Danach

In Erinnerung an die Biografie Dietrich Bonhoeffers. Er solle unbedingt bleiben, sagten die Freunde in den Vereinigten Staaten. – Zur Vorbereitung des ROMANs DANACH.

Fliegende

Blätter

werden

gelesen, vorgelesen

auf Deck in der Sonne

auf

dem

Ozean.

Atlantik

bei der Überfahrt von

USA/Deutschland.

Um endlich zurück zu

kommen.

Denn es ist Krieg.

Spannungen

Leben zwischen Krieg und wieder Krieg

Eine essayistischer Roman

Michael Wohlfarth

Impressum

Texte: Michael Wohlfarth
Umschlag: © Copyright epubli

Verlag: Michael Wohlfarth

Philipp-Jacob-Rauch-Str. 30

12559 Berlin

email: michael.wohlfarth@t-online.de

Druck: epubli-ein Service

der neopubli GmbH, Berlin

Personen:

Oliver, Geheimdienstler in den USA, Adoptivkind aus Hessen; Henry, eigentlich aus Magdeburg, Geheimdienstler und spezieller Begleiter von Oliver mit Sonderauftrag; Kollegen von Oliver und Henry; Anne, die junge Frau von Oliver aus Deutschland im Wald, – gemeinsames Kind von Anne und Oliver: Sophie, getauft in einer Baptistengemeinde New Yorks. In der Erinnerung Waldemar Fischer, Vater von Oliver; Mutter: Erna Thielemann alias Dr. Brunhilde Lengenfeld, Vater von Anne: Horst Leskow

„…s’ ist leider Krieg –

und ich begehre, nicht schuld daran zu sein...“

Matthias Claudius

Gewidmet allen ehrlichen Friedensfreunden, mit denen wir „seit Menschengedenken“ für den Frieden gearbeitet, demonstriert und gebetet haben. Unabhängig von ihrer Religion und Weltanschauung: Männer und Frauen, denen wir dadurch immer nahe waren.

Margard und Michael Wohlfarth

Stand Arena bb 25 Grosses I Nummer 10 unter Kriminalisten oder Bellestristik

ARENA LINDENSTRTASSE BRLIN bb25 mittig L 10 (Stand)

1. Buch

1

Wenn du meinst, es geht nicht weiter, schlag das Buch der Lieder auf – und singe.

Singe dem HERRN und von den Menschen. Warte, bis dir ein Zeichen gegeben wird.

Und geh’.

Wohin?

Wohin?

Sag wohin?

Hinaus in die weite Welt, zu den Menschen, die auf den Bus warten. Zu den Bäumen, die bis in den Himmel wachsen. Aber halte dich nicht zu lange auf und verirre dich nicht.

Kehre um und warte in deinem Haus, bis es klingelt und du weißt nicht, wer vor der Tür steht. Wer steht vor der Tür? Der Christus? „Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an?“

Der Stalker? Der dich verfolgt. Der Verbrecher, der schon lange einen Fuß in die Tür bekommen wollte? Wie er schamlos deine Niederlagen ausnutzt, alle Zeitfenster benutzt zum Einsteigen, die es nur gibt?

Ist es schon dunkel, dass du ihn nicht mehr erkennst im mageren Schein der Lampe aus dem Nebenzimmer. Oder ist es Tag und du kannst ausschließen den Bösen, weil du glaubst, du erkennst ihn im Licht der Stunden.

2

Es ist Nacht und du öffnest. Da steht sie – die Frau deines Lebens. Und du hattest geglaubt: nie seht ihr euch wieder. Zusammen den Kinderwagen geschoben durch den Sand – und dann bist du gegangen, die Gabelung nutzend.

In eine andere Richtung.

Du hast gewartet. Tagelang.

Nächtelang.

Jetzt hat sie den Bogen geschlagen und ist zurückgekommen von der Stadtmission. Umwege. Untiefen. Sie haben ihr Mut gemacht. Es noch einmal zu versuchen.Dabei war es doch alles so gut und schön. Sie kommen in dem verheißenen Land an und finden Heimat in der Baptistenkirche in der großen Stadt New York. So viel Heimat, dass sie sich trauen lassen, obwohl sie aus dem Osten Deutschlands gekommen sind, wo Kirche ein Feind – oder fremdes Wort – war und nur aufmüpfige Genossen und Nicht–Genossen und vor allen Dingen deren Kinder den Weg in eine Kirche fanden, weil es dort die Freiheit des Wortes gab und das Gefühl: hier kann man alles sagen. D.h. das, was man in der Schule, in der Partei nicht sagen konnte. Sie lassen ihre Ehe segnen und versprechen den Weg der Taufe zu gehen. Alles gut? Ich weiß nicht, ob ihre Vergangenheit sie quält. Die vaterlose Gesellschaft. Die Geschichten, die ihnen niemand erzählt hat. Ihre Familiengeschichten, weil sie noch Gegenwart sind.

„Weil es besser so ist.“

3

Der schwarze Pastor sagt: „Geh’ wieder hin zu deinem Mann. Auch wenn er dir unheimlich ist in seinem Beruf. Es ist ihm ja selber alles unheimlich, sonst wäre er nicht weggelaufen.

4

Ja, es stimmt. Das dunkle Geheimnis seiner Herkunft hat ihn getrieben in die Eisenbahnwaggons, wo die Dichter lesen. Dort auf dem weiten Feld in Amerika. Dorthin, wo Walt Whitman die Gräser singen hört. Er konnte seine Frau dorthin nicht mitnehmen. So einsam ist der Mensch, wenn es darauf ankommt. So einsam kann er sein.

„Deswegen ist er noch lange nicht glücklich, wie einige Leute uns weismachen wollen“. Sagt der Prediger unvermittelt und fängt an zu singen von den Sklaven, die frei werden, wenn sie nur glauben.

5

„Komm rein“, sagt Anne zu ihrem Mann. „Setz dich!“ Sophie schläft im Nebenzimmer. „Willst du sie nicht sehen?“ „Oh doch.“ „Dann komm.“ Auf Zehenspitzen öffnen sie die Tür ins Nebenzimmer und Sophie liegt gut versorgt in ihrem Stuben-Wagen. Wem sieht sie ähnlich? Keine Frage. Die Strapaze mit den Zügen und irren Hin- und Herfahrten im PKW wegen der Vermisstenanzeige ihres Vaters hat ihr nicht geschadet. Warum auch. Sie war immer ganz nah bei Anne, ihrer Mutter, die sie behütet hat wie Gott die Kinder Israels behütet in der größten Gefahr. Das hat Oliver überzeugt. Sie ist in der Dunkelheit gekommen, hat eine Freundin gebeten, auf das Kind zu achten, um Oliver zu zeigen: Ich liebe dich. Du sollst zurückkommen nach den Stunden und Tagen. Sie ist in das billige Motel gekommen mit den Türen zur Straße in der Nacht. Jetzt stehen sie wieder in dem Holzhaus und er nimmt sich vor, seine Arbeitsstelle zu kontaktieren, um zu fragen, ob er seine Auszeit abkürzen darf. Ob alles gut wird. Nicht, wenn er draußen bleibt. Es gibt zu viel Menschen, die draußen bleiben, weil sie die Welt bewegen wollten, aber in Wahrheit nicht mit ihr zu Recht kommen. Mit der Geschichte ihrer Welt. Vielleicht sollte er sich vielmehr von Henry helfen lassen. Er hatte sich angeboten unterwegs, als sie den Zug hinter sich ließen, den Grünen Zug, den Grünen Salon, den Club der Toten Dichter. Der sich in dem Moment in Luft auflöste, als die Kriegserklärung durch den Äther kam. Die Spezialoperation Putins im fernen Europa/Ost.Keiner hat geglaubt, dass es vorbei war mit der Sowjetunion. An den Zaren und sein Reich wollte niemand glauben. Dass es wiederkommt. Der Kommunismus war tot, es lebe die Nation. Die Weltrevolution bestand nur noch im Gegeneinander der Raketen mit Atomsprengköpfen. Wie hat Kennedy gesagt: unterirdisch geht alles weiter. Selbstfindung war gestern. Luxus auch. Luxus verteidigt man nicht. Das macht keinen Sinn, sondern nur Schuld. Weil nicht alle in Luxus leben können. Dann wäre es auch keiner mehr. „Du hast deine Sachen nicht dabei?“ Anne schaut ihn mit großen Augen an. „Ist das nur einmal ein Besuch?“ Lange Pause.„Nein, ich habe den Motel-Schlüssel nicht abgegeben.“-

„Ich hatte nicht mit dir gerechnet.“-

„Du brauchst Zeit?“

„Ja.“

Fühlst du dich schuldig?“

„Ja.“

„Das musst du nicht.“

„Warum nicht? – Ich habe dir von Anfang an etwas verschwiegen. Meine Mutter ist im Gefängnis mit einer schweren Schuld, die sie aus Rache auf sich genommen hat. Sie hat die Liebe benutzt und meinen Vater einen Abhang hinuntergestoßen. Das ist immer noch die alte STASI-SCHEISSE. Und das weißt du. Wir müssen zurück in unsere Heimat.“

„Über den Ozean?“-

„Kein neues Leben hier in den Staaten?“

„Nein!“

„Keine Neue Welt?“ Schweigen.

6

Natürlich hat strukturell gesehen der FREIKIRCHLICHE WEG – american way of live – seine Wirkung auf Oliver nicht verfehlt. Warum hat er sich denn eigentlich anwerben lassen, als er noch auf der Uni war und Betriebswirtschaft studierte. Seine Pflegeeltern, die er sehr liebte, fanden das am besten für ihn und sein Weiterkommen in dieser Zeit. Der FBI hatte nicht lockergelassen und den Judith – Plot nicht ruhen lassen. Ein Grenzübertritt mit tödlichen Folgen auf dem Boden der Deutschen Demokratischen Republik und die Rache danach von den Kindern des Opfers an dem Täter beziehungsweise dem Befehlshaber des Täters, der seinen Dienst an der Grenze versah. Das Dumme auch noch, dass der Offizier der Liebhaber ihrer Mutter war und seinen besten Freund mit ihr betrogen hatte. Er meinte, er hätte ein Recht darauf. Sie hatte ihn doch geliebt und nicht ihn. Die Kinder der Täter, die Rächer müssen nun damit klarkommen. Ein regelrechtes Angebot für Dienste, die nach Energien suchen, die unterirdisch graben und bohren.

Die neue Welt, die wir alle wollten. Die wir aber erst suchen mussten, als die alte zusammengebrochen war. Warum nicht gleich Amerika. Das ist doch wohl der Westen. Die stabilste Demokratie, wo die Freiheit so sicher ist, wie der Schuss aus dem Revolver im guten alten Western, den auch Leonid Iljitsch Breschnew so gerne gesehen hat. Der kleine Mann neben Erich Honecker in der Karosse die Straße hinunter. Vor dem Mauerfall. Und – ach – der Kuss – an den Mauerresten. Bunt.

Danach.

7

Und nun Krieg. Ausgerechnet jetzt, wo alle dachten es ist vorbei: Der kalte Krieg. Die Angst vor der Bombe. Wir konnten die Story nicht zu Ende erzählen. Der Plot ist uns im Halse steckengeblieben. Der Schöne Schluss in dem GRÜNEN SALON im Club der Toten Dichter wollte nicht zustande kommen: Da sitzen sie gelangweilt, nicht wie in der einen Nacht von den Tausend, nicht einmal so wie in den Märchen von Hauff aus einem deutschen Mittelgebirge. – Sie hofften alle, dass keiner mehr kommt. Keiner mehr geschickt wird. Keiner den Zug anhält und aufspringt, um seine Predigten los zu werden. Auch Oliver kann ruhig den Mund halten – oder hatte er ein paar Gedichte dabei, die er unbedingt noch vortragen wollte?

Wie das Kaffee Gedicht?

Komm wir gehen in das Café wo der Kaffee noch schmeckt.

Die Zitrone noch gelb ist ausgequetscht ins Stundenglas.

Die Torte vergiftet wird von den Heinzelmännchen die sie dann auch selber essen.

Und nicht etwa den Kuchen servieren.

So in etwa, das hatte er schon im Ärmel. Und noch viel mehr. Aber es sollte nicht dazu kommen. Er war auch zu schüchtern – in Wirklichkeit. Aber seine Schüchternheit war es diesmal nicht. Diesmal war es etwas ganz anderes. Höhere Gewalt. Schicksal? –

8

Krieg im Heiligen Russland, in der ehemaligen Sowjetunion. In der Heimat von Nikita Chruschtschow, Sergej. Ja, der mit den Schuhen. Wie ein Araber, wenn er besonders jemanden verachten möchte. Das ist die Ukraine. Seit dem Zerfall der Sowjetunion nach 1989 nicht mehr in der Föderation. Ein großes herrliches Land. Schwarzer Acker – du mein Gesicht, wie es Johannes R. Becher singt. Noch viel mehr. Wenn der Mond über der Weite aufsteigt und wir Kiew ansteuern, die RUS, im Spätsommer 1989. Wir müssen zurück nach Europa, dem Zipfel von Europa. Da im Westen. Durch Polen. Ein Land? Ja und nein. Grenzland zwischen dem Westen und dem Osten. Zwischen ROM und KONSTANTINOPEL – Moskau, das 3. Rom. Zwischen Polen und den Russen. Den Echten? DIE RUS IN KIEW, der Geburtsort aller Russen und Ukrainer in der Russisch-Orthodoxen Kirche. Die Geschundene.Die Priester, die ihr Grab schaufeln mussten, bevor sie durch Genickschuss fielen. Der Bolschewismus war kein Kinderspiel. Und die Gerechtigkeit ist es auch nicht. Klappen sie jetzt nicht das Buch zu, lieber Leser, geneigte Leserin. Wir müssen über Gott sprechen.Was ist ORTHODOXIE? Der rechte Glauben. Der sich nicht ändert. Der eigentlich Gremien und Konferenzen ausschließt, in d e r Annahme, es wird nicht besser, sondern eher schlechter, wenn es Veränderungen gibt, die aus unserer Sicht nötig sind. Sind sie nötig? Nur weil wir es im Moment meinen. Hinterher sagen alle: schlechter als vorher. Oder ist das russischer Fatalismus oder gar abgründiger Humor. Gogol.

„Ehe wir die Macht innerkirchlich austarieren zwischen Männern und Frauen, Alten und Jungen und sie umsetzen in Bürokratie – das Büro herrscht – lassen wir doch lieber alles beim Alten und versuchen Einfluss zu nehmen auf die Macht“. –

„Ja, es stimmt, wir beten sogar für den Teufel“.

„Wie im deutschen Kaiserreich, als Thron und Altar eine Allianz bildeten und sich gegenseitig zu ergänzen suchten von je dem eigenen Standpunkt aus?“

„Oder in England, wo die Königin die oberste Kirchenherrin ist zugleich?“

„Nein, so weit gehen wir nicht, wir reichen nur den Füllfederhalter, den goldenen, wenn der linke Ministerpräsident in Griechenland ein Gesetz unterschreibt“.

Sagen die Griechen, die Nachfahren von Homer.

„Ja, das kann doch nicht sein!“

„Aber es ist so“.

„Es ist sehr unterschiedlich“.

9

Nichts ist vergessen.

Wie der Stahl gehärtet wurde. Der stille Don. –

Die Schulzeit.

Die Budjonny–Mützen.

Der schwarze Acker. Der Mond. –

Der klapprige Moskwitsch.

Der Terror.

„Wir haben für die Freiheit gekämpft mit diesem Gefühl der Liebe und des Zorns“.

„Den haben wir immer noch“.

„Immer wieder“.

„Den schlimmen Jähzorn der Geschichte“.

„Der Zorn Gottes in unseren Herzen“.

„Den Heiligen Zorn“

So raunen sie, die Veteranen, die Wutbürger, die Revolutionäre und Rebellen. Auch die Neunundachtziger. Sie schauen sich erst einmal um wie früher, damit sie auch ja niemand hört und sie ihre Pensionen eventuell verlieren.

Paradox.

Die Kategorie des Glaubens seit Sören Kierkegaard. Positiv.

Nur so konnte die Einheit Deutschlands gelingen nach so vielen vergeudeten Jahren der Spaltung. Dachte ich, der Schreiber dieser Zeilen.

Wie habe ich geglüht in diesem Glauben vor und nach 1989.

Gegen Unterdrückung mit Hilfe von Solidarnosc, den Erinnerungen an Ungarn und Tschechien. Mit GORBI auf den Lippen. Zitternd vor Angst auf dem RING in Leipzig. Heldenstadt. Und jetzt? GORBI weg. Putin da. Nationale Konflikte im Osten, die einen Krieg heraufbeschwören. Das ist kein Klassenkampf. Ja, natürlich IMPERIALISMUS WIE AMERICA.

Das passt.

Uralte Nationen.

200 Jahre zählen nicht.

Der Zar ist für die Gläubigen da, wie die englische Königin. Er hält sie zusammen. Er wiedervereinigt sie: die vielen kleinen Emigranten-Kirchen der Russen in die große R O K. Ja, es kann sein, dass die Metropoliten alle beim KGB waren, wie unsere Theologieprofessoren an der Humboldt – Universität zu Berlin.

„Verschwulte Gesellschaft.“

Kyrill heizt den Krieg an und fühlt sich moralisch auf der richtigen Seite.

Kreuzzug?

Ja, fast.

Das ist nicht neu.

Ich erinnere mich Mitte der 60iger Jahre. Vietnamkrieg.

Laszive Bilder in der eingeschmuggelten BILD aus Westberlin.

Besuch aus der Tschechoslowakei oder weiter aus dem Osten: DIE SCHLAMMFLUT KOMMT aus dem Westen.

Dieser Satz ist bei mir hängengeblieben. –

Wir sitzen in dem kleinen Zuschauerraum in der Otto – Schill- Straße.

Der Intendant Herbert D. hat neben sich den Popen aus einem Ostland.

Wahrscheinlich war es nicht einmal ein Pope. Sondern ein Reverend. Egal.-

Wir hören zu. Die Spieler und Spielerinnen dieser österreichischen Erfindung: SPIELGEMEINDE. – Der Mann aus der Singebewegung verkauft sie an den Sozialistischem Deutschen Staat als ein landeskirchliches Unternehmen. In meinem SVK – Ausweis ist eingetragen für diese Zeit: Volksmissionarischer Mitarbeiter.-

Ein Trost für meinen Vater.

10

Danach…

…in den Zehner-Jahren des Neuen Jahrtausends im Ruhestand, der mir die Zeit gibt zu schreiben und zu predigen auch noch und zu reisen in einem Kleinbus westlicher Bauart der Oberpfarrer des Kirchenkreises kurz vor der Weichsel auf der Fahrt nach Königsberg-Kaliningrad über die Heimat seiner Vorfahren:

„Die Westtüren der Kirchen in Ostpreußen mussten geschlossen bleiben: der Teufel kam durch diese“.

Vor der Kaliningrad–Reise von Berlin aus… immer wieder mein auch weitergegebener Eindruck nach Reisen ins Heilige Land:

„Die griechische Linie im Heiligen Land ist mir glaubhafter als alles andere. Die christliche Kirche, durch den Apostel Paulus in Rom gegründet, mag katholisch geworden sein durch ein Bedürfnis des im Untergang befindlichen Weltreiches nach Frömmigkeit, die zusammenhält. Die Kirche – in der Heimat Jesu geblieben – hat orthodox – vielleicht sogar theokratisch im Kern – ihren Siegeszug angetreten über das Mittelmeer nach Griechenland, in den Balkan bis nach Kiew.

Wo ist Iphigenie geopfert worden? Im Schwarzen Meer.

Insel. Osten. Wo die Sonne aufgeht und nicht unter.

DAS GEMALTE BILD JESU DIE IKONE.

HABEN SIE MITGENOMMEN. DIE MISSIONARE.

EIKON.

Männer, geht auf den ATHOS und bewundert die Sammlungen der Mönche – Bewahrung der Philosophie Griechenlands in kluger Absprache mit den Weltherrschern, dem Osmanischen Reich, den Sultanaten.

Besucht die Klöster!

Das größte – Putins Werk – mit eintausend Betten. Am Strand. Da musst du keine Treppen steigen.

„Besorgt euch die Genehmigung zum Wandern in der Mönchsrepublik, Griechenland verpflichtet. Ganz knapp dem Kommunismus entronnen. Auf der Kippe, in der Geschichte des 2. Weltkrieges – und kurz danach“

11

Vorwärts und nicht vergessen aus dem Geschichtsunterricht der Deutschen Demokratischen Republik in den entsprechenden Klassen : Die Russen haben den Großen Vaterländischen Krieg mit den Ukrainern und allen anderen Völkerschaften, die zu ihnen gehörten in der Roten Armee, gegen Hitlerdeutschland gewonnen.

Jetzt: Den Kommunismus haben sie verloren. Aber die Skepsis gegenüber dem Westen blieb.

Den Teufel nicht durch die Hintertür hereinlassen.

12

Ich war neulich…in einer Akademie. Jemand hat gelesen. Danach Ständerling, wie die Schwaben sagen. Gab es Salzgebäck, Sekt? Ich weiß es nicht mehr. Eine Pastorin, mit einem Juristen verheiratet, zuständig für Kultur-Ansagen der evangelischen Kirche, diskutierte heftig positiv mit Studierenden der Humboldt – Universität.

Sie duldete keine Unterbrechung oder gar Störung bei diesem Empfang.

Sie wurde später Oberkirchenrätin.

In den Talkshows ungewöhnlich überzeugend.

Ich sollte mich gedulden, bis ich dran kam, um ihr dieses Kompliment zu machen.

Das war mir doch zu blöde. So fiel ich dem Nächstbesten in die Arme, einem NATO–Mitstreiter aus Regensburg.

Auch das noch.

„Wenn Russland in die Nato käme. Was soll sie dann noch. Dann können wir sie ja gleich auflösen.

Wir haben sie ja wegen Russland gegründet.“

„Wegen der Sowjetunion,“ entgegnete ich nicht, sprachlos. Ich ließ ihn stehen.

Waren nicht Millionen zum Opfer gefallen wie das französische Schwarzbuch des Stalinismus sagt. Mehr als in Deutschland zwischen 1933 und 1945?

In Frankreich darf man solche Rechnungen veröffentlichen.

Wissen sie eigentlich etwas von dem weiten Weg der Schauprozesse in der Sowjetunion der dreißiger Jahre zu heute, lese ich gerade von einem Betroffenen?

Wissen Sie, dass wir Bibeln schmuggeln mussten, weil sie verboten waren in der Sowjetunion. Könnten die Schmuggler fragen.

Russland ist nicht die Sowjetunion.

Umso schlimmer: jetzt ist Krieg. Die Offenbarung des Menschen.

Irgendwie ist es wie bei unserem Globus, den wir nachts erleuchten, damit er uns leuchtet in der dunklen Wohnung, wenn wir herumtappen und keinen Schlaf finden. Als er ankam bei uns wurde er gründlich inspiziert. Herstellung in einer bestimmt sehr soliden kleinen Firma im Südwesten. Alles gut. Die Farben nachts und die Farben am Tage. Aber da – die große ruhmreiche Sowjetunion, das Feindbild schlechthin für jeden anständigen Biedermeierbürger im Westen Deutschlands. Sie haben es nicht verbessert. Einfach nicht für nötig gehalten. Sie haben keine neuen Grenzen ziehen wollen. Zu teuer? Keiner hat es bis jetzt beanstandet. Wir auch nicht.

Das Lachen allerdings ist uns vergangen, welches wir bis dato zur Not auf Lager hatten für solche Fälle der geschwätzigen schwäbischen Gemütlichkeit: Wir lassen es. Die Grenzen. Die Größen des Landes. Die Namen, die fehlten, wurden nicht neu gestaltet über den östlichsten Erdball gezogen in feiner neuer Schrift: Föderation Russland, Usbekistan, Ukraine. Kasachstan, von den kleinen Staaten im Kaukasus ganz zu schweigen. Wie kann man nur. Wie weit weg kann man nur.

Ich habe mich inzwischen an den Globus gewöhnt, den alten und daran, dass sich nichts geändert hat im Westen. Die alten Feindbilder, damit wir die NATO weiter so betreiben können wie bisher. Mit allen Vorteilen.

Das ist gefährlich.

So gefährlich ist die Russlandpolitik Amerikas, Englands. Wir machen mit? Sogar Frankreich? Italien?

Gönnen Sie den Russen keine Nationalität ohne die Sowjets. Keine Identität durch ihren neu gefundenen Glauben. Denn einen Glauben braucht der Mensch. Ein Band, was die Menschen (SMAIL) zusammenhält. VERBINDET. Über alle Unterschiede hinweg.

NACH DEM KOMMUNISMUS IN RUSSLAND. Die pax sovietica ist zu Ende. Die amerikanische geblieben. Schon deshalb sollten die USA aufhören von Freiheit zu reden.

13

Oliver verabschiedet sich und wird zurück in sein Motel gehen. Aber er wird wiederkommen. Das hat er versprochen.

Er geht jeden Morgen los und wartet an einem bestimmten Punkt, bis ein schwarzer Wagen hält und ihn mit nimmt in die Dienststelle.

Er ist immer noch Spion im Auftrag und erfüllt seine Aufgaben gewissenhaft.

Am Abend kann er in einem Bus steigen, der ihn fast bis vor das Motel bringt. Abends schaut er meistens fern.

Das ist ganz und gar nicht ergötzlich. Vor allen Dingen alleine nicht.

„Da brauchst Du jemanden, der neben Dir sitzt oder in greifbarer Nähe“. SMAIL.

Er ist nicht schwul, sondern begehrt immer noch schöne Frauen, wenn er sie sieht. Gerade in der letzten Zeit merkt er es. Seitdem er sich zurück-gezogen hat auf Anraten seines Freundes und Seelsorgers Henry vom amerika-nischen Geheim-dienst für besondere Fälle.

Eigentlich Mädchen – unverdorben – die sich ihre Mädchenhaftigkeit bewahren. Das waren und sind seine Idole.

Da war er gut aufgehoben bei seiner Frau Anne.

Nun hat er sie vor den Kopf gestoßen und sie ist gekränkt. Sie haben ja auch ein gemeinsames Kind, Sophie.

Auf dass sie sich so sehr gefreut haben.

Da ist das natürlich nicht mehr nur eine Sache von zweien und Idolen, sondern sie sind zu dritt, eine Familie.

Das hatte vielleicht zu wenig auf dem Programmzettel seines verheirateten Lebens gestanden.

14

Oliver Leskow, Agent des FBI in den USA.

Eine heilige Familie, wie Henry sagt.

„Ihr seid Weihnachten!“- das ist seine ständige Rede.

„Vergesst das nicht!“ Predigt er.

Lasst es Euch nicht ausreden, sagt er. Von irgendwelchen Leuten, die im Unglück sind und andere damit hineinziehen wollen, wie Betrunkene, die andere mit betrunken machen, damit ihr Delirium stimmt und sie sich sozial abgefedert fühlen: finanziell, gesellschaftlich und persönlich. Nach dem Motto: „Ich bin so, viele andere sind auch so. Gut so. Und wenn sie es nicht sind, müssen wir sie so machen. Dann haben wir ein soziales Problem und der fürsorgliche Staat handelt!“

„Ist das nicht unsozial wie Du redest?“ sagt Oliver in einem Gespräch mit Henry.

„Ich suche doch auch nur meine Freiheiten.“

„Genau darum geht es“, sag dann Henry und wiederholt

„Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Pfingsten. Feiert das Leben.“ Er ist ein frommer Mann. Und das mit dem Feiern hat er von einem katholischen Freund seiner Frau, der das ihr mit auf den Weg gegeben hat, als sie Berlin verlassen haben, um Gemeinde in einem Wismut- Dorf in Sachsen und in einem Bauerndorf in Thüringen aufzubauen. Wenn es damals auch nur Bezirke gab, Rayons nach sowjetischem Vorbild. Jeder wusste wo Sachsen lag und wo Thüringen und das es Grenzdörfer gab; die Landeskirche Thüringen war übergreifend. Ob nun Rayon im Sozialismus. Oder Königreich Sachsen und Herzogtum Altenburg in der Kaiserzeit oder Freistaat Sachsen und Freistaat Thüringen in der Weimarer Republik oder im sogenannten 3. Reich.

„Er kommt in Wirklichkeit nicht mit seiner Vergangenheit klar, weil er in Wirklichkeit keine hat,“ sagt Henry im Austausch mit seinen Kollegen.

Und dann: „Eigentlich hat er ja gar keine Vergangenheit, weil man sie ihm verschwiegen hat“

„Nein, noch mehr: Man hat sie ihm erschossen an der Grenze zwischen GUT UND BÖSE in dem alten Europa.

Vermint, Beton, Stacheldraht, Schießbefehl- Demarkationslinie, Eiserner Vorhang. Seinen Großvater, den Vater seiner Mutter.

„Oder in einen Abgrund gestürzt. Aus Kalkstein“. Seinen Vater. Das ist eine lange Geschichte mit biblischem Ausmaß.

„Im Westen Deutschlands dann“?

„Ja.“

Die Kollegen in dem Verwaltungsgebäude lassen Henry laut nachdenken, als ob er allein in dem riesigen Gebäude wäre. Das schätzt er an ihnen.

Sie sind nicht nur kollegial, sondern solidarisch. Sie wissen, wer er ist.

Als einsamer Mensch hier angereist, aus gutem Elternhaus in der Magdeburger Börde.

Er, der eine Vergangenheit hat.

„Und Oliver?“

„Also ein Geheimnis? “, flüstert der Konvent.

„Sogar ein mörderisches“, antwortet der Geistliche seinem Vorgesetzten, als der ihn rundheraus fragt und wissen will, wie es denn nun weiter gehen soll mit dem jungen hoffnungsvollen Mitarbeiter aus der Pflegefamilie in Deutschland.

Mit der Mutter und so weiter?

„Gute Leute brauchen wir,“ nickt der General.-

„Können wir ihn gut gebrauchen?“-

„Missbrauchen?“- Der General schaut zum Fenster.-

„Kann sein. Sie sind gefügig. Sie sind angewiesen auf uns.“ Pause

„Aber die Zuverlässigkeit ist ein Problem. Die müssen wir ersetzen.“-

„Wir sind die Familie. Corporate Identity.“- Sie sind sich einig.

Der General und der gesamte Konvent.

Henry hatte das nicht vergessen.

Henry, der Sozialarbeiter und Seelsorger.

15

Auf dem Schiff.

Aber es war alles überholt durch die Ereignisse. Anne und Oliver saßen längst auf der Schiffsbank auf dem Deck des Segelschulschiffes, dass zurückfuhr nach Deutschland in seinem vierteljährigen Hin und Her zwischen der alten und der neuen Welt. Sie hatten sich dann doch sehr, sehr schnell entschlossen, um ihre Ehe zu retten, dem Kind die Eltern als Zusammenhalt zu erhalten und nicht nur als Erzeuger und Empfängerin.

Sie hatten Glück, dass sie nicht zu spät kamen und die Rückfahrt des Schiffes nicht verpassten. Die Formalia dauerten nicht so endlos lange und die Arbeitsstelle von Oliver war nicht gar so böse, weil es ja immerhin eine Krise gab in der Beurteilung von Oliver, was Zuverlässigkeit anging und Zukunft für den Mitarbeiter des Geheimdienstes in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nicht, dass sie ihn nicht behalten hätten – auch im Auge behalten hätten müssen – sie waren dabei, sich Mühe zu geben. Henry, der Magdeburger war ihr Gewährsmann.

Aber das Entscheidende muss dann schließlich von den Betroffenen selber kommen. Das meinte auch Henry, als er erfuhr, dass sie nichts mehr halten würde. Er wünschte ihnen Glück und war sich nicht mehr so sicher wie sonst bei solchen Gelegenheiten, ob er nicht auch am liebsten zurückkehren wollte.

