Ach Dostojewski, wie wenig, ach wie wenig haben sie Deine moralischen Grundsätze- nachdem sie Dich verschlungen haben – unter der Bettdecke- wenn es Nacht war und junge Mädchen schon längst schlafen sollten, – wie wenig, ach wie wenig haben sie das Grundsätzliche begriffen…oder doch ?- Die Mädchen von damals, die Frauen, die Mütter und Großmütter heute. Könnte ich sagen und mich stolz zurücklehnen.

Wirklich?

Ich weiß nicht. Sollen die Mädchen von damals und Mütter und Großmütter von heute nach der Lektüre dieser nächtlichen Begegnungen doch den Kopf schütteln und ihrerseits schreiben über ältere Brüder, jüngere Brüder und Cousins aller Grade und Coleur, über die Jungens in der Klasse, über die damaligen Scheinvettern, na eben die Männer, die sie dann geworden sind.

Väter und Großväter

Vorsicht! Das ist kein Beitrag zum Geschlechterkampf !

Oder ist vielleicht gerade alles so gekommen, wie es gekommen ist, weil sie es begriffen haben? Oder weil sie es nicht begriffen haben.

Wir werden es nie erfahren.

Oder doch.

Eines Tages.

Beim Durchstöbern der Archive, beim Sortieren alter Seilschaften.

Im Jüngsten Gericht.

Wie war das bei Effi Briest.

Da war es auch so. Damals waren es Briefe…

Manchmal ist es besser, nicht zu sortieren, nicht zu ordnen, sondern es dem Chaos zu überlassen. Seiner Ordnung. Dann ist es der Flügelschlag der Libelle gewesen, der Stich der Mücke, der Rose.

Der Fuß des Elefanten, der die Tasse trifft mit dem Tee, der vergiftet war… Oder die berühmte Ziege, die das Gras vom Grab frisst, über das es gerade gewachsen war, in diesem Sommer….

So oder so.

Wie auch die Erwachsenen dazu standen, ob junge Mädchen schon in der Dämmerung am Morgen das Buch, das dicke Buch „Der Idiot“, unter dem Kopfkissen hervorholten… und glühend weiterverfolgten, was die Buchstaben ihnen sagten…Es war wie ein Feuer…ein Fenster in die Leiden der jungen Männer.“

“Ihr solltet das noch nicht lesen“, wurde zu den anderen, die jünger waren und mit der Cousine gemeinsam die Ferien verlebten, gesagt.

„Du nicht, aber ich!“

„Nein, nein, es war nur die Geschichte, die Story, die Fabel, die blieb, als ich es dann auch gelesen habe und ich mich erinnerte. Wie war das damals?

Ich habe Dich nicht unter der Bettdecke gelesen, nicht mit der Taschenlampe am Abend, wenn die Mutter nachschaute, ob ich schon schlief.

Nicht am hellen Morgen, wenn alle anderen noch geschlafen haben. Das war mit Karl Mai so und anderen Schmökern, die wir uns geborgt beziehungsweise ausgetauscht hatten. Ich las Dich nicht wie etwas Verbotenes, unterlag Dir auch nicht, wie einer Sucht. Süchtig nach Dostojewski- nein! Und die Aussagen? -sind sie wirklich nur verschlungen worden von der Spannung der Erzählung. Die Aussagen, die so hoch moralisch waren, so hoch moralisch, dass sie umschlagen wollten in ein tiefes Gefühl der Verzweiflung und des Mitleidens mit Deinen Helden.

Ich glaube doch, dass das geblieben ist…. diese eigenartige Spannung…

Das wolltest Du ja- Mitleid.

Und was ist heute.

Gibt es sie wieder, die jungen Männer aus deinen Romanen. Männer, ob sie nun russische Kaftane tragen oder Baskenmützen? Thälmannmützen. Oder die der Budjonnyreiter.

Bolschewiken nachahmen und Pazifisten spielen. Palästinenser können es auch sein. Frieden spielen oder Krieg.

