist, die verkündet wird. Es ist überhaupt nicht seine Geschichte, wenn Christus nicht verkündet wird. Denn die Geschichte Christi ist die Geschichte des Getauften u n d des Ungetauften. Es ist die Heilsgschichte des Menschen-geschlechtes.

Anmerkung

Alle Kolumnen,Predigten, Gebete, Impulse in PREDIGEN AUF DEM MARKT, Saarbrücken Frommverlag oder Eigenverlag in Zusammenarbeit mit epubli Berlin

Jahre vergehen…

Aus „Predigen auf dem Markt“(Saarbrücken, Frommverlag/29.5.2013 und Berlin, epubli/14.1.2019, e-book – kindle 13.11.2024)- Kolumnen in der Wendezeit , in Zeitungen im Altenburger Land/Thüringen. Da diese Kolumne m.E. aktuell ist, habe ich sie heute in meinen BLOG gestellt – mit den Anmerkungen.

Damals waren es Afghanistan und der Irak. Sie können heute dafür die Ukraine und GAZA einsetzen.

Wenn Ihnen das eine Hilfe ist.

Als PREDIGT aufgeführt in den Inhaltsverzeichnissen an erster Stelle im vierten Kapitel der angezeigten Bücher unter der Kapitel-Überschrift: Jahre vergehen.

Jesus Christus spricht: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Johannesevangelium Kapitel 14, Vers 1). – Euer Herz erschrecke nicht!

Jeden Tag werden wir zugedeckt mit einer Flut von Informationen und Nachrichten, die sehr oft, zu oft, Negativmeldungen zum Inhalt haben. Ob es sich dabei um das Klima handelt, um den Krieg in Afghanistan oder im Irak, um nur einige Beispiele zu nennen, ob es um den Hunger in der Welt geht, oder um Korruption gigantischen Ausmaßes. Nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht, weil sie sich gut verkauft !? – So einfach ist es sicher nicht. Die Welt wird nicht einfach dadurch besser, daß wir die schlechten Nachrichten weglassen und nur die guten zu unserer eigenen Erbauung zu Kenntnis nehmen. Das Leben ist wie es ist, es gibt gute Zeiten und schlechte Zeiten, gute Nachrichten und schlechte Nachrichten. Alles hat seine Zeit. Das Grauen, das Erschrecken, das Davonlaufen. Das Hierbleiben, die Freude, die Dankbarkeit. – Wir sollten aber nicht wie gelähmt auf die Katastrophen in der Gesellschaft und in unserem ganz privaten Leben schauen, vergleichbar dem Kaninchen, das auf die Schlange starrt, sondern uns erinnern, das Gott uns ein Grundvertrauen mitgegeben hat in unser Leben und einen Vor-Läufer in allem was geschieht, sei es zum Heulen oder Zähneklappen, zum Lachen oder Triumphieren: Jesus Christus. In seiner Nachfolge sind wir gut aufgehoben in allen Verwirrspielen, die das Leben so bereit hält für uns, in allen Täuschungen, die uns von der Wahrheit des Lebens ablenken sollen, in Freud und Leid. Denn wir wissen ja nicht auf unserem Weg, was wirklich hinter der nächsten Biege kommt. Deswegen ist es gut , wenn wir dieses Vertrauen nicht vergessen, sondern – im Gegenteil – damit wuchern. Weil es stärker ist als das Entsetzen und weil es uns bewahren kann, hochmütig zu werden gegenüber unserem Nächsten, wenn es uns gut geht.

Eine gute Zeit! Und verliert Euren Stern nicht aus den Augen!

Unmittelbar danach plaziert in derselben Veröffentlichung:

Gedanken zur Wortverkündigung in einer christlichen Kirche

Wie soll ich predigen?

Was soll ich predigen?

Das Wie und das Was hängen naturgemäß engstens zusammen .

Ich soll CHRISTUS predigen, der der Weg ist und das Leben. Ich muß es so tun, daß der Zuhörer merkt , daß die Geschichte, s e i n e Geschichte ist. Das Heil sein Heil, von dem da die Rede ist. Oder auch sein Unheil, wenn davon nicht die Rede ist.

Heilsgeschichte

Wenn wir eine Predigt gehört haben und sie läßt uns kalt, dann haben wir keine Heilsgeschichte gehört, die auch unsere Heilsgeschichte sein möchte. Das ist das Angebot. Wenn nicht Heilsgeschichte erzählt wird in der Katechese, nicht gepredigt wird in der Sonntagsrede des Pastors, nicht gelehrt wird an den Universitäten, muß ich mir es nicht anhören, denn ich suche das Heil. Nur aus diesem Grunde bin ich Hörer. Und kann nur so Täter werden. Der Zuhörer muß den Eindruck gewinnen, daß es s e i n e Geschichte ist, wenn es Heilsgeschichte ist, die verkündet wird. Es ist überhaupt nicht seine Geschichte, wenn Christus nicht verkündet wird. Denn die Geschichte Christi ist die Geschichte des Getauften u n d des Ungetauften. Es ist die Heilsgeschichte des Menschengeschlechtes.

Die Gesschichte endet nicht. Sie geht weiter. Manche dachen mit 89 hört sie auf.

ff. mit Kapitel 16 AMERICA

………………………………………………………………………………………………………………………………………….

16

Die Kadetten haben gelernt, mit Segeln umzugehen, die Jugendstraffälligen mit ihren Agressionen. Das Schiff liegt noch im Hafen.

Mannschaft und Gruppe wurden auf Kosten des deutschen Steuerzahlers für ein paar Wochen eingegliedert in entsprechende amerikanische Verbindungen. Alle erhielten ein Zertifikat beziehungsweise ein Entlastungsschreiben und wurden dann aber in ein Flugzeug gesetzt.

Das Heimatland hat sie erwartet.

Natürlich tobte um diese kleinen persönlichen Geschehen der Weltenbrand mit seinen Kriegen, Verfolgungen und Bemühungen um Frieden und Völkerverständigung.

17

Deswegen gibt es ja Regierungen und Geheimdienste.

Und jetzt sind wir wieder in unserer Geschichte.

Frau Thielemann wurde zu ihrem Sohn gebracht.

Sie fielen sich in die Arme und anschließend nahmen sie Platz in den Schaukelstühlen auf der Holzveranda mit Blick in die untergehende Sonne. Da war der Sohn, da war seine Freundin, da war der FBI-Mann, der die Frau aus dem Osten Deutschlands hier her gebracht hatte.

Da war sie, die Mörderin ihres Geliebten, umgebracht wegen des Verrats an seinem Freund, ihrem Vater vor vielen Jahren.

Die Grenze, so weit weg in der Ferne der Zeit untergegangen mit der Sonne im Meer: ihre Mutter, die Frau ihres Vaters, die erste und einzige Geliebte des Offiziers, der getötet werden musste wie es Judith tat. Jetzt waren sie vereint: Das Böse an sich, der Teufel America, der Imperialismus in Person, die Tochter des missbrauchten Soldaten, mißbraucht von seinem Vorgesetzten, um einen Menschen loszuwerden um endlich frei zu sein für seine Jugendliebe.

Warum hatte sie sich auch für den Falschen entschieden“ , sagte sich der Offizier in einem Dorf in Thüringen an der Demarkationslinie der pax america/pax sovietica. Dann kam der Zusammenbruch des Systems und er wurde Waldbesitzer in den Wäldern, unweit davon, mindestens aus amerikanischer Perspektive.

Das Gefängnis lag hinter ihr. Und sie wollte ihren Sohn sehen, den sie im Gefängnis zur Welt gebracht hat, wie ein Kind aus den asymetrischen Kriegen. Sex als Waffe. Als Gewalt.

Der englische und amerikanische Geheimdienst begann, sich für die Familiengeschichte zu interessieren. Es war ja eine Geschichte des so genannten Kalten Krieges mit sehr heißen Detailes im wirklichen Leben.

18

Auf einmal doch zusammen. Wie kam das?

Anne hatte sich weinend getrennt und ihre Großmutter angerufen und gefragt wie es ihr gehe.

„Gut.“

„Das freut mich.“

„Kind, wie geht es dir?“

Mir geht es gar nicht gut, Großmutter.“

„Warum denn?“

Mein Freund Oliver ist bei der STASI, von der

Vater immer erzählt hat.“

„Wie das?“

„Er sagt, er arbeitet für den Geheimdienst in Amerika, für den FBI.“

„Ja aber, das ist doch nicht der Staatssicherheitsdienst der DDR.“

Pause.

„Den gibt es doch gar nicht mehr, weil es die DDR nicht mehr gibt.“

Pause.

„Weißt du denn gar nichts, Kind.“

Anne weinte.

„Du musst nicht weinen.“

Pause

Anne schluchzte.

„Großmutter, dann kann ich doch auch zurück gehen zu Oliver. Seine Mutter kommt uns besuchen.“

„Jedenfalls, die STASI, von der dir dein Vater erzählt hat, weil er dachte sie wäre immer noch hinter ihm her nach dem Unfall, bei dem deine Mutter ums Leben gekommen ist, gibt es so nicht mehr. Im Gegenteil. Sie werden dir sagen, wir waren doch der Feind des Staats – Sicherheits -dienstes in der Deutschen Demokratischen Republik. Wir sind die Beschützer der Freiheit auf der ganzen Welt. Wenn sie pathetisch mit dir reden.“

„Ich werde Oliver fragen, ob er mir verzeiht.“

Das Gespräch über den Ozean wurde beendet.

Bevor Anne dazu kam, Oliver anzurufen, ihren Freund in Amerika, stand er vor der Tür und bat seine Freundin in dem großen Land mit ihr einen Spaziergang zu machen.

„Weiß du, die Dinge liegen verworrener als du denkst. Andererseits sind sie viel einfacher, als man glaubt. Sie sind ein Knäuel und doch ein Faden. Ja, ja.“

„Was willst du mir denn sagen?“

„Ich möchte dich um Verzeihung bitten. Ich habe dich im Regen stehen lassen und bin einfach gegangen.“

„Nein, ich bin gegangen.“

„Jedenfalls hätte ich behutsamer sein müssen, was meine Herkunft angeht. Wenn du so willst, meine Vergangenheit. Sagen wir: die Vergangenheit und Zukunft meiner ostdeutschen Familie. Das stößt viele vor den Kopf. Weil sie sie nicht verstehen.“

Schweigen.

Der Park in New York.

Die berühmten Tauben aus tausend Filmen.

Sie: „Hier haben wir gerne gelegen und du hast eigentlich nichts gesagt. Jedenfalls nichts über dein Leben. Wer bist du. Wo kommst du her.

Wo willst du hin.“

„Du weißt jetzt warum.“

„Ja, es ist extrem.“

„Meine Mutter im Gefängnis in Deutschland.“

„Dann kommt sie plötzlich frei.“

„Und das hat einen Grund.“

„Sie ist angeworben worden durch das FBI.“

„Richtig kombiniert. – Denn ich bin dort sozusagen zu Hause. Seitdem ich hier studiere und dann dort einen Posten bezogen habe nach Abschluss des Studiums der Anglistik. Da hast du einen Schock bekommen und bist weggerannt.“

„Erst sagst du nichts und dann – so plötzlich.

Das halte ich nicht aus.“

Es fing an zu regnen. Und sie kehrten um in einem Bogen. In einer großen Schleife in der Mega – Stadt New York.

19

In ihrer Kirche brannte Licht.

Gospelmusik.

Vorsänger, der schwarze Prediger von der Kanzel herab: von Gott geführt durch die Wüste in vierzig Jahren und wie es ihm erging.

Diesem Volk.

Und immer der Vorsänger.

Sie traten ein.

Hier hatten sie sich eigentlich kennengelernt, nicht an der Theke nebenan in der Bar.

Keineswegs.

Dort.

Sie wussten erst dort, dass sie sich liebten.

Nach dem Gottesdienstbesuch am Abend gingen sie in ihre Wohnung und besprachen, morgen den Baptistenprediger zu bitten, sie zu trauen.

Den genauen Zeitpunkt wollten sie noch bekannt geben, wenn seine Mutter angekommen wäre.

Und nun freuten sich beide auf die angekündigte Ankunft und Anne hatte nichts dagegen in der Dienstwohnung ihres zukünftigen Mannes außerhalb der Großstadt zu wohnen. Ganz im amerikanischen Stil.

20

Jetzt kam zu ihrer Bekanntschaft und Sympathie die Wahrheit dazu. Die mussten sie aushalten in dem Holzhaus. Denn ganz klar war das bisher nicht, dass sein Vater der Offizier war in der Nacht, der nichts dagegen unternommen hatte, als der Schatten auf den einfachen Grenzer zukam und der schoss nach dem Gesetz des Arbeiter- und Bauern-Staates.

Der Schatten war der Vater der Mörderin, die den Freund ihres Vaters verführte und anschließend in den Tod lockte. Der Erzähler nimmt an, dass diese konkreten Hintergründe staunend zur Kenntnis genommen wurden, falls sie überhaupt ausgesprochen wurden. Falls überhaupt die Rede darauf kam, die aber Fragen voraussetzt.

Wann ist die Zeit zu fragen?

Wenn man Antworten erwarten kann, die weiterhelfen im Dschungel der Ereignisse.

Wie sollte die Mutter von Oliver jetzt dem Mädchen gegenübertreten, das ihr Sohn liebte.

Das Mädchen war das Kind des Soldaten, dem sie irrtümlicherweise die Schuld gab an allem.

Bis sie aufgeklärt wurde. Da war es zu spät, die Mutter des Kindes war umgekommen bei einem gestellten Unfall.

Ja, das ist eine STASI-Geschichte.

Es ist auch nicht bekannt, ob Erna Thielemann wusste, wem sie da begegnete, wer ihr die Tür öffnen würde. Hatte der Geheimdienst der Briten und Amerikaner so weit recherchiert?

Sicher.

Dann müssten sie es verschwiegen haben aus was für Gründen auch immer.

Ihnen war Oliver wichtig.

Und sie kannten seine Geschichte und die Geschichte seiner Mutter und seines Vaters.

Wenn sie seine Freundin ebenso kontrolliert hätten, sozusagen in höherem politischen Interesse, wären sie sehr schnell auf die Fäden getroffen, die sich kreuzten in dem Wirrwarr des Kalten Krieges und des heißen Lebens auf beiden Seiten des eisernen Vorhanges vor und nach seinem Fall.

Nach einer gewissen Zeit verabschiedete sich Erna Thielemann von Ihrem Sohn Oliver und seiner Verlobten Anne Leskow.

Sie wolle zurück nach Deutschland.

Die Formalitäten erledigt, ordentlich angeworben.

Was soll sie jetzt machen, die Rächerin ihres Vaters, die Gebärerin ihres Sohnes, die Gefängnisinsassin, weil sie absichtlich einen Wagen neben sich berührte, damit er in Flammen aufging. –

Nein, so können wir das nicht erzählen.

Viel zu großspurig.

Es ist ja ein Film, den wir hier zugrunde legen.

Ein deutscher „Tatort“ ohne Pathos oder dergleichen.

– Nicht ganz – bis zu dem Punkt: Sie findet den wirklichen Mörder ihres Vaters und Geliebten ihrer Mutter im Wald auf der anderen Seite Deutschlands und lädt ihn ein zu einem Spaziergang… Bis sie ihn hat. Es gab wiederum einen Toten. Er wurde gefunden. Der Fall ist aufgeklärt.Und das bundesdeutsche Gericht hatte das letzte Wort.

Bei uns geht der Fall weiter. Es ist nichts abgeschlossen. Hier ist Amerika.

Dort ist Deutschland. Gerade deshalb.

Der große Teich. Die Wüsten der Ozeane.

Nichts ist versunken. Keine Titanic im ewigen Eismeer. Die Telefonleitungen funktionieren.

Die Täterin flieht nicht. Sie stellt sich und kommt in ein bundesdeutsches Gefängnis. Es ist nicht das Frauengefängnis von Hohenleuben. Da hat sie Glück gehabt. Ich weiß nicht, ob sie den Hergang erzählt hat. Doch ja, bei sorgfältiger Aufklärung seitens der Ermittler schon. Da gab es eine geheime Anziehung, eine große Sympathie.

Oder sofort das Erkennen.

Schüsse im deutschen Wald.

Die Falsche.

Auch eine Spaziergängerin.

Nicht die Richtige.

Erna ahnte, dass sie gemeint ist.

Woher wusste sie, dass es der Waldbesitzer war.

Ich weiß nicht, ob sie ihn erkennen konnte.

Sie war immerhin neu in dem Grenzdorf.

Jetzt natürlich: er – mit Bart.

Und ein anderer Name: Volkswacht.

Doch sie erkannte ihn.

Und er sie auch auch.

Sie war für ihn gefährlich.

Für seine Stellung in diesem Raum.

Er lebte zurückgezogen.

Sie stellt sich ihm nicht vor in der Gastwirtschaft, in der sie sich eingemietet hatte.

Sie musste keine Miete bezahlen, sondern arbeitete sie ab als Kellnerin.

Sie sah gut aus. Mitzwanzigerin. Dunkles Haar wie ihre Mutter Eva.

Sie bediente ihn nach den Schüssen im Wald.

Ahnte sie wirklich, dass die Kugel sie treffen sollte?

Die meisten glaubten an einen Unfall.

Nur Horst Leskow nicht.

Der Waldhüter und jugendlicher Freund von Horst (jetzt)Volkswacht, seinem ehemaligen Vorgesetzten an der Grenze.

Wie lange ist das jetzt her?

Damals am Küchentisch im Haus des Freundes.

Sie wollte ihn nicht einfach erschießen.

Sie konnte es gar nicht.

Auch keinen billigen Krimi, bitte !

Berechenbar bleiben.

Er wurde umgebracht, wie ihr Vater – unter Ausnutzung totalitärer Machtentfaltung an der innerdeutschen Grenze.

Lynchjustiz. Die wahre Justiz? –

Wir kennen sie nicht.

Aber sie hat einen Namen. Der heißt Gerechtigkeit und sie ist überhaupt nicht blind.

Sagen wir, die Ossis.

Sie ließ sich vergewaltigen von ihm.

Wie im Krieg.

In einem russischen Progrom heißt der Dialog in der Erzählung eines jüdischen Witzes: „Du nicht, du bist zu alt,“ sagt der Soldat.„Was heißt hier alt, Krieg ist Krieg,“ sagt die Greisin.

In einem dunklen Zimmer eines Gasthofes war es vom Alter her gesehen ganz anders.

Judith.

Sie wollte das.

Danach lud sie ihn ein, zu einem Spaziergang.

Jetzt Freischütz.

Jetzt Musik.

Jetzt nur kein unbedachtes Wort.

Jetzt war sie die Jüngere.

Jetzt wurde keine Spaziergängerin gefunden.

Sondern er.

Die Sache hat sich von selbst erledigt.

21

Es ist alles viel zu kompliziert und zu einfach,

als dass man es lösen könnte wie ein Knäuel.

Komplex.

Oder doch?

Deshalb?

Erna sollte nach Amerika fliegen.