Bei der Weltlage. Krieg und Kriegsgeschrei. Apokalyptik aller Orten. Da kommt man schon auf dumme Gedanken. Aber seine Frau hinderte ihn. Sie war Amerikanerin durch und durch und glaubte nicht an den Weltuntergang. Und fühlte sich zwar ihrem Mann verpflichtet, aber nicht einem LAND WIE DEUTSCHLAND.

Oliver mit seinen deutschen Verwandten und Anne mit der Großmutter in der Muschel hörten den Wald immer wieder rauschen, den deutschen mit seinen schrecklichen Geheimnissen und notwendigen Offenbarungen.

Ihr Kind musste sich bemerkbar machen und Anne ging mit ihr auf Deck in die Sonne des Meeres.

Die Familie vertrug sich mit der Mannschaft und der üblichen Klientel dieser Route. Harmlose junge Leute, die – eigentlich wie Oliver – eine corporate identity brauchten, um nicht schutzlos der Willkür ihrer eigenen Stimmungen ausgeliefert zu sein und Drogen zu nehmen, wenn sie ausblieben.

Sie waren einfach auf viel Freundlichkeit angewiesen. Und dazu war dieses Schiff gerade richtig. Die Mannschaft entsprach dem voll und ganz.

Sophie war inzwischen drei Jahre alt und der Krieg in Europa dauerte. Jeder behauptete keine Kriegspartei zu sein und schob Waffen zu seinem Favoriten, nicht einmal heimlich. Alle Werte von vor dem unausgesprochenen Krieg galten nicht mehr oder wurden auf den Kopf gestellt. Aus den Freiheitskämpfern wurden Friedensfreunde und aus den Friedensfreunden wurden Freiheitskämpfer. Die Friedensfreunde nannten sie Bellizisten…

…Eintragung Kondolenzbuch in Russische Botschaft, danach Cafe Unter den Linden, gegenüber———————————————————————-

…über die berühmte Brücke in der Nacht wegen Mauerfall feiern und Gedenkgottesdienst in Grünau, auf Wunsch des Gemeindekirchenrates. Die Mauer entlanggefahren , die nicht mehr steht. Nur in Ausnahmen.

…Schriftsteller unter sich in dem Bürgerhaus Frankfurt/Main, in dem sich Bader -Meinhoff versteckten, als sie gesucht wurden. KÜCHENLESUNG MIT VERLEGER EINGETRAGEN ALS ERSTE VERANSTLTUNG ZUR BUCHMESSE.

Aus dem 2. Buch

…Anne kehrt zurück nach Berlin. Sie hat genug gehört und gesehen. Sie hat die gute Waldluft ein und ausgeatmet und sich beruhigen lassen von der Großmutter, ihrem Vater, ihrem Kind. Sie hat das Grab ihrer Mutter besucht und den Pastor. Sie weiß was Stille ist. Und die wird ihr keiner nehmen.

3

In eigener Sache…

Dies ist eine Szene mit Chor, Fragesteller und Bewohner von Müggelheim, den südöstlichsten Rand von Berlin, betreffend. Gefunden als Textheft für ein Amateurtheater, sogar aufgeführt und in Regie gebracht auf Kosten des damals noch kulturfreundlichen SENATS VON BERLIN bezw. Des Stadtbezirkes Berlin Treptow-Köpenick. Es soll Applaus gegeben haben nach der Aufführung des Stückes in dem Wohnort, um den es geht:

Fragesteller:„Sie wohnen in der Philipp-Jacob-Rauch-Straße?“

Bewohner:„Und zwar dort, wo früher versucht worden ist Wein anzubauen wie in der rheinländischen Pfalz. Dann doch besser Kartoffeln wie in Preußen und Amerika. Und Korn und Weizen“.

„Sie haben sich in diesem Berliner Dorf eine Wohnung genommen, nachdem sie gerechnet haben wegen der Miete?“

„Es ging. Der Weg zur Arbeit war nicht wesentlich beschwerlicher als der innerhalb der Stadt“.

„Philipp Jacob Rauch muss ein Pionier gewesen sein, den der Preußische König angeworben hat, um seinen Sandboden, in dem nur Kiefern wuchsen, zu bevölkern?“

„Die Sage geht: in Konkurrenz zu Amerika“?

„Und eigentlich war der Oderbruch gemeint und nicht das Wald-und Seengebiet, welches später nach dem Müggelseee und den Müggelbergen Müggelheim genannt wurde“.

„Die Sumpf-und Mückenplage im Oderbruch waren so allgemein und unbekannt für die Pfälzer, dass sie, die vor den Erbfolgekriegen im 18. Jahrhundert flohen, lieber an den Ufer des Müggel-Sees wollten“.

„Und sollten dann! Und nicht mehr an die Oder, wo Friedrich der Große doch Großes vorhatte mit ihnen“.

„In der DDR hat man gerne verschwiegen – und das deckte sich mit der Berliner Säkularisierung in alten und neuen BRD-Zeiten – dass es konfessionelle Gründe gab, von der Pfalz weg zu gehen, die Heimat zu verlassen“.

„Sie waren Protestanten und wollten nicht in die Hände eines katholischen französischen Herrschers fallen“. „CONFESSIO heißt Bekenntnis und in der DDR gab es nur ein Bekenntnis, nämlich das zum Sozialismus“. – Zwischenruf aus dem Publikum:„Welches Bekenntnis prägt uns?“ – „Nur verwunderlich, dass selbst in sogenannten kirchlichen Kreisen diese Fälschung herunter gespielt worden ist und stattdessen alles Mögliche unwidersprochen gedruckt wurde, was für den Ortswechsel ausschlaggebend war, nur nicht der Glaube der Glaubensflüchtlinge“.

Lange Pause

Bewohner:„Da ich selber, Bewohner hier und gleichzeitig der Autor dieses Sketch , Vorfahren habe, die aus solchen Gründen ihre Salzburger Heimat verlassen mussten und unter unsäglichen Mühen mit Sack und Pack sich eine neue Heimat gesucht haben…in den Niederlanden…andere in Ostpreußen, möchte ich dieses Lied singen, wenn es um die Entstehung dieses Ortsteiles geht. Zumal das Kirchlein, welches ausschaut wie ein Feuerwehrhäuschen im Quadrat, dem Autor ebenso wenig gleichgültig ist wie die Fluchtgeschichte selber, aber genau damit auch zusammenhängt. Das erste bei den Siedlern war immer: Kirche und Schule. Auch in Preußen. Nicht nur in Amerika“.

„Übrigens auch in jeder missionarischen Unternehmung weltweit, soweit es christlich ist“.

Pause.

Fragesteller:„Ich nehme aber an, dass es in andern Konfessionen und Religionen ähnlich sein wird, wenn es um ein spirituelles Erbe geht, dass – egal , wo auf der Welt – etabliert wird“.

Bewohner:„Ich erzähle das so ausführlich, weil es uns immer ärgert, auf welche Weise Profil verloren geht zugunsten einer Menge von Fakten, die einen dann erschlagen (beeindrucken) wie ein Steinschlag“.

Chor:“Oh – wie schön. Wie toll!“

Chor:“Oh Wissenschaft. Oh Akademie!“ –

Bewohnerin:„Oh, wie fallen wir immer wieder darauf herein und wundern uns dann, wo alles, was doch gut war, verloren gegangen ist. Nicht nur der Himmel, nein auch die Erde. Sie wird auf diese Weise wüst und leer – wie vor dem Beginnen“.

Bewohner:“Müggel heißt eigentlich MUGEL. Mugel heißt Grab. Der Müggelberg ist ein Kultberg der Sprewanen, der Urbevökerung dieser Gegend abwärts vom Spreewald kommend. Immer der Spree und der Dame entlang. Woher ich das weiß? Mit dem Fahrrad unterwegs an einem großen Hotel am See lese ich: MUGEL und die dazugehörige Erklärung. Damit die Hotelgäste wissen wo sie sind. Das sollten sie dann nicht mehr. Gab es Ängste? Das war schon vor Corona. Nein sterben wollen wir noch nicht. Das ist unheimlich. Dass die alten Völker eine Religion hatten, vielleicht eine primitive mit Kult-Berg, nicht ganz so wie auf Rügen, aber immerhin, muss kein Tourist wissen“.

Chor:„Wir sind empfindsam.“

Chor:„Sagt wer?“

Chor:„Sagen sie“.

Chor:„Wer, die Gäste oder der Anbieter?“

Fragesteller:„Irgend ein Programmierer hat es entdeckt, als der dem Ganzen neuen Schwung verleihen wollte und nahm sich dieser Info an“.

Bewohner:„Ich war sehr enttäuscht, als ich bemerkte wie flach und hohl alles wurde, was ja immerhin einen gewissen Tiefgang hatte. Man konnte sich schon wundern. Erst, dass solche Dinge in einem Schaukasten zu lesen waren und dann: nicht mehr. Auf einmal“.

Jemand aus dem Publikum:„Ja, alles kostet seinen Preis“.

Chor:„Die Neue Zeit“. Lange Pause.

Chor:„Der Glitzer und der Glammer“. Pause.

Chor:“Wir wollen so etwas nicht hören. Oberfläche bitte. Bitte, bitte!“

Bewohner:“Mugel gleich Grab gleich Kultberg, der Müggelberg und der Müggelsee. Mit Mücken hat das absolut nichts zu tun“.

Bewohnerin:„Wie Kitzbühel in Tirol nichts mit Kitzen zu tun hat“.

Fragesteller:„Da mag es noch so viele Holztiere davon geben, weil man ja schließlich etwas mitbringen muss für die Kleinen“.

Chor:„Vergiss es“.

Chor:„Verzeih es“.

Es ist alles so lange her und selbst Napoleons Truppen haben das Dorf nicht finden können auf ihrer Futtersuche…und mehr.

Zum Autor der Szene noch einmal extra gewendet der Schauspieler, der die Fragen aufwarf:

Sie Sie haben sich als Autor dieses SKETCHES geoutet. Sie wohnen dort also wirklich?“

Ich und meine Frau M. seit nunmehr über 18 Jahren. Seit meinem Ruhestand. Unsere Kinder und Enkel kommen uns dorthin besuchen und auch andere, die gucken wollten, wo wir geblieben sind. Damals: erste Besuche. Es ist natürlich sehr weit draußen hinter den sieben Bergen. In dem Fall die Müggelberge. Über dem See. In diesem Fall über dem Müggelsee. Wenn Du auf der Terrasse sitzt und lauschst, am besten gegen Abend, noch besser in der Nacht: Du hörst ihn rauschen: Den Wald, den Henry-Potter-Wald. Du hörst, wie das Wetter umschlägt. Du siehst wie auf einmal die Flugzeuge vom Flughafen Schönefeld nicht mehr starten, sondern landen, je nachdem aus welcher Richtung der Wind kommt.

Allein die Strömung ist aussschlaggebend, damit die Flügel tragen. Wie wenn Du Drachen steigen lässt. Du musst den Finger in den Wind halten, um zu wissen in welche Richtung du rennen musst, damit er steigt. Das bringst du Deinen Enkeln bei auf der Kirchenwiese, wo jetzt eine KITA gebaut wurde. Eine Freude, wenn er steigt. Und Trauer, wenn er abstürzt, weil du nicht wusstest, wo der Wind herkommt.

Oder das Bellen des Hundes ganz weit draußen in der Siedlung, wo früher die Äcker waren. Oder natürlich das Singen der Nachtigall, bei offenen Fenster. Das Käuzchen. Die Glocken der Gottesschachtel in Richtung Osten. Bei Westwind hörst Du sie nicht?“

Möchten Sie noch etwas sagen?“

Nein.“

4

Oliver holt Anne und Sophie ab vom Hauptbahnhof in der Mitte Berlins und alle drei sind wieder froh vereint.

„Ach mein lieber Iwan, was machst du mir für Kummer. Du schreibst nicht. Du appst nicht, du telefonierst nicht. Hast du überhaupt keine Sehnsucht nach uns?“, sagt sie schließlich selig in Wagen 3 der Erknerbahn. Sophie nickt eifrig. „Ja, Papa, Mama hat recht, du hättest ruhig ‚mal anrufen können. Die Großeltern und die anderen haben sich nur gewundert. Immer mussten wir anrufen und ein paar Worte aus dir herausquetschen.“

„Ihr könnt das eben alles viel besser, als ich.“

Damit war das Gespräch beendet und jeder guckte weiter selig vor sich hin oder zum Fenster `naus, als es durch die Wuhlheide ging. Endlich Köpenick, das Straflager in Volker Kutschers Berlin-Babylon für sozialdemokratische Polizisten im 3. Reich.

„Was sind wir doch, was haben wir…“summte plötzlich jemand in der Nachbarschaft.

„Ein lustiger Vogel“, dachte Anne und Oliver schaute sich um, wer noch alles im Abteil sitzt. Sophie summte mit. Plötzlich wurde Iwan Leskow lebendig und fragte;“Wie war es denn nun, erzähle doch `mal, Anne. Und du, Sophie, bist nicht so vorlaut.“

Da war aber auch schon das Kaufhaus und die Station. „Erst einmal aussteigen!“

Und man musste sich sputen zum Bus zu kommen.

„Erst mal`, erst `mal“, brummelte Oliver, eingetragen als Iwan (Russlanddeutscher).Als sie endlich im Bus saßen, hatte jeder vergessen, was er sagen wollte, weil sie so glücklich waren, sich wieder zu haben nach der langen Trennung.

Es war ja auch spannend, das Leben in Berlin.

Da gehen sie. Sie mit ihrer berühmten Umhängetasche aus Amerika und Oliver zog den Wagen mit den kleinen Rädern für alle Rollbahnen der Welt. In diesem Falle für die Bahnsteige nach Süden in den Fichtenwald und wieder zurück zu den Kiefern und den roten Dächern auf der Südseite der Müggelberge, dass es nur so knallt, wenn die Sonne scheint. Gerade im Winter. Aber jetzt ist Frühling. Ostern steht vor der Tür. Sophie mit Extra-Wagen von Oma geschenkt. Oma von Anne. Die Gute, die immer telefoniert hat über den Ozean, mit der Anne immer reden konnte. Die ihre Tochter verloren hat und eine neue Familie gewonnen hat durch den Schwiegersohn aus dem damaligen Osten, der überlebt hat gemeinsam mit Sophie, als die Autos schlingerten auf der Hochstraße. Damals kannten sie sich noch nicht. Diejenigen, die in den Autos saßen. Im Gegenteil. Sie waren Feinde und wollten sich töten. Ein Rachefeldzug mit den falschen Leuten im Visier.

Nun erreichen sie endlich das Gartentor zum sogenannten Wohnpark, eine Erfindung der Gartenbauarchitekten und Architekten, die diese Siedlung neu bauten.

Da kommt ihnen Petruschka aus Marzahn entgegen. Iwan hat sie angeheuert für die Wiederkunft seiner Frau mit Sophie aus dem Wald im Westen Deutschlands, der Heimat von Anne. Jetzt eilt sie und hält die Tür zum Bungalow. Alles gut. Zu Hause zwischen Müggelberg und Müggelsee.

Petruschka ist großartig und hat Kuchen besorgt und trägt den Kaffee auf.

„Hallo Petruschka, das ist ja toll, dass ihr mich nicht vergessen habt!“

„Wie sollten wir.“

„Wo ist Dein Mann?“

„Er wollte nicht mitkommen.“

„Warum?“

„Er ist immer noch so bedrückt, weil es diesen Krieg gibt im Osten.“

„Da muss er doch gerade mitkommen.“

„Das stimmt“, sagt Iwan.“

„Wir können uns doch nur gegenseitig trösten und Gott um Hilfe bitten in diesen wirren Zeiten.“ Sophie hält die Hände der Petruschka fest und zieht sie neben sich auf das Sofa. Dann erzählt sie von den Erlebnissen, die sie gerade hinter sich haben. „Der Großvater war ganz prima. Er ist ein richtiger Auto-König geworden in seinem Wald. Und Oma und Uroma haben getratscht, was das Zeug hält.“

„Die Oma ist die 2.Frau von Opa nach einem Unfall“, fügt Anne an.“Bei dem Unfall ist meine Mutter um s Leben gekommen“. –

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Am nächsten Tag wollten sich Anne und Sophie von ihrer Reise erholen. Am übernächsten auch noch. Dann war wieder Alltag. Die Schule begann wieder und Anne musste sich vorstellen auf dem Arbeitsamt. Sie haben ihr eine Stelle in Aussicht gestellt.

Lehrerin für die Klassen 1-4. Ihr Traumberuf, den sie schon angefangen hat zu lernen in Amerika.

Mal sehen was sie sagen. Ja, sie müsse einige Kurse besuchen, um die Eignung vor Berliner Schulklassen garantieren zu können. Was allerdings für Amerikaner nun gerade kein Problem sein dürfte.

Und auch noch, wo sie doch aus dem New Yorker Umfeld nach Berlin umgezogen ist. Außerdem ist ihr Mann auch ein pädagogischer Typ, der nicht ohne Grund als Ausbilder in der russischen Armee eingesetzt war von der Behörde, die für Freiwillige aus dem Ausland zuständig war. Und auch die erste Zeit in Berlin: Berufschule, in die Jugendliche aus dem Holzfach ein und aus gingen!

Also los. Nachdem sie die Kurse besucht hat und die Eignung bestätigt wurde hat man ihr zwei Schulen angeboten. Da die Familie ihren Wohnsitz in Köpenick hatte, hat sie sich die Köpenicker Schule ausgesucht und einen Termin vereinbart mit Hilfe des Arbeitsamtes und und der entsprechenden Einrichtung des Berliner Senats. Es wurde die Humboldt-Schule. Sie hätte auch ein christliches Gymnasium wählen können mit KITA und unteren Klassen, aber sie wollte sich zumuten in einer typischen Ostschule zu unterrichten, gerade weil ihr Elternhaus im Westerwald zu finden war und ihre Jugend und Ausbildung US-amerikanisch gelenkt wurde. Wenn man das überhaupt so sagen darf.

Also freute sie sich: Auf die Kollegen und Kolleginnen, auf den hoffentlich smarten Direktor und vor allen Dingen auf die Kinder.

Sie war in der Lage alle Fächer für die Unterstufe zu übernehmen. Am 5. September 2024 sollte der Unterricht beginnen. Sophie ging in eine andere Schule und war inzwischen in der 8. Klasse. Sie würden alle zusammen aus dem Haus gehen. Jeden Morgen. Und in verschiedene Richtungen fahren. Oliver in seine Holzbude, weil er auf einmal wieder als Tischler mit Kopf , Herz und Händen arbeiten wollte.Sophie in ihre Schule weiter nördlich und Anne Humboldt. Oliver musste sich nicht großartig darauf vorbereiten. Sein Urlaub ging zu Ende, den er sich genommen hatte, um Frau und Kind würdig zu empfangen. Sophie jaulte, wie alle Kinder, wenn die Ferien zu Ende gehen. Aber sie freute sich doch.

Oliver freute sich auch.

Es ging einfach weiter. Maschine anwerfen nach Hallo und Umziehen im Umkleideraum. Sägen, Hobeln, profilieren. Pause für Mitgebrachtes.“Wie war es zu Hause im Waldgebirge für Anne und Sophie?“ „Ja, jetzt schwärmen sie vom Wald mit Fichten und Tannen.“ „Na, sie werden sich wieder an die Kiefern und Birken gewöhnen.“ „Ja, hoffentlich.“ „Hättest eine Russin mitbringen sollen.“ „Ja, da gibt es noch mehr Birken“, pflichtet ein anderer Arbeitskollege bei. Sie kannten sich von Betriebsfeiern und-Ausflügen. Es war ein gut funktionierender Familiebetrieb

Natürlicher Weise kennen sie ihn nur als Russlanddeutschen und er muss froh sein, dass niemandem sein Deutsch, mehr amerikanisch als russisch, so merkwürdig vorkam, dass sie ihn -jedenfalls bis jetzt – dazu löcherten. Arbeiter können sehr taktvoll sein und sensibel. Zumal die sogenannten Holzwürmer. – Sprichwörtlich!

Es gibt ja sehr viele Russlanddeutsche gerade auch in Ost-Berlin, denen man sicher mehr Russland zugetraut hätte als ihm. Wenn man sie hört in den U-Bahnen, den Bussen und S-Bahnen, Straßenbahnen. „Wir machen uns darüber nicht all zu viel Gedanken,“ sagen sie .

„Er ist gebildet“.

„Jeder Mensch ist anders.“

Aber perfekt russisch kann er. Sie haben ihn gebeten, einmal dasselbe in russisch zu sagen, was er eben in astreinem deutsch gesagt hatte. Da haben sie gestaunt. Sie kennen Russisch noch aus der Schule, wenn sie alt genug dazu sind.

Es war meistens nicht ihr Lieblingsfach.

„Wer das nicht lesen kann, ist ein dummer Wessi“ in kyrillischen Buchstaben. Dazu reichte es.

„Ich habe gehört, das hängt in manchen Tischlerbuden“, sagt einer. Wenn sie herumsitzen in den Pausen oder beim Bier zum Feierabend. Also, die Russen waren doch mehr Freunde als so mancher Wessi? „Kann man sagen“, sagt einer.“Besonders, wenn sie arrogant sind und eingebildet, die Wessis“, sagt der rotblonde Vorarbeiter.

„Nun aber los, genug geschwatzt. Der Auftrag lockt. Wir können gutes Geld verdienen. Ein reicher Pinkel will selbst gebaute Küchenmöbel. Preis spielt keine Rolle.“ „ Da wird sich der Alte aber freuen.“ „Na, nicht nur der, wir bekommen eine Prämie wenn wir den Termin schaffen, den sie uns gesetzt haben.“

So ging das den lieben langen Tag, wenn es gut ging. Manchmal ging es auch nicht so gut. Da musst du höllisch aufpassen, dass Dir nicht eine Spanplatte beim Abladen an die Hacke fährt. Die Dinger rutschen auf der Rutsche durch das breite Kellerfenster und können jeden treffen,wenn jemand die Gewalt verliert über die Dinger. Ober auf der Straße. Pass auf. Und sieh zu, dass du nicht einen Stiefelabsatz spürst im Gesicht, wenn es leidenschaftlich wird. Das Gebrüll – schon wegen der Maschinen.

„Du musst dich konzentrieren.“

Oliver hat Tischler gelernt nach dem Abitur.Vor dem Studium. Bei seinen Adoptiveltern. Dann haben sie ihn geholt, die Amis. Und die Eltern haben ihm gut zugeredet, darauf einzugehen: „Es ist eine Chance!“ Sie wussten aber auch: Handwerk ist immer gut. Und jemand erzählte aus der Kriegsgefangenschaft, wie gesucht Tischler waren in den Lagern. Holz ist ja auch ein ganz besonderer Stoff. Es lebt. Es arbeitet.Es hat Schönheit, wenn die Maserung zu sehen ist. Ja, ja gefährlich ist es auch, seit es Maschinen gibt auf dieser Erde. Kein Rad dreht sich so schnell wie die Kreissäge. Wenn Du Metalle vor dir hast, musst du behutsam sein wegen der Härte. Da ist nichts mit schnell, nur mit Geduld wie mit dem Stein, der ausgehöhlt wird vom steten Tropfen, der ihn trifft.

Aber Holz?

Im Nu.

Eben das gilt auch für Holzbohrungen. Alles schön schnell. Alles schön gefährlich. Kein Rad der Welt dreht sich so schnell, wie die Sägeblätter und die Bohrer, wenn sie auf Holz treffen. Und die Fräßen! Oliver ist trotzdem froh, nach dem Gymnasium ein Handwerk in Deutschland gelernt zu haben und nicht nur Studium und dann SECURITY in den USA. Jetzt kann er das gut gebrauchen. Übrigens der Betrieb, in dem er Arbeit gefunden hat, heißt TALITZKOW. Das war ein Holzbetrieb mit ungefähr 20 Mitarbeitern auf privatrechtlicher Grundlage sogar noch in der DDR jedenfalls bis zur letzten Sozialisierungswelle in den 60iger/70iger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Dann hat es Honey gepackt und er musste den Sozialismus vollenden indem die kleinen noch im sozialistischen Privatstatus verbliebenen Privatbetriebe verstaatliche wurden.

Ich weiß nicht welcher Teufel ihn da geritten hat. Alte Ideale? Der FDJ-Sekretär.

Und Sophie in der Schule? Sie wurde auch ausgequetscht, wie es denn im Westen unseres Vaterlandes gewesen ist. Wie kann ein Wald WESTERWALD heißen?

„Prima“, hat sie geantwortet.

5

Nun war also Anne im Schuldienst des Senats von Berlin, des Landes Berlin. Sie war nicht verbeamtet.

„Diese feinen Unterschiede einer typischen BRD-Diskussion“, moniert der Chor der Unzufriedenen mit ALLEM.

Die Begrüßung und Vorstellung im Lehrerzimmer ging reibungslos. Ihr wurden die Cafe-Maschine gezeigt, die ganze Art und Weise „wie das hier geht“, wer für was und wo zuständig ist. Also die allgemeine Ordnung, die ungeschrieben war, aber deshalb um so wichtiger. Dann nahm sie der smarte Direktor bei der Hand und führte sie in die Klassen, in denen sie unterrichten würde. Es waren Arbeiterkinder, von Angestellten, ein paar Intellektuelle gab es auch, die ihre Kinder dieser Schule anvertrauten. Es war eine Ost-Schule mit Ostbevölkerung, eben Köpenick, der östlichste Bezirk. Hätte man früher gesagt, durch Generationenwechsel, grünes Lebensgefühl und anderes mehr begann aber auch hier die Fluktuation, die Grenzen sind verschwommen. Es gab auch die AfD, die Rechten und die Linken, die demokratische Mitte mit außerordentlich wenig Christentum. Nicht nur DDR, sondern Berlin eben. Gysi war immer noch der Patron und wurde regelmäßig direkt gewählt. Obwohl im Nordosten ein Messdiener die LINKE verdrängte und der Flecken im Bundestagswahlspiegel auf einmal schwarz geworden war. Und blau. Das ist bemerkenswert. Und deswegen fühlte sich Oliver Iwan hier so wohl. Nicht nur die Russlanddeutschen wählten blau, nein, auch die Ossis, die genug von Krieg haben und Jewtuschenko glauben wenn er singt:“Glaubt Ihr die Russen wollen Krieg?“ Wie nahe sind sie sich inzwischen alle: dieses Bündnis, welches die Schülerin aus Jena gegründet hat, Sarah Wagenknecht, die Linken, wenn sie ehrlich sind und nicht machtversessen. Wenn sie treu sind den Idealen der „Großen Ruhmreichen Sowjetunion“, die Alternative für Deutschland, zu denen alte SPD – Genossen geströmt sind und ehemalige SED-Genossen ebenso – manches Mal gab es da sowie keinen Unterschied. Jetzt nicht. Damals nicht. Ja, ja, die Deutsch-Nationalen, die leider verboten werden mussten vor 75 Jahren, weil es zu schwierig war den Alliierten die feinen Unterschiede zu erklären, die es aber ausmachen. Was ist deutsch-national. Was ist Nazideutschland. Die Deutsche Demokratische Partei hat man nicht verboten, die Liberalen der Weimarer Republik, die ja auch in Teilen dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatten aus Angst vor der Bedrohung aus dem Osten. Die Bedrohung hieß Kommunismus, Bolschewismus. Trotzki, Stalin, ja auch die wütenden jüdischen Genossen der Kommunistischen Partei in dem großen Russland.-Wer kennt eigentlich noch die Geschichte der KPDSU? Auch Arbeiter und Arbeiterinnen hatten Angst und wollten diese Art von Sozialismus gar nicht. Auch und gerade in Berlin nicht. Mehr als in München, wo die Schwärmer der Räterepublik ihren bayerischen Ton angaben und scheiterten. Ja, auch das Zentrum hat man nicht verboten, die Katholische Einheitsfront. Sie haben auch mit abgestimmt, ob der Führer Sondervollmachten bekommen darf angesichts der Lage. Sie blieben: die CDU, die FDP mit dem ersten Präsidenten der Republik, der auch mit gestimmt hatte. Er hat es selber gesagt.

Nur die SPD, die jetzt bei 16 Prozent liegt, sie hat gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt. Und sie hat mit Fritz Reuter gerufen: „Die rot lackierten Faschisten!“ von WEST NACH OST. Über die Mauer, die erst nach diesem Ruf gebaut wurde. – Das ist die politische Gemengelage im Ostteil Deutschlands im Ostteil Berlins. Dort, wo Anne, Sophie und Oliver Iwan leben und arbeiten. Das ist die Politische Decke, die über alles gelegt ist, darunter bewegt sich das alltägliche Leben. Oder darüber. Je nachdem wie man es sieht. Politik als Untergrund oder als Schutz. Eben der Staat. Der übrigens auch geschützt beziehungsweise gestützt werden muss und nicht verteufelt und ständig angegriffen. Es sei denn, er entwickelt sich zu einem räuberischen Haufen (Augustinus).

Ob das alles Anne so bewusst war?

Aber im Großen und Ganzen hatte sie ein Gespür und war auch deshalb geeignet Kinder im Staatsdienst zu unterrichten mit einem Schwur auf den demokratischen Rechtsstaat. Und – was noch wichtiger ist – der Direktor wird es gewusst haben. Er selber war der SPD treu geblieben und war bekannt mit dem Ortsteil-Bürgermeister in Berlin Treptow-Köpenick, auch SPD von der letzten Wahl her. Wer grün war im LehrerInnenkollegium und wer rot oder schwarz, lila-rot, SARAH, heimlicher oder offener Sympathisant wird Anne mit der Zeit schon noch erfahren. Hauptsache war die Liebe zu den Kindern, den Mädchen und Jungen, die lernen mussten sich zurecht zu finden in dieser Welt, die für ihre Großeltern so neu war, wenn es Einheimische waren, echte alte Berliner, Ostberliner, Köpenicker. Und zwar nicht nur durch Lesen und Schreiben, sondern auch durch Malen, Singen und Tanzen. Ja, auch tanzen und Märchen erzählen. Das dachte die gelernte und studierte Lehrerin mit amerikanischer und deutscher Lebenserfahrung, einem Abschluss für Lehrerinnen in en USA und in Westdeutschland in der Zeit, als ihre Mann verschollen war im Krieg Russlands gegen die Ukraine und nun zurück gekehrt war als Antragsteller Oliver Iwan Schostakowitsch, deutscher Herkunft aus Russland, Wolgagebiet. Wenn jemand seinen wahren Lebensweg weiß, kann er ihn anzeigen. Bei wem? Bis dahin war es Beichtgeheimnis. Nur wenige wussten Bescheid. Sie waren auch deshalb zu Hause in einer Kirchengemeinde, die besonders engagiert war für Menschen, die von den Deutschen als Russen und von den Russen als Deutsche beschimpft wurden. Jedenfalls war es zu Beginn so, als CDU-Regierungen den Weg ebneten für Rückkehrer. Eigentlich sind das alles Jahrhundertereignisse, die früh angezeigt haben, das nichts so bleiben wird wie es war.

Wie wird es? –

Ja und auch deshalb wird es darum gehen: Mathematik, Rechnen, Smartphone. 2 plus 2 bleibt 4 . 6 plus 8 bleibt 14. Beziehungsweise wird wieder 14. Es gab so viel Ideologie, das sogar das infrage gestellt worden ist.

Bei der Vorstellung im Lehrerzimmer wurden ihr die Kollegen vorgestellt. Sie fragte, gibt es auch einen Lehrer für Religion, eine Lehrerin? – Wir haben erst ab 7.Klasse dieses ordentliche Wahlfach. Aha, und wo erfahren die Kinder etwas von dem was sie ausmacht. Der Glaube? – In ihren Gemeinden und zu Hause , schaltete sich der Direktor ein. -Das gilt sowohl für die christlichen wie auch muslimischen Kinder?- Ja, es ist eine kleine Minderheit. Die DDR war ein atheistisches Land. Die Ureinwohner sagen: es reicht uns BerlinerInnen zu sein. –

Heute hatte Anne noch keinen Unterricht zu geben. Das war eine allgemeine Vorstellung. Sie bekam die Stundenpläne ausgehändigt und ab nächsten Montag ging es los. Das war im Mai 2025 als alle Welt von Trump sprach, Selenski und Putin, dem Verbrecher. Und vom Frieden nach über drei Jahren Krieg. Die GROSSE WOLKE über allem: 80 Jahre Frieden, eben nicht, in Europa. So hat es sich jeder gewünscht. Aber es konnte dann nur heißen für die Siegermächte und das arme Deutschland mit seinem erstickenden Wohlstand KRIEGSENDE 80 JAHRE. Und Russland war auch Sieger. Und das war das Schlimmste. Niemand begriff das mehr als Anne und Oliver, der Iwan heißen muss, sonst hätte er nicht zurück kommen können.