Laß sie nicht dorthin gehen, wo die Synagogen stehen…

Wehre doch nicht ab, es war Tolstoi, der die Bergpredigt Jesu ins Russische übersetzte, damit wir es dann von d o r t ins Deutsche herüber holen konnten.

Ja und du warst es mit Deinen Helden. Den Prostituierten. Den armen Leuten, den Verfluchten und Gesegneten des Herrn.

Du hast großartige Dreigroschenromane verzapft. Wir haben sie verschlungen. Da gab es noch Ehre, Tränen und Unglück.

Mein Gott, was ist heute aus uns geworden.“

Erste Begegnung – Auf dem Feld der Ehre.

Niedergeschrieben in der Woche zwischen Totensonntag und 1.Advent

Das eherne Gesetz

Ehre im Leibe haben, haben unsere Väter auch einmal gesagt.

Es heißt heute im Jahre des Herrn 2008 Würde und steht sogar im Grundgesetz.

Das ist ein Grundsatz bei uns – und keine Literatur, wo sich junge Leute duellieren, weil sie Spielschulden gemacht und sich gegenseitig beleidigt haben – in Baden – Baden z.B., im Deutschland des 19. Jahrhunderts, von damals. Oder an welchem anderen geschichtlichen oder geografischen Ort.- Der Stolz, der alles andere aufwiegt.

Und in Vaterlandsliebe gestorben werden darf.

Nein! Es ist die pure Wirklichkeit des Textes und eigentlich sollen die Kinder es in der Schule lernen. Und die Richter danach urteilen, wenn es ums Ganze geht und wenn sie angerufen werden, um der Zukunft willen.

Es ist kein billiger Dreigroschenroman in Fortsetzung geschrieben, um sich über Wasser zu halten, seelisch und materiell.

Nein, das ist es nicht.

Es ist das deutsche Grundgesetz.

Und die Väter des Grundgesetzes, nach dem wir leben sollen in unserem Gemeinwesen, Mütter waren damals zu allermeist noch zu Hause, haben geschwitzt, sagt man. Geweint?

Es waren sicher mehr unsere Großväter, wenn überhaupt. Oder so dazwischen. Zwischen Vater und Großvater. Das könnte man genauer erkunden und natürlich –wie immer – ein

Psychogramm hinzufügen. Es waren die – Älteren, denn die, die im Großen Vaterländischen Krieg gegen Euch und eure Stalinorgeln und fliegenden Nähmaschinen die Gewehre hochhalten mussten, waren viel zu jung, um solche Entscheidungen treffen zu sollen.

Was wird erstens festgestellt? „Die Ehre des Menschen ist nicht zu beleidigen,“ würdest du vielleicht sagen.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Ich habe dir das etwas in dein Russisch übertragen wollen, weil ich Dir einen Gefallen tun wollte und wir alle wissen, dass es sie gibt: Die Ehre.

Die Erniedrigten und Beleidigten, die Ausgestoßenen, die Ehrlosen, die Armen im Geist. Die Unglücklichen. Die mit dem Gesetz in Konflikt Geratenen. Die Verbrecher aus verlorener Ehre.

Da sind wir uns doch nahe, lieber Dostojewski.

Da können dann aber auch Bomben gebaut werden. Das weißt Du. Dann kommt das Duell im Morgengrauen?

Ja, ja es heißt etwas anders, nicht mehr im Deutschland Schillers, den du so gemocht hast, Fjodor!

Die Würde ist es.

Aber wir wollten gerade deshalb wissen, wie Du Schiller verstanden hast, mit Deinen Karamasows, deinem Großinquisitor, Deinem….

Ich habe übrigens Deine Romane gut und fest gebunden in einer Klassikerausgabe auf den Brettern, auf denen die Bücher stehen. Aber auch in Reclam.

Die Würde des Menschen. Die Revolutionäre, die so genannte deutsche Linke, die RAF in meinem zerrissenen Vaterland sollen in ihrer Jugend sogar dafür gewesen sein, wenn sie nicht gerade Bomben gebastelt haben. Aber vielleicht sogar da. Vielleicht haben sie sich sogar in ihren nächtlichen Gesprächen mit Heinrich Böll, Günther Grass, Günther Wallraff, Martin Walser, Hans – Magnus Enzensberger so geäußert, dass sie wegen Paragraf Eins und der Menschenwürde Leute umbringen müssen!