Ihr Sohn heiratet dort.

Vielleicht.

Wen?

Ein eigenartiges Mädchen, das mit einem Schulschiff, Segelschiff der Marine mit Gärtnern und Forschern über den Atlantik kam, um als Aupair – Mädchen in einer amerikanischen Gastfamilie englisch und die Welt kennen zu lernen. Aber sie wurde abgelenkt von einem jungen Mann…Wir kennen die Story.

Nun ist es Herbst, die Blätter fallen wie von weit, wenn es sie gibt, die Bären kommen kaum noch aus ihren Höhlen, wenn es sie gibt – und wo es sie gibt. Die beiden haben wirklich geheiratet und es gibt ein Kind. Ihr Haus ist bestellt. Sie haben es schon längst gefunden, nicht aus Stein, aus Holz, bis der nächste Wirbelsturm es wegweht. Bisher gab es ihn noch nicht. Die Katastrophen sind hier mehr natürlicher Art.Die Geschichte Europas sehr weit weg – in der Regel. Wenn es die PAX AMERICA so will. Das Imperium. Die Summe der kleinen grauen Zellen entscheidet das in laufenden Sitzungen des Weißen Hauses. Solch eine Summe viel weiter unten in der Hierarchie hat entschieden, dass ERNA wieder zurückgeht nach vollständigen Instruktionen und Belehrungen über das, was sie anzutreiben hat, wenn sie den Job macht.

Ist es GOTT? Das verbindende Band, welches zerrissen war und nun wieder geknüpft werden soll.Ist es die transatlantische Wertegemeinschaft, beschworen von allen, die es interessiert und die wir hier nicht schlecht machen wollen. Nein, ganz bestimmt nicht. Auch wenn sie die Flieger bezahlt hat, um etwas auszurotten vor der deutschen Beteiligung, das böse war. Das deutsche Wesen? An dem die Welt nicht mehr genesen soll, schon gar nicht mit Irren an der Spitze und ihren Ängsten vor jüdischen Konkurrenten.Vermischt mit sozialen und rassischen Theorien, die gefährlich sind, wenn das Kreuz Christi gehasst wird wie die Pest.

Und dann ist die Cholera da.

Das kleine Rädchen ERNA, angeheuert vom FBI für die Sicherheit Amerikas, flog zurück über das weite Meer mit Aufgaben in der Tasche. Gebeutelt durch den Tod des Vaters, der die Demarkationslinie überschreiten wollte aus was für Gründen auch immer. Für normale Sterbliche eine Todeslinie, Selbstmord, wie so oft für Flüchtlinge. Getrieben von der Sucht nach Selbstjustiz, Rache in jugendlichem Übermut und schuldig geworden mit dem Ergebnis, den Verräter getötet zu haben – und andere auch.

Wir haben das alle zur Genüge des Öfteren in fast allen Variationen hier weiter gegeben, zur eigenen Aufarbeitung des Autors, auch schließlich und endlich nur ein Teilchen im Kosmos der Ereignisse. Schließlich ist ein anderes Reich – die PAX SOVIETICA stillschweigend und mit Terror in verschiedenen Zeiten zugrunde gegangen. Die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts, wie ein Nachfolger zur Kenntnis gibt.

Ihre Eltern haben Russisch gelernt

ab der 5. Klasse in Thüringen.

DDR.

Das war Pflicht in jeder Schulart.

Sie selber nicht.

Da kam die Katastrophe dazwischen.

Die Wende auf deutsch.

Die Friedliche Revolution, die Bürgerrechtler haben diesen Sprachgebrauch durchgesetzt für die Einmaligkeit der Ereignisse in Deutschland 1989.

Sie landet in Frankfurt, dem Drehkreuz für Nord und Süd und Ost und West. Berlin hält sich immer noch auf mit Demokratie und Streitereien, wer den Superflughafen nun zu Ende bauen darf.

Und ob??!!

Sehn ’se das ist Berlin heute.

Also Frankfurt, die amerikanische Metropole, wenn da nicht Goethe gewesen wäre.

Erna erscheint in der Luke und geht die ausgefahrene Treppe des Flugzeuges hinunter “, ein Reporter.

„Sie winkt.“ – Pause.

„Wem winkt sie?“ – wir schauen uns um.

„Diesmal holt niemand sie ab“.

„Wie im Film“. – Flüstert jemand

Schade, dass es nicht so war.

Die Ziehharmonika schließt dicht mit der LUKE des Überfliegers und sie tippelt den Weg zur Kontrolle, die keine ist an amerikanischen Maßstäben gemessen.

„Europa. Kultur.Wieder zu Hause“.

Denkt sie nicht.

Dazu ist sie viel zu weit gereist und hat den Mörder ihres Vaters gesucht. Dazu ist sie zu lange im Knast gesessen, nachdem sie sich gestellt hat.

Trotzdem zu Hause, am Rande der Stadt Frankfurt am Main mit den mulattischen Verkäufern, die sich auf die Stufen vor ihren Laden setzen, wenn kein Käufer kommt. Und einen Snak halten mit Vorübergehenden. Mit den hektischen Autofahrerinnen, die rücksichtslos hupen in der hessischen Landschaft, wenn du anlässlich der Buch – Messe, der größten der Welt, einen Verleger suchst, der z.B. auch mein Geschreibsel akzeptiert und in Buch und Form bringt. Ich habe ihn nicht gefunden. Nicht in den braunen Ackerfurchen des fruchtbaren hessischen Bodens, nicht auf den Wegekreuzungen am Horizont. Wo diese Autofahrerinnen wohnen und den Stress verursachen auf Deutschlands Straßen.

Erna nimmt den Bus vom Flughafen in die Stadt, wo sie eine Wohnung gemietet bekam von ihren englisch-amerikanischen Auftraggebern.

22

Leipzig

wäre auch schön gewesen…

Meine Frau schwärmt von Leipzig, dass es ähnlich komfortabel – mindestens wie Frankfurt am Main – alles übertroffen hätte, wenn die Amerikaner geblieben wären und sich nicht auf den Deal eingelassen hätten mit Berlin: vier Sektoren.

Sie hat zwar die Fahrerlaubnis gemacht und ist Trabi in den Dörfern des realen Sozialismus hinter dem Mond gefahren, um die Kinder zum Klavierunterricht zu bringen „wie früher“ oder

in‘ s Weihnachtsoratorium in die Theaterstadt zum Mitsingen, wo die Leute noch in die Kirche gingen trotzdem und nun gerade zu bestimmten Anlässen mit Sicherheit. Insofern wäre ihr der Stress mit den brutalsten Fahrerinnen des Äppelwois nicht so naheliegend. Sie kannte die Bedrohung kaum noch. Abgesehen davon, dass sie es nicht miterlebt hat, dieses Beispiel an Verrohung im Westen unseres Vaterlandes zur Frankfurter Buchmesse.

Das ist wirklich auch Terror.

Gnadenlos.

„Die Technik – die Stärke des Westens!“ –

Was haben wir im Anfang gestaunt.

Und noch einmal – Berlin?

Jemand kommt allmählich zu der Erkenntnis, dass alles viel einfacher wäre, wenn ganz Berlin russisch geblieben wäre.

Jedenfalls für uns.

Jetzt.

Die Ossis.

Es wäre eine Stadt.

Jetzt.

Ja, sicher, die Mentalitäten.

Gibt es sie?

Sind sie so unterschiedlich geprägt in den Jahren zwischen dem Mauerbau und dem Mauerfall?

Oder auch schon vorher.

Da ist die Besatzung,

immerhin nach einem Krieg.

Dem verheerendsten in der Weltgeschichte gemessen an den Zahlen der Opfer

an den Fronten und im zivilen Bereich.

Der 2.Weltkrieg.

Die Bomben.

Überall.

Im Ruhrgebiet.

Am schönen Rhein.?

Nein – Frankfurt, in diesem eigenartigen amerikanischen Dorf mit Banken, die bis in den Himmel ragen und Villen aus dem Bürgertum.

Und Goethe?

23

All überall Krieg.

Sogar Dörfer, die getroffen wurden, weil der Wind die Zielhelfer (sogenannte Christbäume,

die reflektierten) nach draußen trugen,

nach außerhalb in die Idylle des Landes mit Rittergutsbesitzern. Die Menschen flüchteten in die Kartoffelkeller und wurden zugebombt und erstickten.

Oder auf den Wegen übers Land.

Der Pfarrwald steht schwarz und schweiget mit , der Teufelsschanze, wo es vielleicht die meisten Pilze gibt: Steinpilze, Maronen.

Da muss niemand hungern. Auch die Flüchtlinge nicht und die Umsiedler. Da kamen sie: die Tiefflieger und schossen auf die Bauern, die zu ihren Feldern wollten oder auf die Pilzsucher – wenn die Saison schon begonnen hatte.

Feldwege.

Schotter.

Kleine Stadt weiter südlich im Tal.

Im Rücken die Wöllmisse. Von wo aus wir Drachen steigen ließen, an den Hängen.

Jahrzehnte später Eierrollen in Erinnerung.

Flieger mit Gummimotor anspringen ließen, die Jungens, die das konnten, deren Väter.

Ja, das war der Krieg.

Da waren die Besatzer.

Im Westen die Amerikaner mit ihrem amerikanischen Traum im Herzen,

die Franzosen mit einer etwas anderen Rechtsauffassung als die Briten.

Und Lebensart.

Im ganzen Land und in der alten Reichshauptstadt, die jetzt geteilt war unter die Siegermächte.

Das war das Problem?

Denn da war westliche Freiheit auf der einen Seite der Demarkationslinie und auf der anderen die Soldaten der Roten Armee.

Die Speerspitze der Revolution, wie Wladimir Iljitsch Lenin den Krieg für sich in Anspruch nahm. Schon vor d e m Krieg, der zum Zusammenbruch des Kaiserreiches in Deutschland und Österreich – Ungarns und des Zarenreiches in Russland führte, war sie nun endgültig in der zukünftigen Deutschen Demokratischen Republik angekommen, in Form der Diktatur des Proletariats. Die Revolution.

Da gab es Gut und Böse, dagegen oder dafür.

Das war eine andere Welt.

Nicht die Freie Welt mit all ihren Verführungen zum individuellen Untergang. Sondern das Paradies für Arbeiter und Bauern, wenn sie sich zur sogenannten Neuen Zeit bekannten und die Wenn und Abers nur in Hinterzimmern formulierten, in den Kammern, in der guten Stube, wenn es den Schwarzen Kanal zu aktivieren galt und die FDJ ler*innen die Antennen nicht fanden. Die auf die Böden geschickt wurden von der Partei. Für die Freiheit des Sozialismus vom Gedankengut des Gegners.

Unter die Dächer.

„Flüstert die Witze nicht zu laut, betrinkt euch nicht an den übrig gebliebenen Stammtischen, bevor es das Westfernsehen gab, in den Gasthäusern der Dörfer und Städte“.

Alles verzögert in dem zerbombten und zum Teil wieder aufgebauten Berlin, weil sich keiner getraute, ein Mauer zu bauen trotz der unglaublich hohen Flüchtlingszahlen von Ost nach West.

Aus dem sowjetischen Sektor in den britischen, französischen und amerikanischen.

Aus der sowjetisch besetzten Zone,

dem Viertel-Deutschland – DDR später – in das andere Dreiviertel-Deutschland zu fliehen war schon längst ein lebensgefährliches Unterfangen.

„Das macht schon etwas aus“.

„Da bist du in einem Rechtsgefüge“.

„Während es bei uns nur gut und böse gab“.

„APOKALYPSE!“- ruft der Chor der roten Matrosen aus dem Walhalla der Geschichte des Kommunismus.

Berlin,

zuerst noch offen und brutal, dann war der Vorhang zu, der Eiserne, auch innerhalb der Stadt

IRON CURTEN. Eiserne Gardine.

Eiserner Vorhang für das Welttheater.

Nun wollen wir aber nicht klagen.

Wir haben es ja ausgehalten.

40 Jahre oder mehr.

29 Jahre oder mehr.

Wir haben in der Schule

WIE DER STAHL GEHÄRTET WURDE gelesen von Nikolai Ostrowski und wussten uns auf einmal den Roten nahe, haben gesungen von den Weißgardisten, die verfolgt wurden bis an den STILLEN OZEAN.

Diese russischen Chöre, die die Welt erschüttern in ihrer Tiefe und in ihrem Pathos.

Nähe?!“ ruft der POLITLEHRER.

Verbotener Weise manchmal auch zu den Weißen.

Das verstärkt sich z. Zt. in einem kaum spürbaren aber wirkungsvollem Prozess. Wie Schwachstrom.

Wie Internet.

Du bekommst keinen elektrischen Schlag.

Du kannst keine Hebel bedienen. Du musst keinen Stecker herausziehen, damit du Ruhe hast.

Du lässt es einfach.

Aber du kannst es nicht lassen.

Das ist der Punkt, Genosse und Genossin von

früher.

Aber Impulse geben

durch den Druck auf die eine bestimmte Taste.

Aber: DER STILLE DON.

Immer dasselbe sagen, wenn es um eine Botschaft geht. „Hast du eine?“

Das haben wir gelernt.

Nicht drum herum reden wie die Katze um den heißen Brei.

Die Botschaft sagen.

Wir suchen eine Botschaft, die uns trägt.

Wir suchen eine Ordnung, die uns trägt.

Dann müsst ihr sie halten!“

Wir wollen nicht noch mehr Nachrichten, nicht noch mehr Informationen. Wir haben genug. ENOUGH.

Wir platzen aus allen Nähten, was die Botschaften angeht, die doch nur getarnte Nachrichten sind, die ausgestreut werden.

Wer macht denn so etwas?“

Die einzige Freiheit, die es noch gibt, ist die sexuelle Freiheit.“

Jeder Krimi muss mit einer bestimmten Stellung im Bett beginnen, dann werden wir die Quote erhöhen im Kampf um den Zuschauer – oh pardon, die Zuschauerin.“

Merken sie sich das gefälligst!“

Nein mit mee too hat das ganz und gar nichts zu

tun. Da sind wir sauber.“

Wir lösen nur das Knäuel auf. Wir zerhauen nicht den Knoten.“

Zwischenruf des Erzählers:

Gestern im Café für Literatur: Das Wertvollste, was der Mensch besitzt ist das Leben, lässt Nikolai Ostrowski seinen Helden sagen.

Wie großartig war es , dass es Helden gab.

Vorgestern im Café für Literatur: Ausstellung.

Kältepool des GULAG. Sie haben doch an den Kommunismus geglaubt. Er schien ihre Rettung. Unausrottbar. Dann der Kleinkram, wie jemand meint, eine Familiengeschichte ist doch interessant, wenn einige Spitzel darin vorkommen in dem Hin und Her der Nomenklatura mit der Erlaubnis, geografisch zu wechseln, die Todeslinie zu überwinden, weil es auch alle nur Menschen sind. Gott sei Dank!

Wir jammern nicht.

Oder MAXIM GORKI:

MEINE UNIVERSITÄTEN.

Das sind die Dörfer. Meine Dörfer.

Die Hochschulen der Lebensklugheit.

Der Organismus des Lebens.

Die Bäuerinnen und Bauern, die ihre

Arbeit teilen.

ARBEITSTEILUNG und nicht

Geschwätz von Gleichberechtigung.

Die ist doch selbstverständlich.

Geh auf die Dörfer und du wirst sehen.

Geh zu den großen Höfen, wo sie aufstehen

mit der Sonne und in der Nacht,

wenn es Winter ist.

Berlin hätte besser nicht geteilt werden sollen, dann hätten wir jetzt eine gemeinsame Erfahrung, die, die jetzt über 70 sind und alle anderen darunter.

Aber die ganz Alten, sie kannten a l l e den Krieg.

So müssen wir uns gegenseitig immerzu erzählen unsere Erfahrungen , die wir gemacht haben unter den jeweiligen Besatzungsmächten.

Wobei uns ja die Russen eigentlich auch nur leid taten, wenn sie uns nichts getan haben, wie am Anfang den Frauen. Das hatte man uns schon gesagt. Oder wir haben es so mitbekommen.

Aber das ist ein ganz eigenes Kapitel.

Seelsorge

Von diesem Kapitel muss in einem ganz besonderen Buch die Rede sein. Sonst verstehen wir überhaupt nicht, um was es geht.

Woher die Härte in den Gesichtern.

In den Worten, wenn es darauf ankommt.

Woher die Disziplin.

Woher die Seelenlosigkeit.

Woher das Sich-Ergeben in das, was ist.

Um Gottes willen.i

24

Erna wollte wieder in Frankfurt landen auf dem Drehkreuz in Deutschland und nicht in Berlin, auch nicht im Westteil der Stadt, auch nicht im Ostteil,auch wenn es heute politisch wieder eine Stadt ist mit dem Roten Rathaus, mit einem Senat, einer Verwaltung.

Und nicht in Leipzig, der Stadt der Friedlichen Revolution. Der Heldenstadt, wie Christoph Hein begeistert schrieb, damals vor 30 Jahren.

Obwohl ihre Kindheit eben auf der anderen Seite des Eisernen Vorhanges nachzusehen ist in den einschlägigen Alben. Nein, nicht wieder in den Osten.

Zwar knapp, aber immerhin war ja dort ihre Heimat.

Dort am Main war ihr Gefängnis, dort waren ihre Auftraggeber.

Außerdem war es von hier aus nicht weit in das Dorf in der Rhön mit Blick auf die andere Seite der Moore. Mit Blick auf die Höhen des Thüringer Waldes.

Der Taunus noch näher.

Wenn sie die Gräber besuchen wollte, fuhr sie durch die Vulkanlandschaften 1.Klasse oder mit ihrem Kleinwagen.

Die Bankenmetropole und Stadt der Buchmesse ihr neues Zuhause. Von hier aus konnte sie die Fäden spinnen.

25

Regieren von Frankfurt aus

ERNA lenkte ihre Schritte in Richtung Paulskirche, wo sie eine Gedenkminute einlegte für die Geschichte der Deutschen in ihren demokratischen Aufbrüchen.

Sie war eine Frau mit Vergangenheit und wollte sich in die Politik einbringen.Ihr Leben hatte noch Größe deswegen.Mit ihrer Schuld, der Bestrafung, der Erfahrung von Haft und die Mitgefangenen.

Nicht alle hatten das Glück von einem befreundeten Geheimdienst entdeckt zu werden in ihrer Zelle. Weil es bei ihr um die ehemalige Grenze zwischen Ost und West ging, wo sich die Raketentruppen gegenüberstanden und sich nie aus den Augen ließen mit jedem Schritt und Tritt nicht.

Auge um Auge.

Zahn um Zahn.

Sie dachte an Gerda, was ist wohl aus ihr geworden. An Gudrun. Die beiden Schwestern. Gibt es sie noch.

Grüßten sie noch mit Heil und dem Finger an der Mütze, die sie gar nicht aufhatten, um das Personal zu ärgern. Eine lustige Aufseherin schnippte mit dem Finger zurück und rief:

Lang lebe der hessische Humor? – Oder was? – Äppelwoi? Eine kokette Aufseherin.