Insofern war es gut, dass Anne nur „die Kleinen“ hatte, nicht die Großen.

Sie hoffte und betete für den Frieden in ihrer Familie und für zu Hause im Westerwald und für die Welt. Für die Freunde in AMERICA, für die Menschen, die Oliver vor Jahren getroffen hatte während seiner Flucht aus amerikanischem Gewahrsam über Berlin, über Pommern, Polen, Belarus – bis nach Russland. Für die Russinnen und Ukrainerinnen, die Mütter und Väter in Russland und der Ukraine, die ihre Söhne und Töchter verloren haben, die in den Krieg zogen, um für die Freiheit der Ukraine zu kämpfen. Ihr Ideal seit Hunderten von Jahren. – Was für eine Freiheit heute? Frei von Russland, dem Großen Bruder, frei von der Übermacht im Osten und Süden? Frei von der Geschichte – endlich – im WESTEN ankommen.

Nur Lust und Liebe und ZEIT? Und Tod? Leben, Leben, Leben.

Wann hört die Operation auf, ein schreckliches Wort für einen grausamen Krieg.

Ja, ja, das Spezielle. Der quere Krieg. Querfront. Der Krieg ohne Kriegserklärung. Der Einmarsch. Die Agression. Die Geschichte, der schwächste Punkt.

Geschichtslos. Gottlos. Was ist besser. Was ist schlechter. Was ist gut, was böse. Das böseste Dunkel. Das Abgründige. Das Verstörende. Asymetrisch. Partisanen.

„Frieden. Frieden“, schreien sie.

Die Menschen auf dem Feld der Ehre, die Opfer. Die Idealisten. Die Chefin einer Abteilung des amerikanischen Geheimdienstes, deren Sohn sich durchgeschlagen hat an die russische Front im fernen Europa, um für Russland zu kämpfen, weil Russland für den GAZA ist und ihr Sohn seine Heimat hasst. Hat die Mutter keinen Mann. Ist die Ehe geschieden? Davon kein Wort in der Meldung. Aber jetzt weint sie. Er soll gefallen sein. Nicht auf ukrainischer sondern auf russischer Seite. Der einzige Sohn in einer emanzipierten Ehe, in einer gescheiterten Ehe. Davon kein Wort. Der Spiegel zitiert die Todesanzeige der Eltern: „Nun hat er seinen Weg des kriegerischen Geistes und des Heldentums vollendet.“ Noch ein paar Tage vorher war der Eindruck entstanden, es handel sich um einen Freiwilligen auf ukrainischer Seite. Passte ja auch viel besser in das progressive Deutschland, deren Diplomaten sich einst verpflichtet haben, die Gräber der Roten Armee zu pflegen. Das waren die Zeiten als Steinmeier als russlandfreundlich galt und Russland laut jetzigem russischen Botschafter in einer Diskussionsrunde im THEATER OST in OSTBERLIN das beliebteste Land in Deutschland war. Das halten zwar Einige auch für übertrieben. Aber wer weiß.- Wann wird das Ganze auffliegen? Der Krieg? Apokalypse. Das Elend. Wann ist ERLÖSUNG? Wo ist Gott? Kommt er nun wirklich.- Und der falsche Russlanddeutsche? Die Notlüge, damit er nicht verhaftet wird und den USA übergeben, denn er ist immer noch amerikanischer Staatsbürger. Im Dienst des amerikanischen Geheimdienstes. Er wird gesucht. Er ist Geheimnisträger. Er hat das Vertrauen missbraucht, welches man ihm entgegengebracht hat vor allen Dingen wegen der Fürsprache eines Geistlichen. Nämlich Henry aus Magdeburg – ursprünglich.

Er durfte eine Auszeit nehmen und seine Frau mit der Tochter Sophie nach Deutschland begleiten. Sie wollte dort in ihr Elternhaus ziehen, um eine Lehrerausbildung für die unteren Klassen zu beginnen und abzuschließen, um später auch in diesem Beruf arbeiten zu können. Man wird sehen, haben sie gesagt, ob das mit Oliver geht, ob es eine Möglichkeit gibt für den Geheimagenten in Europa zu arbeiten. Für eine längere Auszeit war es eigentlich zu früh. Zu wenig Dienst-Zeit. Zu wenig Verdienste. Besondere Verdienste. Ein Sabbatjahr kommt in der Regel höchstens nach zehn Jahren infrage. –

Erst einmal fliegt gar nichts auf. Die Beamten fragen nicht nach. Scheinbar haben sie keine Anhaltspunkte um nachfragen zu können in dem deutschen Rechtsstaat. Seit kurzem nicht mehr rot-grüner Prägung nach der letzten Bundestagswahl.

„Jetzt sind wir Schwarz-Rot.“, sagen die Mächtigen.

Ob die Farben das Entscheidende sind wird sich zeigen. Vielleicht spielt ja auch eine Rolle, wer den Krieg gewinnt: der Friedenswille des Donald Trump. Oder? – Alle Menschen wollen Frieden. Alles neu macht der Mai. Erster Mai – alle Menschen werden frei. Tag der Befreiung. Gestern Spitzennachricht, dass WLADIMIR SELENSKI am Donnerstag nach Istanbul reisen will, um mit WLADIMIR PUTIN zu sprechen. Das erste Mal.

Haben wir verlernt, dass es Grenzen gibt, die bei Überschreitung Krieg bedeuten?

Ja oder nein.

Haben wir verlernt, dass Räder nicht einfach zurückgedreht werden können, weil wir keine Mechanik sind, keine Aufzieh – Puppen. Dabei geht es nicht nur um Grenzen, die eingetragen sind auf den aktuellen Landkarten, sondern auch um Grenzen, die respektiert werden müssen. Einfach. Einfach respektiert. Sonst gibt es Hauen und Stechen. Was wollen wir sprechen? Die Sprache des Friedens oder die Sprache des Kampfes, des Freiheitskampfes, der Waffen. Des Horrors. Der Vernichtung?

Die Supermacht AMERICA drängt darauf direkt zu verhandeln. Ohne Vorbedingung. Keine europäischen Spielchen. Kein 1. Weltkrieg. Kein Schlafwandeln mit Christopher Clark.

Nun gibt es seit der Inauguration von Donald Trump die Hoffnung, dass Gott gerade diesen zu seinem Werkzeug des Friedens machen will. Schon andere sind zum Werkzeug geworden, wo wir nur den Kopf schüttelten.

Das ganze neue Jahr hindurch. Wann kommt der Durchbruch. Nicht der russischen Truppen. Bis wohin wollen die ukrainischen Truppen durchbrechen?

Nicht St. Georg, der Verbotene, bis Kiew. Werden neue Grenzen gezogen. Weil es soviel Opfer gibt. Jeder Tag zählt. Jeden Tag werden Kreuze im Osten aufgestellt. Die orthodoxen Kreuze mit dem Querbalken die.

„Ich erinnere mich an den Bergsteiger, der mit Vornamen Reinhard heißt. Du kannst mit einem Korb zu ihm hochgezogen werden in Tirol. Im frommen ehemaligen Tirol. Wenn du das willst. Dort wohnt er. Habe ich gehört. Inzwischen ist er steinalt geworden und hält Vorträge. …lebt er eigentlich noch? Jedenfalls fordert er, dass die Unsitte mit den Kreuzen auf den Gipfeln aufhören soll. Die eine bauen ab. Die anderen auf. Die Welt ist aus dem Gleichgewicht. Höre ich jeden Tag im Radio, sehe ich im Fernsehen. Vom Internet möchte ich nicht reden. Es ist sowieso an allem Schuld. Die Frommen meinten zu Beginn des Internets, es sei vom Teufel. Jedenfalls Einige. Wir werden lernen müssen, damit umzugehen“.

Jetzt haben sie ein Problem damit, dass es in America nicht mehr US-Präsident Biden ist, der den Wandel, die Wende, CHANCE mit und ohne Kekse herbei geführt hat, sondern Donald Trump, der mit dem Sterben aufhören möchte. Seit seiner Wiederwahl nach vier Jahren BIDEN. Wie stehen sie jetzt da? Die hörigen Nachfolger der Supermacht, die geblieben ist, die sie hätten aufklären können über die Tücken in Europa.

Jedenfalls war heute vorbeugend Oliver Iwan bei einem Hörtest. Wegen der Maschinen, die einen wirklichen Höllenlärm machen. Da brauchst du Kopfhörer zum Schutz, damit Du nicht zu früh aufhörst die feinen Töne zu hören, die zwischen den Menschen schwingen. Die Entscheidenden, wenn Du aufwachst und die Stille hörst. Jedenfalls ab und zu. Er hat den Test bestanden und der Betriebsleiter ist stolz auf seine Fürsorge und das Zertifikat, dass Oliver Iwan ihm zeigt. Nun kann er sich wieder seine tiefblaue Tischlerschürze umbinden, in die Hände klatschen und sagen: „Los geht s.“ Wie ein richtiger Berliner Facharbeiter. Bei der nächsten Pause wird er erzählen, wie die Ärztin war und die AUDIO-Laborantin – so was hören die Leute gerne.

Spätestens morgen beim Frühstück.-

Kein kritischer Blick, keine Nachfrage, warum auch. Die Praxis ist froh ihr Geld zu verdienen, denn sie wartet nicht: die nächste Rate wegen aller Neuanschaffungen und Modernisierungen. Eigentlich ist das ja verwunderlich in der großen Stadt Berlin mit seinen bald vier Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, dass ihn n i e m a n d erkennt. Dass ihn niemand fragt:“Wer sind Sie wirklich.“ Ist er so echt russisch geworden in BELARUS, in RUSSLAND in den Gebieten, die vor einem Menschenalter mit Russen besiedelt worden sind, weil STALIN endlich Ruhe haben wollte in der Ukraine und besonders in den lebenswichtigen Industrie-und Bergbaugebieten am Don.

Es wird wohl eher umgekehrt sein: bei so Vielen fragt man nicht.

Wo sind die vorherigen Einwohner im Donezk? Wurden sie umgesiedelt oder haben sie gemeinsam versucht mit den Neuankömmlingen ihr Land zu gestalten?

Viele Kriege wurden begonnen mit dem Argument, der Staat ist dazu ist dazu da, seine Bürger zu schützen. Die Nation zu schützen.

Friedlicher:„Heim holen… in s Reich“.

Wie oft wurde ein Staat zum Verbrecher, weil seiner Meinung nach die falschen Bürger auf den wichtigsten Schätzen der Erde saßen, die er verwaltete. Die Sowjetunion konnte auswählen und hat sich das Recht heraus genommen umzusiedeln, um die richtigen Bürger dort zu sitzen zu haben. Zuverlässig. Zum Beispiel die Russen. Daher gibt es im Osten der Ukraine überwiegend die russische Bevölkerung.

Ein edles Motiv sich um jeden Einzelnen zu kümmern wie ein Vater (Vater Staat) und eine Mutter (Mutter Kirche). Die negative Entsprechung dazu ist dieBevölkerungspolitik indem vertrieben wird.

Umvolkung u.s.w. Das ist Diktatur. –

Aber es ist lange her. Wie lange? Du kannst die Geschichte nicht einfach zurückdrehen. Aber die Erinnerung bleibt, die kollektive. Die Ungerechtigkeit, sagen wir. Sie wirkt nach. Auch um den Preis eines Krieges? Ist es nicht auch ungerecht, drei oder vier Generationen zu bestrafen, weil sie damals von STALIN positiv umgesiedelt wuren, damit Russen die Kohle abbauen und nicht Ukrainer, die Stalin hasste. Können wir das zurückdrehen? Wollen wir das unterstützen ? Demokratie ist gefährlich. Jeder hat eine Stimme:“Wir sind Russen, wir leben in der Ukraine und wir haben gewählt. Wen? Na den, der uns am nächsten ist. Ist das verboten. Wir wollen nicht zum Westen wie ihr. Lasst uns autonom bei Euch leben. Und unsere Sprache sprechen. Nein, die Denkmäler gefallen mir auch nicht. STALIN, LENIN, aber die in der WESTUKRAINE auch nicht: Die Helden mit den Runen am Gürtel, dem Blut ihrer Großväter an den Händen. Wer hat auf den Dächern gesessen und dafür gesorgt, dass es Tote gab, die gerächt werden müssen. Gerechte Gewalt. Provokation. Keiner weiß das wirklich. Ich auch nicht. Es kippte. Es sollte und musste kippen. Schicksal? Die Deutschen sollten ihren Hang in Richtung Osten zügeln. Das ist wichtig. „Der Osten – ein Verhängnis.“Ein Buchtitel, der eines Abends auf dem Tisch lag.- Auf dem Weihnachtstisch. Zum Heiligen Abend in den frühen neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Es ist schwer zu regieren und gerecht zu sein. Es ist schwer nicht zu einer kriminellen Bande zu werden(Augustinus). Wie ist es mit dem GAZASTREIFEN? Wegen Israelischer Bürger und Bürgerinnen, die zu einem Tanzfest entführt wurden, gefoltert, gequält, umgebracht, gibt seit anderthalb Jahren Krieg im Nahen Osten. „Der Staat muss uns schützen!“ Tut er auch.-

Die Amerikaner würden bomben… wenn amerikanische Bürger entführt und misshandelt werden.

Menschenraub in der Antike. Raub der Sabinerinnen. Raub, Raub, Raub – der trojanische Krieg. Das Trojanische Pferd. Was ist Gerechtigkeit. Was ist ein gerechter Krieg? Gibt es ihn? Wo soll das verhandelt werden. Hilft uns hier die Bergpredigt weiter? Ja, ich glaube, dass wir, wenn wir im Geist der Bergpredigt Jesu denken, reden und handeln kreativ genug sind, um zu einer vernünftigen Lösung zu kommen. Keiner bekommt den Himmel auf Erden. Und ich glaube, dass die Deutschen in ihrer Friedensrolle versagt haben. Sie haben sie schlichtweg vergessen. Sie sind dem Goldenen Kalb hinterher gerannt und tun es noch. Warum waren sie nicht dankbar, dass Gorbatschow ihnen die Freiheit schenkte, auch die Freiheit sich wieder zu vereinigen. Oder nicht.

„Wissen Sie noch wie sich die Opposition spaltete?“, fragt jemand Herrn K.

„Nein, ich weiß es nicht.“

“Nicht mehr?“

„Kann sein.“

„Oder wollen sie es nicht mehr wissen…?- Die einen fassten sich an den Händen und bildeten lange Menschenketten den Straßen entlang, um zu demonstrieren: MIT UNS NICHT. KEINE WIEDERVEREINIGUNG! Sie haben es aufgeschrieben oder vorher in den Zeitungen und auf Flugblättern kund getan: MIT UNS NICHT. KEINE WIEDERVEREINIGUNG! KEIN VOLK!“

Die andern verfassten Gegenflugblätter und waren begeistert von der IDEE: Wir sind das Volk. Sie waren gesellschaftlich gesehen die Schwächeren. Die Konservativen auf dem Abstellgleis. An eine Schriftstellerin erinnere ich mich noch genau. Vorher noch nie gehört. DIE LINKE nahm ihren Einfluss. Und ihr Recht. Denn sie hatten den revolutionären Impuls auf die Straßen gebracht.Sie waren die Fortschrittlichen, die das verhasste Honecker-Regime ablösen wollte. Mit Mut und Verstand.

Trotzdem musste es ja nach der Revolution weiter gehen. Und da kommen dann die g a n z a l t e n Erzählungen zu ihrem Recht. Natürlich haben wir eine Sprache gesprochen, waren wir ein Volk. Nicht nur die übrig gebliebenen 16 Millionen in der Deutschen Demokratischen Republik. Auch die anderen. Auch eine gemeinsame Geschichte h a t t e n wir. Jedenfalls unsere Eltern und Großeltern. Nicht nur schön. Nein ganz und gar nicht. Nicht einmal nur hässlich. Nein, ganz und gar nicht. – Das Dritte Reich war abgehakt in der Zone, weil Wir ein antifaschistisches Land waren. Wir mussten eigentlich über diese Dinge nicht mehr reden.

„Oh, hatten wir es gut“, ruft einer dazwischen.

„Zynismus?“

„In den Gesprächen ging es meistens gar nicht so hoch her“, wirft eine ein.

„Meinen sie Parteiversammlungen?“

„Wo wurde denn richtig heiß diskutiert?“

„Und nach den zukünftigen Grundlagen gesucht?“

Richtig, sagt der Mediator.

„Ich meine Ihre Frage.WO?“

Mediatoren gab es später, also war jetzt schon eine Weile Zeit vergangen in der so genannten Wendezeit. Wir sagten noch Moderatoren und haben auch selber moderiert, weil wir uns dafür befugt sahen mit der kirchlichen Neutralität.Außerdem haben wir das auch gemacht, als es noch keine Unterhaltung war, sondern bitterböse ernst und unter Umständen mit Folgen. Ziel: Umsturz. Was sonst. Wie sonst- das ist auch eine Frage. Und überhaupt das WIE, das WIR und das WAS.

ES. Substanz. Um was ging es.

Das sagten uns dann die Nachfolger und Nachfolgerinnen, die den Steuerknüppel in der Hand hielten, damit das bundesdeutsche Schiff nicht in Untiefen geriet.

Vermeintlich. Wie wir erst viel zu spät mitbekommen haben. Um was es ging: Demokratie, an die wir glauben sollten. Wir mussten aber gar nicht beigebracht bekommen, was Demokratie ist. Wir kannten nämlich die Diktatur. Und zwar nicht nur aus Geschichtsbüchern.Sondern aus eigener Erfahrung.

„Ja, ja, die Deutungshoheit, die haben sie uns uns aus der Hand gerissen und belehren uns jetzt wie es zur Friedlichen Revolution gekommen ist. Und warum.“

„Mein Gott, ist das peinlich!“

„Diese Oberlehrer.“

„Und wir die Untertanen“, schrie ein Alt-Acht-und-Sechziger dazwischen.“

„Sei du ruhig!“, wurde er von den Seinen zurechtgewiesen.

Wessi, was für ein schöner Schimpfname. Ebenso Ossi, ebenso Wossi und was es sonst noch so gibt. BUNDI ist schon fast BND. Die Deutschen haben ein Problem. Sie müssen miteinander auskommen in einem politischen Land namens BRD. Sie sind deshalb froh, endlich eine Ossi-Frau als Bundeskanzlerin zu haben u.s.w.u.s.w. Damit hat Oliver alias Iwan oder umgekehrt absolut nichts zu tun. Sie haben ihn gut erzogen, die Adoptiveltern nahe Frankfurt am Main. Sie haben ihn gehen lassen, als man ihm ein Zukunft in den USA vorführte. Sie hingen immer noch an ihm. Während der Ausbildung dort. International. Im Westen. Nein, in Amerika, USA. Damit hat auch seine leibliche Mutter nichts zu tun, sie war in ihrer Rachsucht unterwegs und hat sich schuldig gemacht. Bis sie nicht mehr konnte und sich stellte. Von Diskursen hat sie nie etwas gehalten.Sie handeltNicht immer zu ihrem Vorteil, sondern wie sie meinte aus Gerechtigkeit. Weil das Recht auf ihrer Seite stand. Vom Jüngsten Gericht hat sie nie etwas gehört. Höchstens, dass am 30. Mai die Welt untergeht. Aber das war ihr auch egal.- Seit Oliver in Berlin als Iwan Schostakowitsch gelandet war und Iwan der Russlanddeutsche und Anne Leskow sozusagen zum zweitenmal als Familie aufgetreten sind, war der Kontakt zu den Adoptiveltern und der leiblichen Mutter mehr als spärlich. Eigentlich Null. Die Adoptiveltern waren alt und die Mutter eine Spionin des FBI. Das konnte gefährlich werden und zur Aufklärung führen, wer Oliver/Iwan wirklich in Berlin war: ein übergelaufener Spion des FBI, der auf russischerSeite im Krieg sein technisches Wissen weiter gegeben hat an die zum Teil altmodische Armee des Heiligen Russland. Dem dann aber ein Pope den Rat gegeben hat, zurück nach Deutschland zu gehen, in seine Heimat, in der er geboren wurde, wenn auch im Gefängnis.

„Werde ein Russland-Deutscher“, sagte er zu Oliver.“Das ist besser für dich und auch für dein Kind und deine Frau, die auf dich warten. Das sind jedenfalls die Werte, deretwegen ich hier in der Armee Putins diene. Im Auftrag Kyrills, im Geist der Orthodoxie, der ROK“.

„Bringe deine Liebe zum Heiligen dort ein. Im Alltag. In der Community der vielen Russlanddeutschen, die Stalin verfolgte, umsiedelte, ihnen ihr Deutsch verboten hat, wodurch sie sich heimlich treffen mussten in den Gemeinden, wo sie nicht leugnen mussten, wer sie waren. Sein wollten. Bleiben wollten. Sie wussten, was Konspiration ist. Überleben und trotz allem: FORTKOMMEN. ALLTAG IN RUSSLAND, dem großen Russland, dem zaristischen Russland, dem bolschewistischen. Sie haben das mitgenommen. Auch nach Berlin, was du suchst.“

„Aber ich bin doch auf der richtigen Seite? – oder nicht. Auf deiner Seite.“

„Du bist hierhergekommen, weil du glaubst, das ist ein gerechter Krieg, den wir führen. Jedenfalls ein gerechterer als ihn die andere Seite führt trotz ihrer Propagandaphrasen von Völkerrecht und Völkerrechtswidrigkeit. Jeder führt einen gerechten Krieg. Die einen für das. Die anderen für jenes. Daraus wird jedenfalls kein Frieden, mit großer Bestimmtheit nicht. Jeder hat ja auch recht. Seine Geschichte gibt ihm recht. Daraus wird aber auch kein Frieden.“

„Aber ist denn Frieden so wichtig? Wichtig ist doch allein der Sieg.“

„Ja, aber wenn es kein Blitzkrieg ist oder gar ein Blitzsieg, wird die Sache anders ausgehen. Eben in Richtung Frieden und nicht in Richtung Sieg. Verhandlungen. Sieh einmal: aus der Putinschen Spezialoperation im Heiligen Russland Belarus, Ukraine, Russland ist auf einmal Krieg geworden.“

„Mit vielen Opfern.“

„Ja mit vielen Opfern.“

„Auf jeder Seite.“

„Ja – und da fragt man sich: wo ist der Sinn?“

„Ist denn der Punkt jetzt erreicht?“

„Ich finde: ja. Andere nicht.“

Oliver hat die Dialoge noch sehr genau in seinem Gedächtnis. Sie sind ihm wichtiger als jemals.

6

Als Anne von ihrem ersten Arbeitstag nach Hause kam, wunderte sie sich über einen Streifenwagen, der vor ihrem Haus stand. Alles ehrbare Bürger in ihrem Haus. Das Fahrrad ihres Mannes war auch schon angekettet, viel früher als sonst. Sie stieg die Treppe hinauf und klingelte sozusagen zum Spaß um Oliver zu erschrecken. Aber das Erschrecken war bei ihr als ein vermummter Polizist die Tür aufmachte und sie hereinbat.

„Wir müssen Ihnen leider mitteilen, das heute Ihr Mann verhaftet wurde und dem Untersuchungsrichter vorgeführt wurde“.

„Warum steht sein Fahrrad unten, schon zu dieser Zeit angekettet, wo er sonst noch im Betrieb war.“

„Wir haben ihn früher nach Hause beordert als sonst, weil wir ohne großes Aufsehen Ihren Mann vorführen mussten und auch wollten. Er ist ein Verräter, wie sogar wir es wissen aus der untersten Verhaftungsebene. – Zufrieden mit der Erklärung zum Fahrrad?“

Pause.

„Wir müssen Sie bitten, sich uns zur Verfügung zu halten.“

„Aber ich muss unsere Tochter abholen von der Schule.“

„Das können Sie. Nur nicht verreisen und so etwas – wie neulich in den Westerwald. – Ja, wir beobachten Sie schon sehr lange“.

Man sah Anne an, dass sie sehr verwundert und erschreckt wirkte. Solche Geschichten wurden zu Hause gemunkelt bei ihren Eltern, als die ganze Sache noch nicht so lange her war wie jetzt. Ihr Vater war zwar Grenzer aber er lief nicht mit verbundenen Augen und zugestopften Ohren herum, sondern bekam mit, was in der sogenannten Bevölkerung so gang und gebe war, wenn sie zusammen saßen außerhalb des offiziellen Rahmens des Sozialismus, „den wir alle aufgebaut haben.“

„Ja und was ist jetzt?“ fragte sie.

„Was soll sein?“ antwortete der Polizist.

„Wollen Sie hierbleiben und warten bis ich wiederkomme?“ „Nein, nein, ich gehe mit ihnen aus dem Haus.Wir wollten nur nicht unhöflich sein und Sie so alleine ihrem Schicksal überlassen. Einer musste es Ihnen ja sagen. Stellen Sie sich vor: Sie kommen nach Hause. Keiner macht auf, obwohl Sie geklingelt haben. Und das Fahrrad steht unten. Da haben wir uns die Zeit genommen.“

„Danke!“ Anne wurde deutlich und wandte sich wieder zur Tür. Mit einer Geste, der Herr möge zuerst und erst dann sie. Schließlich war es ihre Wohnung im ersten Stock eines Berliner Hauses in der Bahnhofstraße Köpenick.

Was die Leute dachten, war ihr egal. Sie dachten schon etwas, denn der Herr trug Uniform.

„Soll ich Sie zum Kindergarten fahren?“, fragte der Herr und meinte es scheinbar ernst mit seiner Freundlichkeit.

„Nein, danke, ich brauche jetzt frische Luft und bin froh zu gehen.“

Damit schlug sie ihren Weg ein in Richtung „Generalshof“, das Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde, dorthin, wo auch die KITA untergebracht war. Sie war sich immer noch nicht sicher, ob sie so offen mit der Leiterin und dem dazugehörigen Pfarrer reden konnte, wie sie es in New York erlebt hatte, als ihr Mann verschwunden war. Allerdings auf andere Art. Eigentlich auf innerbetriebliche Art in Form eines kulturellen Sonderprogramms zur Glättung aufgewühlter Geheimdienstseelen. Sie hatten einen Sonderstatus: beide aus dem Osten jenseits des Eisernen Vorhanges. Er in noch einmal besonders spezieller Weise. Sie in punkto NORMAL. Eigentlich genossen sie Privilegien:Terrorregime Kommunismus eben hinter Mauer und Stacheldraht. Eiserner Vorhang klingt ja fast schon harmlos und machbar.Dafür Kenntnisse weitergeben in die Spionage hinein, Erfahrungen der Mutter, der Großmutter, des Vaters, des Großvaters: Tote und Lebendige.-

Aber jetzt nix privilegiert. Sie wieder punkto NORMAL. Er Russland-Deutscher, schwierige Leute, die alles besser wissen, wenn es um die Hetze gegen Russland geht. Um das Feindbild. Da schweigen wir doch besser. Das Schlimme: sie wissen es wirklich besser. Wer sonst. Nun ja, die Sache mit dem Festhalten daran, dass sie Deutsche sind. Verdächtig vor knapper Zeit noch. Jetzt müsste man doch etwas daraus machen können, wenn sie nur nicht so stur wären mit ihren Ansichten und Erfahrungen. – Aber jeder hat eben seine Lebensgeschichte. Gott sei Dank! Sonst ließe sich ja jeder so einfach wie nur möglich instrumentalisieren.

„Aber dass sie nun AfD wählen“.

„Das geht wirklich nicht“, sagt die westdeutsche Dame aus dem Norden im Chor unisono mit den westdeutschen Heeren im Süden.

„Nicht mit allen.“.

„Das stimmt auch“.

„Aber sie bestimmen“, sagt Iwanowna und Petruschka.

„Sie bestimmen“.

„Die Ossis leiden auch“.

Oder ist es die Religion. Die nicht aufgeklärte, die sie so widerstandsfähig gemacht hat, die sie sich einverleibt haben indem sie lutherisch geblieben sind in der Orthodoxie des großen weiten Sibiriens.

„So weit die Füsse tragen.“

„Wir haben auch etwas abbekommen trotz des Atheismus der vier Jahrzehnte als Staatsdoktrin“, murren sie, die Einwohner der soundsovielten Sowjetrepublik.

„Wie gesagt vierzig Jahre lang und mehr.“

„Ob es nun „die Postkarte STALIN“ist (Waleri Grossmann).“

„Oder das Gebinde zu SEINEN Füßen, wenn wir geheiratet haben.“

„Und nicht in die Kirche gegangen sind!“ „Oder KALINKA geschaut haben und gehört!“

„BRÜDERCHEN SARAFAN oder was“, ruft einer ausgelassen dazwischen.

„Oder RILKE!“

„Oder Barlach in Güstrow“ mit seinen russischen Figuren“.

„Wir lassen es uns nicht einreden, dass Russlands der Feind ist.“

„Wir werden Verschwörungstheoretiker!“

„Wir werden mit Armbrusts auf sie losgehen.“

„Wenn sie frech werden!“

„Jawohl!“

„Bis sie uns schnappen.“

Inzwischen reden sie alle durcheinander in den Hochburgen Marzahn und anderswo. Überall, wo sie sind.

„Wir haben unsere eigenen Erfahrungen.“

Das rufen sie im Chor, wie die Waldgeister in den gruseligen, ach, so wunderbaren russischen Märchenfilmen: “…die wir als Kinder gesehen haben.“

“Ach, waren das Zeiten,“ sprachen sie, nachdem sie erfahren haben, was sie mit ihrem Iwan dem Schrecklichen gemacht haben, dem Oliver aus Deutschland und den USA, der heimlich zu den Sowjets, äh – Russen, übergelaufen ist aus einem eigenartigen Gemisch von Gefühlen heraus und Überzeugungen bei seiner Suche nach Wahrheit, denn sie ist die Voraussetzung für Gerechtigkeit.

„Sie haben ja keine Ahnung!“

Alle haben sich bei Petruschka im Garten versammelt und flüstern ihre Parolen und trösten Anne. Sogar Sophie ist mitgekommen. Sie merkt trotz Jugenstil – und Schminke was los ist.

„Sind wir im Krieg?“

7

Derweil haben sie Oliver in das Hauptquartier der Amerikaner in Deutschland gebracht, wo gemunkelt wird: da liegen auch die Atombomben.-

Ach, wir haben den Grund genossen in der Nähe Lenins, vergraben im märkischen Sand. Niemand soll dort vorbeikommen und buddeln dürfen um eine paar Reste mit nach Haus zu nehmen. Den Kopf haben sie schon einmal vorsorglich getrennt vom Riesen aus Stein, der an dem Platz stand, der jetzt PLATZ DER NATIONEN heißt. Ach, wie sind wir im milden Frühlingsgrün, weiß schimmernd, an dem Wasser entlang gewandert und wussten nicht, dass genau dort das unterirdische Zentrum lag, von wo aus der Atomschlag koordiniert werden würde, „…wenn der Feind uns dazu zwingen würde.“ Alles Vergangenheit. Wie gut.

Die Russen sind weggegangen. Friedlich haben sie erobertes Land frei aufgegeben, damit die Wiedervereinigung gelingt. Wie schlecht muss es um das Land Gorbatschows gestanden haben, dass sie tatsächlich die Hände aufgehalten haben, als Kohl ihnen Milliarden hineinschüttete. Wo ist das Geld geblieben? Haben die Soldaten davon profitiert, als sie in den Waggons nach Hause fuhren in der Ungewissheit, die in allen geschichtlichen Ereignissen sich der Menschen bemächtigt, die regiert werden und nichts zu sagen haben. Um wie viel mehr bei Befehlsempfängern von Natur aus, bei den Soldaten. Es sei denn, sie machen Aufruhr. Sie machten keinen.