Du kennst das Dostojewski.

Das ist ein gefährlicher Weg.

Du kennst ihn Fjodor. Schiller: Verbrechen aus verlorener Ehre. Du hast doch auch im Grunde genommen Kriminalromane geschrieben. Ein tragendes Motiv. Das tragende Motiv des deutschen Krimis und warum die deutschen Tatsorte so gut sind. Gekauft werden, diese

Kammerspiele, in aller Welt.

Da sind wir Euch doch nah. Der erste Kriminalroman ist doch von Friedrich Schiller geschrieben worden. Er lebe hoch im Schillerjahr. Kein Wort davon gelesen.

Geisterseher? Nein? Nur die Dramen mit den Frauen, wenn sie sich um Macht streiten? Wie unglaublich aktuell…

Also Ehre ist auch Würde.

Vielleicht weil wir das Volk der Theologen sind.

Der Ideologen. Das brauchen wir mitten drin. Zwischen Ost und West in Europa.

Laß es Dir erklären wie im Religionsunterricht der zwölften Klasse.

Du bist doch Christ, orthodox und slawophil wie Solschenyzin, trägst die Bergpredigt Jesu auf Deinem Herzen, das Evangelium von den geringsten Brüdern und Schwestern.

Stimmt das?- Du bist ungesund spät aufgestanden – hätten die Deutschen der Deutschen Demokratischen Republik gesagt und sagen es heute noch in Preußen, in Thüringen, in Sachsen. Eigentlich immer erst in der Dämmerung des Winters und im hellen Mittag in der schönen Sommerzeit. Gegen Abend – oh Ihr Russen – taut Ihr auf. Du bist dann spazieren gegangen. Vielleicht hast Du vorher beim Cafe schlürfen, nein Tee schlürfen, Deiner Frau ein Schillergedicht rezitiert? Und dann hast du geschrieben in der Nacht, in der der Psalmist die Wahrheit sucht.

Wodka wird nicht mehr getrunken in den Führungsetagen Polens und Russlands. Oblomov siegt nicht. Der große Bruder siegt nicht. Die Vernunft siegt nicht. Die Mafia siegt nicht. Putin siegt nicht. Wer siegt denn?

Sibirien heilt. Die Weite macht abhängig und Angst wie das Meer.

„Hattest du Kinder, Enkel, Urenkel? Oder trifft das alles nur für Deinen Bruder im Geist zu. Leo. Tolstoi.

Ach , ja Ihr Russen. Ach, ja…Du solltet vielleicht Thomas Mann lesen, da hast du den allmählichen Übergang von der Ehre zur Würde. Ein wenig ist es wirklich zum Seufzen.

Ach ja, die Anschauungen und Meinungen, schreibt er , ach ja , die Russen kommen.“

2.Begegnung – aber…

10.12.2007

„Weiter“ –

heißt ein „Fenster“ -in der weiten Welt des Nicht-Wirklichen.

Wir bleiben aber stehen beziehungsweise sitzen. Wie am Schluß des Wartens auf Gott. Wir gehen nicht, obwohl wir es ständig im Munde führen.

Vielleicht ist Pilgern die Lösung.

Du mußt es nur anklicken mit einer „Maus“ – oder mit dem sanften Druck Deiner Hände. Mit Deinem Fingerspitzengefühl, welches Du trainieren musst, indem Du jeden Morgen zu Deiner alten schönen Weihnachtsblockflöte greifst und darauf spielst: „Fröhlich soll mein Herze springen…“

„Klicken“ ist einfacher.

Laptop ist elegant.

Der Rechner ist mächtig gewaltig.

„Weiter“.-

Du weißt nie, was kommt und hast Angst, daß sonst etwas passiert, explodiert. Wenn Du die falsche Taste drückst, den „Pfeil“ auf das falsche Wort lenkst.