Ungewöhnlich.

Aber das Land ließ es sich gefallen, ein bisschen Farbe, sogar im Gefängnis, in dem die Frauen untergebracht waren. Oder war das die neue bunte Welt, die sich ankündigte. Sogar an diesem Ort. Gulag ist das nicht, auch kein Zuchthaus für Frauen, wie wir es aus Dokumentarfilmen kennen, die diese Innenräume der Deutschen Demokratischen Republik zur Genüge ausgeleuchtet haben. In dem Paradies der werktätigen Menschen.

Unsere Menschen.

So haben wir es immer gesagt.

Und so werden wir es immer weiter sagen.

Unsere Menschen.

Unsere Kanzlerin sagt es ja schließlich auch.

Sie ist eine von uns.

Herr Gauck sagt es nicht mehr.

Hat es – so viel ich weiß, nie gesagt.

Es ist nicht sein Stil.

Aber anderes hat er gesagt: „Arschloch.“ Und so.

„Als er mir gegenüberstand an einem offenen Fenster. Der Schweiß der Revolutionäre lief uns über die Backen. Es war überheizt in diesem Raum in Leipzig damals. Und immer die Kamera drauf.Aber voll drauf, wie die Jugendlichen sagen“.

„Wir haben Sie gesehen, Herr Pfarrer!“

„Wo denn?“

„Na wo.“

„Im Fernsehen?“

„Klar!“

„Toll.“

Das waren noch Zeiten.

Wenn der sich ausgelassen hat.

26

Das ist ja nun vorbei. Die STASI ist aufgelöst.

Aber Gerda ist noch im Gefängnis und auch Gudrun. Die Mitgefangenen.

Frau Merkel regiert bis zu der Zeit, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, den sie sich selber ausgesucht hast.

Die Kugel rollt.

Noch ein bisschen.

Alles fade. Alles lasch. Bonn gibt es nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Gleich nach dem Abzug der sowjetischen Divisionen.

Eigentlich langweilt sich Erna, die immerhin einen strengen Tagesablauf gewöhnt war im bundesdeutschen Gefängnis für Frauen, die erst mit einem Mann schlafen, der ihr Vater sein könnte. Also Verführung. Oder Vergewaltigung.

Und ihn dann in eine Felsenschlucht stürzen wie im Freischütz. Und die Verkehrsunfälle absichtlich herbeiführen, bei denen Menschen zu Tode kommen können und sollen.

Jetzt kommt die gut bezahlte Tristesse und die Aufträge müssen abgearbeitet werden.

Da ist die Industriespionage. Sie wird sich bewerben in ein hoch innovatives Projekt mit ihren Kenntnissen und Zeugnissen, ihrer doppelten Staatsbürgerschaft Amerika und Deutschland.

Dr. Brunhilde Langenfeld.

Jetzt.

Auslandsstudium.

Verschiedene Bereiche.

Ökonomie promoviert.

24

Über den Wäldern.

Die Schluchten.

Die Schneisen.

Die Wipfel

Dem Deutschen fällt ein Gedicht ein, dass die Mutter zitiert hat: Über allen Wipfeln ist Ruh`…

Warte nur, balde ruhest du auch,

war die letzte Zeile.

Er ist freigestellt worden für den Waldbrand.

„Wo du nie weißt, hat ihn jemand gelegt aus was für Gründen auch immer. Gier, Geldsucht, krank.

Psyche“, sagt der Kollege, den sie nicht frei- gestellt haben; der das immer macht. In seinem eigenartigen Englisch, daß wir amerikanisch nennen. Noch schlimmer. Mit Kaugummi im Mund. Wie im Film nach Klischees. Wie fotografisch. Wie die Deutschen, die nach Amerika ausgewandert sind. Wie die Bilder aus dem Stoff der WERBUNG. Oder von Leuten, die noch empfinden können, weil sie aus dem Land der aufgehenden Sonne, des Leidens, herüber gemacht sind.Wie, ja wie unser Held, der Sohn einer Mutter, die geweint hat im Gefängnis, die verführt hat, wie in1 der Bibel. Um zu töten.

Sie kommen alle aus der linken Diktatur.

Solche Leute.

Nun fliegen sie.

„Da sind sie schon die Wälder“, sagt der Kollege, der schon immer da war, zu dem Leiharbeiter der Geheimdienste.

„Im amerikanischen Ausmaß?“, fragt unser Held bei seinem Ersteinsatz in dieser Sache.

Nach einer Weile in den Lärm der Maschine:

„In der Nähe der Luxus?“

Dann der Rauch. Dann der Ausguss – Meerwasser aus dem großen Sack, das es zischen und löschen soll – das GROSSE FEUER.

Oder nur Weite? Ein Blick auf die Karte genügt.

Nur Weite.

Sie schauen sich an und verstehen sich.

Der Junge aus dem Westen und der aus dem geteilten Deutschland.

Was war das für eine Kindheit mit diesem Buch, fragt sich der Erzähler.

Der Einband so gezeichnet, dass du weißt:

Es ist ein Indianerbuch.

Der Wald brennt und die die beiden Kinder geraten mit ihrem Kanu mitten hinein.

Sie müssen fliehen vor dem Waldbrand wie die tausend Autos an der Luxusküste der

Vereinigten Staaten in den Nachrichten der ARD.

Die Bäume krachen vor ihnen und hinter ihnen. Wie durch ein Wunder beziehungsweise durch die Geschicklichkeit des Jungen lavieren sie durch das Dickicht, die Sümpfe. Die Einschläge sind furchtbar genau und schonend. Sonst wären sie nicht durchgekommen.

Oder ist das Erfahrung mit diesem Element.

Der Kampf um das Überleben.

Soja hieß, glaube ich, der Junge.

Er rettet sich und seine Schwester.

Wie gut, dass es solche Bücher gibt.

Der Einsatz an diesem Tag ist beendet.

Der Waldbrand noch lange nicht gelöscht.

Es kommen noch mehrere Hundertschaften. Inzwischen ist das Chaos geordnet und die geborgten Jungs vom CIA können zurück.

Anna kann ihrem geliebten Oliver wieder in den Armen liegen. Er meldet sich nicht an.

Er steht plötzlich vor der Tür nach seinem Einsatz aus der Luft mit Wasser gegen das Feuer.

Walle.Walle.

Es hätte auch anders kommen können.

Vielen ist es so gegangen. Du musst auf der Erde kämpfen. Gegen den Rauch. Im tiefen Wald.

Und du kommst um, weil du dich in die Gefahr begeben hast. Für Gott und das Vaterland.

Dann stellen sie sich auf und singen ein Lied.

Und legen die Hand auf das Herz.

In Demut.

Sie liegen site in den Armen. Sie gehen aus und erheben das Glas wie bei ihrem ersten Ausgang, als sie sich kennen lernten in dem großen

AMERICA.

Epilog

Russland und Frankreich.

Kennst Du die Weiten von Russland?

Nicht nur die von Frankreich, auf denen auch zu sehen sind die Erinnerungen an die Deutsche Vergangenheit.

1

Wenn Du mit dem Bus fährst, wunderst du dich, warum diese Hinweise, die in die Geschichte führen sollen, die schmachvolle und die hingebungsvolle, die triumphale und die erniedrigende für die französische Nation.

Ist das Hass? Immer noch. Nach diesen Jahrzehnten. Nach all dem? Du wunderst Dich und fragst dich, was bekommst du vermittelt in Deutschland.

Buttercremtorte, wo es doch bitter ist.

Welche Narrative. Was rühren die für einen Brei zusammen, damit er uns schmeckt.

Aber es nicht so.

Du hörst ja auch kein Wort deutsch auf dem Schiff auf der Seine, dass dich hin und her schaukelt und zurückbringt, wenn es dunkel geworden ist.

Du hörst jede Sprache. Aber meine Muttersprache nicht. Die Sprache Hölderlins und Bachs.

Oh, es waren tiefe Verletzungen: die Großmacht Frankreich, fortgeschritten in der Industrie und im Militär. Alles gewaltiger als im Nachbarland der Hunnen. Und dann das. Versailles. Kapitulation. Bedingungslos. Im Saal des Königs. Gold und Spiegel.

2

Der Gründungsmord. Damit der Rhein golden fließt und die Kulturhoheit nicht mehr die Einzige ist.

Fatales Preußen mit seinen Bibelsprüchen auf Band gespannt.

Aber zu sehen und zu lesen.

Welch ein Ärger.

Die Kuppel über der Kapelle der Herrschaften.

3

Aber kennst du die Weiten eben auch von Russland.

Bevor du die Kultur und den Cafe` von Frankreich genießt und das KARUSSELL besteigst und im Park von LUXEMBURG spazieren gehst.

Warst Du dort.

Im Kalten Krieg.

Und hast auch die noch viel weiteren Weiten gesehen, die Schlachtfelder.

Nichts inszeniert.

Nicht einmal die Reste sowjetischer Propaganda. Oder doch?

Haben sie einfach die Hilfeschreie der deutschen Soldaten nicht verhallen lassen, sondern gebannt im Äther, auf Stein und anderen Brocken, Holz:HELFT UNS!

Wir kommen um.

ORIGINAL.

Das vergisst niemand. Wer da einmal entlang gefahren ist.

Mit der Bahn.

Der russischen Eisenbahn.

Verkehrssprache französisch in Europa.

Russland?

4

Ich weiß es nicht. Nur, dass die Schienenspanne breiter wird in dem größten Land der Erde. All die Schwierigkeiten mit Hindenburg und Hitler und Stalin. LENIN nicht zu vergessen, den der Kaiser als Bombe gegen Russland einsetzen wollte, dass es in die Luft fliegt,wie bei einem Attentat, damit endlich wenigsten im OSTEN der Sieg nicht aufzuhalten ist. „Lenin schluckt jede Kröte, wenn die Revolution gewonnen hat“. Ein Spiel mit dem Feuer. Denn die Revolution kommt zurück. Hat der Kaiser das nicht gesehen. Dass sie schon da ist.

Sowjetrepublik Deutschland. Ja, ja, wie DRUGIN jetzt , der Philosoph, der Eurasien im Blick hat und Europa/West anschließen möchte.

„Wir haben doch alle AMERIKA über!“

„Ich nicht.“- Denn sie haben geholfen vor genau 100 Jahren am 20.August 1921 nach dem Hilferuf Gorkis, der sah wie sein Volk verhungerte. Ja, ja, die CAR – Pakete. Nicht das erste Mal, schon früher nach einem solchen Aufruf an die Völker der Welt von LEO TOLSTOI. Hungersnot, Hungersnot im größten Land der Erde.

Mutter Erde.

#Verstrickt in Schuld.




America

Michael Wohlfarth

Gedicht oder Roman

Texte: Michael Wohlfarth

Umschlag: Aus privater Nutzung

michael.wohlfarth@t-online.de

In allen einschlägigen Buchhandlungen

Zueignung

Genug, genug.

Enough.

Es ist genug von den Autoren geredet worden.

Oder haben sie es nötig.

Müssen Sie getröstet werden.

Hat es Fjodor Dostojewski

aus dem alten Russland so nötig.

Seine Tränen.

Heiß.

Sie fließen in den Nächten.

Auch wenn du ihn verwendest.

Gebrauchst.

Auch wenn du ihn vorkommen läßt

in deinem Roman, der keiner ist.

Er ist im Club der toten Dichter.

Die Tränen längst verdunstet.

Oder der Co-Autor.

Was geht er uns an.

Er soll seine Arbeit tun.

Geist – Schreiber.

Mitschreiber.

Mitläufer.

„Geh mit!“ – ruft der Chor dazwischen.

Auf schaukelnden Wellen.

Im Wind.

Jetzt sehen sie Irland.

Der Luxusdampfer legt an.

Grün.

Tiger.

Alles vorbei.

Wer jetzt kein Haus hat, findet keines mehr.

Und die Katholische Kirche.

Die sanfte Mission.

Bitte jetzt nicht Odenwald.

Und auch keine Tonbandaufzeichnungen.

Alles verjährt.

„Alles verjährt!“ –

ruft der Männerchor dazwischen.

„Nein!“ – rufen die Erinnyen.

Die Nadel ist nicht gesprungen,

der Nordpol noch lange nicht erreicht.

Und es ist ein Segelschulschiff.

Aber Irland.

Irland ist erreicht

Armer Böll.

Du und das Lindenblatt der Deutschen.

Alles von Bord.

Anlegen bei Sturm.

Anne bleibt. Sie mag nicht.

Sie wartet an Bord.

1

Symbol

Endlich, endlich.

Wir sehen die Freiheitsstatue winken.

Nein, wir karikieren sie nicht, weil wir wissen, wie ernst es den Siedlern war,

den Sträflingen

wie in Australien.

Den Frei – Kirchlern, die aus den Gefängnissen

der Herzogtümer entkommen sind.

Den Juden, die mit einer Stimme Mehrheit „zugelassen“ wurden für die Besiedlung des gelobten Landes.

Aber mit Anne ist das anders.

Sie ist nicht einem Dorf entflohen,

das vor Armut anfing zu trinken,

in Gänze,

bis auf ein paar wenige,

im 19. Jahrhundert.

Sie hat – wenn man so will –

den globalen Spleen.

Sie hat etwas geerbt von ihrem Vater,

der den Sozialismus bewachen musste

auf der anderen Seite.

Nun das ganze Gegenteil.

Sie wollte weg.

Ja, weg.

Sie wollte aus dem dunklen deutschen Wald

ins Helle.

Hat sich einem Schiff anvertraut,

wo gelernt wurde, die Segel zu setzen,

wenn der Wind günstig ist.

Sie durfte bedienen und in der Küche helfen.

Ihre Großmutter hat ihr alles Gute gewünscht.

Sie sind ja per Handy verbunden.

Nein, es war kein Forsthaus, aus dem sie stammt. Die gibt es ja noch in Deutschland.

Solche Forsthäuser mit rotem Ziegeldach.

Wo schon längst die Pfarrer

ihre Pfarrhäuser fliehen,

bleiben die Förster:

So ein ehrwürdiges Forstamt,

ringsum Wald,

der deutsche Wald.

Das ist was.

Nein, daher kommt sie aber trotzdem nicht

in unserer Weiterführung der Geschichte.

Auch nicht aus einem deutschen Pfarrhaus,

das es vielleicht gar nicht mehr gibt.

Oder angeblich. Auf die näheren Hintergründe möchte ich hier aus sicher verständlichen Gründen nicht eingehen.

Über den Glauben spricht man nicht

in Deutschland – und auch nicht über Geld,

im Unterschied zu Amerika.

Hat sie gehört: Anne aus der KfZ – Werkstatt

mit schönem Wohnhaus am Rand eines gefährlichen gesamtdeutschen Waldes.

In dem schon viel passiert ist.

Schüsse. Abgründe. Umwege.

Wir haben das alles schon mehrfach berichtet.

Grenzoffiziere, die sich zu Unternehmern gemausert haben, die einen Wald besitzen,

der gut bewirtschaftet wird.

Von Wäldern und Grenzen, Minen und Politik.

Aber Anne hat sich aufgemacht über das Meer und hat gewartet, bis die Matrosen von ihren Landausflügen zurückgekommen sind und auch die Biologen – Gruppe, die nach Wegen suchen,

um Getier und Pflanzen dort zu belassen,

wo sie hingehören.

Zuletzt war das in Irland.

Irische See.

Stürmisch.

„Aber jetzt geht es weiter“.

In der Takelei.

All die frohen Lieder.

Die Frische des Windes.

Das Steuer.

Der vertrauensvolle Lehrausbilder.

Die Jungs, die Mädchen.

Wenn das unsere Bundeswehr wird.

Wie gut.

Wahrscheinlich haben sie Jahre vorher

das Wetter studiert, den Golfstrom, die Eisberge, um eine Schneise für die Ausbildung zu finden, eine Fahrt, die sich gewaschen hat und geeignet, um zu lernen.

Das Leben zu lernen.

Den Kurs zu halten.

Den Stürmen zu trotzen.

Das Handwerk.

Zur See fahren.

Ein Traum.

Nicht abstürzen.

Disziplin, weil sie nötig ist und solidarisch.

Da hat sie aber Glück gehabt, solch ein Timing. Solch einen Zeitpunkt.

KAIROS.

Ausgerechnet, nach dem Frühjahr der Stürme

eine Stille, Wind, Wind, gemäßigter Sturm. Ausgerechnet heute musste ein solches Schiff aufbrechen, in See stechen mit allerlei

Hokuspokus, fast wie zur Leipziger Messe.

Aus Japan soll das kommen.

Mit einigen Originalen.

Aber Respekt: einer Mannschaft,

der sich Anne anvertrauen wollte.

Hamburg – was für eine Stadt. Das Tor zur Welt.

Und schon bis Irland. Jetzt geht ’s aber los.

Na ja, über die Reling, wenn ’s losgeht?

Jemand klopft auf die Schulter:

„So haben wir alle angefangen. Wir Landratten.“ Auch Darwin hat das erlebt.

Ja, in stürmischer See. Wenn sie brüllt. –

Wenn der Matrose hinaufklettert,

um die Segel zu kappen,

damit der Hauptmast nicht bricht.

Wir könnten den polnischen Grafen zitieren,

der den Wald nicht kennt, aber die See.

Wir könnten den Teufel heraufbeschwören,

den Hai, den Wal, die Walfänger mit dem Käptn, der es mit dem Bösen aufnehmen möchte.

Aus Wut.

Weil der ihn verletzt hat bis zum Krüppel.

Den einst Mächtigen auf seinem Schiff

in unwegsamen Gegenden des Ozeans.

Wir wissen das.

Wie oft sind wir gefahren auf den Autobahnen und Landstraßen unseres geteilten Vaterlandes und plötzlich tauchten die Angebote auf an den Litfaßsäulen und in den Glashäusern

der Omnibusunternehmen, in denen die Mitsechzigerinnen und ihre Männer warteten,

dass der Bus käme und sie abholte zum Ziel.

Nicht ihrer Träume, sondern ihrer Arzttermine wegen und Weh – Wehchen, was es so gibt zwischen Himmel und Erde und Haarwurzeln und Fußzeh.

Jetzt America.

Endlich.

New York.

Eine Nacht, zwei Nächte, drei Nächte,

vier Nächte, fünf Nächte.

Nun ist es aber genug für diesen einmaligen Vorzugspreis.

Also haben wir uns aufgemacht,

den veralteten Diesel stehen gelassen,

eine Reise gebucht zu den Wolkenkratzern

in Gottes gelobtem Land.

Es wird Zeit, dass wir alles hinter uns lassen

und über den Wassern der Erde fliegen zu denen, die längst dort sind: Unsere Protagonisten.

Anne ist inzwischen dort.

Sie kämpfte sich durch.

Sie hat in Irland nicht das Segelschulschiff verlassen, wie die Gärtner aus Deutschland,

die sich mit den Amerikanern verbrüdern wollten, wenn sie versprechen, zu kooperieren

und keine artfremden Getiere und Pflanzen

in die Alte Welt zu lassen.-

Es muss überschaubar bleiben in der Botanik.-

Wie die Matrosen, die endlich wiederkamen

von ihrem Landgang, die Gräfin mit ihrem Pferd, die Große Moderatorin aus Berlin.