Hat sich Deutschland freigekauft, fragt sich alle Welt.

Die andere Seite vom Heiligen Russland.

Die andere Seite dann weiter des Helden, der auf den Panzer gesprungen ist wie LENIN, um es den putschenden Generälen zu zeigen: JELZIN. Und jetzt machen sie Rabbatz. Nachdem sie sich wieder heraus gebuddelt haben.

WÜRDE!

PUTIN. Der KGB-Mann wie Gorbatschow auch.

„Nein, sie hätten trotzdem klug bleiben müssen und keinen Deal machen. Sie hätten sich in die Atommacht hineinversetzen müssen: Keinen Schritt über die Oder. Jetzt ist die Grenze wie der Eiserne Vorhang – wieder- angefangen im höchsten Norden, wo Russland an Norwegen grenzt, an Polen in dem sensiblen Gebiet um Kaliningrad, dem Land der Tausend Störche und schlafenden Soldaten, die die Brücken bewachen, damit sie niemand sprengt. Kriegszustand.

WEISSRUSSLAND.

UKRAINE. Der Westen ist überhaupt nicht reif für den OSTEN EUROPAS, der eigentlich immer noch die MITTE ist – bis zum URAL gedacht.

„Was wissen wir?“hätten sie mit KANT fragen müssen.

“Was können wir?“

„Was dürfen wir?“

„Ja, ja, ich weiß, Kant ist Scheiße.“ Ich höre ihn noch, den Zwischenrufer auf dem anderen Marktplatz in Breslau, wo die Balkone gefährlich bröckeln. Und der Kaffee ist schwarz und alt aus der Nescafé-Dose.

Jetzt sind wir in Polen.

Bis dahin hat ja niemand etwas gesagt. Sie haben es verdient. Solidarität. Solidarnosc.

Aber Change in der Ukraine? Kekse? Ach, der Westen. Die naiven Amerikaner. Blauäugig. Germanisch. Die eigentlichen Germanen, glaube ich inzwischen. Die mit den Gruselgeschichten. Ja, auch die Angelsachsen.

Putsch oder Revolution.

„Reiht Euch ein!“

„Mischt euch ein?“

„Wollt Ihr bis zum Ural?“

„Mit Budionny bis zum AMUR!“-

„Wie liebe ich dieses Lied der Rotgardisten, der Weltrevolution.“ Nur damals haben sie die Finger davon gelassen, die Weißen haben schmählich verloren. Die Weisgardisten im Bürgerkrieg. Wie schreibt Schischkin heute: Verrat. Der Westen hat die Ukraine verraten. Ja und Ungarn auch. Und auch zum 17.. Juni haben sie die Greisinnen im Wasser der STASIGEFÄNGNISSE stehen lassen.

„Die Welt ist verrückt“, sagt meine Frau. Wie recht sie hat.

8

Nachdem alles geklärt war – die Ehefrau durfte ihren Mann sehen, zusammen mit der Tochter Sophie, die Aufregung legte sich, die Kollegen im Holzverarbeitungswerk tuschelten. Sie wussten nicht wie hoch sie den Fall einschätzen sollten. Sie kannten keinerlei Strafansätze oder Maßstäbe zum Bestrafen. Es war ihnen ja auch gar nicht bewusst, das ihr Kollege Oliver, der Russe Iwan, ein Fahnenflüchtiger war und auch noch aus dem amerikanischen Geheimdienst. Gab es da die Todesstrafe? Er war wie Dimitri oder Alexander jemand aus dem ehemaligen Bruderland, dem man freundlich entgegenkam, wenn er sich loyal verhielt und die deutschen Gesetze achtete. Und er achtete sie mehr als mancher andere.

Dass er mit einem Spionageauftrag im Osten Berlins sein Unwesen trieb, wussten nur die Amerikaner in ihrem Agentennetzwerk.

Der Werksleiter suchte und fand einen Ersatz, nachdem man ihm mitgeteilt hatte, dass sich der Fall in die Länge ziehen könnte und es womöglich zu einer Überführung eines amerikanischen Staatsbürger namens Oliver in die Militärgerichtsbarkeit vor Ort in den Staaten kommen könnte.

„Mit Sicherheit!“

„Danke!“

„Bitte behandeln Sie aber diese Angelegenheit als geheim, weil sie ja auch geheim ist. Verstehen Sie?“

„Ja.“

„Gut.- Dann haben wir uns verstanden.“

„Jawohl, Herr Oberst“, hätte der Werksleiter am liebsten gesagt. Aber er war sich nicht sicher, was heute sicher ist.

„Lieber zivil“, dachte er, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte.

„Hört her, Leute, ich kann Euch zur Zeit nichts Näheres sagen, weswegen unser Kollege in Gewahrsam genommen wurde. Ich bitte euch, verhaltet euch ruhig und sagt, wenn Ihr gefragt werdet, was mit Iwan los ist: Es sind Beweisstücke aus seiner Vergangenheit aufgetaucht. Die müssen gemeinsam mit ihm geklärt werden. Iwan hat einen langen Weg hinter sich gebracht, bevor er bei uns vorbei gekommen ist, um hier zu arbeiten. Der Name Oliver ist sein deutscher Name. So wurde er aber auch in den USA genannt.“

„USA?“

„Ja, USA!“

„Ist er ein Betrüger?“

„Hochstapler?“

„Nein, keines von beiden“.

Schweigen.

„Mehr darf ich Euch nicht sage.Bitte akzeptiert das. Und haltet Euch daran.“

Was er damit meinte, bleib für Viele ein Rätsel.

Wir haben inzwischen gelesen von Menschen, die entweder auf der Seite der Ukraine oder auf der Seite Russlands kämpfen, obwohl sie dazu niemand gezwungen hat. Sie Suchen sioch ihren Feind aus quer durch alle po0litische und extremen Lager hindurch. Global. Die für mich erschütterndste Geschichte ist die des Sohnes eine Diplomatin in Amerika. Ihr Sohn ist so entsetzt gewesen über den GAZAKRIEG, den die Israelis führen in diesen Zeiten, dass er sich in die Russische Armee geschlagen hat und dort gegen den WESTEN kämpft, der Israel unterstützt, insbesondere Amerika. Im sogenannten extremen rechten Lager ist die Meinung gespalten und daher auch die Parteinahme. Man könnte die Beispiel ohne viel Aufhebens leicht erweitern. Sie sind ja ein gefundenes Skandalfressen für einige Blätter ob nun digital oder wirklich.

Das alles hilft Oliver nicht, dem Geheimagenten´, geboren in einem Gefängnis in Deutschland nach der Wiedervereinigung, zu Hause und aufgewachsen bei fürsorglichen Adoptiveltern, in Verbindung mit seiner wirklichen Mutter, die inzwischen wieder auf freiem Fusse ist und für die STAATEN arbeitet, deren Dienste.

Das hilft auch nicht seiner Frau, die nun alleine zurecht kommen muss in dem preussischsten Berlin, im Ostteil der Stadt, gerade als sie begonnen hat in ihrem Beruf zu arbeiten: Lehrerin für die ABC-Schützen. Auch nicht der gemeinsamen Tochter, die gerade durch alle Abenteuer der Berliner Jugend kommen muss um erwachsen zu werden.

„Sie sind als amerikanischer Staatsbürger ausgezeichnet worden mit dem Auftrag für unsere Sicherheit zu arbeiten. Sie sind auf unsere Kosen ausgebildet worden zu einem hervorragenden Agenten unserer AGENDA VON FREIHEIT WIE WIR SIE VERSTEHEN“.

Stille im Vernehmungsraum auf dem amerikanischen Stützpumkt in GERMANY.

„Was haben Sie dazu zu sagen?“

„Ja, ich muss meinen Förderern dankbar sein, angefangen bei meinen Adoptiveltern unweit von hier.“

„Ich rede nicht von Ihrer Dankbarkeit, die Sie uns schulden, aber von Ihrem Schwur, den Vereinigten Staaten zu dienen und nicht irgend einer anderen Macht.“

„Sie sind ein Überläufer und Desserteur und Sie kennen das Strafmaß. Seien Sie froh, dass das Land, in dem Sie waren uns nicht den Krieg erklärt hat oder wir ihm“.

„Darüber bin ich sowieso froh und ich werde immer dafür arbeiten, wenn ich kann, dass es nicht wo weit kommt“.

„Wir werden Sie nicht an Ort und stelle erschießen, sondern wir werden versuchen Kapital aus dieser Affäre zu schlagen. Das heißt einen Top-Agenten frei zu bekommen.“

„Ich bin deutscher Staatsbürger und Russlanddeutscher. Mein Name ist Iwan Schostakowitsch.“

„Diesen Ausweis können Sie stecken lassen. Das ist längst geklärt.“

„Sie verkennen die Abhängigkeit des deutschen Geheimdienstes.“

„Von wem?“

„Von uns.“

„Immer noch?“

„Ja, immer noch.“

Pause

Damit hat sich das erste einigermaßen ernsthafte Gespräch der amerikanischen Seite mit dem Überläufer Oliver erst einmal erledigt. Er wurd wieder in seine Zelle verbracht und musste im Militärstrafvollzug ohne abschließendes Urteil abwarten, was die Zeit bringt.

Die Verpflegung war einigermaßen gut und seinem Wunsch, eine Zeitung lesen zu dürfen wurde entsprochen. Er bekam eine englischsprachige Zeitung und eine deutschsprachige Zeitung, jeden Morgen. Das Handy blieb ihm auch und eines Morgens las er, dass ein ehemalige Berater eines amerikanischen Präsidenten folgendes sagt, an seine kosmische Tafel schreibt: Entweder die Deutschen wählen eine Partei, die am Pranger der alten Bundesrepublik steht oder die Bundesrepublik muss gar nicht mehr wählen, weil es nämlich Deutschland nicht mehr gibt…

Ja sicher, ich erinnere mich wie eine linksliberale Zeitung schreibt, das für die Deutschen nur Europa d a s Vaterland sein kann. Ja, sie schrieb sogar:“Das Ersatz-Vaterland.“ Es ist immer wieder erstaunlich mit wie offenen Karten gespielt wird und keiner bemerkt es. Ähnlich zu Beginn des Krieges , des Angriffskrieges, als Präsident Biden hundertprozentig die Verteidigung der Ukraine unterstützt hat, ja die Meidan – Revolution vollendet hat, indem er die Waffen lieferte, die seiner Meinung nach Wolodymir Selenskyj braucht. Allerdings wie wankelmütig das Ganze letztendlich erscheint ist durch die Tatsache belegt, das am ersten Tag des Einmarsches der Hubschrauber vor der Tür stand, hinter der der Schauspieler und Politiker mit seiner Familie wohnte. Oder war es die Tür des Präsidenten-Palastes?

NEIN SCHALLTE ES DEM KÄPT`N ENTGEGEN“, als er klingelte, nein, nachdem der Präsident die Tür aufriss entweder seine Haustür oder das GLAS des Fluchtschiffes, auf ukrainischem Boden dröhnend.

So stelle ich mir das vor.“

Was du dir so vorstellst.“

Na, du weißt doch, die Ladys aus den USA, wie sie Kekse verteilte, um Stimmung zu machen, Stimmung für den WESTEN. Sie wollten die Bestrebungen unterstützen, schmackhaft machen, scheint es, die Freiheit, wie fürsorglich und einstehen für Freiheit und Frieden? Das Wort Frieden kam wohl nicht vor wie bei unseren Friedensfreunden, die vergessen haben, dass sie eins als Freunde des Friedens mindesten wahrgenommen worden sind und deshalb gewählt wurden mit Höhenflügen, dass jeder meinte, der nächste Kanzler ist grün hinter den Ohren“.

Nein, das habe ich vergessen, jedenfalls im Moment. Aber wo du es sagt…“

Siehst du: oder wir unverblümt uns gesagt wurde, es gibt nur eine Großmacht und das sind wir.“

Die Amerikaner.“

Ja, die.“

Ich bin verwirrt.“

Ja, ich auch.“

Lass uns beten.“

Ja, das wäre jetzt dran. Aber wir sind müde geworden, die Geschichte hat uns müde gemacht, wir müssten schlafen können im Stehen wie Napoleon in der Schlacht.“

Jemand mischt sich ein:“ Er hat trotzdem verloren, alles, seine Soldaten, seinen Ruhm: Mit Mann und Ross und Wagen, so hat sie Gott geschlagen.“

Trump benutzt neuerdings die Geschichte, wie wir sie alle benutzen, Putin auch. Der eine darf das, der andere nicht. Wir müssen sie benutzen, damit das Unheil nicht noch einmal über uns kommt wie die Nacht. Da passen wir auf.

„Auf jede noch so kleine Regung“.

Das Böse schleicht, wie die Pest im Psalm und wir merken es nicht. Wir drehen uns nicht um, wir dürfen das nicht wie in einer Beschwörungszeremonie.

„Der Plumsack geht um.“

„Keiner darf sich umdrehen“.

„Und nachschauen!“

„Das ist verboten!“

„Dreht euchnichtum. Der Plumsack geht `rum!“

Niemand verdirbt das Spiel. Niemand geht aus dem Kreis!“

„Habt ihr gehört?“

Das alles nützt Oliver Thielemann wenig. Das hat schon seiner Mutter wenig gebracht. Erst recht seinem Vater nicht. Und den Großeltern. Die lebten friedlich hinter ihrem Stacheldraht und den Sprengköpfen, versteckt unter Grasbüscheln. Sie mussten nicht nachdenken, es wurde ja für sie gedacht und aufgeschrieben was denkbar war und was nicht. Oh wie gut hatte es dieser Staat ohne aufmüpfige Wilde aus guten Häusern. Die gab es nicht. Oder doch? Unterirdisch? Doch, doch sie gab es. Da sind wir wieder am Ausagangspunkt von 1989 und was davor und danach passierte.

Das Loblied auf die Demokratie muss gesungen werden. Sie ist schwer und kaum zu handhaben.Und der alte weiße Mann sagte nicht ohne Grund, dass sie aber trotzdem das beste aller Übel ist, was uns begegnet im politischen Konzeptangebot.

Schluss aus.

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Jetzt kommt aber erst einmal jemand auf die Bühne, der helfen kann. Helfen dem Oliver Iwan, dem schrecklichen Schostakowitsch aus Russland und Deutschland und den Vereinigten Staaten. Da ist dieser JEMAND auch schon: ANNE.

Anne, die angereist kommt in die Eifel, nach SÜDWEST, Rheinland-Pfalz, um ihren Mann zu sehen. Die Ermittler hoffen auch, dass das etwas bringt. Ihnen ist dieser ganze Fall unangenehm und als gute amerikanische Patrioten hätten sie früher kurzen Prozess gemacht mit einem Fahnenflüchtigen des Sternenbanners. Aber mit Trump, dem Republikaner?

Sie haben Anne und Oliver in ein gemütliches Zimmer gesetzt. Es gab Cafe und Kekse. Der zuständige Wärter flüsterte Anne etwas in s Ohr:“Dein Mann hat gute Freunde in Übersee.“ Und öffnete die Tür in einen sehr amerkanisch eingerichteten Raum mit Blick nach draußen. Ein Verlockung für jeden,d er eingesperrt ist. Oliver stand auf und ging seiner Frau entgegen.

„Was macht Sophie?“, wollte er als erstes wissen.

„Sie konnte nicht mitkommen, weil ja Schulalltag ist. Petruschka kümmert sich jetzt um sie“.

Er nahm sie in den Arm und sie begrüßten sich nicht wie Schuldige, sondern wie Unschuldige.

„Wie geht es dir?“fragte sie nach einer Weile, nachdem sie sich an den ovalen kleinen Tisch aus Mahagoni – Holz gesetzt hatten. Ersteinmal haben sie geschwiegen, der wachhabende Soldat wunderte sich, aber dann erinnert er sich: es ist ein besonderer Fall. Der Mann hat Freunde und auch die Frau. Zu Hause in Amerika. Ach, ja. Da gibt es längere Sprechzeiten, zumal das Treffen auch im Interesse der Strafverfolgung liegt, wurde gemunkelt. – Oliver hat auch Post bekommen von Henry und der bittet ihn bei der Wahrheit zu bleiben und alles offen zu legen.„Ich rate dir das dringend in diesen Zeiten.“

„Wie soll es mir gehen?“ fragt schließlich Oliver zurück.

„Ich bin ein Fahnenflüchtiger und im Kriegsfall werde ich erschossen.“

„Du lebst aber noch.“

„Ja, das stimmt… zu meiner großen Verwunderung haben sie keinen kurzen Prozess gemacht.“

„Das Kriegsrecht ist nicht ausgerufen“, sagt seine Frau.

„Woher willst Du das wissen.“

„Ich habe mich erkundigt.“

Nach einer Pause sagt Anne:“Ich soll Grüße ausrichten, die Gemeinde betet für alle, die in dieser Zeit Orientierung suchen.“

„Das gilt auch für mich?“

„Ja, für Dich besonders, sagt der lutherische Pfarrer, der sich besonders der Russlanddeutschen annimmt. Übrigens auch der Pfarrer, den ich besucht habe in meiner „deutschen“ Heimat.“

„Du meinst in Westdeutschland.“

„Ja, die Leute reden immer noch von Deutschland, wenn sie die alte Bundesrepublik meinen. Vom „Osten“ wenn sie uns meinen zum Beispiel. Wobei Berlin einen Sonderfall darstellt…schon immer dargestellt hat.“

„Grüße doch bitte die Gemeinde zurück und ganz besonders Petruschka und ihren Mann.“

„Fehlt dir hier etwas, außer Deiner Freiheit?“

„Eigentlich nicht. Ich bin Schlimmeres gewohnt. Das weißt Du“.

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Wie war das in Polen, als sie ihn ausgequetscht haben und nur aufgrund seiner amerikanischen Papiere haben laufen lassen.

Was wollen Sie in Polen, fragte der Offizier der polnischen Eliteeinheit. Erzählen Sie.“

Das darf ich nicht. Das wissen Sie selber ganz genau. Bei aller Freundschaft.“

Ja, bei aller Freundschaft. Das wissen wir genau.“

Dann trat er ihn in den Bauch und befahl:“Zurück in die Zelle. Dort soll er ausnüchtern. Ich halte ihn für einen deutschen Spion. Das sind zwar auch unsere Freunde. Aber: wer weiß schon heute etwas Genaueres“.

Was habe ich mich mit ihm herumgequält: Was wollen Sie hier. Warum sind sie hier und so weiter.“

Er will Polen kennen lernen und vielleicht auch Belarus. Reine Neugier. Privat. Er sei ein guter Geheimagent der Vereinigten Staaten. Dabei kamen mir nicht einmal die Papiere echt vor. Echt schwieriger Fall.“-

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Sie schwiegen wieder eine Weile, so wie sie es gewohnt waren, wenn es keine Lösung gab oder geben konnte.

„ Ich werde mir jetzt ein Quartier suchen, damit ich morgen wieder bei Dir sein kann.“

„Danke, dass Du gekommen bist und mir zeigst, dass wir zusammen gehören“. Der wachhabende Soldat war für eine kurze Zeit verschwunden und kam jetzt wieder zurück in das Besuchszimmer.

„Hat er sich neue Direktiven geholt und berichtet?“, flüsterte Anne.

„Wahrscheinlich.“

„Ich werde Henry einen Brief schreiben und von Dir und Sophie grüßen,“schrieb Oliver auf einen Zettel und gab ihn seiner Frau Anne. Das duldete der Soldat nicht und nahm den Zettel an sich. Aber Anne hatte schon gelesen, was auf dem Zettel stand.

„Hat Deine Mutter sich gemeldet?“

„Ich habe ihr auch einen längeren Brief geschrieben, sie gehört ja eigentlich zur Truppe, wie du weißt…damit sie Auskunft geben kann, falls sie gefragt wird“.

„Und hat sie geantwortet?“-

Jetzt sah der Diensttuende doch auf die Uhr und bedeutete, dass die Zeit um sei.

Vielleicht konnte er so gut deutsch, dass er es für richtig hielt, an dieser Stelle das Gespräch abzubrechen.

Sie standen auf und Anne hüllte sich in ihren Sommermantel, der über dem Stuhl hing und wollte Ihren Mann nicht wieder los lassen, als sie sich umarmten zum Abschied.

Sie erkundigte sich draußen, ob es eine Möglichkeit gibt, hier zu übernachten. Die gab es. Sie wurden wie amerikanische Staatsbürger behandelt, dachte Anne, als sie endlich in dem annehmbaren Zimmer ankam, welches ihr zur Verfügung gestellt worden war.

Die Flure waren lang und die Kaserne lag im Abendlicht.

Der nächste Morgen brachte eine Überraschung. Als sie mit ihrem Mann im Besuchszimmer saß und der Mariner in entsprechender Entfernung im Türrahmen stand, klopfte es an der Tür. Schon ungewöhnlich genug in einer Kaserne.

Ein Postbote trat ein, er hatte einen Passieschein des Amerikanischen Weges in der Hand und ein großes Couvert dazu, scheinbar der Grund seines Kommens.

Der Wachhabende lies ihn zu dem Ehepaar gehen und er zog einen Stuhl zu den Zweien. Sie schauten ihn groß an und erkannten ihn. Es war Henry.

Henry legte den Finger auf den Mund und kam ganz nah an die beiden heran.

Flüstern:“ Ich habe hier die Begnadigung des amerikanischen Präsidenten in Händen. Er bat mich kein Aufsehen zu machen und euch die Rehabilitierung persönlich in Deutschland, in der Pfalz auszuhändigen. Ihr wisst, seine Vorfahren sind selber aus dieser Gegend. Ihr wisst auch, dass er alles umstürzt, was bisher gegolten hat in unserm Land USA. Dazu gehört eine gewisse Sympathie für dieses riesige Land Russland, dem jaua einaml Alaska gehört hat….“

„Darf ich Dich unterbrechen, Henry, als ich in Russland gewesen bin, in der Ukraine, wurde mir auch klar wie ähnlich sich diese beiden großen Länder sich sind. Im Empfinden, im Pathos.“

„Ja, wenn es stimmt, dass die Landschaft prägend ist für die Seele des Menschen, dann kann es ja gar nicht anders sein. Aber dazu kommt natürlich noch die Religion, besser Konfession, eben die OSTKIRCHE: Wir sind die WESTKIRCHE IN ALL IHREN VERÄSTELUNGEN;“

„Aber was die Moral angeht ist doch der Südbaptismus in den Vereinigten Staaten von Amerika der Moral der Orthodoxie viel näher, als dem links-liberalen Klerus in Europa.“

„Ja – und das sollte man arangieren, so wie das jetzt mit Dir geht, das die Führer dieser Kirchen miteinander zu tun bekommen. Ich weiss zum Beispiel nicht, ob suthern batist convention im ökumenischen Rat (Weltkirchenrat) vertreten ist“.

„Eine Aufgabe für dich.“

„Ja.“

„Das wäre doch gut für den Frieden, den der Präsident will.“

„Ja, das stimmt, jedenfalls für seine Argumentation in Verhandlungen mit Russland… Etwas ganz anders ist es, ob die Westukraine das will.“

Jetzt wurde es dem Wachhabenden zu bunt. Immerhin ist das hier Sicherheitsgebiet, murmelte er vor sich hin. Egal, wer in Washington regiert.

„Die Redezeit ist überschritten. Ich muss jetzt den Gefangenen zurück führen.“

„Alles gut“, sagte Henry und übergab den großen Umschlag. Anne war nun gar nicht zu Wort gekommen. Aber sie ahnte, dass das jetzt nicht von Belang war. Sie folgte Herny und hakte sich draußen bei dem Postboten ein.

„Ein Glück, dass Du da bist, wenn auch verkleidet“.

In seiner geräumigen Zelle angekommen, öffnete Oliver-Iwan den Umschlag.

Sehr geehrter Herr Thielemann, in Anbetracht der Tatsache ihrer Kenntnisse die Vereinigten Staaten betreffend und betreffend die sogenannte Spezialoperation Russlands in der Ukraine, die wir einen Krieg nennen, der beendet werden muss und angesichts der hundertausenden von Toten und Verwundeten auf beiden Seiten, fordere ich Sie auf, umgehend für Kosultationen zur Verfügung zu stehen. Legen Sie dieses Schreiben mit dem Wappen des Präsidenten dem Kommandierenden vor mit der Bitte, umgehend einen Rückflug zu ermöglichen. Die Sache eilt. Ich verliere die Geduld.

Unterschrift, Datum und Ort.

Oliver, der Geheimdienstmann, betätigte den Notknopf in seinem Gefängnis und tatsächlich erschien der Mann vom Dienst und fragte, warum zum Teufel, er solch ein Drama veranstalte.

„Nein, ich muss auf keine Toilette und benötige im Moment auch keinen Arzt, aber ich möchte dem Kommandierenden vorgeführt werden, weil es der Präsident der Vereinigten Staaten so will, laut diesem Schreiben, welches mir übergeben wurde während der Sprechzeit heute vormittag.“

Der Diensttuende überflog den Bogen und ließ den Kommandierenden holen, was ungewöhnlich genug ist.

Der Kommadierende tat das, worum sein Chef in der Hauptstadt seines Landes ihn bat.

Ende des 2. Buches von DANACH.

Altenburg-Leipzig

Leipzig und Umgebung

1.

Die Züge fahren immer noch im Takt

Wenn sie halten

Du musst nur auf den Zettel schauen

an der Lade aufgeklappt

des großartigen Fensters

im großen Garten

vierhundert Meter im Quadrat

Zehn nach um hin

und vierzig nach um

Richtung

Las Vegas zur Spielhölle,

Tankstelle

Große Kaufhäuser

Läden unter einem Dach

von der Puppenstube aus gesehen

mit Puppenklo, wo du zum Freund wirst der Ameisen

und anderem Kleintier

Spinnen an der Wand.

Die Wunder, die du nicht mehr siehst

in deinem Trotteltrott.

Ja, so ist das.

Lass dich umwuchern von Brombeeren und Himbeeren

Lebensbäumen en gros,

sei skeptisch

gegenüber

den gezüchteten

und eingefärbten

Tannen

blau.

Jetzt marschieren sie auf,

die Kleingärtner aus Leidenschaft,

und zeigen dir

ihre Früchte

und wenn du Glück hast

legen sie dir über Nacht oder am Morgen

den Kürbis vor die Tür.

Iss ihn andächtig auf.

2.

Stück

Regentropfen

trommeln nicht an die Fenster im Ostwind,

dem ständigen seit über vier Wochen,

der die Erde austrocknet seit Ostern im Mai.

Aber das Stück heißt so in der Grundschule,

die die Klavierlehrerin mit benutzen darf für Auftritte ihrer Schülerinnen,

zu guten Gelegenheiten

inzwischen ist sie voll integriert

in der Schule mit kreativem Ansatz

Im Museum der

Clara Wieck.

Außerdem.

Sie soll extra eines bekommen.

Vernachlässigt bis dato

die einhellige Meinung der Kultur

Clara,

die Tochter des Lehrers Wieck

aus dieser piefigen Kleinstadt

am Fluss

der Ost und West verbindet

Dresden und Hamburg

Sachsens Karl May

Weit Schlimmeres

und Hanseaten, Protestanten.

Wie fühlt sich das an?

Schumann

Kinderszenen

der fröhliche Landmann

Nikolaus

Robert-Schumann–Haus.

Aber es kommt

die Revolution.

Alle Menschen werden Brüder.

Jetzt Regentropfen,

von Chopin eigenartigerweise.

Der Klassiker der

Klavierstunde.

Hat man mich belehrt.

Nacht

der Museen.

Auftakt mit stolzen Eltern

und Großeltern

und natürlich der Lehrerin.

Sie weint vor Rührung.

Ich auch.

Wo ist der Tanz

das Ballett

der Walzer

Tschaikowski

Chopin

Den spielt meine Enkelin

für uns

im vollen kleinen Saal .

Applaus.

Regentropfen trommeln an die Scheiben,

nein.

Wir warten auf Regen in diesem kalten trockenen Wind

aus Ost.

Wir wollen ja zurück

in das Paradies

den Garten

vierhundert Meter im Quadrat.

Putin schickt seine Signale.

Der Westen versteht wie immer

immer noch nichts.

Nicht einmal das.

Verkehr

Du

kommst aus dem Wald der Kiefern

gebohrt in den Sand der Mark Brandenburg

atmest durch

nach der Erfrischung

steuerst zu

auf den Hund

wo du nicht weißt

ist es eine Schmusekatze

oder ein Raubtier

und bittest um Entschuldigung

weil du stören musst

auf dem Bürgersteig für alle.

Ein böses Fauchen

und „Bitte“ mit Betonung

ABSCHRECKUNG.

Nachdem ich danke sage.

Nie wieder Fahrrad

immer zu Fuß.

In den Staub

Kennst du

das Land wo die Zitronen

blühn?

Du bist nicht Goethe

Ich weiß.

Aber du

solltest dich bewegen

hin zu den Strömen

die nicht fließen

sondern stehen.

Ein bisschen

wie Bobrowski

Fontane nicht

mit seinen ewigen

Beschreibungen.

KLAGELIED

(zur Gedenkfeier am 1. September 2018 in Kyritz)

Wir reformieren

und beschmieren

Zettel

klug und fein.

Dann kommen wir zur Tat

über das Feld

mit Stecken und Stab

und erschüttern die Welt.

Vor lauter Gerechtigkeit

ohne Barmherzigkeit.

Wir reformieren

und beschmieren

Zettel

klug und fein.

Dann säubern wir die Akten

und schaffen Fakten

schreiben Geschichte

und ich Gedichte

über die Ungerechtigkeit.

Was soll nun werden

auf dieser Erden

Wenn ich jetzt …

1

Wenn ich jetzt nach Berlin fahre

auf der Nord–Süd–Autobahn

Nummer 9

in Buchstaben Neun

dann danke ich Gott

wenn ich wohl angekommen bin

zum Beispiel ohne Sabotage

wie es in den Neunzigern sie noch gab:

„Schrauben locker,

ich habe es

irgendwann gemerkt

bevor es zu spät war

und bin

an die Box gefahren.

In den Rennstall

der Weltpolitik,

die wir damals

machten, weil wir auf die Straße gegangen sind

ohne zu fragen

mit List und Tücke

frei nach Lenin.

Und das war das Schlimmste!

Er spricht:

DENN DIE SPIESSER IN DEUTSCHLAND

WERDEN NIE DEN RASEN BETRETEN

DAS GIBT ES DORT NICHT

DESHALB KÖNNEN SIE KEINE

REVOLUTION

BEGINNEN

SIE TRAUEN SICH NICHT

ZUG ZU FAHREN

OHNE EINE FAHRKARTE GEKAUFT

ZU HABEN.

Natürlich nur ein Bild mit der Box:

Tankstelle

schon Esso

ich weiß es nicht mehr.

Halt doch

Minol.

Aber schon

von den Franzosen gekauft.

Es war nicht der Nürburg–Ring.

Inzwischen aber pleite?

Sondern der Leipziger Ring.

1989 in Worten

neunzehnhundertneunundachtzig

ineinander verschlungen die Achten und Neunen.

Und neuerdings habe ich erkannt:

Die Sexen.

Die Nixen.

Achtung 68

in Worten

neunzehnhundertachtundsechzig

Sex Acht!

Von dem kamen wir.

Von diesem Heuhaufen mit den vielen Nadeln,

die sich entpuppen müssen

nun.

Es war diese Box

dieses Rennstalles

Revolution und Politik

Wenn Sie so wollen!

Sprach er.

Er hätte sich dann

einen passenden Schraubenschlüssel geliehen

8 – ter, 10 – er

Achter, Zehner

und die Schrauben der Vorderräder

seines alten Trabant`s

wieder angezogen.