Dann stelle ich mir Bin Laden vor, wie er vor seinem Laptop sitzt und scheinbar zufällig auf „Weiter“ -drückt. Und das war das Entscheidende. In aller Stille die Vorbereitung und die Ausführung.

Der Horror kommt auf leisen Pfoten wie ein Tiger, der ein Kalb sucht.

Noch schlimmer, wenn es Bin Laden nicht selber macht, sondern seine Jünger, denen es um ihre Würde geht. Aber wenn sie Gottes Ebenbild sind und deswegen ihre Würde auch unantastbar bleibt, warum haben sie es dann nötig sich so zu wehren. Sie haben noch nichts vom Leiden gehört. Dostojewski. Nein, nein Dostojewski. Oder liege ich da falsch.

Also weiter! Dostojewski, auf unserem weiten „Dialog-Feld“ des Theodor Fontane nicht, sondern auf dem des reichsten Mannes der Welt weil er diese Maschine erfunden hat, mit der wir gerade so schön spazieren gehen in der Götzendämmerung des Friedrich Nietzsche .Mit einer Panflöte auf dem Grammophon.

Du weißt also, wie es uns geht. Die Werte verfallen. Nein, sie wandeln sich, wie immer in der Weltgeschichte, die unser Gericht ist, wenn ihr Ziel Gott ist. Ich weiß es. Nur Zitate. Aber immerhin wieder der Geschichtsschreiber Schiller und der andere große deutsche Geschichtsschreiber Ranke. Ja, ja ich möchte mich und dich gleichermaßen neugierig machen. Reg Dich nicht auf. Schick mir eine Mail und erzähle mir alles über eure Schulweißheiten, die du so verachtest. Das wäre doch eine schöne kantianische Pflichtübung

Sozusagen in eurer russischen Enklave. Du sollst dich nicht schon wieder aufregen. Es geht weiter. Keine Angst. Nichts geht unter. Nichts geht verloren. Alles kommt wieder. Wie der Prediger sagt und nicht Christa Wolff, die Frau, die den DDR-Bürgern so gut es ging Geschichten erzählt hat. Früher dachte ich, sie hätte es heimlich, ohne dass ihre Genossen es bemerkten, von Günther Grass abgeguckt, bi s ich begriff …Von wegen Grass, nein das Predigerbuch, 3. Kapitel. „Was gestern gewesen ist, wird morgen sein.“ Schade, ich habe meinen Schülern beigebracht das die intellektuelle Redlichkeit damit beginnt, dass ich Quellen angebe… Ich bin ja nur ein Ossi. Ein „Zoni“.

Und bei den Römern heißt es in abgewandelter Form: Nichts Neues unter der Sonne… Alles schon da gewesen.

Wir müssen nichts restaurieren, Es kommt sowieso.

In unserem evangelischen Glauben, lieber Bruder, singen wir „Ich bring alles wieder…“ Wir singen und beten das mit Paul Gerhard aus Luckenwalde und Berlin. Immer noch. Er meint den, der vor der Tür steht. Der alles wieder bringt.

Wer weiß, wer das ist, der da vor der Tür steht. Weiß Leo auch. Ist es gar unser Feind. Du erinnerst dich, er bringt dem verfeindeten Bruder den Bruder zurück und der ist Christus. Du erinnerst dich an die Erzählungen im Schneesturm. Im Gutshaus.- Das gilt auch für unsere Völker, für unsere Vaterländer. Gorbatschow kam doch aus einer gläubigen Familie, haben uns Evangeliums – Baptisten in der Ukraine erzählt, als sie noch zur großen siegreichen Sowjetunion zählte. Euer Landsmann Gorbatschow hatte es gerade aufgegeben, die Speerspitze der Revolution Lenins sein zu wollen. Jetzt herrscht Frieden. Nein, nein keine Ruhe, im Gegenteil. Eine heilsame Unruhe ist ausgebrochen. Sie ist furchtbar für diejenigen, die nicht wissen, das Frieden nicht die Abwesenheit von Kampf bedeutet, sondern dass Gott uns nahe ist. Advent. So hast du das doch auch gesehen. Oder obliegen wir da einer optischen Täuschung. Nein, nein bestimmt nicht.