Alle, die gesund werden wollten,

indem sie ein Abenteuer bestehen.

Geschickt vom Jugendamt.

Sozialamt.

Sie hat gewartet, bis sie wiederkamen

vom Landgang und es konnte endlich

von Irland aus weitergehen.

Sie konnte Dienste übernehmen, die Versorgung der Besatzung und der Passagiere betreffend.

Nein, sie wollte nicht fliegen,

sondern wie die Alten die Neue Welt entdecken durch die Wasserwüsten hindurch.

Nein, nicht fliegen?

„Irland ist dazu prädestiniert. Als Stützpunkt für Flieger, die nicht genug getankt haben.“

Die alte Bauart eben.

Das Schiff sticht in See.

Der Flieger bleibt am Boden.

Sie sortiert ihre Briefschaften.

Jetzt hat sie genügend Zeit.

Deshalb hat sie sie mit genommen.

Das ist ihr wichtig.

Besonders die Briefe einer ihrer Freundinnen,

in denen das Schicksal

eines Mädchens erzählt wird.

Viel trauriger als ihr eigenes Schicksal.

Immerhin hat sie ihre Mutter verloren

bei einem nicht aufgeklärten Verkehrsunfall.

Wenn das Schiff gleitet

und eine Brise für Kühlung sorgt auf den Planken, wirft sie sich in eine Ecke voller Seilschaften

für den Schiffsbetrieb und liest diese Briefe, genauer Manuskripte.

Sie sollte sie unbedingt lesen,

hat ihr das Mädchen aus Weimar geschrieben. Deswegen hat sie sie mit genommen, weil in den letzten Wochen zu viel los war

durch ihre Abreise.

Was war los gewesen in Weimar, der Stadt Goethes und Schillers, Herders, Klopstocks, all die versammelten Heroen.

Viel.

Die Republik.

Die Republik von Weimar, das Fundament

siehe oben.

Das Denkmal hat sie alle überdauert. Sie reichen sich die Hände auf dem Sockel

vor dem Deutschen Theater: Goethe und Schiller.

Der eine ein Schürzenjäger – oder keiner –

wenn die Alternativen forschen, der andere…? Das Drama, ach Dostojewski,

der erste Kriminalroman: Aus verlorener Ehre.

Das alles interessiert Anne nicht so furchtbar.

Doch, wir müssen uns das in‘ s Gedächtnis rufen, vielleicht mit Franz Liszt und seiner rasenden Klaviermusik. Oder seiner Orchestrierung zu BARBAROSSA.

Die Klassikerstadt.

Die Kleinstadt.

Thüringen.

Die Wächter da oben auf dem Ettersberg.

Aus den Bauernstuben mit den großartigen Bohlen.

Die Bohlenstuben.

Die Fachwerkhäuser.

Die deutschen Namen der Orte.

Die Kirche. Wie ein Glucke, die ihre Flügel ausbreitet, wenn der Adler erscheint.

Oben am Himmel.

Die SS, das Reservoir aus unseren Dörfern.

Haben jüdische Händler das Vieh zu billig bekommen?

Ettersberg Buchenwald.

Der Turm, den unsere Deutsche Demokratische Republik gebaut hat nach dem Sieg über den Hitler – Faschismus durch die Rote Armee.

Fritz Cremer die Figuren, den Christus, der vom Kreuz herabsteigt und nachträglich siegen möchte.

Herder aus Ostpreußen.

Der Generalsuperintendent.

Wilhelm von Humboldt mit seinen vielen Sprachen, aber einer besonders.

Sie ist gar keine Sprache,

weil sie die Sprache Gottes ist.

Das Bild.

Zeichen.

Semiotik.

Das alles in Weimar und der darüber thront.

Jetzt kannst du Kaffee dort trinken,

du sollst zivil werden. Urban, aufgeräumt.

Nicht mehr nur die Asche – Felder, Paul Schneider, Ernst Thälmann. Die Osterpredigt aus dem Keller hinausgeschrien: Christus ist auferstanden.

Haben sie es in Weimar gehört. Bestimmt nicht. Viel zu weit oben im Buchenwald.

Haben sie den Gesang der Häftlinge gehört?

Oder war das nur der romantische Gesang

Jahre später an den Lagerfeuern.

Es musste ja weitergehen in der Jugendarbeit

der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Mit Klampfe. Ich spiel sie heute noch.

Wenn ich so traurig bin wie die Lorelei.

Nein, nein, das muss gesagt werden.

Weimar hier und dort. Klassiker.

Braun brauner am braunsten.

Sie mußten dann die Filme sehen, als alles vorbei war. Die Weimaraner.

Es gab bestimmt auch Aufrechte.

Neben Sauckel mit seinen acht Kindern.

Alle vergiftet von ihm selber.

Was wollen wir also sagen, nur weil Anne Briefe lesen wird von einer Freundin?

Was steht da drin,

dass wir uns so erinnern müssten?

Wer hat geschrieben.

Ein Mädchen aus Weimar, das sich nicht beugen wollte, konnte. Sie wusste nicht, was sie getan hat?Sie hat gar nichts getan. Sie hat nur einen Aufsatz geschrieben zu einem schönen Thema:

Dein Vorbild.

Ihr Vorbild war JESUS. Der Mann aus der Bibel. Der gute Hirte. Der Mann am Kreuz.

Den sie gemartert haben, gefoltert,

wie das Otto Pankok malt als die Geschichte der Menschheit. Eine ständig weitergehende.

Sie hat es aufgeschrieben. Hat dieAMERIC

In das Direktorenzimmer der erweiterten Oberschule in Weimar-Süd.

Die Oberschule hieß nach

Johann Wolfgang von Goethe.

Goethe war das Kreuz auch unheimlich.

Vielen.

Sie sagte: „Nein, ich ändere meinen Aufsatz nicht. Ich schreib ihn auch nicht neu. Ich sollte mein Vorbild beschreiben. Ich habe es getan.“

Sie war immerhin die Klassenbeste und hatte einen gewissen Stolz als Mädchen in der Klasse mit ihrem Glauben, den sie zeigen wollte.

Seine Schönheit.

Aber Jesus ist doch gar kein Mensch gewesen“,

sagte der Direktor.

Doch!“

Warum nimmst du nicht deine Eltern, wie die anderen,“ sagte vermittelnd ihre Deutschlehrerin.

Warum nimmst du nicht deine Großeltern

wie andere?“

Ich will nicht andere nehmen! Ich will nicht Goethe und Schiller nehmen

ich will sie alle nicht,

nur Jesus.“

CHOR:

Nobody knows the trouble I’ve seen…

but JESUS.

Niemand kennt das Leid, das ich sehe

nur Jesus.

Sie hat es schwer.

Sie fällt zurück.

Sie wird blass.

Sie geht nach dem Westen

In den Schwarzwald

Sie stirbt.

Die Freundin des Mädchens hat sich noch lange geschrieben mit ihr bis zum bitteren Ende.

Sie hat die Briefe aufgehoben und an die Tochter des ehemaligen wehrdienstpflichtigen Grenzsoldaten geschickt.

Sie waren sich oft begegnet.

Die Eltern kannten sich. Die Mütter. Um viele Ecken herum.

Natürlich hat Anne Leskow die Briefe schon alle überflogen, jetzt wird sie sie lesen.

2

New York – Glückliches Ende und Ausblick

Sie hat sich eine Billigwohnung genommen.

In der soundsovielten Straße in New York.

Es geht.

Sie hat einen Job angenommen. Sie kann also ihren Lebensunterhalt selber aufbringen.

Sie kann sich sogar nach ihren Schichten auf einen Barhocker setzen, nahe ihrer Unterkunft.

Sie hat jemanden gefunden, mit dem sie alles teilen will. Ein, zwei Jahre jünger als sie.

Sie haben sich lange unterhalten über die Welt, aus der sie kommen. In den Parks.

Bis sie es wusste, er hatte auch etwas damit zu tun, wo ihr Vater vor der Wiedervereinigung Deutschlands zu Hause war.

Der Grenzer. Der Vater von Anne.

Er war der Sohn eines Werktätigen in der Deutschen Demokratischen Republik, wo die Menschen nicht an Gott glauben, sondern Atheisten sind. Wo sie gebildet sind, weil sie an die Naturwissenschaften glauben, Darwin und

Karl Marx und Friedrich Engels und viele andere“.

In Kurzform gesprochen. Die Klischees sind mit fotografischer Genauigkeit bedient.

Und der Sohn einer Werktätigen in der Deutschen Demokratischen Republik, die Arbeit und Beruf gut mit den Pflichten einer Hausfrau und Mutter unter einen Hut brachte“.

Da sind sie denn doch erst einmal eingekehrt in eine der vielen Bars und haben Swing getanzt.

Am nächsten Tag war Sonntag. Da haben sie sich eine Kirche angesehen, wo schwarz gesungen und gebetet wird, aber Weiße erlaubt sind.

Sie haben zugehört.

Ein bisschen Englisch konnten sie schon.

In der Kirche lernt man gut englisch, weil der Prediger gezwungen ist, zu artikulieren, damit die Botschaft von Jesus Christus auch ankommt.

Am besten war das Lied von den Sklaven, die frei werden, wenn sie glauben. Da haben sie mitgesungen, weil sie frei werden wollten von ihrer Angst, etwas falsch zu machen. Sie haben sogar geschunkelt und ihre Augen blitzten.

Eigenartig, sie sind doch völlig unreligiös erzogen worden“.

DDR-Bürger glauben nicht an Gott.

Sie sind Atheisten“.

Anne ist nicht völlig anti-christlich erzogen worden, sie ist getauft worden und ihr Vater, der Grenzer hatte nichts dagegen“.

Sie sind anschließend zu dem schwarzen Pastor gegangen und haben ihm erzählt, wer sie sind und woher sie kommen. Der Pastor hat zugehört und ihnen eine Bibel geschenkt. Jetzt lesen sie englisch die Bibel.

Nach einer gewissen Zeit sagt Anne zu ihrem Freund: „Ich werde mich nicht melden bei der Adresse, die ich habe, um dort für ein Jahr die Kinder zu hüten. Ich werde ihnen einen Brief schreiben.“ – In dem Brief stand: „Liebe Familie Wilder, leider muss ich Ihnen mitteilen, dass sich etwas geändert hat in meinem Leben und ich die Austauschstelle nicht antreten werde.

Ich hoffe, sie finden bald einen Ersatz.

Mit herzlichen Grüßen

Anne Leskow“.

Der Brief ging an eine Adresse in Pensylvanien. Und die Ersatzeltern machten sich ihre Gedanken und haben sich auch geärgert, weil sie fest damit gerechnet haben: Anne Leskowim Austauschverfahren als Au – pair- Mädchen. Sie wollte doch hier Englisch lernen und dann vielleicht studieren.

New York ist eine riesige Stadt.

Viel größer als Berlin und viel höher gebaut.

Die Entstehungszeit ist aber ähnlich. Mittelalter hat sie nicht, geschweige eine Römerzeit oder so.

Also unsere Maßstäbe können wir erst einmal vergessen.

Sie liegt am Meer.

Die Freiheitsstatue winkt.

Die Yankies wohnen hier.

Ihre Nachfahren.

Die Weißen, die gegen die Südstaaten gekämpft haben, weil die dagegen waren, die Sklaverei rechtlich zu beenden.

Die Geschäftsleute.

Das Business.

Der Biss.

Der Gott der Stadt?

Das weiß ich nicht.

Ich war nicht dort.

Aber ich kenne sie vom Hörensagen.

Von Filmen.Von Katastrophenfilmen.

Aus Kurzgeschichten, die eigentlich Romane sind.

Der GROSSE GETSBY.

So etwas. In der Art.

Oder Tennessee Williams.

Ich weiß es nicht, ob der jemals in New York gewesen ist.

Doch durch die Verleger.

Mindestens.

Die Hochhäuser sind Türme, die Kirchen sind klein dagegen. Aber es gibt sie.

Zum Beispiel die Schwarzenkirche, wo

Anne Leskow und ihr Freund hingehen,

wenn der Sonntag kommt.

Läuten dort die Glocken? Insider fragen. –

Das deutsche Glockengeläut soll ja das schönste sein. Siehe Gretchen vor dem Dom.

Kennen Sie die Aufnahme mit Gründgens?

Anne hat ihren Job, sie wäscht wirklich Teller und ihr Freund auch.

Es ist wie im Bilderbuch und in den vielen Storys

seit Jahrhunderten oder mindestens Jahrzehnten.

Trotzdem machen sich die Eltern Sorgen.

Hat Oliver Eltern?

Anne hat eine Großmutter und einen Vater,

der eine KfZ – Werkstatt aufgebaut hat am Rand eines Waldes. Ihre Mutter ist bei einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Wir sagten das schon.“

Mit der Großmutter hat sie das letzte Mal in Hamburg telefoniert. Es wird Zeit, dass sie anruft.

Sie hat die Stürme des Meeres vorüberziehen lassen, den Lärm der Schiffsmannschaft,

als sie nach ihren Ausgängen zurückkam.

Das Gewäsch der Kleingärtnergruppe und die großartige Ankunft mit dem Pathos der Statue.

Und immer noch nicht hat sie zum Handy gegriffen und die Nummern eingetippt, die das Handy zu Hause von der Großmutter zum Zittern bringt oder Klingeln: Die Großmutter hat sich ein Volkslied gewünscht als Weckmelodie.

Aber das ist ja verzeihlich, hat Anne Leskow doch nun einen Freund gefunden für das amerikanische Leben in New York, in den Häuserschluchten,

vor den Towers, in den Parks.

Er heißt Oliver und hat ziemlich abstehende Ohren, groß genug, um alles zu hören und zu verstehen, was sie sagt. Wie Segel, die den Wind „von drüben“ einfangen.

Dann müsste es eigentlich Ostwind sein.

Gibt es den in Amerika?

Immerhin kommen sie ja beide „von drüben“, vielleicht sogar von ganz drüben, mehr als ihnen lieb ist.

Und den anderen auch. Die haben Biss.

So könnten sie vermuten:

jenseits der Demarkationslinie geboren.Wenn sie einen ehemaligen Soldaten zum Vater hat, der in der DDR diese Demarkationslinie unter allen Umständen zu verteidigen hatte und beinahe ums Leben gekommen ist bei einem Verkehrsunfall,

von dem manche wussten, er hätte etwas mit dem vormaligen Beruf ihres Vaters zu tun.

Wissen wir“.

Und bei dem ja ihre Mutter, ausgerechnet ein Westkind Deutschlands, ums Leben gekommen ist.

Wissen wir“.

Gut, dass es dann die Großmutter gab, die sich auskannte in dem Dschungel der BRD alt –

auch neu?

Oliver erzählte nicht so viel von sich.

Wenn Anne nicht fragte, sagte er gar nichts

zu seiner Vergangenheit.

„Wo komme ich her?“

Sie wusste bis jetzt nicht einmal, warum er in die USA gekommen war.

Bald hörte er mit dem Tellerwaschen auf und ging regelmäßig in ein Büro. Er erzählte ihr, „drüben“ seinen Abschluss gemacht zu haben und dann ein Flugzeug genommen zu haben, um hierher zu kommen. Ein bisschen früher, als er sollte, zu einem Eignungstermin, damit er „schnuppern“ konnte.

Nun war der Termin und „sie“ haben ihn genommen.

Er sagte ihr, er wäre jetzt Staatsbediensteter und sein Aufgabenfeld nennt sich Sicherheit und Ordnung. Sie wollte aber ihre kleine Au – pair-Wohnung nicht aufgeben und sie wollte auch erst einmal weiter arbeiten in dem Hotel, das sie aufgefangen hatte, wie sie sagt, nachdem sie ihren Fuß in dieses Land gesetzt hatte.

Er erzählte nichts von seinen Eltern, geschweige von seinen Großeltern. Allerdings … es gab Anrufe aus Deutschland. So redet man nur mit einer Mutter. Und eines Tages gestand er ihr,

dass seine Mutter eine lebenslängliche Strafe abbüßt, sie aber aus dem Gefängnis ihn regelmäßig anrufen darf. Einen Vater gibt es nicht.

Für ihn nicht.

Aber Pflegeeltern.

Vorher Heim.

Damit das Schweigen nicht unerträglich wird, gehen sie in den großen Stadtpark in der Nähe.

Wo die Tauben gefüttert werden.

Sie machen Picknick und stecken sich ihre Hörmuscheln hinter die Ohren, um George Gershwin zu hören: Porgy und Bess.

Erst die Decke.

Gott sei Dank regnet es nicht.

Sie können den ganzen Tag draußen bleiben.

Der Rotkäppchen-Korb steht neben ihnen.

Nicht weit von ihnen ist eine weiße Bank unbesetzt. Seit einer Stunde.

Er schlägt vor, sich auf die Bank zu setzen und die Sachen dort zu deponieren.

So sitzen sie schon einige Minuten, ohne ein Wort miteinander gesprochen zu haben.

„Weißt du, Anne, das ist eine lange Geschichte…

meine Mutter hat mir auch nicht den Grund erzählt. Wie sollte sie auch. Sie ist im Gefängnis.Und ich bin im Gefängnis zur Welt gekommen. Bald kommt sie frei…

Vielleicht kommt sie dann nach.

Wenn sie darf. Ich bin in ein Heim gekommen, weil sich niemand gefunden hat, der für mich zuständig war. Der Vater meiner Mutter war ein Flüchtling, als die Welt noch geteilt war in Gut und Böse. In Ost und West. Er meinte im Westen sei alles besser. Vielleicht war es wirklich die Freiheit, die er suchte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Stacheldraht oder Minen sein Leben auf Dauer begrenzen. Er konnte es nicht ausprobieren wie es in der Freiheit ist, wo da die Grenzen liegen. Die wirklich eigenen.

Die Gott setzt. Oder seine Veranlagungen. Freiheit ist für meine Begriffe immer eine Begegnung mit Gott. Doch, da steckt schon ein wenig Transzendenz in diesem Verlangen.

Frei zu sein.

Aber es war ein tödliches für ihn geworden,

wie für viele. Er hat sich nicht fügen wollen.

Und er war auch rücksichtslos gegenüber seiner Frau und seinen Kindern. Seine Tochter musste es nun ausbaden.“

Pause

„Wie rücksichtslos sind die Heiligen, wenn sie ihre Kinder im Stich lassen und ihre Pilgerschaft antreten.“

Lange Pause.

Tauben fliegen im Park

„Das ist kein DDR-Problem, das gehört zu uns. Immer.“

Der Abendwind kam auf

in der großen Stadt New York.

Die Sonne ging nicht unter.

Sie sahen sie nicht.

„Also sie haben ihn geschleift, als corpus delicti …und sicher auch irgendwo verbrannt und zu Asche werden lassen…

Er war ein Republikflüchtiger. Eine Schande für die ganze Familie…“

Hier brach der Erzähler ab und wollte die Sachen zusammenpacken. Er begleitete Anne nach Hause in Richtung Wohnung im soundsovielten Stock eines Hochhauses der so und so vielten Straße in New York in Amerika.