Und konnte so weiter fahren

nach Berlin

der alte

Bürgerrechtler auf der A 9.

So hat er es mir am Telefon erzählt,

als ich ihn fragte

wie es ihm gehe.

Lange her?

Ich bin mir überhaupt nicht mehr sicher.

2

Der Rapper

Wenn ich überhaupt

unterwegs bin

und endlich

gut angekommen

wenn auch müde oder

alt und bekümmert

und krank

stoße ich ein Gebet

zum Himmel:

in keinen Unfall verwickelt

nicht verursacht

nicht geschnitten

bei 100

bei hundert.

3

Wie damals bei Dresden

Die Bautzener Nummer.

Ich forsche nicht, was die Buchstaben bedeuten.

Denn du musst ja persönlich fahren

du kannst die Verantwortung nicht abschieben.

Ja, das ist anstrengend.

4

Oder neulich nachts

wo Du nicht weißt

die Sekunde.

Ich bin schuld.

Jetzt auf einem anderen Ring

nicht Breslau

nein

oder in einer anderen Stadt

auf dem Erdball

sondern seit 2000 und…

die Bahnen um Leipzig

in seiner Umgebung

in Beton gegossen und Teer.

Hüte dich.

Bleibe behütet.

Amen.

———————————————————————————-

Aus Gedicht-Form

von Michael Wohlfarth

epubli Berlin

Veröffentlichung (Softcover)

ISBN: 978-3-759859-29-7

Erscheinungsdatum: 14.08.2024

Bilder

Stasiakte

Stückentwurf

Land der zwei Ströme: Dahme und Spree, Zweistromland Berlin

Vor der Grünauer Kirche: Freiluftausstellung

Brüderkirche zu Altenburg, am Markt: DAS AMEN IN DER KIRCHE, DER FRIEDENSGEBETE UM FREIHEIT, UM SCHUTZ FÜR DEN PILGER, FÜR MENSCHEN UNTERWEGS IN IHRER MISSION, IN IHREM ALLTAG UND SONNTAG, IN IHRER RASTLOSIGKEIT UND ZERRISSENHEIT.

WIR BETEN: HERR, BLEIBE BEI UNS IN DIESER ZEIT DU EWIGER GOTT UND GELEITE UNS AUF ALLEN UNSEREN WEGEN.

AMEN.

Erlebnis mit Fjodor Dostojewski in der Stadt

Jesus sagt , der Glaube kommt aus dem Hören.

„Wir wollen sehen, wie der Glaube wächst aus dem Hören auf das Wort Gottes in einem feinen bereiten Herzen, gleich dem Acker im Gleichnis, der das ausgeworfene Korn birgt und aufgehen lässt im Regen und Wind und ernten lässt in der Hitze des Sommers“.

„Kant betont das Hören ebenfalls über alle Maßen, woraus die Hersteller von Hörgeräten die Impulse für ihre Werbung beziehen. Plötzlich lesen wir es in großen Lettern an Giebelwänden, selbst wenn wir schnell die Straßen nehmen weil hinter uns die Nächsten drängeln und hupen. Um die Wegstrecke zum Ziel in der Stadt abzukürzen, treten wir auf das Pedal und der Golf braust davon. Aber das lesen wir von Kant.“

Und Jesus im Hintergrund.

Seine Mutter war eine fromme Frau.

„Eine Pietistin, von der er gelernt hat, was der Himmel ist, das Gewissen und die Vernunft.“

Jetzt sitzen wir also in der Kirche, die Glocken haben geläutet, die Orgel braust und wir schlagen das Buch auf, in dem die Lieder der Gemeinde zu finden sind.

Wir sitzen viel zu lange und viel zu viel.

Warum stehen wir nicht den ganzen Gottesdienst hindurch.

Nein, wir haben es bequem, küssen keine Ikonen, die vorher das Mütterchen berührt hat mit ihren Lederlippen aus Russland, Rumänien oder Bulgarien. Wir werden auch nicht in Ohnmacht fallen. Wegen der undefinierbaren Dünste, die der Priester mit seinem Wedel und seinem Schwenkgefäß oder seiner Wasserpistole verbreitet.

Es ist eine friedliche leere Versammlung, kein ausverkauftes Haus, beileibe nicht. Aber das ist es nicht, was mich stört. Sondern der Ton, der Ton der die Musik macht in dem Gotteshaus. Es werden alle Dinge erklärt für Leute, die noch nicht dabei waren und aus irgend einem Grund heute zum ersten Mal dabei zu sein scheinen, was aber niemand beweisen kann.

Vor jedem Wort steht ein Wort.

Vielleicht sind es Stufen der Himmelsleiter.

Oder es ist das Palmöl des Friedens, das uns gelenkig macht für den Sport im Paradies.

Jedenfalls habe ich mich geschämt.

Immer dachten wir, jetzt kommt es. Aber es kam nicht..

Die Predigt weckt den Glauben.

Der Glaube kommt aus der Predigt.

Die Predigt ist das Wort Gottes.

Traut sich der Geistliche nicht. Traut er sich nicht, das Wort Gottes in den Mund zu nehmen, weil schon alles gesagt ist?

Ist Gottes Wort nicht ewig?

Ist es nur zeitgemäß – oder auch nicht?

Gut, dass es die Liturgie gibt, die bleibt. Gut, dass die Lieder so alt sind und die Gebete von Herzen kommen und die Besucher bekommen, weswegen sie gekommen sind.

Wir sind nicht bis zum Schluss geblieben, weil nach der Predigt noch verschiedene Angebote folgten und ein Sing Sang, der uns nicht herausgetrieben hat, aber uns mit Blicken verständigen ließ, dass wir uns über acht Tage in einer anderen Kirche verabreden wollten, um dort zu hören, was uns nahe ist und Erfahrung bringt aus Geduld und Liebe, die der Hoffnung nicht im Wege steht, sondern ihr Grund ist. Nicht, dass der Sing Sang uns sonderlich gestört hätte. Im Gegenteil, er hat bei uns den Eindruck hinterlassen, dass es gleichgültig ist, ob wir da sind oder nicht. Vielleicht waren wir auch nur nicht die richtige Zielgruppe und haben uns in dem reichhaltigen Programm das Falsche heraus- gesucht, wie eine Henne, die ewig und drei Tage kein Korn mehr gefunden hat und nun alles nimmt, was sie findet.

Vom Schatz im Acker möchte ich gar nicht reden. Von Gold und Silber nicht.

Und von Gott?

Am nächsten Sonntag

“Paulus schreibt an die Gemeinde der Freude, die ihn tröstet, als er im Gefängnis sitzt, wenn er nur an sie denkt. Er schreibt ihr einen Brief und wir können ihn lesen und buchstabieren für unsere Lebensverhältnisse.

Paulus schöpft letzten Endes auch – wie wir – aus dem Vermächtnis Jesu, wie es seine Jünger im Gedächtnis hatten. Nachdem sie mit ihm gewandert sind, um ja nichts zu versäumen in dieser Zeit auf Erden.

Die Briefe des Paulus finden wir im Briefteil des Neuen Testamentes und seine Missionsreisen in der Apostelgeschichte, in der beschrieben wird, wie im Glauben an das Wort des Jesus Christus, des Gekreuzigten und Auferstandenen, Gemeinden in Kleinasien, Griechenland und dem heutigen Italien gegründet und geleitet werden. Zu den Reisen und Neugründungen gehören die Briefe, die die Gründer an die Gemeinden schickten, um ihnen ihre Treue und Liebe zu beweisen. Das Beste, was man tun kann, damit die Gemeindeglieder nicht in die Irre gehen und sich verführen lassen. Das Beste auch in Verfolgung und Bedrängnis. Das wussten sie.

Die Gemeinde der Freude, wie Philippi genannt wird, muss etwas Besonderes gehabt haben, dass Paulus sich mit ihr so verbunden weiß. Gerade auch in den Sorgen, die er sich um sie macht. Was schreibt er an die Menschen, die mit Christus verbunden sind?“

Der Prediger hält inne und schaut von seiner Kanzel auf die Menschen herab, die in der großen Stadtkirche sitzen und bis jetzt den einführenden Erläuterungen ihres Pfarrers gefolgt sind.

Stille. Peinliche Stille.

Einer steht auf und geht. Er protestiert!

Als ob der Pfarrer verhindern will, dass noch mehr gehen, liest er nun endlich den Predigttext vor, um den es heute gehen soll:

„Folgt mir und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt.

Denn viele leben so, dass ich euch oft von ihnen gesagt habe.

Nun aber sage ich ’s auch unter Tränen:

sie sind die Feinde des Kreuzes Christi.

Ihr Ende ist die Verdammnis.

Ihr Gott ist der Bauch

und ihre Ehre ist in ihrer Schande.

Sie sind irdisch gesinnt.

Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel

Woher wir auch erwarten den Heiland

den Herrn Jesus Christus

der unseren nichtigen Leib verwandeln wird

dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe

nach der Kraft

mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.“

Wieder Pause. Lange Pause. Da liegt eine Spannung in der Luft. Fühlt sich jemand angesprochen. Unangenehm berührt. Ja. mehrere stehen auf. Es sind die Bänke, die ächzen. Bei Stühlen wäre es auch nicht besser, die rutschen und quietschen auf dem Stein.

Die Gruppe hat geräuschvoll die verschlossene Tür aufgerissen und hinter sich ins Schloss fallen lassen. Der Kirchendiener konnte nicht mehr die Tür halten in ihrer Wucht. Es war eine schwere Eichentür. Er lief, er hätte rennen müssen.

Er hatte es dem Pfarrer gesagt, diese Epistel ist zu schwerwiegend, „zu unverständlich“ und bat darum, den Mittelteil wegzulassen. Er stand im Lektionar in Klammern! Der Pfarrer meinte, der solle mit gelesen werden. Er sei nicht verboten, nur weil er in Klammern stünde.

Auf diese Weise kam der Freudenbrief zur Geltung, weckte die Neugier des Predigers und wurde der Text, der der Predigt zugrunde lag und nicht die Fürbitte Abrahams für die Städte Sodom und Gomorra.

Der Kirchendiener war zufrieden. Er las als erste Lesung den Besuch Gottes bei Abraham und die Ankündigung der Katastrophe.

Wie recht hatte der Kirchendiener mit seiner Vermutung, dass der Text des Paulus unverständlich sei. Weil, hätte man ihn verstanden, sich vieles ändern müsste. Bei jedem einzelnen. Lebensgefährlich auch für den Prediger?

Wie Recht hatte der Kirchendiener.

Wir alle wissen doch wie es um Johann Wolfgang von Goethe stand – mit diesem Kreuz – so allein auf weiter Flur.

Auf den Gipfeln der Alpen und überall auf der Welt.

An den Straßenrändern. Das versteht man ja noch – als Warnung für zu schnelles Fahren im jugendlichen Übermut.

Oder Woizeck, der fragwürdige Held eines Georg Büchner.

Alle urinieren auf das Kreuz.

Es tut weh.

Dummerweise steht es viel zu viel herum in der Landschaft.

Oh – wie hasse ich es, wird mancher sagen.

Sogar in Schulen soll es anderwärts hängen.

In Gerichtssälen, sogar in Frankreich.

Es ist ja auch wahr, dass es umgedreht wurde von den vielen Kreuzrittern und ein Schwert wurde. Und ein Zeichen gegen die Protestanten in vielen Ländern, die es küssen mussten.

Und dann noch so ein schreckliches Wort. „Ihr habt mich zum Vorbild…“, schreibt der Apostel. Vorbild sagen wir nicht mehr. Leitbild, ja. Aber nein. Nicht doch. Vorbild ist primitiv. Das können wir niemandem mehr zumuten. Dabei weiß jeder, dass nichts anderes funktioniert als das Vorbild. Aber das ist es ja gerade. Wir sagen es nicht. Noch lange nicht. Da mag die böse Welt es längst eingesehen haben, dass es ohne Vorbilder nicht geht, in der Schule. Und ohne Liebe nicht. In der Schule. Und zu Hause. Und dass Vorbild und Liebe zusammengehören. Strenge auch. Ja, Zucht, flüstert einer und erinnert kaum hörbar an Dietrich Bonhoeffer, der natürlich in diesem Punkt nicht vor uns hergetragen wird wie eine Monstranz. Aber wir sagen es nicht. Noch lange nicht. Was ist das für ein kafkaeskes Spiel.

Warum ist man eigentlich so gegen Paulus, gegen Augustinus, gegen Luther. Warum ist die Leidenschaft aus der Kirche verbannt. Warum darf die Wahrheit nicht gesagt werden? Weil zu wenig Liebe da ist, um sie aufzufangen?

Was ist denn die Wahrheit? Ist die Wahrheit hässlich? Ist sie schön?

Lässt sich die Welt wirklich nur ästhetisch rechtfertigen, wie der Sohn eines Pfarrers, Friedrich Nietzsche, dort, wo jetzt die Braunkohle liegt, es leidvoll erfahren musste.

Golgatha, Gethsemane, Graf Zinzendorf: “Das tat ich für dich. Was tust du für mich?“ Er las das auf einer Reise in London unter einem Kreuzigungsbild und wollte fortan etwas tun, weil er das Kreuz nicht verachten wollte, sondern würdigen und annehmen in seinem Leben.

Auf dass er mit Christus auferstünde.

Wie viele Menschen haben das erfahren, es geht nicht alles auf, nicht alles glatt schon gar nicht, vieles ist krumm, wie ein Weg, auf dem Gott kommt. “Und er schreibt auf krummen Linien“, haben die Leute früher behauptet. Und wir? Wir fliegen und – haben Handschriften, wie Kinder in der Klasse minus eins. Wir können kaum noch lesen, geschweige denn schreiben. Es sind Fächer in höheren Klassen: Lesen. Kreatives Schreiben.

Wer seinen Körper verachtet und damit Schindluder treibt, entweiht ihn, verachtet den Tempel Gottes. Das Haus des Heiligen Geistes, wir können damit nicht tun, was wir wollen. Weil Gott uns das Leben schenkt, sollen wir so damit umgehen, dass wir das Opfer Christi zur Heilung und Heiligung unseres Lebens nicht verachten.

Skandalon, Skandal, Ärgernis, töricht den Weisen dieser Welt aber Gottes Weisheit – das Holz, das Konstrukt für unser Tun und Lassen.

Warum schreibt Bismarck seiner Frau von dem See, auf dessen tiefstem Grund das Kreuz sichtbar wird als einem großartigen Bild für die Ehe. Ist das passe‘ ? Ist deshalb das Wort Beziehung das Schlüsselwort und Partnerschaft, statt Ehe? Wer das Kreuz verachtet, verachtet das Hässliche in seinem Leben, will es nicht wahrhaben, dass das Leben ohne Kreuz nicht zu haben ist. Wer die Crux leugnet, den Widerspruch, belügt sich selber.

Es geht um mehr als Moral, nämlich, dass, wer behauptet es gäbe keinen Gott, kann tun und lassen was er will…das hatten wir schon, nicht wahr Dostojewski?“

Es wurde folgendes festgehalten in der Sitzung der Gemeindeleitung: „Als die Predigt zu Ende ging, waren noch fünf Männer und vier Frauen in der Kirche. Alle anderen waren gegangen, weil sie es übertrieben fanden, so krass und deutlich die Dinge auszusprechen.“

„Das wäre doch nicht nötig gewesen und widerspricht dem Gebot der christlichen Nächstenliebe“.

Sie wollten den Prediger anzeigen bei der Kirchenleitung, weil er das Konsensgebot und die gegenseitige Verträglichkeit missachtet habe. Die Einvernehmlichkeitsklausel wurde zitiert.

Allerdings, wir haben die Predigt gehört und sind bis zuletzt geblieben. Sie war nicht gesetzlich, sondern evangelisch. Es ging ja auch nur um die Klammer, auf die der Kirchendiener hingewiesen hatte.

Es war ja auch gar nicht die Predigt, die Anstoß erregte, es war das Skandalon des Kreuzes selber.

Es war die Torheit derer, die das Kreuz wegwischen wollen wie einen Flecken an ihrer Weste, von der sie meinen, sie müsste immer weiß aussehen, auch wenn sie schmutzig geworden ist.

Es waren genau diese Sätze der Bibel.

Sie waren eingeklammert !

Das stimmt.

Wir brauchen es nicht, das Kreuz Christi. Wir leugnen es. Warum ist es eigentlich da. Es wirkt so abstoßend. Weg mit den Kruzifixen.

Symbol?- Ja, das können wir deuten. Denn wir haben ja die Deutungshoheit.

Den Zusammenhang von Tugend, Jugend und Kreuz – nein danke. Es gibt ihn nicht. Das haben wir einhundert mal betont.

Dass die Moral auch ein Kreuz sein kann. Ja, wo kommen wir denn hin, wir haben es genug behauptet, dass wir keine Moralprediger sind.

Und das Kreuz Christi uns ausmisst in der Höhe und in der Breite, in der Tiefe, in der Länge des Atems den wir haben.

Wenn wir uns wenigstens nicht scheuen, christliche Wahrheiten auszusprechen in einer Zeit, in der darauf gewartet wird.

Erst waren es hundert. Dann zehn.

Und erst, wenn junge Leute anfangen wieder ehrlich zu predigen ohne Furcht und Tadel, sind zuerst diese zehn da, dann zwanzig und zum Schluss hundert. Und mehr.

So muss es sein und das andere ein böser Traum, denn sonst kann es nicht wahr sein, dass die Kinder von denen, die sich gegenseitig umgebracht haben, sich versöhnten und liebten und so Heilung in die Geschichte ihrer Familien einzog wie durch ein Wunder.

3.Versuch – Das Ewige Haus

„Vor der Wiedervereinigung Deutschlands und Europas haben wir erst im Rundfunk, dann im Fernsehen gehört und gesehen, daß es in der alten Bundesrepublik einen so genannten Volkstrauertag gibt, an dem die Repräsentanten des Staates Kränze niederlegen im Gedächtnis an die Gefallenen der Weltkriege.

Allerdings habe ich nie als Pfarrer darauf gedrungen, daß die Ehrentafeln für die deutschen Gefallenen aus den Kirchen entfernt wurden und auch die Ehrenmale in den Dörfern und Städten sind, so viel ich weiß, nicht entfernt worden.

Wenn der Martinsumzug durch unser Dorf zog, haben wir an dem Kriegerdenkmal angehalten und darauf hingewiesen, wie anständig der römische Soldat und Offizier Martin gewesen ist, als er seinen Soldaten- und Reiterumhang in einem kalten Winter geteilt hat mit einem Bettler, der fror. Niemand hat uns daran gehindert, den Martinstag innerhalb der so genannten Friedensdekade so zu begehen, daß nicht alle Soldaten im alten Rom nur Mörder gewesen sind, sondern auch Wohltäter gewesen sein können.

Jetzt haben wir das wiedervereinigte Deutschland (und Europa – ohne Russland) und gestalten die offiziellen Kranzniederlegungen mit im Andenken an alle Verfolgte, Flüchtlinge, vom Terror Bedrohte und im Krieg umgekommene Soldaten und Zivilisten.

„Aber wir haben auch einen biblischen Text aus einem Brief des Missionars Paulus an die christliche Gemeinde in Korinth.

„Wir wissen aber, wenn unser irdisches Haus zerbrochen wird, daßwir von Gott eine anderes Haus haben, das ewige Haus. Und deshalb sehnen wir uns nach dem Himmel und uns verlangt, dass wir damit angetan werden wie mit einem Kleid. Dass wir nicht nackt und bloß sind.

In unserer sterblichen Hülle sehnen wir uns nicht nach Entkleidung, sondern nach der Verklärung, damit das Sterbliche verschlungen wird von Leben.

Der uns aber dazu bereitet, das ist GOTT, der uns das Pfand, den Geist dazu gegeben hat.

Wir wissen, dass wir fern sind vom Herrn in unserer sterblichen Hülle, in der wir unterwegs sind in unserer Pilgerschaft. Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

Der Glaube ist unser Trost.

Wir haben aber Lust näher bei Gott zu sein. Damit wir nach Hause kommen in seine Ewigkeit. Daheim bei dem Herrn zu sein.

Deshalb strengen wir uns auch an, ob nun auf der Erde oder im Himmel, damit wir ihm wohl gefallen.

DENN

WIR MÜSSEN ALLE OFFENBAR WERDEN VOR DEM RICHTERSTUHL CHRISTI, AUF DASS EIN JEGLICHER EMPFANGE SEINEN LOHN DAFÜR WIE ER GEHANDELT HAT IN SEINEM LEBEN, ES SEI GUT ODER BÖSE.“

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

der Herbst ist eine deutsche Jahreszeit.

Angefangen mit Heinrich Heines Gedicht vom traurigen Monat November, der unweigerlich auf das Wintermärchen Deutschland verweist.

Wenn Sie wollen, können sie gleich noch an einer Schubertiade teilnehmen und die Winterreise in großartiger oder rührender Besetzung anhören. Die Stimmung ist perfekt.

Gleichzeitig protestieren Schüler auf den Straßen wegen mangelhaftem Unterricht und mir fallen die Studentenunruhen in Frankreich und Westdeutschland ein, wenn es auch nicht immer der Herbst war. Aber im Herbst beginnt das Lernen und Studieren.

Weltkrieg. Weltkriegsende. Novemberrevolution. Russische Revolution, die an Grausamkeit nicht zu überbieten war.

Die SA hat geputscht.

Hitler hat die Macht ergriffen.

Das Glas splitterte und Juden wurden abtransportiert.

Weltkriegsende.

Teilung des Landes.

Gewalt, Terror, Bomben,
Flucht und Vertreibung. Alles kam zurück.

40 Jahre später Herbst in Leipzig. Mauerfall in Berlin.

Jetzt. Jetzt ist die Zeit der Gnade.

Der Herbst- er kann auch schön sein. So der Karl Valentin.

Volkstrauertag. In einer halben Woche ist Bußtag. Nur in Sachsen, Sieger im Pisatest, gesetzlicher Feiertag. Dann ist EWIGKEITSSONNTAG. Und es war Reformationstag und Halloween. Warum nur die Leute sich darüber so aufregen.

Warum wollen die Leute den Richterstuhl streichen. Ist Weltgeschichte nicht mehr Weltgerichte. Hat die Geschichte kein Ziel mehr. Ist es nicht gut, dass es einen Richter gibt – bei so viel Unrecht und Unvermögen, Recht sprechen zu können. Man denke nur an die Unfähigkeit mit der Vergangenheit Deutsche Demokratische Republik fertig zu werden, mit dem himmelschreienden Unrecht, das gepflegt und gehegt wird, wie ein literarisches Denkmal.

Warum wollen die Leute nur getröstet werden mit dem Kleid, das ihre Blöße zudeckt im Licht Christi. Weder das Licht, noch die Nacht, noch das Feuer, noch den Rauch, noch die Trompete, noch den Wandel – nicht einmal den Handel – gibt es, wenn das Gericht ausbleibt. Licht ist Licht. Und kein Dunkel mehr. Ja, Dunkel ist Licht.

Nacktheit ist keine Nacktheit mehr. Frost nicht mehr Frost. Sommer nicht mehr Sommer. Wenn die Posaunen nicht rufen und die Toten nicht auferstehen, vom Schlaf. Wie es in einem alten Lied heißt.

Wie es in den Gospels gesungen wird.

Weder Bekleidung gibt es, noch Leben, das uns verschlingt. Weder Gut noch Böse, sondern Fadheit und Geschmacklosigkeiten am laufenden Band.

Was sollen die Menschen an den Kriegsgräbern sagen, wenn ihre Mütter nicht mehr leben, um dort weinen zu können. “Es gibt keine Schuld mehr…?“ Es gibt sie doch und Christus verheißt uns Leben und qualifizierte Zeit, Bedeutung. Ewiges Leben. Er steht dafür ein. Als Richter.

Wir sind unterwegs in das EWIGE HAUS. Aber wir werden gefragt, wo wir und bei wem wir gewesen sind auf dem Weg. Ehe wir uns im Wohlgefallen üben mit den Engeln. Im Himmel und auf Erden.

Buße tun ist umkehren, wenn der Weg lebensgefährlich wird für uns. Tun wir das. 1989 war das angesagt und wurde ausgepfiffen. 1945 war das angesagt und wurde versucht. Und 1918?

„Dass wir weinen können über der Schande, die uns widerfahren ist und Vergebung erlangen, damit wir nach vorne schauen können. Das ist nicht WEITER SO. Sondern Neubeginn im Namen Gottes, des Vaters, der uns geschaffen hat, im Namen Gottes des Sohnes, der uns erlöst hat und im Namen des Heiligen Geistes, der uns tröstet tief in unserem Herzen“. AMEN.

Alle Bilder: Erntesegen, wie ein Freund schreibt“ Kresse, Tomaten, Gurken, Segen.“ Vor unserem Haus als Trost für den Garten in Nordsachsen, den wir abgeben mussten, weil wir uns weigerten, die herrlichen alten Bäume der Vorgängerfamilie zu fällen. Wir haben sie gefällt. Sie sind im Kamin gelandet. Nicht in unserem. Aber wir wollten den Garten nicht so. Vielleicht ein Fehler. Oder?

Das Bild über der Predigt aus dem Archiv eines Dorfpfarrers ist eine Einladungskarte zum Valentinstag in die Brüderkirche zu Altenburg von dem katholischen Kollegen. Es war ein Generationsunter- nehmen und Ökumene. Mit Segnung. Bitte, Gebet und Fürbitte für die Paare am Altar vor dem Segen.

„Unterwegs in der Stadt mit D.“ ist die Voraussetzung für das Buch ACH DOSTOJEWSKI bei Haag und Herchen. Im Roman zu finden, bevor sie sich entschließen, gemeinsam weiter zu machen.

Die Freude in Christus: Eine Botschaft aus dem Gefängnis

Bitte erst den Vorgängerblock lesen mit allen Schriftstellen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

das ist ein Brief der Freude, den ich da gelesen habe – wenn ich ihn ganz lese.

Alle 4 Kapitel.

Das Erstaunliche: er wird aus dem Gefängnis geschrieben: Und Paulus beschreibt die Freude, die in Christus Jesus gegeben ist.

Der erste Vers unseres Predigtkapitels ist:“Weiter, liebe Brüder: Freut euch in dem HERRN!“

Paulus erzählt – immer wieder – wie er zu der Freude im Glauben trotz aller Trübsale gekommen ist. Und wie er die Gesetze seiner Religion als berühmter Gesetzeslehrer gehalten und interpretiert hat und dabei zum Verfolger der Christen geworden ist, wie er Zeuge und Täter bei der ersten Steinigung eines Nachfolgers Jesu geworden ist.

Und erst durch die Begegnung mit dem HERRN sehend geworden ist für Jesus und seine Auferstehungsgemeinde. Wie er auch sein Nachfolger geworden ist. „Sein Follower…“ würden heute Jugendliche sagen.

Aus dem Verfolger ein Nachfolger. Eine 180 Grad-Wendung.

Der angesehene Gesetzeslehrer seines Volkes ist in die Nachfolge Christi getreten und schreibt jetzt aus dem Gefängnis Briefe der Freude.

Ganze Kapitel.

Verkündet die Botschaft, die er empfangen hat in der Begegnung mit Christus seinem HERRN. Ganz in der Tradition auch seines Volkes, der prophetischen Tradition, siehe den Text umseitig aus dem ersten Testament Gottes/Neues Testament/ JEREMIA 1, 1 – 4.

Er bittet seine Lieblingsgemeinde in Europa: „Bleibt in dieser CHARIS gleich Freude, bleibt in dieser GNADE GOTTES und verzettelt euch nicht in den Fragen der religiösen Bräuche. Verwechselt nicht Ursache und Wirkung in der Nachfolge Jesu. Sucht den Heiland der Welt, das HEIL in Christus und nicht darin, wer Recht hat. Wer den richtigen Glauben hat. Wenn Ihr auf den Gekreuzigten und Auferstandenen schaut, werdet ihr Wahrheit und Gerechtigkeit finden“.

„Könnt ihr in der Liebe bleiben!“

„Nicht durch Zynismus (cynos- der Hund), durch hündisches Verhalten, werdet Ihr untereinander klar kommen“.

„In Christus liegt die Erfüllung des Gesetzes!“, ruft er den multiethnischen Gemeinden zu.

Paulus möchte nicht den Rückfall in eine falsche Gesetzlichkeit erleben.

Er erinnert deshalb immer wieder an seine eigene Geschichte, wenn er wegen s e i n e r Verkündigung des Evangeliums angegriffen wird in der Auseinandersetzung, was wichtiger sei: die Einhaltung der rituellen Vorschriften oder der Glaube an Jesus Christus, den Auferstandenen, der Früchte trägt.

Er könnte sich gut auf seine Leistung berufen und sich darauf ausruhen, aber er tut es nicht, sondern schaut auf den HERRN und folgt ihm nach. – Ja, er geht noch weiter: „Alles was diesem meinem Glauben im Wege steht, halte ich ferne.“

Schlimmer noch:“ist Dreck!“ Wörtlich übersetzt Kot . In der Jugendsprache: Scheiße, wie heute oft zu hören ist. Ja, Paulus ist ein leideschaftlicher Christ geworden, so wie er vorher ein leidenschaftlicher Verfolger eben dieser Christen gewesen ist. Sonst wäre er nicht rund um den Erdball gezogen mit seiner Botschaft, beziehungsweise in der Welt unterwegs gewesen, die damals die Welt war.

Ich selber, als ordinierter Pfarrer, sehe in der Kirchengeschichte Augustinus, Martin Luther und Sören Kierkegaard als Christen, die das besondere Anliegen des Apostels in jeweils ihrer Zeit weiter entfaltet haben.

Ich sehe den Zug durch die Jahrhunderte, die Väter und Mütter des Glaubens, unseres Glaubens, wie sie mit dem Geschenk des Glaubens wucherten und nicht kleingläubig umgingen, wie der Ängstliche und Kleingläubige im Gleichnis von den Pfunden, das Jesus erzählt.

Leidenschaft: Was ihm schadet in der Erkenntnis Gottes in Jesus, den er gefunden hat- weg damit! – da kennt er keine Kompromisse. Da wird er radikal. Und deshalb kann er alle Verfolgung, Diskriminierung und Verleumdung, auch innerhalb seiner Kirche und Gemeinde ertragen und dafür leiden. Leidenschaft.-

Es geht um das Leben in der Taufe, in die Christ/Christin hineingetauft werden: In den Tod Christi, damit wir mit Christus auferstehen von den Toten. Es geht um das Leben der von ihm gegründeten Gemeinden. Ja,das ist wirklich jüdisch-christliche Tradition. Paulus ist Jude, der sich von nichts, aber auch von gar nichts abbringen lassen will in der Erkenntnis Gottes. Und damit in der Liebe Christi bleibt, durch die ihm das Leben ja erst neu geschenkt worden ist. Diese Erkenntnis gibt er weiter. In jedem seiner Briefe. Dadurch wird er zum Lehrer der Völker.

Die Offenbarung Christi vor Damaskus gibt ihm die Begeisterung, die ansteckt und sicher auch polarisiert. Sie gibt ihm das gute Gewissen, wenn sie ihn vor die Räte bringen. Gott schenkt ihm die Kraft, Gemeinde Jesu zu bauen. Auch und sogar vom Gefängnis aus, in das ihn die Mächtigen, die Zyniker der Macht bringen.

Er bringt das Evangelium nach Europa, nach Griechenland bis nach Rom.

Er weiß, dass er alles verloren hat: Reichtum, Anerkennung, Akademische Ehren, seinen guten Ruf – weil er mehr gewonnen hat: Christus.

Deshalb kann er mit den Gesetzlichen reden, mit den Juden und Griechen, mit den Libertären, mit den Linken und Rechten. Mit den Starken und Schwachen. Ja, er kann sogar die Falschen Fünfziger akzeptieren, wenn er ohnmächtig im Gefängnis sitzt, wenn nur – auch von denen- der CHRESTOS verkündet wird. – Gott ist größer als unser Herz das weiß.

