Ein Erlebnisbericht (Aus „Oliver – oder Die Berichterstattung mit Erlebnissen des Autors“, i.Arbeit)
An einem Montag im Herbst 1989, am 9.Oktober, habe ich mich von Altenburg in Thüringen aus nach Leipzig aufgemacht, es war der Tag mit dem größten Aufgebot an bewaffneten Organen, allerdings auch mit 10 – tausenden von Demonstranten. Wir wollten sehen, was unser Sohn macht, der ein Praktikum bei einer Leipziger CDU – Zeitung absolvierte und dem die bewaffneten Organe (Kampfgruppen, Polizei-Bereitschaft, u.s.w.) bei einer DEMO im September die Kamera weggenommen hatten – wegen der Bilder, die nicht um die Welt gehen durften. Denn das war ja das Unheimliche: Es gab damals keine Verbindung zu eben dieser Welt mehr. Wir kannten nur noch unsere. Mir wird das jetzt noch einmal besonders deutlich in diesen Tagen, wo das Internet von den Mullahs in Theheran abgeschaltet wird. Und nicht nur das. Auch das Telefon. Die Angst vor der Welt da draußen! Genau das war das Grundgefühl der Regierenden a u c h in „unserem“ sozialistischen Staat. Das erzeugt eine Wagenburg aus Ideologie und Militanz auf allen Ebenen. –
Damals, 1989, kamen wir in Leipzig auf dem Karl-Marx-Platz, dem Platz vor der Oper, an und trafen dort Georg Harpain, den Leiter des Magdalenenstiftes in Altenburg. Dieser sagte mir n a c h der Demo:“ JESUS hat die Demonstration angeführt. Ich habe es gesehen.“ Das geht mir bis heute durch und durch, wenn ich an seine Worte denke und ich weiß auch, woher dieser ehemalige Jugend – Diakon aus dieser alten thüringischen Residenzstadt den Mut hatte. Denn noch vor Beginn der Demo sagte er: “Wir müssen da ins Gebüsch. Da stehen die LKW“s der Kampfgruppen. Ich habe die Hunde gesehen, die sie mitführen“. Tatsächlich waren sie dort stationiert. Wir gingen unbehelligt von LKW zu LKW, stiegen die Treppchen hinauf zu den „Kumpels“ in Uniform: Arbeiter aus Betrieben in und um Leipzig, die auf ihren Bänken saßen und auf den Einsatzbefehl warteten. „Bitte lasst nicht die Hunde los! Es könnten Eure Kinder sein, die da auf Euch zukommen“, sagten wir quasi im Chor. – Sie hörten uns zu und schmissen uns nicht vom Wagen. „Hoffentlich kommt ein solcher Einsatzbefehl nicht“, wird mindestens die Hälfte gedacht haben. Da bin ich mir sicher.
Es ist bekanntlich nicht dazu gekommen, dass sie die Hunde losgelassen haben und mein Sohn hat mit Freunden nach Weihnachten `89 einen LKW aus Dresden geholt aus Beständen der dortigen organisierten Verbände, um damit Lebensmittel in den Süd – Osten Europas, nach Rumänien zu bringen. Sie konnten das Fahrzeug einer dortigen griechisch-katholischen Gemeinde überlassen zur gemeindlichen Versorgung. Es war keineswegs der einzige Kontakt mit den Organen, denen man in der DDR kaum ausweichen konnte.Wenn, ich zum Beispiel an unseren GST – Chef (Chef der paramilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik) in dem Dorf denke, in dem ich bis zum 1. Mai 1988 der pastor loci war, der ORTSPFARRER. Dieser war zuständig für die Motorisierung der Bevölkerung mit dem MOPED SIMSON SUHL. Auch solch ein schönes Wort aus dieser Zeit der Diktatur des Proletariats in unserem Leben! Jeder der umsonst für den SCHEIN Moped fahren lernen wollte, musste bei ihm anklopfen. Auch meine Frau.
Noch genauer dokumentiert sind die Berührungen mit solchen Kräften durch Gespräche mit Gemeindegliedern. Die Staatssicherheit gehörte ja auch zu den bewaffneten Organen. Die Obersten und andere Militär – Ränge in meinen tausendseitigen Stasi-Akten, die als OV und OPK bezeichnet wurden, jagen mit noch heute Angst und Schrecken ein. Und meiner Frau. Wenn wir die Akten lesen!