„Willst Du noch einmal in Dein Büro?“

Er blieb stehen.

„Nein, aber so lange die Geschichte nicht zu Ende erzählt ist, geh ich in mein Haus, dass mir zur Verfügung gestellt wurde als Bediensteter eines Geheimdienstes der Vereinigten Staaten von Amerika.“

Anne wurde weiß und grau im Gesicht und begann zu schreien und zu weinen.

Die Leute drehten sich um.

Oliver Thielemann wendete sich ab und wollte gehen.

Sie klammerte sich an ihn.

Die Nacht brach herein.

3

Zu Hause

Zu Hause in Europa in den Gefängnissen taten die

Beamten ihren Dienst und schlossen die Türen auf

und zu. Heute morgen in Deutschland sollte eine Frau Erna Thielemann entlassen werden, nachdem sie eine so genannte lebenslange Haft absolviert hatte in einem zivilen Gefängnis. Ohne anschließende Sicherheitsverwahrung.

Frau Thielemann war vor Jahren geständig und hat zugegeben, ihren Bruder angestachelt zu haben ein Fahrzeug von der Fahrbahn abzudrängen und den Tod dreier Menschen dabei in Kauf genommen zu haben. Nein – ihn damit bewusst herbeigeführt hat.

Weiter: Sie hat eine intime Beziehung zu einem Mann hergestellt, um ihn dann in einem passenden Augenblick während eines gemeinsamen Waldspazierganges so an eine Klippe heranzuführen, dass ein Stoß genügt hat…

Ein Kind aus dieser Beziehung, ihr Sohn, lebt jetzt in Amerika. Sie schreibt ihm regelmäßig Briefe. Oder ruft an, bzw. : Wird angerufen.

Jetzt freut sie sich, dass ihre Strafzeit zu Ende ist und sie das Frauengefängnis verlassen kann.

Sie hatte sich gestellt, weil sie die Jagd auf sie nicht mehr riskieren wollte, Ermittlungen behördlicherseits wegen ihrer Straftaten war die eine Sache, die andere, sie war nicht sicher, inwieweit alte Seilschaften weiter in den deutschen Wäldern ihr Unwesen trieben und sie aufs Korn nahmen.

„JETZT IST SIE DRAN!“

Es hatte sich herumgesprochen in den einschlägigen Kreisen.

„Wir halten zusammen.“

„Wenn uns jemand antastet.“

„Sie ist eine Mörderin“

So schallte es durch den deutschen Wald.

Den Grenzwald.

Obwohl alle Minen längst beseitigt waren.

„Das tut man nicht.“

Biblisch, sagen wir.

Verworfen.

Dunkel.

Abgründig.

Was sonst.

Es gab sie noch, die alten Seilschaften.

Sie funktionierten noch.

Sie waren nötig zum Schutz der alten Truppe.

Zum Schutz der alten Schwüre.

Auf Verrat stand immer noch die Todesstrafe und nicht nur „lebenslänglich“ mit anschließender Sicherheitsverwahrung bei Gefahr des Rückfalls.

Oder keiner.

Was musste sie sich auch an einem harmlosen Waldbesitzer vergreifen, die alten Geschichten aufwärmen, die niemanden mehr interessieren.

Der Klassenkampf geht weiter.

Im Untergrund.

Menschen werden entsorgt.

Keiner weiß, wo sie abgeblieben sind.

Unaufgeklärte Fälle für die deutsche Justiz.

Nein, da war ein ordentliches Gericht die einzige Möglichkeit um dem Fememord zu entgehen.

Allerdings – hoffentlich haben sich keine Wachleute auf Grund ihrer soliden Ausbildung eingeschlichen in den Apparat und schließen am Morgen und am Abend die Türen auf und zu in deutschen Gefängnissen in Deutschland West und Ost.

Gott sei es gedankt: es war nicht so.

Jedenfalls nicht in der Geschichte, die wir beauftragt sind hier zu erzählen.

Nicht an diesem Ort in Thüringen.

Sie sind ja auch meistens in den Westen gegangen, die grauen Mäuse.

Graue Mäuse.

Erna konnte ihre sieben Sachen packen.

Sie kam in den Keller, wo ihre Habseligkeiten aufbewahrt wurden und von zwei Wächterinnen, die fein säuberlich die Dinge auf die Bank gelegt hatten, übergeben wurden mit Unterschrift des Empfanges.

Erna nickte.

Ihr Koffer war auch noch greifbar.

Dann wurde sie hinaus begleitet.

Bis an das Sicherheitstor.

Dann Freiheit.

Niemand, der sie abholte.

Doch, dort winkte jemand aus dem Auto.

Wie in unzähligen Filmen.

Sie ging über die Straße.

Sie sollte angeworben werden.

Man steckte ihr Geld zu.

„Wissen Sie, wir haben Ihren Lebensweg verfolgt und schon den Ihrer Eltern, auch den Ihrer Großeltern und natürlich wissen wir Bescheid, dass es Ihrem Sohn gut geht und sein Vater in der Hölle schmort. Ha, ha, ha, ha.“

Der Engländer mit seinem englischen Humor lachte sehr ausgiebig, zu ausgiebig über eine Familientragödie, die nicht die seine war.

Der Fahrer griente ebenfalls. Das konnte Erna sehen im Rückspiegel von der hinteren Sitzbank aus, neben dem englischen Spion.

„Was wollen Sie von mir?“ fragte sie schließlich nach längerem Schweigen, die lebenslängliche Insassin des Frauengefängnisses.

„Wir wollen erst einmal gar nichts“ , sagte der Unbekannte mit Mantel und Hut neben ihr.

Nach einer Biege im Thüringer Wald:

„Aber wir haben Mitleid.“

„Warum, Sie wissen, ich bin eine Mörderin.“

„Sie sind ein Opfer des geistigen Terrors in der DDR und waren bis heute in einem bundes-deutschen Gefängnis – und wie viele laufen herum, die Blut an ihren Händen haben, sie aber so fein gewaschen haben, dass sie nun blütenweiß sind.“ Darauf weiß Erna nichts zu erwidern.

Nächtelang hat sie sich diese Fragen gestellt und musste im Gerichtsaal bedauern, zur Selbstjustiz gegriffen zu haben, in der Hoffnung, die Strafe zu mildern.

Wie viel hätte der Vater ihres Kindes und Liebhaber ihrer Mutter bekommen,

wenn sie und ihr Bruder ihn angezeigt hätten in der neugewonnenen Freiheit?

Nacht, Laub raschelt, Schritte. Ein anderer schießt: auf Grund des Grenzbefehls.

Ihr Vater stürzt, weil er sich verlassen hat auf die Aussage seines Freundes, des Offiziers an diesem Abend.

Was willst du da beweisen. Du weißt es nur.

Ein dunkles Geheimnis. Hat es ihnen ihre Mutter doch weiter gegeben. Sie war dabei, als die beiden Freunde diese Nacht skizzierten mit dem erfolgreichen Grenzübertritt, damit endlich „zusammenwächst, was zusammen gehört“ –

ihre Liebe. Ihre Liebe zu dem Mann an der Grenze, der darauf achtet, dass die Grenzen nicht verwischt werden.

Sie mochte beide. Wie das so ist. Dann hat sie Erich geheiratet und nicht Waldemar, den Soldaten und Offizier, sondern den Maurerpolier, der es bis zum Fachschulabschluss brachte. Aber sie waren immer zusammen.Und eines Tages, als die Liebe angeblich erkaltet war und die Gewohnheiten über Hand nahmen, sprang der Funke, von dem jeder weiß, dass er immer da ist, wenn du ihn nicht schützt und in Grenzen hältst. Sie, Eva aus Hinterdermbach hatte einen Geliebten, der schon immer ein Freund war ihres Mannes und auch ihrer. Und er, der unverheiratet geblieben war, Waldemar Fischer, hatte endlich seine Jugendliebe wieder. Der andere ausgeschaltet durch das mörderische System zwischen den Welten.

Tod.

Getragen auf der Weltbühne in sein Dorf.

Asche zu Asche, Erde zu Erde, Staub zu Staub.

Der granitene Block kündet von Erich Thielemann geb. 1944 und gestorben 1988.

Das war eine Gnade, dass der Republikflüchtige in seinem Heimatdorf zu Grabe getragen werden konnte, weil die STASI – Leute sich unter die Trauergemeinde mischten.

Das war die Bedingung der Gnade.

Der Pfarrer weiß das.

Er ist lange genug in dem Grenzdorf mit besonderen Auflagen und Belobigungen seitens seiner Amtskirche.

Denn die Grenze hatte es in sich.

Nicht nur, dass sie vermint war zuletzt und man schon mindestens einen Grenzoffizier kennen musste, um durch ein raffiniert ausgeklügeltes Zeitfenster bei Nacht steigen zu können in die andere verbotene Welt.

Hoffentlich sind die Diener Gottes sauber und verraten nicht, was sie wissen. Brechen das Beichtgeheimnis nicht, für das sie sterben müssten, wenn du es streng auslegst. Dem Priester ist das früher – auch jetzt noch – so auferlegt. Das ist das Kreuz Christi.

Auf einmal.

Mitten im Leben, zweitausend Jahre nach GOLGATHA.

Das Geheimnis lebt.

Das Geheimnis Gottes und des Menschen und seiner Liebe, seines Verrates, seines Todes.

Nein, es durfte kein Besuch empfangen werden im Grenzgebiet – so einfach. Dafür gab es Genehmigungen – oder eben keine.

Die Kreisstadt war außerhalb der Grenzzone

und bot sich als Treffpunkt an, wenn weder die Besucher noch der zu Besuchende oder die zu Besuchenden clean waren in den Augen der Regierenden. Pfarrer sind angewiesen auf Besuche und Konsultationen, auf Geschwister in der familia Dei oder ganz einfach auf alle natürlichen Verwandten und Freunde – gerade in der Einsamkeit einer Grenznähe, die tödlich ist, wenn du sie nicht einhältst – die Regeln

im Kalten Krieg. Gerade hier muss Wärme entwickelt werden, sonst erfrierst du wie am Kältepol in der RUS.

Es gab Dauergenehmigungen für alle Familien, die hier wohnten. Das stimmt. Ein bestimmter begrenzter Personenkreis war zulässig.

Hermetisch abgeriegelt.

Wie war das damals, als aufsässige Bauern umgesiedelt wurden, ihre Äcker als Grenzland beschlagnahmt wurden. Bei Nacht und Nebel weggebracht wurden auf Lastwagen in ’s Innere des Landes.

Gut, es war nicht so schlimm, wie der andere terminus technicus: ABHOLEN.

Wohin abgeholt? In den Zeiten Walter Ulbrichts und Josef W. STALINS.

Vielleicht hat Ulbricht ja sogar noch Schlimmeres verhütet mit seiner Gruppe, die damals in Schönefeld gelandet ist, um die DDR aus der Taufe zu heben.

„Sie haben den und den abgeholt“, wurde gezischelt am Morgen beim Milchmann.

Er kam nicht wieder.

4

Der Erzähler

Als er mich holte,“ habe ich gelesen als Titel eines Buches, in dem eine indische Christin beschreibt, wie sie Christin geworden ist.

Wer hat hier wen geholt.

Ja, ja, es ging um die Weltrevolution und die Zukunft der Welt, als die Kolonnen zu den Weltfestspielen fuhren in BLAU.

Berlin Berlin.

Sei Berlin.

Schon immer.

RUSSLAND

Zur gleichen Zeit in der Ukraine, als es unruhig wurde in den Städten und Dörfern der Republik, die sich die Deutsche Demokratische nannte, sich die letzten aufmachten, um in den Westen zu fliehen, wo es gar nicht mehr nötig war, wenn sie die Handlinien der Zeit hätten lesen können wie die Wahrsagerin in Rumänien oder in einem Westberliner Club eine Edel-Sinti mit unglaublichem Schmuck und Gepränge,

Samt und Seide und einer dröhnenden Stimme, die die Männer um Einsturz brachte.

Ob es Edelmänner gewesen sind, wage ich zu bezweifeln.

Zur gleichen Zeit also in der siegreichen Sowjetunion mit den Riesenstatuen am Dnjepr wie an der Wolga etwas weiter östlich. Als mir ein Atomwissenschaftler folgenden Witz erzählte.

Da seid ihr gespannt, wa?

Ich auch. Immer wieder. Ihr mit eurem Putin und euren eingeübten Phobien, die ihr nicht wißt, was vorher gewesen war. Und wie es gewesen war.

Die ihr vergessen habt, dass sie den Revolver gezogen haben wie im Wilden Westen.

Am runden Tisch des Zentralkommitees im Kreml, falls jemand erledigt werden musste ohne viel Aufhebens.

„Es muss sein, Brüderchen“.

„Es muss“.

Als der Wodka noch floss und die Zahnputzbecher knapp wurden in den Geschäften für den alltäglichen Bedarf, weil sie neuerdings zu oft nach dem Getränk an die bröckelnden Wände geschmissen wurden in der überschäumenden Siegerfreude der Weltrevolution.

Das soll sich geändert haben.

Beria.

Stalin.

Chruschtschow.

Das Volk wusste, dass alles gut wird.

Und gut gemacht wird: Letzten Endes.

Blindes Vertrauen.

1989 im August.

Gorbatschow.

In der DDR Friedhofsruhe.

In den Schaufenstern der Sowjetunion

ISWESTIJA und PRAWDA.

GLASNOST und PERESTROIKA.

Was sagt Ilja – immer noch.

Glaubt er nicht?:

„Weißt du mein Lieber, was ist Fortschritt?

Sie sind gekommen, haben geklingelt.

Wir haben die Tür aufgemacht.

Sie sind in die Wohnung gekommen und haben uns erschossen.

Aber wir sind wieder auferstanden, wenn auch meine Kinder geweint haben und erst die Frau.

Also sind sie wiedergekommen nach der allgemeinen Verbesserung der Lage.Und haben geklingelt, denn wie gesagt, es gab uns ja noch immer.Wir machen die Tür auf. Diesmal meine Frau, unsere Tochter ist in die hinterste Ecke der Küche geflohen und fing an schrecklich zu schreien. Es hat niemanden gestört.

„Wo ist Ihr Mann?“

„Im Keller!“

„Oh, das ist gut! Da gehen wir hinunter.“

„Nein, bleiben Sie! – holt nur die Kohlen, sonst erfrieren wir ja in diesem Winter.“

„Nun, wir warten, wir sind ja keine Unmenschen.“

Ich brauche nicht weiter zu erzählen. Die Herren nehmen Platz und warten.

Ich komme, der wieder auferstandene Ilja.

Sie erheben sich. Nehmen mich bei den Armen und führen mich die Treppe hinunter. Die Türen werden leicht geöffnet. Es wird <<<<<<<<<<<<<´rein geballert.

Schnell gehen sie wieder zu.

Jetzt sind wir bei den Kohlen.

Fünf Treppen tief.

Es knallt. Sie haben mich diesmal im Keller erschossen. Ein Fortschritt gegenüber früher.

Ihr kennt die dritte Stufe der Verbesserung?

Sie klingeln wieder und bitten mich mitzukommen.

Sie warten.

Wir gehen in den Keller des KGB und dort werde ich erschossen.

Das ist die Verbesserung.“

Ha,ha, ha.

Ungarn

Zur gleichen Zeit, nur ein bisschen früher, als in Ungarn der Gulaschkommunismus herrschte und wir uns wunderten über die Schwierigkeiten dieser Sprache, gab es unglaublich erfolgreiche Spaziergänge mit einem ehemaligen Türken-missionar, der seine Studien in Deutschland getrieben hatte und uns seinen Garten zur Verfügung stellte, damit wir unser Fünf-Mann-Zelt nahe Budapest und Donau aufstellen konnten, um Westen zu spielen. Immer mal Gefängnis und mit echten Kommunisten im Loch. Das sind schon Abenteuer.

Von den kanibalischen Vergnügungen der zu Missionierenden in grauer Vorzeit ganz zu schweigen.

Ferenc hatte etwas zu erzählen und die Gänge wurden immer länger und der Schlaf im Garten immer aufgeräumter, weil es hier ein Weltbild gab, eine Nation, ja auch eine Zeitgrenze auf deren einer Seite zum Nationalfeiertag Flöte gespielt wurde, wie ein Volkslied. Ich habe das nie vergessen bei den ganzen Anfeindungen,

die aufgesagt werden wie ein Gedicht von Feinden.

Heute.

Jetzt.

Gerade eben wieder.

Sie haben keine Ahnung, sage ich mir, wissen sie nicht, was der Ungarnaufstand bedeutet hat für niedergehaltene Völker, um es in der Sprache der Evangelien zu sagen.

Wissen sie nicht, wie es zu dem Hass kam.

Zum Aufstand?

Kennen sie Europa so wenig?

Also da wird der Pfaffe nach oben geholt zur Vernehmung. Immer die gleichen Fragen.

Es ist wie das Lernen beim Katechismus. Wiederholung ist alles.

Aber es wird nicht besser dadurch.

„Bitte bring mir unbedingt Zigarettenstummel mit, ich verdurste,“ sagt der Altkommunist in der Zelle zum reformierten Pastor, dem ehemaligen Türkenmissionar.

Der tut es.

Der Dank?

„Weißt du, Diktatur ist wie Faust. Immer Faust, immer Faust. Aber Du bekommst Krampf in die Faust. Du musst sie öffnen. Das ist Diktatur.“

Ferenc hat mir den Witz weiter erzählt, den er aus dem Gefängnis mitgebracht hat.

Es ist kein Witz. Es ist die wahre Geschichte von der Weltrevolution. Die Faust öffnet sich.

Sie musste sich öffnen. Ich habe das nie vergessen, 89 auf der Straße nicht, nirgendwo.

So haben wir allmählich gelernt, keine Angst mehr zu haben. Wir waren eine Schicksals-gemeinschaft und sind es. Wir wissen, dass die Sonne im Osten aufgeht und nicht im Westen. Dort geht sie unter. Auch schön.

„Oh, wie wohl ist mir am Abend.“

Der Weltabend?

Gibt es ihn.

Oder zieht sich das ewig so hin.

Zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig?

Die Teilung Europas wird nicht überwunden durch Geldzahlungen, denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. „Sondern von einem jeglichen Wort Gottes, das aus seinem Munde geht.“

Davon leben wir auch.

Nicht nur die Osttypen, sondern auch wir, ich, der sogenannte westliche Mensch.

Der es vielleicht nur nicht sagt, weil er nie gelitten hat. Nicht so. Oder andere hat leiden lassen.

Ja ja, wir Abendländler.

In Trachten und mit hoch erhobenen Weingläsern auf primitiven Wahlplakaten der AfD.

Oder weil er zu stolz ist, unbändig stolz.

5

Tief im deutschen Sozialismus

Lenin oder Urlaub.