Übrigens ein Trost für alle, wenn sie an der Kirche oder den Verhältnissen verzweifeln.

Die Taufe in Christus ist es, die uns stark macht. Die uns ein WERDEN bedeutet in der Liebe und der Erkenntnis Gottes. Gemeinde bauen läßt. Die es möglich macht: ein Leben zwischen Kreuz und Auferstehung zu führen im Alltag, in den Kämpfen der Zeit.

Gebet: Danke Gott für alle Zeugen deiner Auferstehung in Jesus Christus, für alle Menschen, die Briefe geworden sind deiner Herrlichkeit und Wahrheit. Wir bitten dich: mache uns zu Salz für deine Erde, wenn es fade um uns herum wird, zu Licht in deiner Welt, wenn die Dunkelheit einzubrechen droht. Amen.

Die Predigt wurde in Vertretung von Pfarrerin Anke Schwedusch-Bishara wirklich gehalten heute am 9. Sonntag in der Trinitatiszeit in der Dorfkirche zu Müggelheim.

Berlin d. 17.08.2025, Michael Wohlfarth

Vorbereitung

Ich habe mich verpflichtet am Sonntag über acht Tagen in meiner Dorfkirche zu predigen. Das heißt, ich werde mir die angebotenen Texte anschauen, die den Abendmahlsgottesdienst ausmachen sollen. Und in der Reihe, wie sie meine Kirche vorschlägt. Das ist sinnvoll:Vorgeschlagene Texte, nicht von mir ausgewählte. Also nicht meiner Stimmung gemäße Texte, meinem Unbehagen gemäße Texte, meiner Wut gemäße Texte, meinem Zorn gemäße Texte. Oder nach dem Motto: was ich schon immer einmal sagen wollte.

Sondern im Auftrag.

Es geht um die Heilige Schrift, die Bibel, das Alte und das Neue Testament Gottes, sein erstes und zweites sagen moderne Theologen heute, um nicht etwa die Hebräische Bibel als nur“alt“ zu apostrophieren.

Nein, ich wähle sie nicht aus, sondern schaue nach in meinem Losungsheft der Herrnhuter Brüdergemeine oder in meinem mir immer noch zugeschickten Amts- und Dienstkalender. Und möchte sie an meiner Vorbereitung teilnehmen lassen.

Unter Liedern steht ein Predigtlied: Evangelisches Gesangbuch 397 „HERZLICH LIEB HABE ICH DICH O HERR.“ Das Lied hat drei lange Strophen. Es werden noch mehr Lieder gesungen. Soweit bin ich aber noch nicht. Vielleicht haben Sie einen Vorschlag.

Unter Predigt steht dort: Brief an die Gemeinde zu Philippi.

Die Lieblingsgemeinde des Apostels. Einige Verse, die es – wie immer bei PAULUS – in sich haben und Leute dazu bringen außer sich zu sein, vor Freude, vielleicht aber auch im Gegenteil.

Unter Evangelium lese ich Matthäus, früher zumindest nannte man dieses Evangelium das eigentliche Kirchenevangelium. Nirgend wo ist die Spannung Gesetz und Evangelium so ausgebreitet und geht unter die Haut.

Und dann der Psalm.Im Vorschlag Lob und Dank, was mich gewundert hat. Denn der zweite Teil, der Schluss handelt auch von einer möglichen negativen Perspektive.

Dialektik.

Lobpreis und Sehnsucht Gott nahe zu sein in der Wüste, auf der Flucht vor denen, die ihn töten wollen: den Sänger, den König, DAVID.

Gottes Güte ist besser als Leben (Psalm 63 (1) 2-9 (10-12)
1 Ein Psalm Davids, als er in der Wüste Juda war. 

2 Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir, mein Leib verlangt nach dir aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist. 3 So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum, wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit. 4 Denn deine Güte ist besser als Leben; meine Lippen preisen dich. 5 So will ich dich loben mein Leben lang und meine Hände in deinem Namen aufheben. 6 Das ist meines Herzens Freude und Wonne,[1] wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann; 7 wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach. 8 Denn du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich. 9 Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.

10 Sie aber trachten mir nach dem Leben, mich zu verderben; sie werden in die Tiefen der Erde hinunterfahren. 11 Sie werden dem Schwert dahingegeben und den Schakalen zur Beute werden. 12 Aber der König freut sich in Gott. / Wer bei ihm schwört, der darf sich rühmen; denn die Lügenmäuler sollen verstopft werden. 

Und dann Altes Testament,der Prophet, JEREMIA: SEINE BERUFUNG! Vor seiner Zeugung!

Aus einer alten Priester -Dynastie stammend.

(Das wäre dann der Nachteil des ZÖLIBATES).

Und natürlich ziert er sich: zu jung u.s.w..

Wir kennen das.

Immer dasselbe.

Die Aufgabe ist ja auch zu mächtig gewaltig.

Vorstellung und Berufung des Propheten Jeremia (1, 4 – 10)

Dies sind die Worte Jeremias, des Sohnes Hilkijas, aus dem Priestergeschlecht zu Anatot im Lande Benjamin: 

Zu ihm geschah das Wort des HERRN zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, des Königs von Juda, im dreizehnten Jahr seiner Herrschaft  und hernach zur Zeit Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, bis ans Ende des elften Jahres Zedekias, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, bis Jerusalem weggeführt wurde im fünften Monat. 

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. 

Das Evangelium nur drei Verse, zwei Sätze (Mt.13, 44 – 46):
Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft den Acker.  Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und da er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie. 

Ja, das ist radikal. Die Radikalität am richtigen Sitz im Leben. Wenn es um das Ganze geht. Um den Sinn des Lebens.

Und nun der Predigttext, auch wie das Evangelium im Neuen Testament , der gleichzeitig als Epistel dient (Briefteil des Gottesdienstes). Wir finden ihn im Philipperbrief des Apostel Paulus, 3. Kapitel, (4b – 6) 7 – 14

Wenn ein anderer meint, er könne sich aufs Fleisch verlassen, so könnte ich es viel mehr, der ich am achten Tag beschnitten bin, aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer, nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen.

Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, 1damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.

Das Ziel

Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Ja, das ist Leidenschaft. Leidenschaft in Christus Jesus, dessen Name über alle Namen ist. Das ist Argumentation. Nicht umsonst schätzen gerade Marxisten Paulus als d e n Philosophen (Agamben).Haben ihn geradezu entdeckt, für sich, für andere. Und als Jugempfarrer im Altenburger Land? In der Stadt und auf dem Land: „Ja, alles ist Scheiße, nur JESUS nicht.“Das ist keine Blasphemie, auch keine Anbiederung an den Zeitgeist. Und ja, es ist Jugendsprache. Jugendliche haben manchmal auch Recht! Auch und gerade in ihrer Sprache. Im Übrigen ist die Übersetzung so wie s.o.. So war Paulus mit seinem Lebensweg, der hervorragend Rabbi, der junge ehrgeizige Rabbe und Bibelausleger, der diese Sekte verfolgt, von einem gewissen Jesus inspiriert. Sie nennen sich Christen. Sie glauben, Jesus ist der Messias, auf den alle warten um die Welt zu erlösen. Uns alle, damals und heute. Der den Mantel hält für diejenigen, die Steine werfen auf Stephanus, bis er begraben liegt unter den Steinen. „Das geht alles nicht, das ist Gottes Lästerung.“ Aber aus dem Vorzeigegelehrten wird ein Mensch in seinem Wahn, der vom Pferd fällt und eine Erscheinung hat:“Saulus, warum verfolgst du mich?“ „Wer bist du?“ “ Ich bin der, den du verfolgst.“ Wir können das alles nachlesen in der Apostelgeschichte und Paulus selber erzählt es immer wieder.

Weil dieser ehemalige Saul oder Saulus eine Geschichte hat, die zu seiner Namensänderung führt, glauben ihm die Leute. Er weiss wovon er redet.

Soviel aus heutiger Sicht von mir aus gesehen zu den Texten des Gottesdienstes am 17. August d. J..

Mit ein paar Bemerkungen, die neugierig machen sollen, z.B. eine Predigt an zu hören, einen Gottesdienst zu dem Thema zu feiern, das es sich lohnt Christ zu sein.

Dass wir alles andere vergessen können, wenn es um ein erfülltes Leben geht im Glauben an JESUS Christus, um seine Wahrheit in und Gerechtigkeit.

So wie bei dem Kaufmann, der alles verkauft, um diese eine Perle zu bekommen, bei dem Bauern, der alles daran setzt, um den Acker zu haben, in dem der Schatz liegt. – Bitten wir Gott, dass alle Gottesdienste an diesem Sonntag schön werden und uns klarer wird, was wirklich wichtig ist, damit wir leben können. In seiner Güte und in seinem Auftrag!

In der Nachfolge unseres HERRN JESUS CHRISTUS, DEM HEILAND DER WELT.

Herzliche Grüße

Michael Wohlfarth, Pfr.i.R.

Der Gottesdienst findet in Berlin-Müggelheim in der Dorfkirche statt, leicht zu erreichen mit dem 69iger Bus. Und zwar um 10.00 Uhr am 17. August. Es ist ein Abendmahlsgottesdienst.

Erinnerungen an die Wendezeit: Glauben und Dankbarkeit

Fortsetzung des Vortrages in der Hans-Seidel-Stiftung für Lehrer und Lehrerinnen (Gymnasialstufe) 2015

Fortsetzung vom letzten BLOG mit Kapitel 16:

Intellektuelle, Priester, Märtyrer.

Gut, daß wir in Leipzig im Frühjahr 1990 zum 50. Geburtstag meiner Frau Richard Rohr, einen deutschstämmigen Franziskaner aus Amerika, gehört haben in der Nicolaikirche. Dass ich seine einschlägigen Bücher kannte, die er ja alle nicht geschrieben hat, sondern seelsorgerlich gesprochen hat und ein Freund hat sie aufgeschrieben. Übrigens ein bayerischer Lutheraner. Gut, dass wir Bonhoeffer kannten zwischen Widerstand und Ergebung. Zwischen Revolte und Anpassung mussten wir das für uns übersetzen.
Meiner Frau redete ich zu, als Staatssekretärin für Familie und Jugend nach Berlin zu gehen und die DDR fröhlich mit anderen und Gospelmusik zu beerdigen.
Denn schon die Umzüge in Leipzig hatten nicht nur etwas Dramatisches, sondern auch etwas Fröhliches.
Der Satz meines Freundes im Glauben Georg Harpain: “JESUS WAR AN DER SPITZE “ ist für uns letztlich Grundton geworden dessen, den ich als ordinierter Pfarrer zu verkündigen habe: JESUS, der die Welt überwindet.
Es gibt Augenblicke im Leben, wo einem das bewusst wird: Sieg.
Dafür sind wir dankbar.
Und dafür: Nach dem Lesen unserer Akten in der Runden Ecke war nur einer dabei, der uns verraten hat aus unserem Vorbereitungskreis für die Themen und Referenten der Altenburger Akademie, ein Berufsschullehrer, den sie erpresst haben, weil er einem Mädchen zu nahe gekommen war.
Sonst alles OKAY.
Ich bin weinend und lachend herumgegangen und habe mich bedankt für die Treue.

Wir sind uns um den Hals gefallen.
Trotz und wegen aller Fürbitten nie die Dankesstrophe vergessen, schärfte mir mein Vater in dieser Zeit ein.
Leider hat meine Mutter den 9. Oktober 1989 in Leipzig nicht mehr erleben dürfen. Sie war die Tochter eines Rechtsanwaltes, der unter Lebensgefahr Juden verteidigt hat, Pfingstler u.a., die im 3. Reich denunziert wurden. Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir mitten im Sozialismus die Kategorien des Denkens erhalten haben trotz aller Schablonen, die uns in der sozialistischen Schule um die Ohren gehauen worden sind.
Dank?
Natürlich Dank. Auch am 3.Oktober 1990, wo wir alle zu feige waren – oder Schlimmeres(?)- die Kirchenglocken zu läuten. Schließlich war der offizielle Kalte Krieg zu Ende und wir tanzten mit den Offiziersfrauen der Roten Armee. Bevor sie abzogen aus den alten herzoglichen Kasernen in einer ostthüringischen Residenzstadt in ihr armes russisches Land. Wir haben mit den Katholiken eingeführt, dass am 3. Oktober bzw. zu ERNTE-DANK auf dem Markt vor der Franziskanerkirche-Brüderkirche gebetet, gesungen, Posaune geblasen, gepredigt worden ist.
Wir haben den Hirten zum Krippenspiel Plakate in die Hand gedrückt, auf denen stand: WIR SIND DAS VOLK.
Zur gleichen Zeit, als die Soldaten in der nahen Kaserne nicht wussten, was sie mit ihrem Gewehr anfangen sollten…Und die Richter riefen, sie hätten kein Recht mehr in den Händen, nach dem sie urteilen könnten. Die Gefangenen hingen ihre Bettlaken zum Fenster des Gefängnisses heraus mit Losungen, die sie darauf gemalt haben, für bessere Haftbedingungen. Die Telefonleitungen nach Berlin waren gekappt.

Auch in Leipzig wusste in der Großen Friedlichen Oktoberrevolution niemand, was er machen sollte. Außer dem Volk und einer Handvoll mutiger Künstler mit Parteisekretären der besonderen Klasse und natülich vielen, vielen Kirchenleuten.

In Berlin stand immer das Westfernsehen bereit und der RIAS, SFB. In Leipzig niemand. Nur das Auge der STASI auf den Dächern. Wir sind dankbar gegenüber Gott, das nichts passiert ist.

17.

FÜRBITTE UND DANK!
Die Altenburger Akademie war weiterhin notwendig, um der Sprachfähigkeit willen in einer auf uns zukommenden Diskursgesellschaft. Um zu lernen, dass es Argumente gibt, die ausgetauscht werden müssen.
Wir haben später im Rahmen der Altenburger Akademie-Offene Kirche f ü r den Religionsunterricht gekämpft innerhalb der Evangelischen Kirche in Thüringen. Und haben gewonnen – im Gegensatz zu später Berlin.
Daraus ist nach 10 Jahren eine freie Schule, gebunden an das Evangelium, mit dem Vorbild Leipzig in der Nähe, hervorgegangen, jetzt 500 Schüler, vor über 10 Jahren 20.
“Lehren durch Lernen, Lernen durch Lehren!“ war angesagt. Unser Kirchenfenster mit dem 12-jährigen Jesus stand PATE. Universitas. Schulgemeinde.
Das war noch einmal eine Revolution. Keiner konnte sich das vorstellen „in dem roten Nest“. Westdeutsche haben uns geholfen, die sich das vorstellen konnten. Soviel Feindschaft war noch nie. Soviel Freundschaft war noch nie. Und immer auf Anfang geschaltet. Auf den Zauber des Beginnens (Mörike), der in der Initialzündung Gottes
begründet ist, der Taufe.

Zwischen CRUX und WOSKRESSENIE.

„Ich bin getauft“, hat Luther in sein Eichenholz geritzt, wenn es ihn überkam: die Verzweiflung, die Anfechtung. Taufe, das Werk Gottes und nicht irgend eines Menschen Werk. “Die Angst in den Wasserfluten der Taufe ertränken…“, sagte die Leiterin des amerikanischen Lutherzentrums in Wittenberg zu uns, als die Mulde überlief und die Arbeitslosigkeit überhandnahm.

Aus meinem Tagebuch:
„Sie laufen nachts heulend unsere Gasse herunter, wenn wir nicht schlafen wollen oder können und uns fragen, was haben wir angerichtet: Früher hatten sie ihre Werkbank, wenn auch ohne Material, jetzt besaufen sie sich und verdreschen ihre Familien. In Altenburg-Nord, der sozialistischen Bergarbeiterstadt. Die sowjetische Aktiengesellschaft WISMUT hat dicht gemacht.Frauen laufen zu Weihnachten aus dem Haus, um all den Widersprüchlichkeiten, den PARADOXA zu entkommen. Die Männer kommen und weinen.“

18.

„WO IST DER BEICHTSTUHL?“ Diese Frage einer Frauengruppe werde ich Ende der 90iger nie vergessen…
…die Vikare wollten sofort einen bauen.

Sie haben ihre Gebete, Fragen, Antworten an die Wand geheftet und ich wusste, was ich zu predigen hatte.
Die Kirche war nicht mehr im Untergrund, auch nicht zur Hälfte. Sie war öffentlich. Wir hatten endlich das erreicht: Öffentlichkeit.

Durch die Gründung des Gymnasiums – also durch die WELT haben wir das GEBET neu entdeckt.
Nach einem Besuch in Bayern, Selbitz, haben wir angefangen mit communitären Strukturen ernst zu machen: am Dienstag Mitarbeitertag, am Mittwoch Schola, Vorbereitung der Tafel, Mittagsgebet (in der Ordnung der alten Kirche FRIEDENSGEBET genannt), gemeinsames Essen, ERWACHSENENBILDUNG, Kaffee.

Die Christusbruderschaft in Selbitz und anderswo (Halle) lebt nach benediktinischen Regeln und wurde von einem lutherischen Pfarrerehepaar gegründet. Sie hat uns eine Spiritualität mitgegeben, die standhält in der Welt des Pluralismus und der Säkularisierung. Diese Formen der Frömmigkeit tragen auch über Pfarrstellenwechsel und Ruhestandregelungen hinaus. Dafür sind wir dankbar.

19.

ORA ET LABORA war und ist das Leitwort der Gemeinde in Altenburg. Schließlich war Luther auch Mönch, wenn auch später verheiratet. Und uns wird auch das Jubiläum 2017 nicht umbringen, sondern im Gegenteil. Selbst Modephilosophen in Berlin blicken voll Verwunderung und heimlicher Bewunderung auf die evangelischen Communitäten. So gesehen müssen wir über Ökumene nicht streiten. Sie ist gegenwärtig in jedem Gebet, in jedem Lied.

Jemand, der kein Modephilosoph war, sondern ein Gezeichneter durch linke Anfeindung und Falschaussage, war für uns Günther Rohrmoser aus Stuttgart, der das Christlich-Soziale, wie Sie vielleicht wissen, auf ganz Deutschland bezogen wissen wollte. Seine Lieblings-CDU war die sächsische, da hat er keinerlei Hehl daraus gemacht. Da waren die Pietisten des Erzgebirges, die schon Pater Gordian, dem Jesuiten und Volksprediger aus Leipzig, aufgefallen sind als Brüder und Schwestern im Geist.
Da wir politisch vom DA (Demokratischen Aufbruch) herkamen, machen wir uns heute noch Gedanken über die richtige Richtung in der Politik. Daran hindert nicht die
Freude darüber, dass wir es geschafft haben mit Angela Merkel und Joachim Gauck bei allen bitteren Pillen und Wermutstropfen, die jede weltliche Freude so zu bieten hat.

Oder endlich der Aufsteller bei Leipzig. – Autobahn 9: Leipzig, Stadt der Friedlichen Revolution. Oder auch die Palme aus der Nicolaikirche draußen auf dem Markt. Oder an unserem Pfarrhaus : Station auf dem Weg für Recht und Demokratie: “Hier trafen und treffen sich der Friedenskreis und die Altenburger Akademie, um brisante Themen der DDR/BRD zu diskutieren. Medaillon 13.Dez.2013 Friedrich-Schiller-Universität, überreicht durch den Minister für Justiz in Thüringen. Oder der Anstecker im Erinnerungsjahr 2014 für Zivilcourage 1989, angesteckt durch Christine Lieberknecht in Gera. Die Kirche muss ein Scharnier bleiben zwischen Volk und Regierung, damit sich die einen von den anderen nicht einfach so abschotten können, dass es unheimlich wird. Wir haben es erlebt wohin das führt. Überflieger en gros. Ich begleite meinen Sohn in seinem Jugendpfarramt im Werratal, in der Arbeit mit Romas, die in Altenburg angefangen hat.Vikare, die inzwischen gestandene Pfarrer und Pfarrerinnen sind. Gott sei es gedankt.Und nicht zuletzt meine ehemaligen Gemeinden in Stadt und Land. Wenn ich die Täuflinge von damals sehe, die Schüler…du musst kein Wutbürger werden, aber ein Zeitgenosse bleiben, der weiterhin Verantwortung übt. Im Beten und Tun. Und überhaupt: das ist der Schlüssel. Nicht über die Leute reden, sondern statt einer Meile, um die sie Dich bitten, zwei Meilen mit ihnen gehen, wenn es deine Kräfte erlauben. Das habe ich auf meinen „Universitäten“ gelernt, den anderen (Maxim Gorki – Der Bittere), in „meinen“ Dörfern und in „meiner“ Franziskanerkirche am Markt in der Stadt. Ich hoffe, die Türen werden nicht zugemauert.

DANKE!

Bilder eines englischen Malers, der in Altenburg/Thüringen zu Hause ist- wie man sieht. Natülich etwas fantasy.

Titel der Wendezeit und der Lebensfreude in Vollmershain mit Klingendem Spiel der Arbeiterklasse in einem traditionell CDU-geprägten Bauerndorf Ostthüringens.

Die Kirche der Revolution mit dem Revolutionspfarrer. In seiner ersten Pfarrstelle (Arbeiterdorf und Filiale Mannichswalde/jetzt Sachsen: Roter Pfarrer).

Mittagsgebet

Sie klingt jetzt: Freiheitsglocke

Brüdergasse 11, 04600 Altenburg mit Übernachtungsmöglichkeit

Berliner Zeitung Zehner Jahre, Zitat Rückseite

Es fehlt: Weltbild, Menschenbild, Gottesbild.

Die Übersetzung: Freude (überschwengliche Freude/Paulus/Philipperbrief); Umkehr(…wer nicht umkehren kann risiert abzustürzen…meine Laienerfahrung im Gebirge), Zeitpunkt (wer ihn verpasst macht sich schuldig!- Biblisches Wissen). Das Henkelkreuz ist ein ganz wichtiges Zeichen in Ägypten (Kopten) und wurde 1988 vom damaligen Kaplan Mothes der Epiphaniasgemeinde Altenburg eingebracht.

Das erste Kapitel des Buches Glauben und Erkennen in der Wendezeit 89, als OFFENE KIRCHE im Inhaltsverzeichnis apostrophiert, ist somit hier abgebildet.

Einen schönen 7. Sonntag in der Trinitatiszeit 2025!

SCHALOM! WOSKRESSENIE!

Michael Wohlfarth

Details

Einband

Taschenbuch

Altersempfehlung

1 – 99 Jahr(e)

Erscheinungsdatum

22.01.2024

Herausgeber

Michael Wohlfarth

Verlag

Epubli

Seitenzahl

128

Maße (L/B/H)

0,9/12,5/0,7 cm

Gewicht

133 g

Auflage

4. Auflage

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-7584-6314-3

Herstelleradresse

epubli
Köpenicker Str. 154a
10997 Berlin
Deutschland
Email: kontakt@epubli.de
Url: http://www.epubli.de
Telephone: +49 30 617890200
Fax: +49 30 617890299

Glauben und Erkennen Teil 1

Glauben und Erkennen

in der Wendezeit nach 1989

in Ostdeutschland

Margard Wohlfarth, Michael Wohlfarth, Sven Thriemer

Impressum

Michael Wohlfarth

Philipp-Jacob-Rauch-Straße 30

12559 Berlin

Umschlag epubli 2023

michael.wohlfarth@t-online. De hppts://kaparkona.bog

Inhaltsverzeichnis
Offene Kirche – Altenburger Akademie6
Suchet der Stadt Bestes51
Quellen93
Schulgeschichte76
Bilder einer Ausstellung83
Erwachsenenbildung92

Krippenspiel (Bildnachweis Glaube und Heimat, erlaubt Edgar Nönnig, Thonhausen ) 95

Das Heilige 96

Persönlicher Nachtrag 97

Topos Amthor 98

Dialog zu Heil und Unheil 103

Quellen 124

Sonntag 2.August 2015 Hans-Seidel-Stiftung

Michael Wohlfarth:„Verhältnis Staat – Kirche in der DDR.- Die Entwicklung der Kirche in den Neuen Ländern nach 25 Jahren Deutsche Einheit.

Am Beispiel der Altenburger Akademie – Offenen Kirche.

Sehr verehrte, liebe Anwesende,

als mich Thomas Luckow („Erich-Mielke-Museum“ in der Normannenstraße Berlin) anrief und fragte, ob ich mir vorstellen könne, einen Vortrag zu obigem Thema zu halten, blieb mir ein wenig der Atem im Halse stecken. So wirkt allein das Wort, der Absender „Normannenstraße“ auf mich, auf den 20 IMs angesetzt waren, nur weil ich als ganz normaler Pfarrer, Jugendpfarrer und Erwachsenenbildner meine Sache ernst genommen habe, zuerst für knapp 13 Jahre in einem Kirchspiel im Altenburger Land mit stark bäuerlicher Tradition, aber gleichzeitig voll in der sozialistischen Moderne des sowjetischen Uranabbaus stehend mit allem, was dazu gehört: Wismutschnaps, Goldgräberstimmung, zuerst (1945) mit Schießen, wenn es einer gewagt hätte, auch nur einen Klumpen von dem strahlenden Zeug über den Stacheldraht zu bugsieren.

Meine Dorf-Akten sagen aus, dass sämtliche Kirchgänger Sonntag für Sonntag notiert worden sind. – Sie sagen aus, dass meine Briefe an Gemeindeglieder zur Erinnerung an ihr Taufversprechen, die Kinder in die Christenlehre zu schicken, über den Bürgermeister zum Ministerium für Staatssicherheit (Kreisstelle Schmölln) getragen worden sind. Das alte Verhältnis Kirche und Obrigkeit wirkte in traditionsreichen Orten besonders stark nach und hat dem sozialistischen Staat geholfen, die Kirche im Blick zu behalten, dem atheistischen Staat, dessen Schwert (Martin Luther redet vom Staat auch als vom Schwert in seiner

Zwei-Reiche-Lehre) das MfS gewesen ist. Übrigens: der IS

redet auch vom Schwert. Die Salafisten vom Wort als Mittel der Mission. Das nur am Rande des zivilen Berlin. Es gab Menschen in der DDR, die glaubten, Amtsträger der Kirche würden – wie übrigens auch in der Tschechoslowakei geschehen – vom Staat bezahlt. Da hätte man sie noch mehr unter einer viel natürlicheren Kontrolle gehabt als so: un- heimlich durch die Staatssicherheit.

Also, nachdem ich den Kloß im Hals heruntergeschluckt hatte, habe ich gerne JA gesagt und will versuchen am Beispiel Thüringen/Altenburg-Altenburger Land, 50 km von Leipzig entfernt und 40 km von Gera und Zwickau entfernt, etwas Vernünftiges zum Thema zu sagen.

1.

Erst einmal muss gesagt werden, dass der verlorene Kalte Krieg ein verlorener Religionskrieg für viele Menschen gewesen ist, die ehrlich an den Sozialismus geglaubt haben. Der Sozialismus – oder richtiger der KOMMUNISMUS – hatte nicht nur religiöse Affekte, nein, er war Religionsersatz für viele Menschen.

Deshalb musste es auch ( u.a.) gar kein Verhältnis von Staat und Religion in der Deutschen Demokratischen Republik geben, weil Religion und Staat eins waren.

JEDENFALLS DIE STAATSRELIGION.

Die Trennung von Staat und Religion gab es nicht. Der Sozialismus war die Religion.

Die DDR war ein Weltanschauungsstaat (Heinrich Fink). Der Sozialismus war die Neue Religion.

Der Kommunismus die Lehre vom Neuen Menschen.

In der Tradition der Missionsgeschichte gesprochen heißt das, w i r waren die Anbeter der Teufel, der a l t e n (bösen) Götter und Geister. Etwas gelinder ausgedrückt, die Märchenerzähler, Verdummer, die

Blöden, mit weniger Gehirnzellen im Kopf als die vom Wissenschaftlichen Kommunismus (WIKO) Geprägten (Kindergartenausbildung Leipzig). Die ewig Gestrigen! (S. dazu besonders rumänische Zeugnisse von Seelsorgern und Geistlichen.)

2.

Dass die Wirklichkeit etwas ganz anderes war, war eine ganz andere Sache.

Kirchenpolitik war eine Sache von leninscher Strategie und Taktik, wenn es sie gab.

Dass insbesondere nach dem Tod von Walter Ulbricht die Taktik sich verselbständigte und die 2. und 3. Generation in den kommunistischen Familien sich begann einzurichten – eigentlich mit dem ganzen DDR-Volk – um das Leben zu genießen, ist praktisch ein Stück Kenntnisnahme dieser Realität.

Dazu gehört auch das Praktizieren des Intershop, Flüchtlingsverkauf für Devisen,Gespräche Mitte der 70-iger Jahre zwischen Erich Honecker und den Bischöfen der evangelischen Landeskirchen.

Aus dem Sozialismus/Kommunismus/Stalinismus wurde der so genannte real existierende Sozialismus mit all seinen Lebenslügen, die sich nun umgekehrt im ideellen Horizont bemerkbar machten, sozusagen vor der Folie des verlorengegangen Traums einer Welt ohne Geld, Soll und Haben, die im Sozialismus der DDR eben auch nicht funktionierte bei aller deutschen Gründlichkeit.

Daran ist er schließlich zugrunde gegangen. Schade, sagen manche.

Gut so, sagen andere, die wissen, daß nun die Offenbarung des Menschen beginnt (ungarische Pfarrersfrau), vor dessen Größe und Niedrigkeit nicht ein Pseudoglaube, sondern der bis dahin als Aberglaube abgetane christliche Glaube

meines Vaters und meiner Mutter schützen, und der – gleichzeitig – wie Kain geschützt wird in der Hoffnung der Vergebung und der Liebe zu Gott und dem Nächsten.

„Die heute Lebenden wissen nicht mehr, dass ihre Eltern und Großeltern Gott verloren bzw. vergessen haben“ – so Bischof Noack zur Situation nach 1989 in der ehemals besetzten Zone durch die Sowjetunion/später seit 1949 DDR. Es ist die Aufgabe der Kirche heute, diese Hoffnung wiederzufinden mit denen, die sie verloren oder vergessen haben.Es ist eine seelsorgerlich-missionarische Arbeit, die da auf die Kirche im Osten wartet: 60 Jahre Gottlosigkeit, Gottvergessenheit, Gottverlorenheit: erst Hitler und dann übergangslos das Spiegelbild der 1. deutschen Diktatur strukturell in der 2. deutschen Diktatur nicht national- sozialistisch, sondern international kommunistisch mit dem Machtfaktor pax sowietica. Der Sozialismus in der DDR ist nicht durch eine Revolution eingeführt worden, wie in Russland oder Kuba, sondern die „Speerspitze der Revolution“ ist durch den Sieg der Roten Armee über Hitlerdeutschland über Ungarn, Polen, Tschechoslowakei nach Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg- Vorpommern, Berlin, Sachsen-Anhalt gekommen, – wie Wladimir Iljitsch Lenin es vorausgesagt hatte.

Sie können sich vorstellen, was zusammenbricht, wenn diese pax sowjetica in sich zusammenbricht (Putin:größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts). Eine gesellschaftliche Depression ohnegleichen, ein unglaublicher Vertrauensverlust. Das war der Zustand dieses Zusammenbruchs nach 1989 im gesamten Ostblock.

Allerdings in Ostdeutschland mit einer Besonderheit. Wir waren keine Nation, die das zu bewältigen hatte, sondern eine Viertelnation.

Die Bürgerrechtsbewegungen in den national- kommunistischen Ländern in der pax sowjetica waren

g a n z, e r w a c h s e n und ließen sich nicht teilen in solche, die bleiben und solche, die gehen oder abgekauft/verkauft werden.

Das wurde von den Polen um Solidarnosc moniert, von den Tschechen um Vaclav Havel herum. Die Schicksalsgemeinschaft in Deutschland war gespalten.

Übrigens, erst als die PDS in einem quälenden Prozess nach Jahren JA sagte zur Wiedervereinigung, konnte sich Deutschland anfangen wirklich wieder zu vereinigen.

3.

Die nationale Frage war Walter Ulbricht bewusst, auch Erich Honecker.