Kennst du den LETZTEN ADVENT? Den jemand beschrieben hat für ein Opfer der Sowjetmacht, das unter Lebensgefahren die heilige Grenze der Sowjetunion von Westen überschritten hat, um zu sehen, wer in den unterirdischen Gängen der Angst und des Terrors übrig geblieben war von des GLAUBENS GENOSSEN. Da werden Gottesdienste gehalten in Angst und Not.

Und im Seufzen der Kreatur nach Freiheit…

Ja, Dostojewski, erzähle mir etwas über die Dämonen, die gefallenen Engel, die herabgestürzt sind wie Satan auf das Feld der Erde.

Du hast es gewußt.

Wir werden es Dir nicht vergessen.

Nein, die Demokratie ist nur furchtbar, wenn sie gottlos ist. Wenn das Teilen der Macht nur auf Kalkulation beruht. Wenn die Politik, die dabei herauskommt ohne Prinzip ist. Ohne Begründung. Amerika ist gar nicht schuld. Wie schön, wenn man Sündenböcke hat und das Gericht damit aufschiebt. Gottes Mühlen mahlen langsam, haben die ehrlichen deutschen Handwerkersfamilien, die Eure Zarin so mochte, gesagt. Ich würde solche Sprich -Worte

nicht sofort in den Vorgarten werfen zu den Idyllen der Gartenzwergfamlien.

Es hat ewig keine Zukunft, wenn die Demokratie, die Tugenden braucht, als Prügelknabe dient. Wie- haut den Lukas. Kennst du dieses Sprich- Wort. Unser Volk ist nicht so schlecht, wie es manche machen, aber es ist der Leute Verderben- die Sünde. Der Hochmut, dass das Geschöpf ohne den Schöpfer auszukommen glaubt. Sicher die Wiege der Demokratie ist nicht nur England und die Schweiz, sondern –vielleicht zuerst Griechenland, die Polis. Gerade deshalb – wie schwach war sie und ausgesetzt all denen, die den leichtesten Weg gehen wollen. Demokratie braucht Tugend und Anerkennung, Glaube, Liebe und Hoffnung.

Sie braucht Nächstenliebe, Solidarität. Wenn sie zum Religionsersatz wird, ist sie eine Ideologie, raffinierter als alles anderen Ideologien, tot und utopisch, virtuell und traumhaft, wie bei einem Mondsüchtigen, der angesprochen wird und vom Dach fällt. Sie braucht keine Leute, die den Fluß von der Quelle

und vom Meer trennen und den Kreislauf des Lebens zerlegen, um ihn zu beherrschen. Demokratie an sich gibt es gar nicht. Sie ist eine Staatsform, eine bessere, als die Schlechtere, wie uns ein Brite belehrte, als die Diktatur des Proletariats in Deutschland zu Ende ging.

Nein, die Demokratie ist nicht nur englisch. Oder gar amerikanisch und französisch. Ein Held Friedrich Schillers steht in allen Schulbüchern. „Der Tell“, nach dessen Rütlischwur mit seinen Eidgenossen auf einer Wiese bei Küßnacht in der Schweiz unsere Nationalhymne gesungen wird. Und nach nichts anderem. “Der Tell“, der die Freiheitsglocke läutet und die Sehnsucht nach Einigkeit, Geschwisterlichkeit als den Grundton aller Verschiedenheit als das eigentlich Menschliche auf seine Fahne schreiben läßt. Beziehungsweise Dein Schiller tut das, lieber Fjodor.

Da habt Ihr vielleicht doch als Rechtgläubige Nachholbedarf. Aber andererseits- Ihr kommt ja in Eurem Glauben aus Griechenland. Euer Christentum jedenfalls ist ein hellenistisches.