Im Sozialismus waren wir froh, daß die Kinder solch lange Sommerferien hatten, in denen sie ausgebildet wurden zu wahrhaften und später beziehungsweise immerzu wehrhaften preußischen kleinen Soldaten und Soldatinnen mit rotem oder blauem Halstuch.

Dadurch hatten die Eltern Zeit, sich zu erholen.

Wovon?

Von ihren Kindern?

Von den Schulaufgaben ihrer Kinder?

Die Kinder, die nicht mit in die Lager fuhren, fuhren mit ihren Eltern in den ideologiefreien Urlaub von der Schule, vom real existierenden Sozialismus, vielleicht, um vom „wirklichen“ Sozialismus zu träumen?

Dann waren da aber die Scheinwerfer nachts über der See, die Truppenübungsplätze.

Die langen Ferien bedeuteten Stillstand –

wie im Auge des Orkans vielleicht.

Die „andere DDR“ verschnaufte an den FKK-Stränden und regenerierte sich – auch die Ferien nutzend. Die Kibbuzim-Ferien…

Das sind Verhaltensweisen des Hinauszögerns, des Bummelns, des Nach-Vorschrift-Arbeitens, des heimlichen Streiks, die sich da herausgebildet haben. Ferien und Urlaub als ideologiefreier Raum. Natürlich: als Zeitnische.

Allerdings – 89 wurde sie ein Timetunnel, diese Zeitnische für die Generation, die 1994 um die

50 war. Die damals noch Jüngsten von den Alten.

Die sich auf Günter Grass berufen haben und andere, die noch nicht wussten, daß er auch nur ein Mensch war, ein junger Mensch, nur er hätte es besser laut gesagt und nicht so getan, als wäre er unfehlbar, der SPD-Mann und Nobelpreisträger.

Sie schlüpften durch den Tunnel in Botschaften, durch Zäune und Drähte, so massenhaft, daß es keine Einzelfälle mehr waren und Karl-Eduard von Schnitzler Lügen gestraft wurde, weil auch er nicht mitbekommen hat, dass eine neue Generation herangewachsen war, unter der Hand der Partei sogar.

Nicht Ländergrenzen wurden überwunden, sondern Zeitgrenzen deutlich.

Zivilisationsgrenzen, Kulturgrenzen wurden empfunden mit Aussprüchen wie: „Wenn du zurückkommst, darfst du nicht mehr riechen, fühlen, sehen, hören.“

Die Willkür wurde nicht mehr gelten gelassen…

Der Glaube an den Kommunismus als Idee war bei den Machtträgern zur reinen Ideologie verkommen, mittels derer man andere diszipliniert.Vielleicht war genau das das Böse, gegen das im biblischen Sinne Widerstand nötig wurde und weswegen sich von Haus aus Konservative – nicht Aufsässige – den Bürgerbewegungen anschlossen. Gerade auch katholische Christen z.B. im Demokratischen Aufbruch. Oder in der Aktion Katholische Christen. Ja, weswegen in dunklen Stunden Ronald Reagen Recht gegeben wurde mit seinem „Reich des Bösen“ und der These vom Totrüsten der Sowjets..

Ja, Intellektuelle lügen auch. Übrigens auch in der Hitlerzeit. Gerade da.

Reagen vor dem Brandenburger Tor.

Die Bildzeitung lässt sich auch von Oberlehrern

in der ZEIT nicht davon abbringen, die Tage der Mauer zu zählen.

Es war letztendlich ein konservativer Widerstand, um mit Karl Marx zu sprechen – eine konservative Revolution – wie in den damaligen Ausgaben der WELTBÜHNE betont wurde, die den Ausschlag gegeben hätte.

Das lähmende Entsetzen bei der deutschen Sozialdemokratie angesichts des Zusammenbruchs aller bisherigen Weltkonstellationen im Ost-West-Konflikt spricht Bände. Auch Äußerungen von führenden Gewerkschaftern, die jetzt entschuldigend ihre Mitglieder anmahnen, nicht alle wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Irritationen auf die Wiedervereinigung zu schieben. Es stimme ja nicht (im Gleichklang mit dem Kanzler Kohl).

Es wäre auch ohne die Wiedervereinigung so gekommen.

Das macht mich fassungslos, heute noch, wenn ich das nach Jahrzehnten lese. Und viele meiner Landsleute haben das auch so empfunden.

Und wenn die Wiedervereinigung ursächlich daran Mitschuld getragen hätte? Was dann?

Dann hätte man wohl empfehlen wollen, darauf zu verzichten? Dem Zynismus sind weiß Gott keine Grenzen gesetzt.

Der Patriotismus (s.auch Grass in ambivalenter Weise) ist den Rechtsradikalen überlassen worden. Von Anfang an.

Den jugendlichen Rechtsradikalen.

Den so Genannten. Im Osten wie im Westen.

Der Verlogenheit sind keine Grenzen gesetzt.

Der Sinnlosigkeit auch nicht.

Da gedeihen Extreme.

Ob nun Lenin in Finnland Kohlrüben essend oder in Polen Patiencen legend mit seiner Schwiegermutter, Frau und Kind – unser Urlaub war eine Auswanderung von Anfang an.

Zuletzt vor 1989 Ungarn, wo wir WESTEN spielen durften. Ein wenig, wie wir heute wissen.

So weit der Erzähler.

6

Amerika ist ein Traum.

Onkel Toms Hütte.

Die Sklavenbefreiung.

Die Gospels.

Die Predigten in Musik.

George Gershwin, Hemingway.

Aber der große Hemingway konnte sie nicht begleiten.

Er war in seiner Jagdleidenschaft verunglückt.

Keiner weiß Genaues.

Warum die Kugel sich gelöst hat.

Manche wissen es.

Es war ein Unfall und er war im Schwarzwald.

Oft.

Habe ich zufällig gehört, als Männer zusammenstanden vor dem Lessinghaus

in Berlin Mitte Nikolaiviertel, gegenüber der Nikolaikirche. Ein Topos der Erinnerung an die Opfer.

Welcher Opfer?

Ich habe gelesen, dass die Jüdische Gemeinde sich dagegen verwahrt, dass es einen Gedenktag gibt an die Opfer der totalitären Regime im

letzten Jahrhundert. Ich habe auch Solschenizyn gelesen in Bezug auf die Oktoberrevolution und die Roten Garden. Und von dem AfD-Mann in Fulda, der sich mehrmals entschuldigt hat, missverständlich geredet zu haben von Tätern und Opfern, als er noch in der Christlich Demokratischen Union war.

Havel, Landsbergis und Gauck haben es erfolgreich eingebracht, dass es einen Gedenktag im September zu geben habe an diese Opfer in Europa. Es ist in der Europäischen Union beschlossen worden. Und die Jüdische

Gemeinde hat dagegen protestiert.

Warum. Mir haben vor allen Dingen die Juden in Deutschland geglaubt, wenn es um die Repressalien ging, die der totale Staat Deutsche Demokratische Republik auf mich ausgeübt hat. Vor allen Dingen eine Jüdin, die nach Hause gekommen nach dem Zusammenbruch des Hitlerreiches, einen Offizier anstellte in ihrem Gemüseladen mit der Bemerkung, es müsse nun wirklich Schluss sein. Sie hatte ihr Kind versteckt bei freundlichen Nachbarn in der Kleinstadt. Niemand hat gefragt. Wo kein Kläger ist, ist kein Richter. Immerhin ging es um Lebensmittelkarten.

Und in der Schlange vor dem Ofen, nackt, redete sie zu ihrer Schicksalsgenossin:

Ha, die Krätze hatte ich noch nicht, –

auf altenburgisch – thüringisch.

Das hörte der Wachhabende:

Du bist wohl aus Altenburg, der Skatstadt? – Ja!

Geh nach rechts einen Schritt weiter in die Schlange, die zum Steinbruch führt. Dort bekommst du etwas zum Anziehen und das Werkzeug. So ist sie gerettet gewesen und nicht verbrannt in dem Ofen. Nicht vergiftet unter der Dusche mit Gas. Vorher.

Hamas. Hamas. Juden in‘ s Gas. Rufen sie jetzt wieder auf den Straßen Berlins. Und eigentlich geht keiner hin und verhindert das.

Wo leben wir.

Sie war in der SED.

Ihr Sohn nach der Wende SPD-Bürgermeister in einer Stadt an der Ostsee. Viel zu früh gestorben.

Das Kind, das die unpolitischen Nachbarn versteckten.

Nacht. Träume. Die Nummer auf ihrem Arm.

Sie nehmen mir mein Kind weg.

Gott habe sie selig.

Gott sei es gedankt, ich durfte mit ihr reden.

Gnade.

Es ist das Gleiche – wie damals.“

Wie damals? Hat sie gesagt.

Andere auch.

Die müssen es wissen.

Nicht das Geschrei der Zeitungen.

Das war tief in der Provinz.

Wo es kein Multikulti gibt, aber Agitatoren 1989/90, die nicht die Kirchen aufsuchten, sondern frech die Pfarrhäuser.

Sie wussten, dass ihnen da aufgemacht wurde, wenn die Klingel schrillte.

Sie haben den Leuten erzählt, wie man es macht.

Auch Bildchen waren dabei.Von rechts und links.

Von der Vielfalt, von den sexuellen Neigungen.

Sie nannten es Orientierungen. Inzwischen weiß ich, dass auch die Odenwaldschule vorkam:

Mit Tricks können wir vieles durchsetzen.

Wir warten einfach bis die falschen Leute gegangen sind. Dann der Antrag„Angenommen.“

Alle denken, alles ist gut. Die, die geblieben sind.

Die meinen, das ist wohl jetzt modern.

Wie war das damals tief in der Provinz, wo Homosexuelle und Christen als Minderheiten angesehen wurden in der Deutschen Demokratischen Republik, wenn man die Kinder und Jugendlichen danach gefragt hat.

Und mit ihnen ins Gespräch kommt.

Wie eine geschickte Lehrerin.

Es stimmt sogar für eine Mehrheitsgesellschaft mit 99% igen Wahlergebnissen.

7

Aus diesen Verhältnissen ist unser Held geflohen mit Hilfe seines Freundes, des Offiziers der Grenztruppen der Deutschen Demokratischen Republik.

Er wollte ein besseres Leben.

Freiheit?

Er kannte das West – Fernsehen.

Die Reklame.

Die Süßigkeit des Lebens wollte er schmecken. Das Verwöhnaroma probieren.

Der Offizier?

Der Freund?

Die Mutter konnte nicht mehr schweigen ihren Kindern gegenüber, als sie von dem Unfall erfuhr im Schwarzwald. Und dass sie ihn bewusst verursacht haben, um den Mörder ihres Vaters zu strafen. In Selbstjustiz, weil niemand der Justiz mehr etwas zutraut, was die Vergangenheit angeht in Deutschland-Ost. Von West sollen andere reden. Aber vielleicht gibt es da ja auch Überschneidungen.Sie hat es gewusst, warum die Flucht nicht gelungen ist.

Und es jagten ihre Kinder den vermeintlichen Täter in jener Vollmondnacht, der seinen Dienst versah. Sein Vorgesetzter neben ihm, der so tat, als geschehe nichts.

Dem Sohn wurde es unheimlich: Eine tote Frau, ein einfacher Soldat, der seine Frau verloren hat.

Ein kleines Mädchen, das seine Mutter an einem Abend verliert am Rand einer nicht sonderlich befahrenen Straße in der Bundesrepublik Deutschland.

Er bedankte sich bei seiner Mutter für die Wahrheit, für die ganze Wahrheit und zog in die Welt. Bis jetzt wissen wir immer noch nicht wohin.Wir wissen ja noch nicht einmal, wo er eigentlich herkam. Plötzlich war er wieder im Dorf.

Eigentlich wissen wir gar nichts.

Und sind doch nicht gar aus.

Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?

Wer sind wir.

Wo liegen unsere Grenzen.

Haben wir sie längst überschritten und wissen nicht, wo und wann.

Oder liegen die Minen noch verstreut.

Aber du wirst geführt, wie auf einem Pfad durch den Sumpf.

Wer führt uns.

Die Tochter hat nicht locker gelassen.

Sie schreibt die Judithgeschichte neu und findet den Freund und Geliebten von damals.

Sie freundet sich an.

Das ist eine böse Geschichte.

8

Wer war der Grenzoffizier?

Jemand aus dem Dorf?

Nein, ein einfacher Soldat aus Berlin, der nicht die Mauer in seiner Heimatstadt Berlin bewachen sollte. Um Loyalitätskonflikten aus dem Weg zu gehen.

Es könnte ja sein, dass er die Schusswaffe zu gebrauchen hätte, es aber nicht tut, weil er fürchtet, jemandem tödlich nahe zu sein, der ihm nah ist, verwandt, Freund, Freundin. Wer weiß das in einer ehemaligen ganzen Stadt, jetzt aber geteilt durch einen so genannten Eisernen Vorhang.

Berliner an die Front. Aber nicht in ihrer Stadt. Sondern möglichst weit weg in dem kleinen Reststaat des Kommunismus in dem ehemaligen Großdeutschen Reich, in Jammer und Elend zugrunde gegangen. Gegenüber der neue große Feind, der deutsche Imperialismus, die BRD.

Weit weg bedeutet Thüringen.

Grenzdorf.

Tanzen.

Soldaten.

Einheimische.

Ein Mädchen.

Es könnte fast ein Polenmärchen werden, wenn es nicht so schlimm zu Ende gegangen wäre.

Zwei Freunde, ein Mädchen. Sie entscheidet sich.

Für den Ansässigen.

Doch.

Aber sie bleiben alle drei: „DREI FREUNDE“. Bis – wir haben es schon erwähnt.

Viel zu oft.

Der Funke.

ISKRA.

Die Kinder sind noch klein.

So klein auch wieder nicht.

Sie werden einander erkennen,

später, wenn der Vorhang aufgezogen wird.

Und aus zwei Geschichten

eine Geschichte werden muss.

Sie, die Tochter, die ihren Vater rächen will, findet ihn – endlich. Sie erkennt ihn.

Er erst einmal nicht. Bis man es ihm sagt.

Er steht sowieso auf Kriegsfuß

mit alten Erinnerungen.

Sie sind feindlich – jetzt. Früher war das anders.

Ist das die Schuld?

Man kann nicht alles auf den Staat schieben.

Aber sie erkennt ihn. Sofort.

An seinem Gang, seiner Rede. Seinem Lachen.

Sie hat ihn ja auch gesucht, nachdem sie und ihr Bruder wussten, der Grenzer war es nicht.

Er hat nur geschossen.

Er musste schießen.

Aber wer hat ihn in die Falle gelockt.

Wissentlich in Kauf genommen, dass es eine Todesfalle war.Einer ihrer Nächsten neben den Eltern, Großeltern und Verwandten rings in den Dörfern.

9

Sie war ein Dorfkind.

In der Natur groß geworden. Eigentlich hatte sie vor, ihn als toten Mann zurück zu lassen nach dem Liebesakt.

Er war hungrig nach Liebe. Wie ein Wolf.

Sie ließ sich nehmen. Aber dann versagte ihr Arm und sie ging. Wortlos. Aus dem Zimmer in der Gastwirtschaft, in der sie sich eingemietet hatte als Aushilfskraft, für ein paar Wochen.

Ein paar Mal setzte sie sich zu ihm, wenn er in die Wirtschaft kam. Und sie unterhielten sich, als ob nichts zu sagen wäre.

Aber es war etwas zu sagen. Inzwischen.

Sie hatte ihm schon mitgeteilt, wer sie war.

Und dass sie gute alte Bekannte seien von früher.

Er erinnerte sich.Und das war gefährlich. Für sie.

Denn sie entzog sich ihm.

„Weiß sie mehr?“

„Ahnt sie alles?“

Fragte er sich jetzt häufiger.

Die sozialistischen Mechanismen funktionierten nicht mehr so recht, wenn er sich zurechtlegen wollte, wie recht er doch gehandelt habe mit solch einem Strolch so umzugehen: Land verlassen. Land verraten. Aufhängen. Jawohl.

Da war das noch eine Gnade. Auf Kosten des Staates studieren. Dann labil in den Westen gehen. Alles auf Kosten anderer.

Die Rechtfertigung versagte.

Der Überbau fehlt. Sagt er.

Er fragte die alten Genossen und Genossinnen nicht, was er tun sollte. Zu heikel.Wenn sie sich trafen insgeheim, wie die alten Nazis in den Grenzdörfern. Wo sie sich sicher fühlten.

Das sind Privatgeschichten vermengt mit dem Grenzregime. Damit muss er schon allein fertig werden.

Zu einem Priester könnte er gehen.

Wir wissen nicht, ob seine Familie aus dem Osten nach Berlin gekommen, schon vor dem Krieg, ihm da eine Hilfe gewesen ist.

Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er sich vielleicht auf den Weg gemacht.

Er musste mit jemandem sprechen.

Wollte das die Tochter seiner großen Liebe von Anfang an in dem Walddorf. Wollte sie ihn quälen, dass er sich jetzt so quälen muss.

Sicher.

Es ist eine Judithgeschichte. Sie hat eine Mission.

Ob das Gerechtigkeit ist, was sie antreibt?

Das lassen wir einmal dahin gestellt.

„DIE RACHE IST MEIN!“

Sie hätte zur Polizei gehen können, zur Gauckbehörde. Nein, wirklich strafbar hat sie sich gemacht, indem sie den Tod von drei Menschen billigend in Kauf genommen hat, als sie ihren Bruder anstachelte, das andere Auto von der Straße zu drängen.

Der Klassenkampf endete im Straßengraben, tödlich für die Mutter des kleinen Mädchens.

Fahrerflucht? Ja, mindestens, wenn man

die Hintergründe nicht weiß. Natürlich wollte sie zuerst auch nicht glauben – und ihr Bruder auch nicht – dass ihr Freund die Regie geführt hat in dem finsteren deutschen Märchenwald, der West und Ost vereinigt. Allerdings, den Grenzpolizisten hätte man recherchieren können…

10

Nach der Fahrerflucht sind ihnen Zweifel gekommen und sie haben die Mutter aufgesucht.

Jedenfalls der Sohn, wir haben es gesagt, der genug hatte.

Die Mutter gestand, was sie wusste.

Sie ist heute noch in dem Haus, wo das entscheidende Gespräch stattgefunden hat.

Sie wussten alle drei, dass ihr Freund in der Nacht die Regie führt, wenn e r durchbricht. Die Mondnacht hat alles gesehen, gehört und der Soldat hat den Schießbefehl ausgeführt nach dreimaligem Rufen, wie nachzulesen ist. Und Warnschuss.

Niemand durfte ihn daran hindern.

Es kann immer etwas schief gehen.

Jeder hat sich seine Gedanken dazu gemacht im Dorf, nachdem es ruchbar wurde, wie die beiden zueinander standen – wieder, weiter und immerzu.

Jeder, jede, die lebt.

Dann kam die Wende und die Flucht aller in alle Himmelsrichtungen. Und der Neuanfang, der ein Abgrund war, für viele. Sie hat nicht mehr von ihm gehört. Und die Kinder sind gegangen. Sie pflegt das Grab.