Als Erich Honecker wegen seiner Haft im Zuchthaus Brandenburg befragt wurde von Pionieren und FDJ lern im Blauhemd und roten Halstüchern, woher er die Kraft zum Durchhalten bekommen hat, hat er geantwortet: “Aus der Liebe zu meinem deutschen Vaterland.“ Eine bemerkenswerte Antwort vor dem Hintergrund heutiger Verächtlichmachung aller auch nur annähernd natürlicher nationaler Gefühle.

Sogar Herr Lucke hat scheinbar damit Probleme. In der Schule /12.Klasse habe ich das so erklärt:

NATUS – woher das Wort Nation sich herleitet, heißt nicht mehr und nicht weniger als GEBORENSEIN. Das SOZIALE – das ist der Nächste. Daraus ergibt sich manchmal eine Spannung.

Es muss aber eine Spannung bleiben um Gottes und der Welt willen und darf nicht national-sozialistisch kollaborieren, eine Versuchung, die ja nicht nur in Europa zur Katastrophe geführt hat.

4.

Aber jetzt in dem Dilemma Wiedervereinigung ist es wichtig, “dass Ihr euch wiederfindet und Eure Identität und Geschichte!“, so mein Freund und Religions-Gelehrter Yuval Lapide neulich in der Urania in Berlin, sein Großvater mütterlicherseits Franke und im 1. Weltkrieg ausgezeichnet mit dem eisernen Kreuz. Natürlich bedeutet Nation, wenn sie wieder

eine werden möchte , erst zwei verschiedene Schicksale, die aber im Zurückliegen ein Schicksal k e n n t, Geschichte, der sie nicht hilflos ausgeliefert sein muss in der Götzenverehrung von Volk und Vaterland, Familie und Heldenverehrung.

5.

Hier ist Kirche gefragt, jede confessio, jedes Bekenntnis. Hier ist inzwischen der Islam in Deutschland gefragt und die Jüdische Community, die mir ebenfalls schon Antworten gegeben hat. Z.B., dass sie wiederkommen, die Jungen Frommen in die Anklamer/Brunnenstraße Berlin, an der ehemaligen Mauer, wo ich und meine Familie Jahre des Studiums zugebracht haben in der Stille der tödlich bewachten Demarkationslinie und ihren Explosionen.Ich sehe das als Verheißung, seitdem die Goldkuppel der Großen Synagoge in der Oranienburger Straße leuchtet. Ich sehe das als Aufforderung zu Normalität, wenn Israelis dort einen Campus gründen, Geschäfte aufmachen, jüdischen Glauben praktizieren, beruflich Hochtechnologien installieren. Nur sie können uns sagen: Betet einen regelmäßigen Bußpsalm in euren Gottesdiensten, wir werden ein regelmäßiges Klagelied wie Jeremia in unsere Liturgien einbringen. Ich sehe vor

diesem Hintergrund die Vergebungsgeste einer KZ-Insassin gegenüber ihrem inzwischen über 90-jährigen Peiniger und Aufseher im letzten deutschen KZ – Prozess.

Jüdisches Leben in Deutschland bedeutet deutsches Leben in der Vergebung.

Natürlich dürfen wir so JA sagen zu Familie, weil wir die familia dei, die Familie Gottes sind. Natürlich dürfen wir JA sagen zu VOLK, weil wir als Christen und Juden Volk Gottes sind, das durch alle Wüsten und blühende Landschaften geleitet wird von einem gnädigen Gott. Für Christen: Ein Gott,der in Jesus Christus versöhnt.

Unterschied zwischen Juden und Christen? Der Messias kommt wieder, der Messias kommt. (Jüdisches Zitat).

S. dazu auch Rede des Vorsitzenden der CDU – CSU Fraktion im Deutschen Bundestag Kauder am 20.5.15 während des Kongresses „Ist Jüdisches Leben in Deutschland gefährdet?“

In einem interreligiösen Dialog Christen – Muslime – Juden müsste das d a s Thema in Deutschland sein, das um seine Einheit ringt oder sie als Geschenk annimmt. Und es m u s s ein religiöser Dialog werden, nicht nur ein politischer etwa, denn „Theologie ist subtil“(Bertolt Brecht).

“Und die Kirchen kennen den Jahrtausend – Schritt“ (Bertolt Brecht).

Weil die Themen subtil sind und nicht oberflächlich, vordergründig verhandelbar, sind die Religionsgemeinschaften gefragt, womit wir beim Thema dieser Veranstaltung sind, warum Religion überhaupt vorkommt in einer Rücksicht: 25 Jahre Deutsche Einheit.

4.Zum Staat-Kirche-Verhältnis.

Dieses wurde in der DDR repräsentiert von einem Staatssekretär für Kirchenfragen, der Bekannteste war der Vater von Gregor Gysi. Ein Staatssekretär für

Kirchenfragen ist von Anfang an geschuldet der Tatsache, dass die angestrebte Religionslosigkeit nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen war, sondern eine Sache für Generationen, sowohl im aktivischen wie auch passiven Sinn.(s.o.) Durch die Offene Grenze bis zum 13. August 1961 und die kirchenrechtliche Zuständigkeit der EKD im ganzen Nachkriegsdeutschland („mit meinem Gott will ich über die Mauer springen“ – Berliner Bischof – und „die Verbotsschilder auf den Straßen der DDR sind letztendlich nicht gültig, weil sie von einer Diktatur aufgestellt worden sind“– Dibelius) war das Verhältnis spannungsvoll bis aggressiv.

Ehemalige FDJ l er des Anfangs, die als Christen ehrlich mitarbeiten wollten, sind „aus dem Boot gekippt worden“, als man sie nicht mehr brauchte, den Bauern wurde ihr Land weggenommen und damit Deutschland im Osten radikal verändert – bis heute!!! Amerikanische sprich sowjetische Großraumwirtschaft war angesagt. Den Jungen Gemeinden wurde vorgeworfen, sie sabotieren den Staat und seien Handlanger des westdeutschen Imperialismus.

Kinder durften nicht Abitur machen – ich gehöre dazu – weil sie die falschen Eltern hatten.Entweder hatten diese die falschen Berufe (z.B. Pfarrer, Kleinunternehmer, Besitzer jedweder Couleur) oder schlichter: sie entzogen sich dem Jugendweihediktat des Weltanschauungsstaates DDR.

Von der Nichtmitgliedschaft in einer sozialistischen Massenorganisation ganz zu schweigen: Pioniere, FDJ, DSF.

Studium?

Auf Schleichwegen gelang es uns, mit der biblischen Klugheit der Schlange und der biblischen Sanftmut der Taube doch noch irgendwie mit Sonderreifeprüfungen und Abendschulungen in eine akademische Laufbahn zu geraten,

die aber nie auf dem höchsten gesellschaftlichen Treppchen enden konnte, sondern höchsten über LDPD, CDU, NDPD auf einem darunter liegenden – olympisch gesprochen.

Der beste Weg für die Karriere: SED-Mitgliedschaft. Der beste Weg nicht in die SED gepresst zu werden – wie meine Wismutkumpel – Freunde – war zu sagen „Ich bete jeden Abend!“.

Selbst reaktionäre Pastoren haben dann aber noch zur Absicherung zum Eintritt in die CDU geraten. “Als sanftes Ruhekissen!“ (Pfr. Jencio, einer meiner Nachbarpfarrer, selbst CDU- Mitglied.)

Hier möchte ich einmal der Schelte der für manchen überlebenswichtig gewordenen Blockparteien etwas entgegenhalten. Ungarische Pastoren waren z.B.neidisch auf die CDU-Möglichkeit für Christen. Im Baltikum und in Prag durfte kein Weihnachtsbaum öffentlich aufgestellt werden und kein Weihnachtsoratorium erklingen!

Etwas weiter zurückblickend: In russischen Oktober- Revolutionszeiten durften nicht nur die orthodoxen Popen erst ihre Gräber ausheben…und dann…???!!!

Das haben uns Baltikums – Flüchtlinge erzählt, Pfarrerskinder. Für diese Popen und lutherischen Pastoren singe ich heute an dieser Stelle auch mein Lied und bin dafür dankbar, dass ich es singen darf.

Und dass es jemand hört.

5.

Die Seelsorge in den Dörfern der 70iger und 80iger Jahren, also meiner DDR-Zeit, führte den Bürgermeister mit seinen STASI-Verpflichtungen und den Popen (sowjetisch gesprochen) zusammen. “Ja spraschiwaju po russki“. – Ich frage auf russisch.

So zusammen, dass der Spitzel zum Pfarrer sagt: “Wenn ich in

der Nähe bin, redest du bitte nichts Politisches! Verstanden!?“ Okay!

Das war dann schon mehr italienisch: Don Camillo und Peppone: wenig Bürokratie, aber nachts kann es klingeln und der Parteisekretär steht in der Tür und bittet darum, dass sein Kind getauft wird.

Jetzt.

Allerdings – meine Eltern hatten zu Zeiten Ulbrichts Angst, wenn sie nachts Schritte ums Haus hörten.

„Abholen!“ – Ein schreckliches Wort, dass mir ins Bewusstsein kam, als ich das erste mal in meinem Leben wegen eines Luthervortrages in Bremen im Interzonenzug von Berlin nach Bremen saß und – endlich – in der BRD weiterfuhr. Es war wie ein Schiffshebewerk.

Sie kennen diese Grenzgeschichten auch?

“Zeige mir Deine Grenze, und ich sage dir in welchem Land du lebst!“, erzählte mir der finnische Konsul in München, der gleichzeitig Pfarrer der finnischen Gemeinde dort war .“Schlimmer als im Irak“, sagte er. – Damals schon berüchtigt: Sadam Hussein.

Sie kennen diese Grenzgeschichten?

Wenn Ihnen gestandene Westfrauen als Verwandte bei einer Hochzeit a n v e r t r a u t e n, w i e s i e u n t e r s u c h t

w o r d e n w a r e n an der Grenze von Bayern zu Thüringen. Ich möchte Ihnen Einzelheiten ersparen. Es war wie eine Beichte.

Sie haben sich geschämt. Für sich und für die anderen.

Ich weiß von jungen dynamischen linken West-Besuchern und Besucherinnen, wie sie gezittert haben in Jena, wenn sie plötzlich m u t t e r-s e e l e n-a l l e i n an einer Bushaltestelle standen – und es kam kein Bus. Es muss über sie hereingebrochen sein.

Oder sie eilend ihren Eltern mitteilten, sie möchten

zurück nach DEUTSCHLAND. Das hat uns – besonders meine Frau – verletzt.

Wir waren doch auch Deutschland!

Oder nicht? Wir waren sogar Europa? Oder nicht? 6.

Der Lackmustest noch heute ist die Jugendweihe.

Die Jugendweihe ist der eigentliche kulturelle Unterschied zwischen „beiden deutschen Gesellschaften“ – auch heute noch. Nichts macht die kulturelle Differenz so deutlich. Es gibt sie also noch, die beiden Gesellschaften. Die DDR ist noch anwesend und heißt heute postsozialistische Jugendweihe-Gesellschaft.

Bestimmte Kreise möchten das aufheben und es verbinden sich ganz besondere Elemente in dem Reagenzglas Deutsche Wiedervereinigung.

Politische Einheit ist etwas – sowjetische Truppen `raus

u.s.w. Gesellschaftliche Einheit? Sie gibt es nicht. Kaum gibt es eine kirchliche Einheit. Freiraum für Fragen.Wir haben zu allem ein schönes Wort erfunden: Die Sozialisation. Der fade Beigeschmack bleibt trotz aller Soziologie und trotz aller Psychologie und vor allen Dingen trotz aller Phänomenologie und des Positivismus als einem Grundübel, wenn man eine Diktatur mit dieser Philosophie beurteilen will.

Das ist die CRUX.

Ein Gräuel in unseren Augen: formal-juristisch.

Keine Aufarbeitungs – Möglichkeit in einem rechtlichen Sinn! Der ja auch ein moralischer Sinn wäre. Wir streichen die Moral – und wir sind zu nichts mehr verpflichtet und können unseren eigenen Monologen begeistert lauschen und die Atomisierung der Gesellschaft hinnehmen als einen Beleg für die Richtigkeit unserer grundfalschen Ansichten.

Bitte ja nicht beim PREDIGEN so!

Siehe „Predigen auf dem Markt – Verkündigung in der postsozialistischen Jugendweihe-Gesellschaft“(Ein Kolumnen- Report, gedruckte erste Aufsätze in Sachen Religion

7.

Ein Wort zu Sören Kierkegaard – übersetzt Kirchengarten. Also Friedhof.

Es erschüttert mich, dass die Kirche Kierkegaards in Kopenhagen als Café dient und es fällt mir ein, was er zu Luther gesagt hat und dessen historisch bedingter Polemik gegen das Mönchtum.

Gerade weil er mir geholfen hat die paradoxe Situation in Deutschland nach 89 eben als Paradoxum zu begreifen.

Und deshalb auch anzunehmen mit Gottes Hilfe und dem Glauben meiner Eltern und Großeltern sukzessive.

Weil das Paradox eine Kategorie des Glaubens ist: ALLES WIRD GUT! Weil Christus auferstanden ist! WOSKRESSENIE – Auferstehung gleich Sonntag im Russischen.

Und: Die Sonne geht im Osten auf. EX ORIENTE LUX. XRESTOS EX ORIENTE.

Im Westen geht sie unter: Christliches Abendland? Warum ist es so schlimm, Abendland zu sagen? – Man überlässt es damit PEGIDA?

Auf dem ATHOS haben sich diese Wahrheiten bestätigt. Auf einer Geburtstagsfeier in Altenburg/Thüringen fragen mich Menschen, die nicht konfessionell gebunden sind, warum die evangelische Kirche ihre Stellenpläne nach Gemeindegliederzahlen ausrichtet und nicht nach Einwohnerzahlen. Ist das Evangelium nicht für alle da? – Mission?

Frage danach von Nichtkirchenmitgliedern! Wollen Sie missioniert werden? Eine Schriftstellerfreundin aus Frankfurt am Main stellt mir dieselben Fragen im Zusammenhang mit der PEGIDA-Bewegung.Warum stellt Ihr Euch nicht an die Spitze der Bewegung und bringt den Leuten bei, was christliches Abendland bedeutet nach totaler Entchristlichung, Entkirchlichung, geistiger Betonierung, stalinistischen Verbrechen?

Ein Freund antwortet auf diese Fragen: Weil die Gehälter so hoch sind und es eine Anstellung auf Lebenszeit ist, können mehr PfarrerInnen nicht angestellt werden, die vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr gebraucht werden.

Aha, das Beamtenrecht.

Sind Beamte nicht mehr verfügbar in großer Not, frage ich zurück. Das ist doch der Sinn des Beamtentums – der königlichen Beamten – auch des Neuen Testamentes, die Verfügbarkeit …

Ein junger Pfarrer sagte mir 1983 in Bremen zu Luthers

500. Geburtstag, zu euch kann ich nicht kommen, das reicht nicht einmal für die Versicherungen….

Erich Löst+ (Leipziger geblieben bzw. wieder geworden nach dem Herbst 89 in Sachsen) gibt resigniert auf, weil –

Originalton -: “. die Kirchen so schwach sind. Ich wusste es nicht!“

“Wissen Sie es?“

Kein Wunder, wenn andere das Vakuum füllen. Selbst Salafisten sind möglich.

NPD-vor allen Dingen als ideologische Projektion-halte ich mehr oder weniger für überinterpretiert.

Die Kirche macht sich schuldig, wenn sie ihrem missionarischen Auftrag nicht unverschämterweise gerecht wird (Missionssynode EKD in den 90er Jahren in Leipzig). Wir machen uns schuldig, wenn wir solche Synoden gut und richtig finden – und dann?

Natürlich steckt auch hier der Teufel im Detail.Und nicht in der PDS oder in der Linken. Nicht einmal in Thüringen.

8.

Was war die Kirche in der DDR?

Nach meiner ersten Westreise für ökumenische Leitungskader nach Bremen anlässlich des schon erwähnten Lutherjubläums (1483-1983) frage ich meinen Freund Michael Damm (mein späterer Nachfolger in der Jugendarbeit im Kirchenkreis Schmölln):“Was ist die Kirche hier bei uns?“ Schweigen.Dann:Halb Untergrund. Aha – wieder halb.

Zu Recht und Unrecht.

Nicht öffentlicher Raum, weil keine Körperschaft Öffentlichen Rechtes, jedenfalls nicht vom Staat aus gesehen, weil es das gar nicht gab, nur in den Köpfen der Kirchenfunktionäre im Westen, weil es das dort gab – aber doch nicht hier. Karnickelzüchterverein?- so in etwa? So ähnlich. Obwohl es nicht einmal Vereine gab. Nur einen: den Karnevalsverein in Wasungen.

Kirchensteuer gab es auch nicht.

Sie hieß so, weil sie „früher“ so hieß. Es war Kirchengeld, das eingesammelt wurde in mühevoller Kleinarbeit. In Sachsen musste das der Pfarrer selber tun, sein Gehalt war darin strukturiert.Wenn er es nicht tat, gab es keinen neuen Teppich, den sich seine Frau so sehr wünschte.

Das Wort Pfarrerschaft war verboten.

Wenn ein Pfarrer, es war mein Vorgänger in Thonhausen- Mannichswalde – Schönhaide – Wettelswalde in der Evang.-Luth. Kirche in Thüringen, eine Anzeige in die Lokalpresse geben wollte, etwa einen Sterbefall – und die Pfarrerschaft wollte ihre Anteilnahme zum Ausdruck bringen etwa wegen eines Amts-Bruders: n j e t – den Ausdruck nehmen Sie zurück.Es gab ja auch offiziell

keine geschnitzten Engel im Erzgebirge, sondern Jahresendflügelfiguren. An was erinnert mich das bloß?…Sprachregelungen. Sozialistische Correctness.

9.

Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche war ein diplomatisches, kein freundschaftliches oder gar freundliches, dass auf Entgegenkommen basierte.

Es war so: Auf einem kirchlichen Friedhof – kirchliche Friedhöfe, die gab es – ein Johannesfeuer in einem sächsischen Nachbardorf. Der Schussel von Ortspfarrer vergisst einen Eimer voll Wasser darüber zu gießen und es glimmt noch am nächsten Morgen. Meldung an Bürgermeister, der weiter an Polizei, Stasi u.s.w., egal. Keiner traut sich das diplomatische Verhältnis infrage zu stellen. Eine Ebene höher (Kreis), – die auch nicht, also Bezirk Karl-Marx-Stadt. Die sagen: glimmen lassen. In der Asche verlaufen lassen… So war das. Gut für` s sozialistische Kabarett.

10

Sachsen ist ein Sonderfall.

Die sächsische lutherische Kirche hat nie akzeptiert, daß die Jugendweihe gar nicht so schlimm sei und man ja bitte- schön eigentlich am selben Sonntag beides machen könne: Jugendweihe u n d Konfirmation. Ich übertreibe im Wesentlichen n i c h t!

Es gab ein Strafjahr dazwischen. Zwischen dem Jugendweihejahr und dem Konfirmationsjahr. In der Zwischenzeit musste der Konfirmand, die Konfirmandin die Junge Gemeinde besuchen. Mein sächsischer Dorf- Bürgermeister (politisch war der Ort bezüglich des R a j o n (russisch) – d.i.Bezirk – Karl-Marx-Stadt, kirchlich Eisenach –

Thüringische Kirche) war heilfroh, dass ich ein liberaler thüringischer Pfarrer war und nicht solch ein orthodox- lutherischer Sachse, wie ihn seine sächsischen Bürgermeister- Kollegen kannten. Ich hatte da ziemlich einfaches Spiel.

Trotzdem war ich heilfroh, gerade noch rechtzeitig ein Jahr vor der so genannten Wende 89 – d.i. griechisch: Katastrophe – zurück übersetzt – in meine zweite Pfarrstelle gekommen zu sein wegen eines Berufsverbotes meiner Frau (s. a. verbeamtete Kommunisten in der Adenauerzeit). Ich konnte mir alle Klarnamen holen von einigen, die

„berichtet“ haben (IM). Es war viel einfacher, etwas weiter weg die Sache mit der STASI im Dorf zu verkraften.

In der neuen Stelle in der Stadt Altenburg ging mich das Ganze nicht so viel an, obwohl – in dem einen Jahr bis 1989 gab es auch 500 Seiten wegen Gründung einer Akademie und dem Beginn der Offenen Kirchenarbeit. Der Hauptspitzel hier war gleichzeitig der Staatssekretär (Referent) für Kirchenfragen auf Kreisebene , der einen jedes Jahr einmal besuchte mit einer Flasche Wein in der Hand.

11.

Schlimm-und das ist der Untergang des Systems – wir haben keine Angst mehr.Ich war geschult im WIKO(Wissenschaftlicher Kommunismus) an einer Staatlichen Universität.

In meinem Fall auch noch in der Hauptstadt.

Diesen Sachverhalt konnten und wollten oder durften die Kommunisten im geteilten Bildungsdeutschland nicht abschaffen, evangelische Theologie zu studieren an einer sozialistischen Hochschule mit Abschluss – Diplom.

Nicht in 40 Jahren.

Die Tochter von Ruge schreibt aus Moskau in ihrem Buch NADESCHDA (Hoffnung): “Und sie sahen sich tief in ihre

blauen Augen die Büroangestellten in Moskau – und jeder wusste, es ist bald vorbei“. So ging es auch uns. Intershop, Halbnackte Girls auf Schauwagen bei Mai – und anderen Demonstrationen. „Honni“, zärtlicher Ausdruck der

„Arbeiterklasse“ für Erich Honecker, hin und hergerissen zwischen Arbeiterliedern und der neuen Freizügigkeit. Er wollte doch auch nur, dass alle glücklich seien. Wie jeder Diktator das will.Wenn er nur labil und senil genug wird im Älterwerden. Mielkes Ausruf 1990 in der demokratischen Volkskammer ist ja bekannt: „Ich liebe euch alle“.

12.

Inzwischen bin ich auch ein bisschen älter und er/sie tun mir auch alle ein bisschen leid.

Übrigens bin ich bewusst auf eine sozialistische Universität gegangen (mit Sonderreifeprüfung in Germanistik und Geschichte) und nicht in eine Kirchliche Hochschule. Ich war Pioniermitglied und auslaufendes Modell à la FDJ, bis keiner mehr gefragt hat und etwas bezahlt haben wollte. Ich habe den Wehrdienst nicht verweigert aber war – auch deswegen – begeisterter Besucher des Königswalder Friedensseminars bei Werdau, gegründet von den ersten Bausoldaten in der DDR aus Sachsen. Hier wurde nicht abgehört, weil die Veranstaltung – wieder KIERKEGAARD („…ein Christ ist ein SPION GOTTES…“) – auf dem Kirchlichen Friedhof stattfand und Kaffee anschließend in der Kirche getrunken wurde. Dieses laufende Seminar und seine Philosophie/Theologie tragen mich bis heute.

13.

Wir haben keine Angst mehr und sagen in’s Telefon:

“Euch schneiden sie auch noch einmal die Ohren ab“.Ist ja fast IS, wenn ich das mit westlicher Zivilgesellschaft vergleiche.

Angst habe ich nachträglich bekommen beim Lesen der STASI-Akten: Lutherreise Bremen. Da haben sie mich abgehört bei einer guten Freundin in Frankfurt am Main, früh um 5 Uhr nach einer Nachtzugreise (schwarz nach DDR- Recht) von Bremen nach Frankfurt.

Richt-Peil-Mikrophon.

Die STASI war und ist nicht auf ein Territorium beschränkt und auch nicht in einem Zeitfenster unterzubringen, sie ist global in Raum und Zeit.

Die einzigen, die mit mir über die Grenze fuhren, waren Rentner, Sportler und STASI- Angehörige. Und einige Gemeindeglieder in der lutherischen Randgemeinde in Bremen hatten auch mir gegenüber den Verdacht…Das ist die Logik dieser Teufelei. Bis heute!

Angst nach der Wende, obwohl alles vorbei war?- Ja, als wir das in den Akten fanden in der Runden

Ecke in Leipzig, meine Frau und ich. Nichts ist vorbei. Nirgendwo bist du sicher.

Grenzerfahrung ist Gotteserfahrung.

Da kann ich nur Literatur daraus machen, denn eine saubere juristische Aufarbeitung gibt es leider nicht. Schade.

Das ist in Polen anders.

Da sitzt der Staatsanwalt mit in den Aufarbeitungsetagen. Ein Freund unserer Altenburger Akademie hat uns dort eingeführt – in meinem Geburtsort Landsberg an der Warthe. Jetzt Bischofsstadt GORZOW.

Der deutsche Rechtsstaat hat versagt am Unrecht des totalen Staates DDR, – auch ein deutscher Staat. Vielleicht deswegen…

Walter Schilling durfte im Westen Theologie studieren. Sein Vater, konservativer Superintendent in Sonneberg. Er kam zurück in die DDR mit Scheitel, gut angezogen. Kümmerte

sich dann mit langen Haaren und ewigen Niethosen um straf gefangene Jugendliche, die mit dem DDR-Gesetz in Konflikt geraten waren. Er war der einzige Pfarrer, des es bis in die Open-Air- Ausstellung auf dem Alexanderplatz

in Berlin geschafft hatte (2 Jahre lang, ich habe sie noch gesehen).

Nicht geschieden. Leider gestorben vor zwei Jahren.

Er sagte: Der Westen schiebt immerzu die Verbrechen der Nazis vor , um nicht über die Verbrechen der DDR reden zu müssen. Die bundesdeutsche Volkskirche hat versagt am Volk der DDR. Die DDR- Oberen in der Kirche: WIR – waren zu schwach, um Sonderregelungen für das Gebiet der ehemaligen DDR durchzusetzen. Z.B. ein anderes Muster für die Anstellung von Geistlichen.

Wir haben in Leipzig auf dem Ring gerufen: WIR SIND DAS VOLK. Hat das niemand gehört?

Wo ist unsere Volkskirche? 14.

WIR SIND MISSIONSGEBIET. Der Feind war nicht mehr zu sehen. Es gab keine Feind-Seligkeiten mehr. Das Feindbild war im Schwinden. Ja, wir hatten die Theologie der Nachfolge.

Wir haben ernst genommen: “Wenn sie euch auf eure Rathäuser führen, habt keine Angst. Der Heilige Geist wird euch sagen, was ihr zu sagen habt.

Jedes einzelne Wort.“ (Sog.kleine Aussendung der Jünger Jesu bei Matthäus.) Aber wir hatten auch die Theologie der Ideologie und die Ideologie der Theologie. Ja – und wir hatten den Kulturschock, Grenzerfahrungen, Zeitmauern.

Und Grenzerfahrung als Gotteserfahrung.

Jetzt war die Welt keine Scheibe mehr, sondern eine Kugel, man konnte herunterrutschen, wenn man nicht aufpasste.

Viele konnten das.

Vor 1989 haben wir auf dem Land Ostermärsche organisiert und haben uns diebisch gefreut, wenn der STASI-Mann in der Kirche mit lauschte – ohnmächtig schon damals…

Ich habe ihn nach vorne gebeten als Kreisjugendpfarrer in der Dorfkirche zu Nischwitz, damit er besser hören konnte. Wie die Großmutter mit zu großen Ohren, die in Wirklichkeit ein Wolf war.

Nach unserem 30 km-Umzug von Thonhausen nach Altenburg, Residenz- und Theaterstadt in Ostthüringen, im Mai 1988 haben wir sofort in der Stadt Altenburg die Kirche aufgemacht, fast Tag und Nacht, damit die Leute einen Ort des Gebetes und der Besinnung haben. Die Offene Kirche war das Kontinuum zwischen alt und neu. Sozialismus und Kapitalismus. Immer in großer Not wurden die Kirchen aufgemacht. Das war in den Kriegen so und auch in dieser spannungsvollen Zeit, in der KRISIS, der Zeit der Entscheidungen, als die Polen gekommen sind und uns ausgelacht haben wegen unserer Feigheit.

In der Zeit der deutschen Friedhofs-Stille, als wir in der Sowjetunion waren und kurz darauf in Ungarn. Als wir in der SU gelernt haben, wirklich keine Angst mehr zu haben und die DDR-Grenztruppen uns ausgelacht haben, weil wir treu und brav im Sommer 1989 aus Ungarn zurückgekommen sind über das Erzgebirge mit dem ganzen Altenburger Posaunenchor.

Endlich, endlich ging es los – und weiter, richtig weiter.

Wir sind am 9. Oktober zu den scharfen Hunden gegangen nahe der Oper am Karl-Marx-Platz und haben mit den Kampfgruppen geredet. Sie erinnert, dass es ihre Söhne und Töchter sein könnten…

Eine Pfarrersfrau aus Schwaben wusste nicht, was sie in Leipzig erwartet und musste wieder nach Hause. Sie konnte es sich nicht vorstellen, wie viele andere sicher auch.

Es fiel kein Schuss.

Das Wunder von Leipzig.

Die DDR hatte die Midlife – Crisis nicht überlebt.

Oder: Wie um das biblische Jericho. Dann fielen die Mauern. Gospels…Als Israel in Ägypten war…

Der 9. Oktober war der Stichtag.

Neulich sind wir den Ring entlang gelaufen. Am 9. Oktober 2014. Zum 10. Jahrestag 1999 gab es noch das Telefon am Ring (Post – jetzt zugehängt wegen Renovierung).

Ich rufe 03447 4336 an. Es meldet sich meine Frau in Altenburg “Es wird nicht geschossen!“Sie hat verstanden. Wörtlich damals punkt 18.36 Uhr.

Wir hatten Angst um unseren Sohn, der damals ein Praktikum bei einer CDU- Zeitung machte.

Er hat dann auch die Idee einer Litfaßsäule mit nach Altenburg gebracht, das Symbol für die Wende in Altenburg.

15.

Offene Kirche – Brüderkirche – Altenburger Akademie

Margard Wohlfarth (Staatssekretärin für Familie, Frauen, Jugend) hat die ABM-Idee mit aus Berlin gebracht.Wir stellen Heere von ABMs auf: Damit die Kirchen offen sein können. Bildungsarbeit passiert, damit Schulunterricht bis zu 15 Stunden in der Woche gegeben werden kann.

Konfirmandenunterricht.Teamarbeit möglich wird.Jugendarbeit.Erwachsenenbildungsreisen nach Israel, Österreich,Irland, Westdeutschland.

Hilfstransporte nach Rumänien. Gremienarbeit, damit Kirchentage vorbereitet werden können. Friedhöfe aufgeräumt werden. Formulare ausgefüllt und verzehnfachte Büroarbeit getan wird. Aber v o r allen Dingen Raum bleibt und wird für SEELSORGE.

Nie werde ich nach 1989 den Polen vergessen, den wir eingeschlossen haben, weil niemand nach vorne geschaut hat… wo ein Mann auf Knien lag und betete…

Wir haben eine riesige Gebetswand aufgestellt und ein Nagelkreuz, Holz ehemalige Eisenbahnschwellen, die Nägel vollgestochen mit Zetteln, auf denen Gebete

standen, die wir in der Osternacht dem Osterfeuer übergeben haben: Gott, dem Gekreuzigten und Auferstandenen.

Was habe ich gelernt dabei?

Dass die Kirche oft Antworten gibt auf Fragen, die niemand gestellt hat.

Die wirklichen Fragen hingen an der Wand und am Kreuz Christi.

Tod, Liebe, Frieden, Krieg, Gesundheit, Arbeitslosigkeit, Sterben, Leben, Schmerz, Schrei.

16.

Intellektuelle, Priester, Märtyrer

Gut, daß wir in Leipzig im Frühjahr 1990 zum 50.Geburtstag meiner Frau Richard Rohr, einen deutschstämmigen Franziskaner aus Amerika, gehört haben in der Nicolaikirche. Dass ich seine einschlägigen Bücher kannte, die er ja alle nicht geschrieben hat, sondern seelsorgerlich gesprochen hat und ein Freund hat sie aufgeschrieben. Übrigens ein bayerischer Lutheraner. Gut, dass wir Bonhoeffer kannten zwischen Widerstand und Ergebung. Zwischen Revolte und Anpassung mussten wir das für uns übersetzen.