Wie redet Tolstoi von dem großen Barbar, dem Shakespeare, meinem Lieblingsdichter? –

Also wenn Ihr nicht das allerchristlichste Altengland nehmen könnt zum Studieren wie eine holländische Fregatte weiland Euer großer Zar, versucht es über die griechischen Buchstaben.

Uns fällt das auch schwer als ehemaliger Sowjetrepublik. Wir sind Euch doch so oder so ziemlich nahe gekommen, als Verlierer dem Sieger.

Natürlich ist Mütterchen Russland, Väterchen Zar – bei Frost hört es auf- viel gemütlicher als Demos und Kratos. Was ja so viel wie Volksherrschaft, auch Rat, Sowjet bedeuten sollte.

Und das wird nichts ohne Autorität. Ohne echte Autorität. Ohne europäische Werte. Ohne christliche Erfahrungen in unserer aller Geschichte, von Sieg bis Scheitern, von Hybris bis Demut. Und wehe, wenn das Wort Gnade untergeht und immanent missverstanden wird als zwischenmenschliche Angelegenheit ohne Gottesbezug!

Geht das Wort Gnade verloren? Was kommt dann? Dann ist es gnadenlos. Aber gerade Könige konnten dieses Wort verlieren, weil sie selber nicht mehr in der Gnade leben wollten. Was war dann mit dem Gottesgnadentum?

Die Monarchie ist nicht die Lösung. Höchstens, dass der Tyrannenmord einfacher ist, als ein demokratisches System nicht in Bürokratie verkommen zu lassen.

Der Sonnenkönig bei uns ist der Kunde. Er ist gnadenlos und der Verkäufer noch gnadenloser. Gnade uns Gott.

„Das muß doch Dein Anliegen sein: Gott ist König. Dann brauchen wir keine Könige, die uns gnädig sind. Aber die Ebenbildlichkeit des Menschen, die Rettung des Menschlichen durch Christus, der als Retter und Richter vor der Tür steht und anklopft – wir warten ja darauf.

Daß wir Geschöpfe sind, geboren und nicht bürokratisch oder elektronisch, oder technokratisch auf die Welt gekommen sind, sondern eine Mutter haben und einen Vater, wenn wir das vergessen bei allem „weiter“, sind wir die erbärmlichsten

Kreaturen, die es gibt, die alle Armut in den Schatten stellen und jenseits von Erniedrigung und Beleidigung, jenseits aller Würde nicht leben und nicht sterben können.

Das muß doch Dein Anliegen sein, euer Anliegen sein Ihr Russen in Eurem riesigen Land. Das ist doch das eigentliche Geheimnis des Frieden und der Freiheit. Die Demokratie ist doch nur ein Mittel und nicht ein Ziel.“

„Was sollen wir denn nun hierzu sagen?“

Wir fragen mit dem Apostel, mit den Juden und den Christen, Mit Euch. Mit Dir.

Am 17.12.

3. Begegnung – in deinen heißen, fiebrigen Nächten.

In Deinen heißen, fiebrigen Nächten.

Mit Deinen großartigen Frauengestalten – wie Schiller- von dem hast du es wohl abgeguckt ?-

Mit heißer Nadel.

Spannend – nicht ganz so- wie die Wiedervereinigung eines vierzig Jahre getrennten Landes.

Du hast es aufgeschrieben wie einen Trivialroman. Fortsetzung um Fortsetzung. Im Rennen . Im Laufen. Atemlos. Außer Atem. Wie Lola rennt. Ohne good bay Lenin. Wie an der Grenze, wie Checkpoint- Charlie. Wie Fjodor Dostojewski. Wie die Kreuzersonate von Leo, dieses Gutsbesitzers mit seinen verzweifelten und fröhlichen Figuren – und der Bergpredigt.

Und Eurem Bondartschuck, der alles gelesen hat und „Krieg und Frieden“ buchstabiert in den unendlichen Bildeinstellungen der Kameraleute und einem Grundton der Überzeugung vom Menschlichen, während Kinsey seinen Report zusammengestellt hat über Stellungen beim Sex.

