Von Ostern bis Pfingsten

Ich habe noch die Namen der Sonntage im Konfirmandenunterricht, den mir mein Vater gegeben hat, gelernt: Die Zeitperspektive SEPTUAGESIMAE – SEXAGESIMAE, weiter ESTOMIHI, INVOKAVIT, REMINISCERE, OKULI, LÄTARE, JUDIKA, PALMARUM, endlich OSTERN. – „70 Tage vor Ostern“ gibt die neue Zeitrechnung vor, „60 Tage …“ schärft sie noch einmal ein und dann eben der WEG zu OSTERN hin: „Sei mir ein starker Fels, Gott!“ Die Antwort Gottes: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören!“ Dann wieder das Flehen des Beters: „Erinnere Dich doch, Gott, deiner Barmherzigkeit!“. Die Konzentration: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“. Und die Auf-forderung zur Freude in der Gemeinschaft der heilenden Umkehr: „Freut euch mit Jerusalem!“. Daraus folgernd der Anspruch auf Recht, wenn einem Unrecht zugefügt wird: „Gott, schaffe mir Recht!“. Auch den Minderheiten! -Palm-sonntag, der einfach ein wichtiger Sonntag in der Geschichte der evangelischen Kirche Deutschlands war und für mich natürlich einen bitteren Beigeschmack hat dahingehend, daß wir immer noch in einer postsoziali-stischen Jugendweihegesellschaft leben, seitdem die Konfirmation am Sonntag Palmarum – und danach in der heimlichen Ökumene mit den westdeutschen Großkirchen zu den so genannten weißen Sonntagen nach Ostern – nur noch für Eingeweihte in der ehemaligen DDR einen Sinn hatte. -Zeit und Ewigkeit, Bitte und Fürbitte, Erinnerung, Konzentration, Freude und Recht und der historische Ort – wie Weihnachten, wo die Palmen wachsen – Fundamente des Glaubens werden durch die Namensgebung der Sonntage vor Ostern in Erinnerung gerufen, ebenso wie die „Weißen Sonntage“ nach Ostern mit ihren Namen es tun: QUASIMODOGENITI.– nach der Auferstehung Gottes in unserem Leben wird das christliche Leben manifestiert durch die Taufe. „Wir sind wie neugeboren!“ Und die Wiedergeborenen loben den „Gott der Barmherzigkeit“, daß der Tod nicht das letzte Wort hatte, sondern das Leben, welches durch die Liebe Gottes weitergeht und sich erneuert. Deshalb der Name des 2. Sonntags nach Ostern: MISERICORDIAS DOMINI. Die Getauften jubeln zu JUBILATE und singen zu KANTATE, wie sie beten zu ROGATE. Nach Christi Himmelfahrt noch einmal das Flehen der Gemeinde – lat. EXAUDI -, die mit ihrem Herrn gelitten hat zu Karfreitag und mit ihm eins geworden ist zum Gründonnerstag im Heiligen Abendmahl – und mit ihm wieder auferstanden ist im Sieg des Glaubens an den Gekreuzigten und Auferstandenen, sitzend zur rechten Gottes, wir wir es bekennen jeden Sonntag ob Ostern oder Weih-nachten, oder ganz normal, wenn die Kirchen nicht so gut besucht sind. –

Und PFINGSTEN ? „Da sind die Geschenke am geringsten!“ singt Brecht. Er weiß, was er sagt, keine Ostereier, kein Weihnachtsbaum mit Geschenkendarunter, w e i l e s u m d e n G e i s t g e h t, um den Heiligen Geist, den Jesus vor seiner Entrückung den Jüngern verspricht: Er wird Euch trösten tief in euren Herzen, daß ihr siegen könnt und überwinden, – wie Martin Luther King – oder wenn ihr an den Gräbern steht der Menschen, die ihr am liebsten hattet. Er wird euch einführen in die rechte Lehre, damit Ihr glauben könnt und keine Angst zu haben braucht, wenn sie euch abführen in den Gassen und vor die Richter. Ihr werdet immer wissen, was ihr zu sagen habt! – Ja, das ist Pfingsten, das wichtigste christliche Fest, wie viele Christen sagen, die früher keinen Mut mehr hatten zum Leben, weil sie es erfahren hatten: Sie flehten um den mutmachenden Lebensgeist – und er hat sie aufgerichtet. Die Armen im Geist. In den Slums der Metropolen. In den Palästen. Die Sklaven und die Sklaven-halter gleichermaßen. Auch und gerade der Philosoph Peter Sloterdijk macht den Christen Mut im 3. Jahrtausend ihrer Geschichte, die Gaben des Heiligen Geistes in Anspruch zu nehmen, wie es Christus verheißen hat damit die Hoffnung nicht verweht. – Ich wünsche Ihnen, daß Sie I h r e n Sinn finden für das ganze Jahr, I h r e n Glauben für die anstehenden Feste, für jeden Sonntag, jeden Tag, jede Woche, jede Stunde, jeden Augenblick alle Zeit für die Ewigkeit.

Aus PREDIGEN AUF DEM MARKT, Berlin epubli, Erscheinungsdatum 14.01.2019

FROMMVERLAG SAARBRÜCKEN, Erscheinungsdatum29.05.2013

Veröffentlicht von famwohlfarthtonlinede

Jahrgang 44 Lieblingsbeschäftigung:Schreiben und Predigen.Sehnsuchtsort Ostsee. Wohnort Berlin, Heimat Thüringen. Wenn Du mir schreiben willst, bitte über michael.wohlfarth@t-online.de; https://kaparkona.blog; michael-wohlfarth.jimdo.com; michaelwohlfarth.wordpress.com

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