In den DDR-Zeiten war immer Heiteres, Schlimmes und ganz Schlimmes miteinander vermischt, wenn ich zurück denke. Das i s t eine Lebenserfahrung, die ich auch heute anwende in der Beurteilung vieler Dinge, die ja alle p o l i t i s c h u n d m e n s c h l i c h sind!.-
Auf meinem und seinem Schreibtisch dienen zwei Aufhängevorrichtungen für Sturmgewehre aus dem LKW, den mein Sohn mit Freunden nach Rumänien überführte, der im Notfall als Lazarett gedacht war, als ERINNERUNG AN DIE BEWAFFNETEN ORGANE. In die Hohlräume lege ich Büroklammern, Radiergummis und anderes mehr. Von daher begleitet mich die Erinnerung daran ständig bei allem, was ich schreibe und geschrieben habe – als Pfarrer und als Autor. Bei jeder Predigt, die ich in den PC tippe.
Auf dem Platz vor der Leipziger Oper standen sie. Einzeln wie Litfass-Säulen. Eigentlich auch wie Salzsäulen aus der biblischen Geschichte. Wir schauten uns besser nicht an und auch nicht um, sondern wir blieben standhaft stehen und warteten. Dann hörte ich die Rufe:WIR SIND DAS VOLK: WIR SIND DAS VOLK: IMMER WIEDER. Wie ein Schutzmantel muss das gewesen sein für diejenigen, die gelaufen sind auf dem Ring. Auf der Strassenbahn-Schiene. Und für uns mit.
Ja, GORBI HABEN SIE AUCH GERUFEN. GORBI, GORBI, GORBI. Dieser zärtliche Ausdruck diser Generatioon. Unserer Generation dann auch. Wir haben ihn an den Kragen geheftet. Unseren Patron. Aber erst nach HÖLDERLIN GEWISSERMASSEN REIHT EUCH EIN.REIHT EUCH EIN.REIHT EUCH EIN WAR ES SO WEIT. Ich reiht mich ein und dachte an Rückert: Wenn nur einer käme und mit mitnähme. Es haben mich Tausende mitgenommen. Und wir zogen. Und wir zogen wie die Griechen, wenn sie den Wein stampfen. Immer im Kreis. Immer im Kreis. Wie die Israeliten mit ihren Posaunen. Bis sie einstürzt – die Mauer, die Befestigung für die Ewigkeit.
Erst haben wir uns in ein Kaffee gesetzt, gar nicht weit vom Dokumentarfilm-Kino.
Dort war H. W. Unwirklich, dass wir ihn getroffen haben. Er tat erst auch so wie Salzsäule, aber dann konnte er sich nicht entziehen und musste die Hoffnung mit uns teilen. Ich habe ihn Jahrzehnte später, als ich schon in Berlin zurück war und als Ruheständler der Dinge wartete, die da kommen sollten, als Freund und Pfarrer beerdigt mit seinen drei Frauen. Immer schön verheiratet. Nicht nur Pärchen. Die erste Scheidung von einer rumänischen Pfarrerstochter habe ich mit erlebt in einem Gerichtszimmer in Jena. Wenn ich mich nicht täusche. Danach war ich krank und meine Frau M. musste mich pflegen.
Also wir standen auf und jeder ging seiner Wege.Auf den Karl-Marx-Platz, wo sie standen. Immer mit Abstand. Ohne jede Berührung. Wie ein nachhaltiger Kiefernwald in den Berliner Forsten von Köpenick und darüber hinaus. Lichter Wald würde ich aber zu dieser Gruppe nicht sagen auf dem Marx-Engels-Platz. Sondern ZITTERN UND ZAGEN. Doch Hoffnung, versteckte, auch. Sogar sehr. Für mich jedenfalls sage ich das.
Und dann bin ich in das Telefonhäuschen gerannt, außen an der Post, am Ring.
03447 3626. Das ist das Pfarramt Brüderkirche II. Meine Frau ging sofort zum Telefon, als es klingelte. Sie hat schon darauf gewartet. Viele haben darauf gewartet.
„ Es wird nicht geschossen.“
Schweigen. Auflegen. Sie wusste Bescheid. 18.36 Uhr steht in der STASIAKTE. Gut, dass sie mit geschrieben haben. Aber auch wieder gar nicht gut. Man wird faul und denkt. Sie haben es ja notiert. Warum sollte ich – noch. Man ist-wie vergesellschaftet.
Was hat die STASI mit uns gemacht. Sie haben keine Diskussion zersetzt, wie eine ehrgeizige angehende Historikerin behauptet.
Sie haben mich zersetzt.
Der Beginn jeden SCHREIBENS.
Da ist Literatur wahrer als Wissenschaft.
„Das ist eine Fälschung!!!“ , singt der Chor der Meergeister und des Waldes in den Kiefern, wenn Du nach Norden kommst.