Das widert dich an?
Um wie viel größer sind Deine Leidensgefährtinnen, die Gott suchen und finden und den Sex nicht zum Bild für die Wirklichkeit erklären. Sondern es werden Bilder gesucht für das Geheimnis des Lebens. Das Mysterium.

Und jetzt –endlich – reden sie von Geschichte. Sie können nicht mehr Buße tun, weil sie nicht mehr wissen wollen, dass es Schuld gibt und dass wir Sünder sind. Das Gebet ist ihnen
abhanden gekommen. Die Erinnerung. Das Innen und Außen. Öffentlichkeit und Intimität. Das Gedächtnis. Sie hören nicht mehr das Wort des Priesters: solches tut zu meinem Gedächtnis.
Solches tut zu Eurer Vergegenwärtigung. Denn das ist das Geheimnis von Geschichte, von Herkunft und Zukunft, von Charakter und Vererbung. Nicht die Physik. Nicht das Labor, sondern unser Wissen und Wollen, daß von unserem Tun abhängt, was morgen ist. Das ist eine moralische Frage neben der Feststellung unserer Gene.
Sie haben keine Bindung mehr. Keine Religion. Keine Bindekraft. Keine Rückbindung. Sie lesen weder Schleiermacher noch Zinzendorf. Euren herrlichen Aitmatow haben sie immer nur unter dem Ladentisch hergezaubert, weil die Szene es las im zensierten Rußland und Deutschland. Jetzt müssen sie Buddhisten werden oder Hindus, Muslime. In ihrem krankhaften Rausch, sich zu mischen unter allen Umständen.
Sie kaufen sich die Gebetsketten von Religionen, die sie nicht kennen. Den Rosenkranz verachten sie in ihren Kolumnen. Sie wandeln vor vielen Göttern im Gebirge und die Ikonen küssen sie nicht, weil es unanständig ist und unhygienisch. Was ja auch stimmt. Aber bitte schön nicht im Vergleich mit dem Himalaya und dem Dalai Lama.
Sie leiden nicht mit. Sie kennen das Kreuz nicht mehr und tragen es nicht mit, wie Simon von Kyrene. Sie spielen nicht mehr als Kinder die Hirten auf dem Feld, denen das Wunder der Geburt mitgeteilt wird und sie deshalb anfangen zu rennen, um das Wunder zu sehen: Und siehe es war Gott. Sie erinnern sich nicht. Sie tun nichts für ihr Gedächtnis. Sie machen Gedächtnistraining im Alter. Sie knien sich nicht mehr aber machen ständig Gymnastik. Sie beugen sich nicht mehr aber machen ständig Kniebeugen.

Wir können nicht still sein und haben Angst vor der Wüste, die uns umgibt, aber doch dazu gehört zum spirituellen Leben, von dem wir oft reden und es suchen in der großen Langeweile, die manchmal aufkommt und überfallartig sich breit macht mitten im Streß und Frust des Alltags, wie ein großes schwarzes Loch.-

Manchmal dauert die Wüste vierzig Jahre lang, ehe Gott uns herausführt, weil er uns abhärten will und prüfen , damit wir tauglich sind für die Zwischenfälle des Lebens. „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ ist die Voraussetzung dafür, dass wir in alle Welt gehen können, um die frohe Botschaft unverschämt mitzuteilen.

„Sie haben auch keinen Zorn mehr, weil sie nicht wissen, wo er gut aufgehoben ist,- in der Vergebung.“

Jetzt sind wir zurück, wir sind wieder bei Deinen Gestalten, die Du geformt hast Fjodor.

18.August Lesung Gedenkbibliothek Nicolaiviertel Berlin

Veröffentlicht von famwohlfarthtonlinede

Jahrgang 44 Lieblingsbeschäftigung:Schreiben und Predigen.Sehnsuchtsort Ostsee. Wohnort Berlin, Heimat Thüringen. Wenn Du mir schreiben willst, bitte über michael.wohlfarth@t-online.de; https://kaparkona.blog; michael-wohlfarth.jimdo.com; michaelwohlfarth.wordpress.com

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