Die Bleibenden haben resigniert. Sie haben ihre Zeichen zurückgesetzt, die Zeichen ihrer Liebe, ihres Glaubens und ihrer Hoffnungen.

„Der Frust war unausbleiblich und unaussprechlich.“

„Nur Stammeln? Nur Gebet?“

„Ja.“

11

Er wusste, dass sie ein Waldläuferin war .

Im Film, nach dem ich hier erzähle, spielt eine große Rolle: ein Doppelschuß. Er fällt – und von einer unbekannten Kugel getroffen eine Waldläuferin.

Eine Verwechslung.

Wie sich herausstellt.

Getroffen werden sollte wirklich eine andere:

eine blonde schöne junge Frau, wie ihrer Mutter aus dem Gesicht geschnitten immer noch im ehemaligen Osten, in Thüringen, einem damaligen Grenzdorf an der Zonengrenze, einer Grenze zwischen den Welten.

Er hatte sich geirrt und seinen Waldpfleger in Verwirrung gestürzt, weil der auch nicht wusste, dass neben seinem Wild, auf dass er im Begriff war anzulegen, noch ein anderer Wilderer am Werk war. Der Besitzer des Waldes auf unerklärliche Weise, der vormalige Grenzoffizier, der um seine neu erfundene Identität bangte, weil eine junge Frau ihm zu nahe gekommen war,

um ihn zu enttarnen.

Jetzt musste erst recht gehandelt werden.

Trotz und wegen der Aufklärungsarbeit der Polizei. Ein klassischer Tatort. Es gab einen Handlungszwang für den Jäger ebenso wie für die Gejagte. Sie spielt ihre Reize aus, als ob nichts gewesen wäre.

Oder hat sie wirklich nicht kombiniert?

In diesem Spiel der Basisinstinkte.

Jedenfalls ein Briefchen in der Othello-Art:

„Bitte komm doch ans Ende des Ortes gegenüber dem windschiefen Fachwerk, zur Gabelung.

Ich freue mich auf den Spaziergang.

Wir müssen reden.“

„Weiß sie nicht, wer geschossen hat?“

Er macht sich auf den Weg. Sie winkt.

Das leerstehende Fachwerkhaus. Die Gabelung. Sie gehen rechts. Das Ende des Weges ist ein Abgrund, felsig. Dort stößt sie ihn hinunter.

Sie stellt sich, wir haben es schon erwähnt.

Sie konnte es nicht mehr aushalten

nach einem Jahr. Das große Halali nach dem Untergang.

Und nun, nach dieser Zeit im Wagen des britischen Geheimdienstes.

Jemand kümmert sich um sie.

12

Wir haben von den Gefängnissen gehört,

in denen

sie saßen; die mutig genug waren, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in Beziehung setzen zu wollen. Die mutig genug waren, Freiheit und Sozialismus als Begriffspaar anzuerkennen.

Die mutig genug waren, gegen Unterdrückung im Namen der Deutschen Demokratischen Republik aufzustehen. Das war lebensgefährlich.

Es existierte die Todesstrafe im sozialistischen Bruderland DDR bis 1988. Erst dann wurde sie ausgesetzt.

Wir wissen, wie unterschiedlich Gefängnisse sein können.Wo viel Federlesens gemacht wird und wo nicht.Wo Folter angewendet wird und wo nicht.

Ja,

wir leben in einer Zivilgesellschaft.

Jetzt.

Allerdings meinen viele, die damals auf die Straße gegangen sind: Für den Westen haben wir nicht gekämpft, sondern gegen die Unfreiheit.

Jetzt sagen sie das auf einmal, seitdem sie endlich merken, dass im Westen auch nicht alles Gold ist was glänzt. Bananenrepublik hat unser Freund aus Südafrika das genannt.

Und er hatte Recht.

Nur eine Tote gab es 1989 auf einem Bahnsteig in Leipzig. Eine alte Frau wurde tot getreten bei dem Ansturm auf einen Waggon, der in Richtung Berlin rollen sollte mit vielen anderen, alle überladen und voll, weil sie alle ihr WESTGELD abholen wollten auf der Straße des 17. Juni im Tiergarten zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor.

Sie rutschte auf einer Bananenschale aus bei dem Gedränge. Sie war zu gierig. Alle waren zu gierig.

Das Wort des Jahrhunderts: GIER.

Freiheit auch. Unser Bundespräsident, der es inzwischen nicht mehr ist, weiß das auch.

Hat er es deutlich genug gesagt?

Ich glaube, ja.

Die es nicht gehört haben, wollten es nicht hören. Aber es stimmt: In seinen diplomatischen Höhenflügen hat er nicht immer die Augen eines Adlers gehabt, der die Maus, die Katz, das Huhn, das Küken, sieht.Weil er keinen Hunger mehr hatte. Er war gesättigt. Das haben ihm Viele übel genommen.

„Man musste schon ganz schön zwischen den Zeilen lesen, um zu bemerken, dass er nicht verbogen ist.“

Das zischelten seine Getreuen.

Mit der Freiheit wird das also so eine Sache bleiben. Und das ist ja auch gut so.

Frau Erna Thielemann weiß von diesen Gedanken nicht allzu viel. Sie war viel zu sehr mitten drin und froh, endlich aus der Strafvollzugsanstalt entlassen worden zu sein. Wie froh sie war, vom englischen Geheimdienst in Empfang genommen zu werden, wird sich noch zeigen.

Beziehungsweise nicht, weil sie sehr schnell übergeben worden ist an den CIA, der sie bis in die USA begleitete und eines Morgens nicht unangemeldet vor der Tür ihres Sohnes stand und klingelte. In der soundsovielten Avenue

im 20. Stock. Dort öffnete nicht ihr Sohn die Tür, sondern ein neuer, aber informierter Mitarbeiter, weil Oliver Thielemann ein typisch amerikanisches Holzhaus auf dem Land bezogen hat im Einverständnis – ja sogar auf Befehl – seines Arbeitgebers.

Es wurden Papiere ausgetauscht und Informationen.

13

Indes, was macht Dostojewski.

Wir haben ihn völlig aus den Augen verloren. Zu Unrecht.

Denn: er hat sich gefangen, ist zurückgekommen nach Deutschland, um hier sein Glück zu machen.

Zuletzt fanden wir ihn in den Alpen. Dort wo die Klänge des Wolfgang Amadeus die Wut vertreiben. Du musst sie nur hören, wie sie herauf wehen aus dem Tal der Salzach.

Sie sind ja überall – die Russen, bauen sich teure Zweitwohnungen am Hang und wollen die große russische Erde, die Allgewaltige hinter sich lassen – für ein Zeit, bis sie es zerreißt und sie nicht anders können als zurück, zurück zu den Ursprüngen, in die Heimat. Als sie ihn schließlich fanden im Heuschober auf der Alm, welch eine Vorstellung, nahm er Reißaus und wollte – immer noch nicht zurück. Vielleicht nie mehr.

Im Gegensatz zu seinen Brüdern und Schwestern, den Kapitalisten aus dem Reich des Wladimir Putin. Nein, er schritt tage – und nächtelang die Schienen entlang. Wich aus, wenn ein Zug sich angekündigt hat. Er legte sein Ohr auf die Schiene, aus Sicherheitsgründen und sprang in die Büsche, wenn der Intercity sich näherte. Es war lebensgefährlich, aber er wollte gehen und nicht wieder unter einem Güterwagen, wie ein Asylsuchender eingeklemmt hoffen und bangen, dass alles seinen sozialistischen Gang geht.

Einmal abgesehen von den verbesserten Vorkehrungen der Behörden an den Länder-grenzen, die es auf einmal wieder gibt.

Jeder Hund jagt ihm einen Schrecken ein. Seit es ihn gibt, den Fjodor Dostojewski. Nord – Süd,

Süd – Nord war sein Thema und sein Problem.

Er sehnte sich auf einmal zurück zu den Studenten und Studentinnen, die ihren bolschewistischen Kaftan in die Ecke schmeißen, wenn sie hören, es gibt noch andere als Karl Marx und Wladimir Iljitsch Lenin.Wenn die Russen ihnen etwas von Gott erzählen möchten. Eigentlich mochte er sie in ihrer Naivität. Aber, das stimmt auch, er hasste ihr Unwissen. Also Berlin, nicht wieder die Büsche und Gartenhäuser auf der ehemaligen Demarkationslinie, nein, das bestimmt nicht.

Vielleicht auf der Straße, im Park.

Im Sommer.

So konnte man untertauchen.

Vorlesungen? Kaum.

Womöglich wird er in ein Kloster gehen.

Jetzt sehen, hören bis zum Ziel.

14

Was ist aus dem Co-Autor geworden,

der das einzig Richtige tat: mit dem Flugzeug

in die Neue Welt und warten, wie sich die Dinge weiter entwickeln?

15

Die Kleingärtner sind längst wieder zurück – diesmal geflogen – und haben Freundschaft geschlossen mit ihren amerikanischen Kollegen.

Fortsetzung folgt...

Müggelheim: Ein faszinierendes Dorf mit Geschichte

„Sie wohnen in Müggelheim?“

„Ja, und zwar dort, wo früher versucht worden ist Wein anzubauen wie in der rheinländischen Pfalz. Dann aber doch besser Kartoffeln wie in Preußen und Amerika und Korn und Weizen.“

Die Pioniere der Siedlung(s. Straßennamen) wurden vom preußischen König angeworben, um den Sandboden, in dem nur Kiefern wuchsen, zu bevölkern. Die Sage geht: in Konkurrenz zu Amerika. Und eigentlich war der Oderbruch gemeint und nicht das Wald-und Seengebiet, welches später nach dem Müggelseee und den Müggelbergen Müggelheim genannt wurde.

Die Sumpf-und Mückenplage im Oderbruch waren so allgemein und unbekannt für die Pfälzer, dass sie, die vor den Erbfolgekriegen im 18. Jahrhundert flohen, lieber an den Ufer des Müggel-Sees wollten. Und sollten dann und nicht mehr an die Oder, wo Friedrich der Große doch Großes vorhatte mit ihnen.

In der DDR hat man gerne verschwiegen – und das deckte sich mit der Berliner Säkularisierung in alten und neuen BRD-Zeiten – dass es konfessionelle Gründe gab, von der Pfalz weg zu gehen, die Heimat zu verlassen. Sie waren Protestanten und wollten nicht in die Hände eines katholischen französichen Herrschers fallen. CONFESSIO heißt Bekenntnis und in der DDR gab es nur ein Bekenntnis, nämlich das zum Sozialismus. – Welches Bekenntnis prägt uns? – Nur verwunderlich, dass selbst in sogenannten kirchlichen Kreisen diese Fälschung herunter gespielt worden ist und stattdessen alles Mögliche unwidersprochen gedruckt wurde, was für den Ortswechsel ausschlaggebend war, nur nicht der Glaube der Glaubensflüchtlinge. Da ich selber, der Autor, Vorfahren habe, die aus solchen Gründen ihre Salzburger Heimat verlassen mussten und unter unsäglichen Mühen mit Sack und Pack sich eine neue Heimat gefunden haben in den Niederlanden – andere in Ostpreußen – möchte ich dieses Lied singen, wenn es um die Entstehung von Müggelheim geht. Zumal das Kirchlein, welches ausschaut wie ein Feuerwehrhäuschen im Quadrat, dem Autor ebenso wenig gleichgültig ist wie die Fluchtgeschichte selber, aber genau damit auch zusammenhängt. Das erste bei den Siedlern war immer: Kirche und Schule. Auch in Preußen. Nicht nur in Amerika. Übrigens auch in jeder missionarischen Unternehmung weltweit, soweit es christlich ist. Ich nehme aber an, dass es in andern Konfessionen und Religionen ähnlich sein wird, wenn es um ein spirituelles Erbe geht, dass – egal , wo auf der Welt – etabliert wird. Ich schreibe so ausführlich darüber, weil es uns immer ärgert, auf welche Weise Profil verloren geht zugunsten einer Menge von Fakten, die einen dann erschlagen (beeindrucken) wie ein Steinschlag. Oh – wie schön. Wie toll, wird dann gesagt. Oh Wissenschaft. Oh Akademie! – Oh, wie fallen wir immer wieder darauf herein und wundern uns dann, wo alles, was doch gut war, verloren gegangen ist. Nicht nur der Himmel, nein auch die Erde wird auf diese Weise wüst und leer – wie vor dem Beginnen.

Müggel heißt eigentlich MUGEL. Mugel heißt Grab. Der Müggelberg ist ein Kultberg der Sprewanen, der Urbevökerung dieser Gegend abwärts vom Spreewald kommend. Immer der Spree und der Dame entlang. Woher ich das weiß? Mit dem Fahrrad unterwegs an einem großen Hotel am See lese ich: MUGEL und die dazugehörige Erklärung. Damit die Hotelgäste wissen wo sie sind. Das sollten sie dann nicht mehr. Gab es Ängste? Das war schon vor Corona. Nein sterben wollen wir noch nicht. Das ist unheimlich. Dass die alten Völker eine Religion hatten, vielleicht eine primitive mit Kult-Berg, nicht ganz so wie auf Rügen, aber immerhin, muss kein Tourist wissen.

„Wir sind empfindsam.“

„Sagen sie“.

„Wer, die Gäste oder der Anbieter?“

Irgend ein Programmierer hat es entdeckt, als der dem Ganzen neuen Schwung verleihen wollte und nahm sich dieser Info an. Ich war sehr enttäuscht, als ich bemerkte wie flach und hohl alles wurde, was ja immerhin einen gewissen Tiefgang hatte. Man konnte sich schon wundern. Erst, dass solche Dinge in einem Schaukasten zu lesen waren und dann: nicht mehr. Auf einmal.

Ja, alles kostet seinen Preis.

Die Neue Zeit.

Der Glitzer und der Glammer.

“Wir wollen so etwas nicht hören. Oberfläche bitte. Bitte, mehr Oberfläche,bitte!“

Mugel gleich Grab gleich Kultberg, der Müggelberg und der Müggelsee. Mit Mücken hat das absolut nichts zu tun.

Wie Kitzbühel in Tirol nichts mit Kietzen zu tun hat. Da mag es noch so viele Holztiere davon geben, weil man ja schließlich etwas mitbringen muss für die Kleinen.

„Vergiss es!“

„Verzeih es!“

Es ist alles o lange her und selbst Napoleons Truppen haben das Dorf nicht finden können auf ihrer Futtersuche…und mehr.

„Sie wohnen wirklich dort?“

Ich und meine Frau Margard seit nunmehr über 18 Jahren. Seit meinem Ruhestand. Unsere Kinder und Enkel kommen uns dorthin besuchen und auch andere, die gucken wollen, wo wir geblieben sind. Damals: erste Besuche. Es ist natürlich sehr weit draußen hinter den sieben Bergen. In dem Fall die Müggelberge. Über dem See. In diesem Fall über dem Müggelsee. Wenn Du auf der Terasse sitzt und lauschst, am besten gegen Abend, noch besser in der Nacht: Du hörst ihn rauschen: Den Wald, den Henry-Potter-Wald. Auf diesen Auisdruck sind wir gekommen durch die Filme – Du weißt schon… Literarisches Event, was wir mitgebracht haben aus Thüringen und Sachsen. Echte Fangemeinde. Ich habe das dann übernomen für meinen ersten Versuch zu erzählen, was die Welt bewegt mit dem Buch BERLINER ERZÄHLUNGEN-HEILE WELT; BESONDERS IN DER ERSTEN ERZÄHLLUNG „SYLVESTER“, die Fahrt von Müggelheim bis in den Berliner Tiergarten, wo dann die RIESENPARTY STATTFINDET ZU JEDEM JAHRESWECHSEL.

Ja, Du hörst, wie das Wetter umschlägt. Du siehst wie auf einmal die Flugzeuge vom Flughafen Schönefeld nicht mehr starten, sondern landen, je nachdem aus welcher Richtung der Wind kommt. Allein die Strömung ist aussschlaggebend, damit die Flügel tragen. Wie – wenn Du Drachen steigen lässt. Du musst den Finger in den Wind halten, um zu wissen in welche Richtung du rennen musst, damit er steigt. Das bringst du Deinen Enkeln bei auf der Kirchenwiese, wo jetzt eine KITA gebaut wurde. Eine Freude, wenn er steigt. Und Trauer, wenn er abstürzt, weil du nicht wusstest, wo der Wind herkommt.

Oder das Bellen des Hundes ganz weit draußen in der Siedlung, wo früher die Äcker waren.

Oder natürlich das Singen der Nachtigall, bei offenen Fenster.

Das Käuzchen.

Die Glocken der Gottesschachtel in Richtung Osten.

Bei Westwind hörst Du sie nicht.

Kennst du das Buch „Die Messerhelden?“ Von daher denke ich immer an „DEN RAPPEL IM CARTOON“, wenn ich die Glocken der „Gotteschachtel höre oder sie sehe oder darin tätig bin.

Wer einmal Jugendpfarrer war, muss dieses JESUSBUCH kennen.

3

„Sie wohnen also in der Philipp-Jacob-Rauch-Straße?“

„Und zwar genau dort, wo früher versucht worden ist, Wein anzubauen wie in der rheinländischen Pfalz. Dann – doch besser Kartoffeln wie in Preußen und Amerika. Und Korn und Weizen.“

„Sie haben sich in diesem Berliner Dorf eine Wohnung genommen, nachdem sie gerechnet haben wegen der Miete?“

„Nein, das war anders“. Und der Weg zur Arbeit war nicht wesentlich beschwerlicher als der innerhalb der Stadt?“

„Nein, das war anders. Meine Frau Margard und ich sind in Rente gegangen und wir wollten noch einmal Berlin erleben, die Stadt, in der wir uns in der Studentengemeinde kennen gelernt haben“.

„Aber doch nicht am Südostrand Berlins?“

„Nein, ganz bestimmt nicht. Das ist nur ein Tick: Zwar nicht am Westrand, wo die Pensionäre sonst wohnen, angeblich, aber an den grünen Ostrand wollten wir ziehen. An den Müggelsee. Und-am Fusse des höchsen Berges in Berlin. Nicht künstlich, sondern aus Sand“.

4

„Philipp Jacob Rauch war einer der Pioniere, die der Preußische König angeworben hat, um seinen Sandboden, in dem nur Kiefern wuchsen, zu bevölkern“.

„Schon wieder SAND?!“

„Ja. Schon wieder Sand.“

„Wie an der Ostsee?“

„Genau.“

5

Gottesschachtel. Bei Westwind hörst Du sie nicht, die Glocken. Da muss die Strömung eine östliche sein.

Siehe nach den Flugzeugen, wenn sie starten.

Dann weißt du, woher der Wind weht.

Bildnachweis:

Predigtheft von Michael Wohlfarth,

Albert-Schweizer-Erinnerung, aufgestellt vom Müggelheimer Umweltkreis vor der Müggelheimer Kirche

Bezug auf Harry – Potter – Wald: aus HEILE WELT-BERLINER ERZÄHLUNGEN (REISE VON MÜGGELHEIM IN DEN TIERPARK ZU SILVESTER). Cover.

Auf der Terasse

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In Teilen ist dieser BLOG hergestellt worden in Bayern, Oberammergau, Parkhotel

Das Titelbild beinhaltet den Spruch von Werner Bergengrün am Kriegerdenkmal (Veteranenclub)/ Wanderweg zum Kofel, beginnend in Oberammergau. S.vorherigen BLOG. Passend sehr für Müggelheim, weil Werner Bergengrün ein ostpreußischer Dichter ist. Und Berlin hat sehr wohl etwas mit Ostpreußen zu tun.

Kalender 25, 3/4

Tag 1 Montag 31. März

Anreise über A9. Besonderheiten Einkehr AUTOHOF, AUTOHÖFE. STIL sehr bayrisch d.h. persönlich. Überhaupt keine Struktur, würden manche sagen. Bulli voller CHIEMSEE-BIER. Eine Ladung mitgenommen für …, wenn er kommt. Oder wer. Oder nicht.

Schon AUTOHOF CAFEZEIT war bemerkenswert. Wie aus dem Buch gesprungen, die pausbäckige randlose Brillenträgerin hinter dem Dresen, die uns den Cafe zum runden Zweiertisch brachte in die Sitz-Ecke, obwohl Schlange, Schlange, Schlange. Unglaublich, Die Ruhe hat sie weg.

Gegen Acht in Oberammergau im Parkhotel. Sonnenhof. Anmelden u.s.w. Feststellung: Salzburger Rucksack vergessen (unter dem Pult).

Was nun?

Wie früher, einfach so auf‘ s viel zu weiche Unterbett.

Tag 2 Dienstag 1. April

Was heißt früher?

Unterwegs zur Apotheke für Margard. Dann BAROCK. Kirche. Friedhof. Denkmal für die Gefallenen, Geschundenen, Gequälten.

„Opfer, die wir anschauen.“ (1920). Bemerkenswert.

Weiter.

Ein in Unterwäsche wartender Mann auf der Dorfstraße vor dem Hotel TURM.

Ich hätte ihn fragen müssen: „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Durchgefragt.

Ersatz für den Inhalt des vergessenen Rucksack aus Salzburg. Extra fürs Gebirge gekauft vor anderthalb Jahren, als wir beim Bauern waren in Theisendorf, nahe der Grenze, nach Leseaufenthalt in Heidelberg entgegengesetzt auf der Landkarte West-Ost. Im Süden Deutschlands. Immer diese Ungeschicklichkeiten.

Die Verkäuferin im Textilladen ist Kasachin, erstaunt, dass ich lese. Sie musste mir nämlich eine extra Tüte geben, weil die andere Tüte besetzt war mit meinen Büchern.

„Mein Sohn liest auch.“

„Ich lese nicht nur.“

„Ich schreibe auch welche.“

Freundliche Leute die bayerisch Integrierten, seit vielen Jahren.

„Ich habe russisch gelernt.“

“ Ha, ha, ha. Mein Sohn liest deutsch und englisch. Er ist hier geboren. – Meine Tochter kann ein paar Worte – noch“, sagt sie.

Weiter.

Alles falsch.

Erst REI. Dann brauchst Du nichts zu kaufen, nur Zahnpasta und Bürste. Egal. WEITER. ZUR LOCK. Bahnhof. Gewerbegebiet. LIDL. REI. Versorgt.

Medikamente plus Hygiene plus, plus, plus.

„Endlich zu Hause“. SMAIL s. Werbung in Berlin-Müggelheim für unsere Wohnung unter dem Sand-Berg. Müggelberge.

Damit war der Tag ausgefüllt. Schlafanzug und alles andere. Nicht mehr im Trainingsanzug wie früher im Zelt an der Ostsee.

NEIN JETZT IST DAS ZU HAUSE DER KOFEL. Der Hausberg grüßt zum Fenster hinein. Sogar Balkon.

Fotos, ja, die auch.

Tag 3 Mittwoch 2. April

Endlich Ammergebirge, Ammer-Fluss.

Entdeckt beim Rückweg von der LOCK (Gewerbegebiet, Bahnhof) am Fluss entlang: Einstieg zur KREUZIGUNGSGRUPPE. Also aufgemacht. Hinauf. Alles steil.

„Wir mit unseren derzeitigen Sandbergen – höchster Berg Berlins“.

Oben angekommen gegenüber dem FESTSPIELHAUS OBERAMMERGAU DER FESTSPIELGEMEINDE SEIT HUNDERTEN VON JAHREN.

PLATEAU.

GRÖSSTES STEINDENKMAL DER WELT.

JESUS sagt zu Johannes: „DEINE MUTTER.“ UND ZEIGT AUF MARIA. UND UMGEKEHRT.(Johannesevangelium).

„Ludwig II. war so ergriffen. Und er weinte“, steht da auf einer Tafel.

Er finazierte aus der Staatskasse Bayerns dieses Denkmal und zwar genau in dem Jahr, als Bismarck den Franzosen um der Einheit willen den Krieg erklärte. KRIEG 70/71. Er bestimmte auch den Marmor aus der bayerischen Nähe und den Bildhauer aus München. Es dauerte 5 Jahre, bis der Koloss aufgestellt werden konnte.

Tonnenschwer.

Die Oberammergauer hatten extra für den König allein die Passion aufgeführt. Ihnen wurde das Denkmal gewidmet. Aus Dankbarkeit. –

Das war in der Früh. Ich musste endlich auf die Höhe. Wenigstens dorthin, wenn schon nicht auf die Spitze des Kofels. Verabredung 9.00 Frühstück im Hotel mit Schwimmbad und Sauna.

Ich habe das geschafft in der Morgensonne dieser unseligen Sommerzeit Europas und der Welt. Warum lassen sie die Zeit nicht wie sie ist.

Jetzt schmeckt das Frühstück, Mantel über den Stuhl, Utensilien auf das Fensterbrett. Sie werden abgegeben in der Rezeption, wenn Du sie liegen läßt. Ehrliche Leute.

Triumph in der Ehe. Kleinlaut ich, ja, ja.

Umtauschen im Dorf oder Stadt. Oder Marktflecken. Gemeinsamer Dorfbummel bis zur LOCK. Wieder. Kaufhalle MÜLLER. Neben Kaufhalle LIDL. Klingen und Schaber. Ich will keinen Drei-Tagebart. Wir sollten zu Hause bleiben. Alles vergessen. Alles im Rucksack. Extra für das Wandern gekauft in Salzburg vor anderthalb Jahren, als wir beim Bauern waren.

Es gibt jedes Mal etwas Neues zu sehen.

Tag 4 Donnerstag 3.April

Endlich KFZ. Versehentlich an den See gefahren in Österreich. Über die Königsschlösser zurück. Allgäu. Wiesen. Frühling. Ausruhen. Schlafen in der Sonne, egal welche Zeit.

Keine Werkstatt gefunden unterwegs wegen eines Lämpchens, welches glüht und anzeigt, dass eine grössere Lampe (Fernlicht rechts) nicht funktioniert. In Oberammergau zurück am Kofel vorbei schnell noch zur LOCK/Tankstelle: „Ja wir haben eine Werkstatt, fahren Sie am Gelben Haus vorbei. dort finden Sie sie…Mayer. Sie gehört zu uns. die machen das. Heute nicht mehr. Zu spät. Morgen“.

Tag 5 Freitag 4.April

Schwimmen, Werkstatt im Gewerbegebiet. Alte Post.

Wanderung am hellen Mittag, nach rechts entschieden an der Wegscheide im Gebirge. Der Finger Gottes. Wie Elbsandstein. Nur viel höher. Der Kofel.

Nur eine Begegnung.

Handy dabei.

Stock. Gutes Schuhwerk. Zu wenig Zeit. Umkehr.

Im Gebirge habe ich gelernt umzukehren. Und zwar so: Als ich eine Familie gesehen habe, wie sie auf dem Kammweg balancierte. Das erste Mal. Und auch, wenn die Wipfel der Fichten oder Tannen (?) von oben zu sehen waren und es grollte der Himmel.

Als Bild für die Umkehr 1989 genommen. Und gepredigt. In Altenburg/Thüringen, von wo aus wir alle diese Orte das erstemal uns angesehen haben. „Gegrast“, wie B.L. es immer ausdrückte, unsere Referentin (Altenburger Akademie-Offene Kirche).

Aber immerhin – leider ohne meine Frau – erster Anstieg.

Abendspaziergang. Ausgelöst den DRINK-Schein als Willkommensgruß an der Bar in LUDWIG, Gaststätte 200 m weiter Richtung Ettal. An der Bar Begrüssung mit Frühstücksgast so spät wie wir. Und Zeitung TAGEBLATT GARMISCH-PARTENKIRCHEN. Er sorgte dafür, dass der Gast die Zeitung bekam, die er wollte. Gute Zeitung. Nicht hetzerisch. Kein Kriegsgeschrei. Nicht verantwortungslos, eben Zeitung. Nachrichten. Fast wie NZZ. Man konnte sie lesen. Keine Floskel. Mehr. Wenn ich das so sage, glauben Sie mir.

„MAN KONNTE SIE LESEN.“

Vieles sollte man heutzutage nicht lesen. Es verdirbt. Ein Grund, dass wir geflüchtet sind.

Der spätere Frühstücksgast war kein Altlinker, wie ich vermutet habe, sondern der Besitzer des Hotels und der Gaststätte. Er war mir aber genau so sympathisch. Ich habe ihm bei gebracht: Was ist die Russische Welt. Was ist die russische Sprache. Wer ist Putin. Wer ist Gorbatschow. ‚Warum bin ich in die Russische Botschaft – gegenüber die protestierenden UkrainerInnen – in Berlin?“ Lange Pause – „Um mich einzutragen in das Kondolenzbuch gegenüber dem Kreml-Fenster – wie ein Kirchenfenster im hohen Botschafstsraum mit gewaltiger Treppe. Unter den Linden in Berlin. Unweit des Reichstages, auf dem die sowjetische Fahne gehisst worden ist, damit alles klar war 1945 im Mai“.

Es ist ein FENSTERBILD und Du hörst Radio Moskau wie BBC London, wenn du dort sitzt und dich einträgst. Es ist Weltgeschichte. Wenn du genügend Phantasie hast und dir die Filme dazu einfallen. Der Klang und das Bild.

Tag 6 Sonnabend 5. April

Am Sonnabend Sabbat. Wanderung nach Links von der Wegscheide aus gesehen zum KOFEL. Ein bisschen über den Wipfeln schon, oberhalb des Friedhofs hinüber zur Grotte, nachempfunden der Höhle von LOURDES in Frankreich: Wegen einer Krankheit. – Bis zu einem Hang. Ideal zur Abfahrt oder zum Rodeln. Dort ein Soldatenkreuz. Vom Veteranenverein errichtet. Darf man heute alles wieder machen und sagen, sogar im protestantischen Norden, nach dem Einmarsch Putins vor über drei Jahren in die Ukraine. Sonst dürfte man es immer noch nicht sagen. Ich bin mir sicher. TABU. TABU. TABU. Zivilgesellschaft. URBAN u.s.w….S. dazu: Theologumenon“ FRIEDLICHE REVOLUTION“, DIE WIR ANGEFÜHRT HABEN MIT ANDEREN Z.B. IN DEM MITTELZENTRUM ALTENBURG IN THÜRINGEN.

Paradox.

Glaubenskategorie.

Kierkegaard.

Jetzt HOCHHUT: Geschichte absurd.

Ja, Schiller.

Kofel, wenn du dich entscheidest, links zu gehen…

…kommst du an diesen Hang und im Tal das Kriegerdenkmal mit einem Gedicht von Werner Bergengruen. Ein Ostpreuße.

Tag 7 Sonntag 6. April

JUDICA 9.30 Messe in der Barockkirche…

Vorbei an den Krügen …in der Empfangshalle des Hotels…

…An den parkenden Autos…

Nach dem Gottesdienst…noch einmal der Ort, nahe bei dem Festspielhaus: Das Verlegerhaus, in dem Ludwig Thoma geboren wurde. Die Stifterszene für die Oberammergauer Passionsspiele. Selige Erben.

Fahrt nach Garmisch und Partenkirchen. In Grainau Haus Barbara gesucht und weiter über Östereich die andere Seite der Zugspitze, am P.-See zurück in Richtung D/OA.

Tag 8 Montag 7.4. 25

Sören Kierkegaard: Wiederholung ist Erinnerung nach vorn. Ich hoffe, wir haben das beherzigt.

Über Regensburg nach Hause. Berlin.

DANKE HERR FÜR ALLE BEWAHRUNG UNTERWEGS ZU FUSS IN DEN BERGEN AUF DER STRASSE AUF DEN AUTOBAHNEN DURCH MÜNCHEN REGENSBURG UND IN ALLEN ANDEREN STÄDTEN AMEN.

Auf Wiedersehen!

BROT

Abendmahlsgottesdienst in Müggelheim am 30.3.25, Sonntag Lätare-Freut Euch, 10.00 Uhr.

Lieder: 447 1-6; 396 1-3; 396 4-6; 115 1,4,5; 389 1-2

Psalm-Lesung Eg 734, Ps.84

Predigttext aus Johannes 6 1ff. unter Zugrundelegung Johannes 1,1 und 14

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Liebe Gemeinde,

1

Das Johannesevangelium beginnt so: Im Anfang war das Wort…(1,1).

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit(1,14).vcvcvv

Was dann kommt ist die ‚Auslegung dieses Satzes an Hand der Geschichte von Jesus Christus, dem Menschensohn und Heiland der Welt.

„Siehe das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“(1,29 Johannes der Täufer.) Darauf hin die ersten Jünger am Jordan.

Vielen Menschen begegnet JESUS. Viele nehmen ihn auf. Andere nicht (1;11,12).Vielen schenkt er Neuanfang und Vergebung, Freude und Wahrheit: Den Jüngern und Jüngerinnen, der Hochzeitsgemeinde in Kana, dem Pharisäer Nikodemus, der Samariterin am Brunnen.

„JESUS lebt mit ihm auch ich“, singt der Professor aus Leipzig in der Aufklärungszeit unserer Zeitrechnung. Und wir mit nachher. 2000 Jahre später.

Und die Vergebung und Heilung wird in Christus spürbar für Viele, die an ihn glauben. Sicher sogar die, die nicht an ihn glauben wollen und sein Feinde sein wollen als Wechsler im Tempel oder als Lehrer.

2

Gottes Liebe ist grösser.

Die alle gesund geworden sind in Jerusalem, nahe der Stadt, unterwegs über Samarien, in Richtung Heimat Galiläa, wo er sicher fühlte und glücklich am See Genezareth, wie mir ein Reiseführer versicherte. Einige zogen mit ihm, viel folgten ihm, als er über des See Genezareth fuhr.

Die Herrlichkeit Gottes. Sie folgten ihm nach. Wegen der Zeichen, die er gibt und der Wunder wegen, die er tut. Und der Fragen wegen, die er aufwirft: “Ist Jesus, Josefs Sohn,Gottes Sohn?“

„Auf den wir warten“.

„Der Messias“.

See Genezareth, das Galiläische Meer oder See von Tiberias. Dort fahren sie hin und her. Die Jünger, Jesus, die Nachfolger.Die Follower. Sie wollen ihn zum Brotkönig machen, weil sie die Zeichen des HERRN nicht verstehen, sondern nur, sondern nur, dass sie für den Moment satt geworden sind bei der Speisung der 5000, als es auch Reste gab, 12 Körbe voll.

Jesus flieht. Er möchte nicht ergriffen werden.

Allein auf der Spitze des BERGES.

3

Nach dem Event kommt die Nacht. Die Jünger haben längst die Boote bestiegen zurück nach Kapernaum. Aber die Menge bleibt bis sie merkt am nächsten Morgen. JESUS ist weg. Verloren für sie als Brotkönig. Und sie haben nimmer ausgesorgt für immer. Wie sie das dachten. Sie ahnen, dass er wieder dort drüben ist. In Kapernaum in der Synagoge. Sein liebster Aufenthaltsort in Galiläa. Dort waren sie ja auch gestern, als der die Kranken berührte.

Als sie ankommen, sagt er zu ihnen:“Ihr sucht mich nicht, weil ihr das Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid.“

„Schafft euch Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die bleibt zum ewigen Leben. Die wird euch des Menschen Sohn geben.“

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen. Er wird nicht hungern und wer an mich glaubt, der wir nimmer mehr dürsten.“

(Predigttext 6,47-51) „ Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, der davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und diese Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“

Das ist die kürzeste Erklärung für die Eucharistie, für das Heilige Abendmahl, dass wri das Opfer Christi annehmen.

Das ist mein Leib.“

Das ist mein Blut.“

Oder: Brot des Lebens, Kelch des Heils.

Christus, das Manna seiner Kirche, seiner Gemeinde,der Christenheit, welche über 2000 Jahre durch Zeit und Ewigkeit zieht. „Und wir sind mitten unter ihnen.“Durch Wüsten, durch fruchtbare Auen, Tag oder Nacht. An klaren Bächen entlang. Im Zwielicht der Ereignisse. In Klarheit und Wahrheit. Durch Trümmerlandschaften.Durch neue Städte und Dörfer, durch alt Städte und Ruinen. Jetzt, gestern. Heute. In Kreuz und Auferstehung. Christus der HERR. Von Ewigkeit zu Ewigkeit.Im leben und im Sterben.In Verfolgung und Not. Im Glück ebenso wie im Scheitern.

„Weil wir eins sind in ihm.“

So sagen wir es in unserem Glaubensbekenntnissen und Liedern und bezeugen es in aller unserer Armut des Wortes und Unvollständigkeit unserer guten Werke.


Alle werden das nicht so sagen können.

Vielleicht den einen oder den anderen Satz.

Und nicht immer.

Vielleicht haben wir die Sehnsucht, es so sagen zu können.

Immer.

Vielleicht können wir es manchmal plötzlich in Dankbarkeit.

Die Liebe Gottes ist größer.

4

Gestatten Sie mir zum Schluss der Predigt noch eine Geschichte zu erzählen aus meiner ersten Zeit als Pfarrer in unseren Wismutdörfern. Es war in der Nähe von Crimmitschau. Ich sitze auf einer Parkbank und warte auf meine Frau. Mir schräg gegenüber ein junger Vater, der Probleme mit seinem Sprössling hat. Plötzlich höre ich den Vater:“Du BROT!“M.E. schimpfte er den Sohnemann aus. „Du Brot!“ Hatte ich noch nie gehört. BROT? Schimpfwort? – Bis heute hoffen ich, die Situation nur nicht richtig verstanden zu haben.

Ich wünsche uns allen einen gesegneten Sonntag zum Mahl des HERRN, dass wir in der Lage sind unter der Woche von der Kraft des Brotes und der Freude des Weines abgeben zu können von dem was wir empfangen haben.

Wir beten:Herr, schenke uns den rechten Glauben, damit wir leben können. Und danke für Dein Sakrament, Brot und Wein, dass wir stark sind, wenn wir gebraucht werden in unserer Zeit. AMEN.