Meiner Frau redete ich zu, als Staatssekretärin für Familie und Jugend nach Berlin zu gehen und die DDR fröhlich mit anderen und Gospelmusik zu beerdigen.

Denn schon die Umzüge in Leipzig hatten nicht nur etwas

Dramatisches, sondern auch etwas Fröhliches.

Der Satz meines Freundes im Glauben Georg Harpain: “JESUS WAR AN DER SPITZE “ ist für uns letztlich Grundton geworden dessen, den ich als ordinierter Pfarrer zu verkündigen habe: JESUS, der die Welt überwindet.

Es gibt Augenblicke im Leben, wo einem das bewusst wird: Sieg.

Dafür sind wir dankbar.

Und dafür: Nach dem Lesen unserer Akten in der Runden Ecke war nur einer dabei, der uns verraten hat aus unserem Vorbereitungskreis für die Themen und Referenten der Altenburger Akademie, ein Berufsschullehrer, den sie erpresst haben, weil er einem Mädchen zu nahe gekommen war.

Sonst alles OKAY.

Ich bin weinend und lachend herum gegangen und habe mich bedankt für die Treue. Wir sind uns um den Hals gefallen.

Trotz und wegen aller Fürbitten nie die Dankesstrophe vergessen, schärfte mir mein Vater in dieser Zeit ein.

Leider hat meine Mutter den 9.Oktober 1989 in Leipzig nicht mehr erleben dürfen. Sie war die Tochter eines Rechtsanwaltes, der unter Lebensgefahr Juden verteidigt hat, Pfingstler u.a., die im 3. Reich denunziert wurden.Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir mitten im Sozialismus die Kategorien des Denkens erhalten haben trotz aller Schablonen, die uns in der sozialistischen Schule um die Ohren gehauen worden sind.

Dank?

Natürlich Dank. Auch am 3.Oktober 1990, wo wir alle zu feige waren – oder Schlimmeres(?)- die Kirchenglocken zu läuten. Schließlich war der offizielle Kalte Krieg zu Ende und wir tanzten mit den Offiziersfrauen der Roten Armee. Bevor sie abzogen aus den alten herzoglichen Kasernen in einer ostthüringischen Residenzstadt in ihr armes russisches Land. Wir haben mit den Katholiken eingeführt, dass am 3.

Oktober bzw. zu ERNTE-DANK auf dem Markt vor der Franziskanerkirche-Brüderkirche gebetet, gesungen, Posaune geblasen, gepredigt worden ist.

Wir haben den Hirten zum Krippenspiel Plakate in die Hand gedrückt, auf denen stand: WIR SIND DAS VOLK.

Zur gleichen Zeit, als die Soldaten in der nahen Kaserne nicht wussten, was sie mit ihrem Gewehr anfangen sollten…Und die Richter riefen, sie hätten kein Recht mehr in den Händen, nach dem sie urteilen könnten. Die Gefangenen hingen ihre Bettlaken zum Fenster des Gefängnisses heraus mit Losungen, die sie darauf gemalt haben, für bessere Haftbedingungen. Die Telefonleitungen nach Berlin waren gekappt.

Auch in Leipzig wusste in der Großen Friedlichen Oktoberrevolution niemand, was er machen sollte. Außer das Volk, eine Handvoll mutiger Künstler mit Parteisekretären.

In Berlin stand immer das Westfernsehen bereit und der RIAS, SFB. In Leipzig niemand. Nur das Auge der STASI auf den Dächern. Wir sind dankbar gegenüber Gott, das nichts passiert ist.

FÜRBITTE UND DANK!

Die Altenburger Akademie war weiterhin notwendig, um der Sprachfähigkeit willen in einer auf uns zukommenden Diskursgesellschaft. Um zu lernen, dass es Argumente gibt, die ausgetauscht werden müssen.

Wir haben später im Rahmen der Altenburger Akademie- Offene Kirche f ü r den Religionsunterricht gekämpft innerhalb der Evangelischen Kirche in Thüringen. Und haben gewonnen – im Gegensatz zu später: Berlin.

Fortsetzung folgt.

Michael Wohlfarth, Juli 2025 …

…aus dem Buch „Glauben und Erkennen“ neu bearbeitet unter Mithilfe von Günter Schade, 22.02.2024 Berlin, jederzeit zu erwerben. In jeder guten Buchahndlung, über alle wichtigen Portale.

Besonders zu empfehlen epubli-Shop mit Ansicht aller anderen Veröffentlichungen zu dem Thema: Gegen das Vergessen! (Kollege an der Gethsemanekirche Berlin)

Und nun die dritte Reisegeschichte.

Die Reise nach Mitteldeutschland

Wenn du dich verläufst.

Wenn du verschläfst.

Wenn du vergißt, den Wecker aufzuziehen. Und noch peinlicher: die Sommer- mit der Winterzeit verwechselst.

Aber wenn du pünktlich bist. Früh genug aufgestanden. Aus dem Haus gekommen. Viel zu früh auf dem zugigen Bahnsteig ohne Überdachung wartest auf d e n Z u g. Und dann kommt er – und du merkst es nicht, weil du viel zu weit vorgelaufen bist. Schon in Richtung des Ziels. Nein, weil eine Bank so schön frei war und du diesen spannenden Artikel lesen wolltest.

Du hättest ja genau so gut warten können. Im Zug ist es gemütlich und warm. Schließlich geht die Fahrt nach Sachsen, wo sie geschrieen haben: “Zieht Eich um!“, wenn sie in Uniformen aufmarschiert sind.

Einmalig.

So friedlich war nirgendwo eine Revolution und ohne große Dialoge, die doch nur Langweiler sind.

Aber es war anders. Der Zug rollte ein – und ich saß und saß und las und las. Und dann rollte er an mir vorbei. Ein Stück bin ich ihm noch entgegen gerannt. Aber er hielt nicht.

Der Lokomotivführer sah mich nicht.

Dieser Zug – so fein säuberlich im INFORMATIONSZENTRUM für mich ausgekaspert, wie die Sachsen sagen – war einfach weg. – Ah, da fallen mir alle sächsischen Witze ein, wie sie sich selber auf die Schippe nehmen.

Wer kann das schon.

Nun: “Zurück, zurück“, rufen die Waldgeister im Müggelwald.

Nein, ich will nicht zurück.

Ich mach mich doch nicht lächerlich vor meiner Frau und den lieben Nachbarn. Die wissen doch alle, daß ich heute nach Sachsen in meinen Garten fahre.

Und sie haben immer so etwas auf den Lippen.

Zurück, ja, aber nur bis zum INFORMATIONSZENTRUM: Neuer Zug.

Also Karte lösen, nicht für den Zug. Die habe ich ja schon. Ich hoffe, sie hat nun nicht ihre Gültigkeit verloren. Nur weil der nächste Zug in die richtige Richtung zu einer anderen Zeit fährt und – vielleicht einen kleinen Umweg fährt.

Oh, wäre das eine Freude für unseren mittelkleinen Enkel. Er sieht Züge im Traum. Flugzeuge liebt er auch im Unterschied zu allen anderen Leuten, die sich nur bedrängt vorkommen, aber immer damit fliegen. Wir warten schon auf den 5 min-Takt. Erst dann will er wiederkommen – in den Müggelwald.

So ist das.

Es geht gar nicht Kindern wie Leuten.

Also 2.Stock des Riesenbahnhofs. Info. Karte lösen. Warten, bis die Kartennummer aufgerufen wird.

Auf respektablen roten Kunstledersitzen.

Geht doch.

Nächster Zug in 2 Stunden.

Bis dahin Kaffee.

Viel Zeit für den Artikel.

Endlich im Zug. Im richtigen Zug. Diesmal wie alle anderen brav gewartet, wo alle warteten und nicht die Einsamkeit gesucht auf dem Bahnsteig. Diesmal nicht hoch droben, nicht unmittelbar unter dem Dach des großen Bahnhofs oder weiter draußen, sondern im Keller. Dort kannte ich mich aus.

Es war kuschelig u n d zugig. Aber der Zug kam. Gute Leute, mit Fahrrädern zum Teil, bepackt.

Naherholung oder Schichtwechsel, Schichtende, Hausfrauen, die mal kurz von Lichterfelde einkaufen waren irgendwo in der Innenstadt, in der Ostcity oder in der Westcity.

Es war ein Kommen und Gehen, weil alle paar Minuten gehalten wurde. INTERREGIO.

Ein tolles Wort wie Toilettenzentrum oder Fahrkartenzentrum, Reisezentrum. Hier redet kaum einer mit dem anderen aber alle sind zufrieden und froh, dass sie wieder – erfolgreich – nach Hause kommen.

Ich fuhr weg.

Sie fuhren nach Hause.

Ihre Kurzstrecken.

Immer die Lieder im Ohr und die Zeitung griffbereit.

Eigentlich war sie längst von gestern.

Wir sahen immer den Ministerpräsidenten vor uns, wie er die Liedangaben machte nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Wiederaufleben des preußischen roten Adlers: Brandenburg.

In den Staub.

Nein, nein friedlich. Sehr friedlich.

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen.“

Und dann immer die Backsteinbahnhöfe, allerdings besser, weil genutzter, als in Sachsen, Nord–Sachsen.

Ruinen bald, wenn wir erst die Grenze überfahren hätten.

Aber erst umsteigen.

Das Handy klingelt nicht und ich wage mich auf den Weg in Richtung einer brandenburgischen Kleinstadt.

Diese Weiten.

Kaufhallen.

Brachen.

Endlich ein HINWEISSCHILD: Bäckerei. In der und der Seitenstraße.

„Gut, dann essen wir eben Brötchen, nackt und bloß“, rede ich mit mir selber in Ermangelung eines

nichtvirtuellen Gesprächspartners.

Vielleicht sollte ich das Handy bedienen und beichten: Zug verpaßt – zwei Stunden später.

Alles.

Ich höre das Gelächter.

„Ah, da noch ein Hinweis: PIZZA!“

Das war ich.

Niemand sonst.

Aber es stimmt.

„Können sie mir die und die Pizza backen in ca 10 min.?“

„Aber sicher, mein Herr.“

„Gut, dann warte ich draußen.“

Aber die kam nicht. Erst nach 20 min oder mehr.

Ich ließ sie mir einpacken und rannte, was ich konnte, beißend und kauend los zurück zum Umsteigebahnhof in Luckenwalde.

GOTT SEI DANK.

Alles klar.

Es ging weiter.

Auf die Sekunde genau.

Bis in die Lutherstadt.

Sie hasste ich. Das kann sich niemand vorstellen.

Zuerst einmal kann ich ein gewisse Abneigung nicht unterdrücken, wenn ich mir die Programmbilder der Reformation ansehen musste mit Konfirmanden – oder Schülergruppen.

Dazu noch eine saumiserable Persönlichkeit an Führerin, die nahtlos 1989 überlebt hatte in ihrer Funktion als Erklärerin des und des Gebäudes. Das war auch noch das älteste – und erste – Pfarrhaus der Welt, mit einer Pfarrfrau, deren Bild – mich ebenso erschreckte: Fast ebenso breit wie hoch.Wie ein Archivschrank in einem alten Thüringer Pfarrhaus.

Ach ja, der Holbein, den sie beauftragt haben.

Inzwischen gibt es die Führerin nicht mehr. Sie ist in Rente gegangen.

Das ehemalige Kloster, dann Pfarrhaus mit Käthe Luther und Kindersegen und Studenten und Tischreden.

Alles ist jetzt gut.

Das Lutherjahr, die Dekade, diese atheistisch-französische Einheit im Denken und Fühlen: Sonntag abgeschafft. Nie hätte ich das so genannt. Aber es heißt ja alles so. Dekade der…Dekade der…Dekade des…

Bahnhof zum Aussteigen?

Nee.

Schon immer eine Schande. Sie irren herum wie ich und suchen den Ausgang, den Lift, den Bus, ein Cafe in der Nähe, um auf den nächsten Zug warten zu können.

Im Zeitalter des Autos und des Fahrrades sollte man nicht mit dem Zug von Berlin nach Mitteldeutschland reisen. Und auch noch so tun, als ob das nichts wäre. So mal um die Ecke biegen. Schnell mal seinen Dienstkalender holen, den man in der Laube in Nordsachsen vergessen hat.

Nein, nein.

Wittenberg war schon immer eine einzige Katastrophe.

Ein Anspruch.

Die Amerikaner kommen.

Und Wüste.

Gut, jetzt leuchtet die preußische Pickelhaube weit in das Land hinein. Und die Stadtkirche wird diskutiert mit ihrem Schandbild.

Aber es ist immer noch nicht das, was es einmal sein sollte…

Was habe ich mir schon für Nachtstunden hier um die Ohren geschlagen in umgekehrter Richtung.

Der Zug kommt. Einsteigen. Immer fröhliche Menschen um mich her. Bis Bitterfeld….

Was war in Bitterfeld?- Ah, Pfeifengeschirr liegen gelassen von Gera kommend beim Umsteigen nach Berlin – mit Liedern in der Nacht und Einfahrt über Südkreuz, ganz anders als früher in Schönefeld.

Inzwischen geschenkt bekommen ein neues…Aber das nur nebenbei.

Also Bitterfeld, die Dichter der Arbeiterklasse. Der Bitterfelder Weg. Ausgerechnet hier: NICHT EINSTEIGEN. VERBOTEN.

Der Zug steht noch da.

„Sprengstoffattentat“, höre ich.

Ich frage:“Ja aller Zugverkehr ist gesperrt.“

Das war im Herbst.

Es war nicht das erste Mal, daß ich über Luckenwalde, Wittenberg nach Bitterfeld fahre und zurück, um endlich in mein geliebtes Zschortau zu kommen, ein Dorf mit Teich, Fleischerei, stillgelegtem Bahnhofsgebäude, stundenweise geöffneten IMBISSEN mit Mädchennamen oder noch Schönerem.

Und der Sparkasse. Der Schlitz verlangt hier die CARD verkehrt herum hineinzu stecken. Jedenfalls am Hauptbahnhof Berlin gemessen. Wer weiß schon, was so herum oder andersherum ist.

Und jetzt.

Aufgeschmissen hätte meine Oma gesagt.

Und das stimmt.

Alles huschte herum wie in Luckenwalde, wo ich den wartenden Anschlusszug auf der gegenüberliegenden Seite verpasst habe und dann Pizza im Fluge essen musste, um den 2. Anschluß nicht zu verpassen. Oder war das in Wittenberg. Ich hoffe nicht. Um Luthers willen nicht.

Also Lutherstadt Wittenberg.

Und der Weg, der der berühmte Bitterfelder Weg heißt. Jeder Arbeiter soll ein Gedicht schreiben, oder eine kurze Geschichte.

Walther Ulbricht hat das angeregt.

Das war natürlich anders: Seine Sterndeuter waren das.

Die Wahrsager.

Wie heißen die heute noch mal?

Oder gibt es die nicht.

Doch die gibt es.

Wie zu Herodes des Großen Zeiten.

Also schauen.

Wie kommen wir nach Nord-Sachsen.

Zschortau. 27 km von Leipzig entfernt und 5 km von DELITZSCH.

Da tun sich welche zusammen.

Es muss doch einen Ersatzverkehr geben.

Ja, ja sie rennen auf die Straße vor dem Bahnhof und telefonieren mit ihren APPS wie die Kaputten. Und tatsächlich kommen sie.

Zwei Kleinbusse.

Der Fahrer freundlich.

Die Österreicherin nickt, als ich sie frage, ob ich mitfahren könnte. Ihr Partner brummelt. Weitgereiste, die eine Deal vorhatten im Rundfunkgebäude, dort wo das Hochhaus steht, wo die Studenten 1989 studiert haben und nicht herunterwollten aus ihren 15 oder 20 Stockwerken.

Es waren die Abgehängten. Zwanghaft Abgehängten. Die haben demonstriert. Die von der Kirche.

Nun wollten sie ausbrechen aus der Kirchen heiliger Nacht.Sie wollten politische Gleichberechtigung und ließen sich nicht mehr still stellen, wie in Rumänien die Kinder in den Heimen.

Dorthin wollte, musste angeblich mindestens sie. Er in der Nähe. Ah, sie waren doch kein Paar.

Sie hatten sich zufällig getroffen, als sie ausgeladen wurden aus dem Inter-City, der nach Leipzig fuhr, aus gutem Grund. Da saß einer im Rollstuhl und wurde agressiv. Es kam auch durch das Radio. Hat man mir hinterher berichtet.

Was hatte er denn nun.

„Ich sprenge eure ganze Schoße hier in die Luft.“ Er umklammerte seinen Einkaufsbeutel.

Das könnte eine Bombe sein. Vielleicht sogar eine ferngesteuerte. Wer war hier die Bombe. Der Zeitzünder funktioniert . Wer sind die lebenden Bomben.

„Papiere“, sagte der Schaffner.

Er hatte keine.

“Vielleicht fühlte er sich auch nur bedrängt und ausgestoßen“, vermerkte der Österreicher, dessen allgegenwärtige Mutter von `s JANZE die Wirtschaft war, nach eigener Aussage. Und der Vater der Staat.

Im Klein-Bus sagte er das nach dem Bericht aus dem City.

Seine Kollegin pflichtete ihm bei.

„Es ist ja auch so schwer.“

„Wie sage ich es meinem Kinde.“

„Wie erzieh` ich es ?“

„Was sage ich ihm, wenn es zu solch einer Situation kommt.“

Mit dem Rollstuhlfahrer.

„Wir kennen ja seine Geschichte nicht. „

Er ist ausgerastet.

Plötzlich agressiv geworden.

Hat die Nerven verloren.

„Ich sprenge alles in die Luft.“

War der Ton falsch von dem Beamten?

„Fahrscheinkontrolle.“

„Ausweispapiere.“

Das Leben ist schwer.

Die richtigen Entscheidungen zu finden ist schwer.

Wir saßen in der 1. Reihe des Kleinbusses: Die Dame mit dem Kind zu Hause, die genau wusste, dass ihre Kind viel Zeit braucht. Ihre Zeit. Dann der Mann aus Österreich. War er ein Vertreter, der etwas anbietet zur Aufrechterhaltung des Wissenschaftsbetriebes in der Messestadt.

Aber hinter uns saß die schweigende Mehrheit – von hier. Sie sagen nichts zu all dem. Sie wussten es besser und hatten ihr Herz nicht auf der Zunge.

3 Männer, die sich nicht zu erkennen gaben. Außer, dass sie auch in die sächsische Metropole wollten. Weil sie dort zu Hause waren. Sie hatten alle schon bezahlt, nur ich nicht. Ich gab 10 Euro nach vorn. Der Fahrer hielt sich auch zurück und wusste, dass dieses Durcheinander sein Geschäft belebt.

„10 Euro? Ist das nicht zu wenig?“ fragten die Hinteren zu Recht. Sie bezahlten mehr.

„Ich möchte in Zschortau aussteigen, 20 km vor Leipzig.“

Sie beruhigten sich und die Dame sagte: “Ist doch gut so.“

Wenn der Staat der Vater ist und die Mutter die Wirtschaft.

Also in dem Wirtschafts– und Staatsbus in Klein fuhren wir durch das Land um Bitterfeld und tauschten uns aus über den Zwischenfall in dem Inter–City, mit dem wir schon längst in Leipzig angekommen wären, wenn nicht jemand vermuten ließe, er habe einen Sprengsatz in seinem

Einkaufsbeutel.

Alles abgesperrt mit rot-weißem Band.

Der Zug fuhr nicht.

Der Fahrplan wurde nicht eingehalten.

Der Terrorist isoliert.

Die Züge wurden umgeleitet.

Die Strecke war blockiert.

Eine wichtige Strecke.

Nicht jeder wusste Bescheid.

Eigentlich keiner.

Die Handys wurden abgeschaltet.

Funkstille.

Keine Verbindung.

Kein Netzwerk.

Keine Terrorgruppe.

Wir ließen das Geschehen hinter uns.

Die Mitreisenden im Bus erzählten nicht, wo denn nun eigentlich der Zug zum Stillstand gekommen war.

Waren sie auf dem freien Feld mit ihrem Gepäck ausgestiegen.

Fluchtartig?

Wie viel waren es?

Auf dem Bahnhofsvorplatz, wo sich alles traf, um sich auszutauschen: “WIE GEHT ES WEITER?“ Es waren Hunderte. Kamen sie alle vom Feld. Vom Acker. Doch nicht. Wo kamen sie alle plötzlich her?

Oder war der Schauplatz ein angekommener Zug in Bitterfeld nach dramatischen Sekunden auf der Strecke.

Hat der Terror die DDR erreicht, die ehemalige. Dieses graue Gebilde, wo es noch den wirklichen Vater Staat gab aber keine Mutter Wirtschaft. Weil die Wirtschaft und der Staat eins waren: IN VOLKES HAND.

Im Untergrund allerdings haben wir die a l t e n Formeln gewusst: Vater gleich Staat, Mutter gleich Kirche: EKKLESIA.

Ich enttarnte mich und gab mich zu erkennen in dem Schienenersatzverkehr auf wendiger Privatgrundlage: “Nur `ranhängen. Nur `ranhängen!!!“

Das schöne Wort EKKLESIA.

DIE HERAUSGERUFENEN.

DIE KIRCHE.

Ja die Kirchen in Leipzig, wie Erich Löst sie vermisst, um geistlich und geistig auf die Füße zu fallen und nicht auf s Gesicht, das blutende jetzt, völlig.

Erstarrt.

Die Nicolaikirche.

Die Kirchen am Ring.

ASYL.

ASYL für Tausende im Herbst.

Jetzt ist wieder Herbst, ein Viertel Jahrhundert danach.

Es wird immer Herbst sein.

Deutscher Herbst.

Inzwischen suche ich das Papphaus am Horizont, dass ich nie sehen werde.

Aber die Kleingartenanlage und die Häuser davor.

Wir nennen sie GOTTL.

Das hat eine Bewandtnis.

Uralt, als COMENIUS mit den Augen JESU das Dorf sah.

Das Dorf im Tal im östlichsten Thüringen.

Als er beordert wurde von der großen volkreichen Stadt in diese Provinz mit Sack und Pack und Kind und Kegel und Frau und Mutter, diametral gegenüber dem Thüringen, was er kannte und liebte.

Na, ja – nicht ganz. Seine Kindheit war auch schon beheimatet östlich von Jena.

Aber Altenburg und das ganze Altenburger Land waren eine Märchenspiel von dem übergroßen Kater und der kleinen Maus im Festsaal des Schlosses hoch über der Stadt.

„Ihr kennt es?“

„Was?“

„Na, das Spiel – DER GESTIEFELTE KATER, der dem armen Müllerburschen hilft, weil der ihm – wahrscheinlich – geholfen hat – und ihm ein ganzes Königreich – nicht verspricht, nein – aber schenkt, nachdem er ihn verschlungen hat, den ZAUBERER in seinem märchenhaften Gewand aus schwarzer Seide in dem finsteren Anwesen. Es war nun ihres. Nein seines.“

„Ihr wisst doch, sie fahren in der Kutsche durchs Land, die Bauern verbeugen sich und grüßen, weil es die Kutsche des Herzogs ist.“

„Alles unser Land.“

„Aber es fehlt durch einen dunklen Schwur das herrliche Schloss auf den Bergen in der Ferne nach der List mit dem Bad der Prinzessin und den wieder aufgetauchten Klamotten.“

Erst das Land, dann das Haus.

Aber jetzt nach Jahren, Tür aufgeschoben, `raus gesprungen – aufs Feld. Da fahren sie, die Wirtschaftsweisen aus dem Rheinland und aus Österreich.Und der ganze hintere schweigende Teil

von hier. Die nichts sagen. Die noch nie etwas gesagt haben. Die weder die Schlösser kennen, noch die Zauberer . Die nur immer dasselbe gesagt haben: WIR KÖNNEN NICHTS TUN.

Das schreien sie, indem sie still sind.

Das schreien sie, indem sie stumm sind.

Bis zum Ziel.

Und aufpassen, daß das Geld stimmt.

Ihr Geld.

Ihr weniges Geld.

Der Taxifahrer wird entlassen, wenn das Ziel erreicht ist.

Ihm soll es recht sein.

Er kann es auch nicht ändern, den Osten wie den Westen, den Süden und den Norden.

Er fährt ihn aus.

Jeder Gast ist ihm willkommen, wenn sie nicht plötzlich die Taschen öffnen und auf die Bombe zeigen, von der niemand weiß, ob sie scharf ist.

Es kam übrigens alles im Radio.

Auch in Berlin.

Aber nun GOTT

Gotthold Baller. Ihm möchte ich ein Denkmal setzen, wenn er auch in Ausübung seines Amtes als Ortsbürgermeister über den Bach gestiegen ist in seiner Fülle und die Tochter von Lehmann vielleicht nicht nur beschützt hat kraft seines Amtes von Partei und Staat.

Sie hatte wohl einen Jungen und keinen Mann. Oder der war weg. Wo, weiß keiner so genau in diesem Miniland mit Selbstschussanlagen.

Es war ein sozialer Fall.

Die Frau von Gotthold Baller war Lehrerin.

Eine überaus gute Lehrerin, die es gut meint mit jedem Schüler und mit jedem Vater und mit jeder Mutter. Hätten wir nur noch viele davon. Aber nein, sie sterben aus. Ist allerorten zu hören.

Ihr Mann war zur Stelle, wenn der Tod zuschlug. Nachts und der Pfarrer geholt wurde.

Wenn die Verhältnisse nicht klar genug waren, um eindeutig eine Meinung zum besten geben zu können.

Da schrillten bei ihm alle Glocken. Ich weiß nicht, welches Sensorium ihm zur Verfügung stand.

Bekam er jede Bewegung im Dorf zu spüren?

In angemessener Entfernung stand er plötzlich im Hintergrund.

Er wohnte, wenn er nicht in seinem Bürgermeisteramt der Dinge wartete, die da kommen würden oder telefonierte, in einem dieser 10–Familienhäuser am Berg.

Der Sandige Berg . So hieß das Viertel.

Neubauten des Sozialismus für all die Zugezogenen und nicht so Angestammten.

Er kam aus dem Osten.

Ja, solche Häuser waren das auch hier in Zschortau.

Wie überall im Osten. Das waren Siedlungen für die Umsiedler. Davor der Sportplatz von der B 7 aus gesehen, wo ich ausgestiegen bin aus dem Kleinbus – vonwegen einer Bombendrohung. Also nicht aus dem Zug, wie geplant. Der fuhr den ganzen Tag nicht mehr. Die Infrastruktur ist außer Kraft gesetzt.

Der fröhliche Lärm schlägt mir entgegen. Und ich weiß plötzlich nach dem Kirschenweg am Feld entlang mit Bänken, daß ich fast da sein mußte.

Den Wind von der Seite.

Einbiegen in die Gasse, da GOTT – gegenüber die Kleingartenanlage.

Gartengedicht

Im Garten war es schön,

so schön,

wie nie zuvor.

Und nur ein Tor

glaubt

ohne Müh.

Kriminalgeschichte nie.

Dafür Läuse

Zecken, Mäuse

leider auch Fledermäuse.

Aber nie

mehr

Unkraut

Ex

und Rattengift in die Kloos

wie damals in Berlin.

Nein, so nie.

Viel komöizierter, raffinierter

Hochglanz, bunt und

wunderschön

im Garten

bei vielen, vielen Reimen, die lachen und die weinen.

Da kannst du lernen von den Kindern

nicht von den Leuteschindern.

Februar

Irland

nach den

Wolken

unter mir

Watte

Bausch

Lebens

S

gefährlich

in der

BOING

307288

Blau

abgesetzt

mit

Neid

Farbe

Gelb

und Harfe oder einer

nackten Schönen, die

geflügelt in Richtung

Westen zeigt, wenn Du

hinfliegst.

Berlin Sonntag 20. Juli, 4. Kriegsjahr in unserer östlichen Nachbarschaft anno domini 2025

Die nächste Geschichte aus dem gleichen Buch-Sommertheater

Die Zeit in Frankreich.

1.

Diese Weiten.

Felder.

Ein Gehöft.

Zwei Gehöfte auf dem Rübenacker, dem Getreidefeld.

Riesengroß beschriftete Leinwände.

Museen, die den Krieg, den siegreichen, beschreiben und in Erinnerung rufen.

Für die müßigen Gäste.

Tack, tack, tack ; – jetzt spielen sie auf.

Ja, wer?

Sind das die Straßenmusikanten an den Straßenrändern, in den Straßengräben von früher in Deutschland, vielleicht auch in den Bäumen?

Ja, ja, da kommen sie, die Skelette von den Blousons derer, die sich am Leben messen.

Von den Bäumen auch herab.

Von den Humoristen im PKW herab, die eines mutigen Aufhängers bedürfen, keiner Riechnadel.

Das wollten sie nicht, diesen kleinen grünen Tannenbaum, der sein Industrieparfüm verströmt auf den Fahrer und seine Geliebte.

Das Kreuz?

Nein, das nicht.

Sie haben keine Angst vor dem Tod, sagen sie.

Herab von den Bäumen kommen sie, die Musikanten seit Jahrtausenden, als die Missionare sie noch anprangerten und den Königen die Botschaft der Auferstehung brachten.

Die Heiden.

Die Angst.

Blasmusik woher auch immer.

Warum auch immer.

Plötzlich.

Gegeneinander.

Miteinander.

Schräg und tolerant.

Bayern?

Böhmen?

Jericho bestimmt nicht!?

Barock.

Balkan.

Oder ist das die Einbildung. Spielt die Fantasie mir einen Streich.

Von Ferne ein Dorffest.

Des Dorfes Gewimmel.

Wie ein Osterspaziergang.

Tack, tack, tack, – jetzt spielen sie auf .

In den Kopfhörern.

Das ist der Balkantrip, der Tanz auf dem Vulkan, wo es keine Vulkane gibt, aber andere Grausamkeiten.

Das ist er, der Balkanjazz, der schmissige, den jeder gut findet. Er ist Mode. Jede tanzt danach.

Und dreht sich voller Absichten vor aller Augen mit Waffen, die nur sie kennt.

Und wälzt sich danach im Heu.

Ja, ja, das ist es.

Balkan.

Verbotene Spiele auf dem Bürgersteig.

Kreis schlagen. Einheimsen.

Davonjagen.

„Die Polizei!“

„Die Polizei!“ – rufen die Verdächtigen.

Süd-Ost Berlin.

Westberlin.

Alexanderplatz.

immer noch – und gerade auf den Straßen in den Westen?

Ja, jetzt hören wir ihn alle ganz deutlich.

Den Sound.

Er beschleunigt den Bus auf der Straße in die Metropole, die schönste Stadt der Welt.

„Lassen Sie jetzt bitte den Balkan in Ruhe“, sagt eine Dame neben uns.

Nur der Gang im Luxusbus mit den 5 Sternen der Liebe trennt uns.

„Jetzt fahren wir nach Paris – in die Kombüse am Nordrand, wo es billig genug ist zum Übernachten für 5 Tage. Dann ist das Spiel zu Ende“, ergänzt ein grauhaariger Herr in solo.

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2.

Plötzlich trommelte es an die Busfenster.

Fäuste.

„Avanti!“

„Avanti!“

„Guernica!“

„Guernica!“

Der Busfahrer beugt sich über das Lenkrad: Kugeln flogen über ihn dahin von allen Seiten.

Wir zogen die Köpfe ein. Als ob wir in einem Flugzeug saßen und es droht Gefahr:

Beine zusammenpressen.

Die Lehne des Vordermannes, der Frau, schützt.

So ging das eine Stunde.

Wie konnte der Busfahrer sehen.

Aber er sah.

Wer führte ihn.

Wer war der Souffleur.

Vielleicht der Beifahrer, der auf dem Boden lag und zwei Einschußlöcher einer früheren Fahrt nutzte. Jedenfalls den Kurs von unten sozusagen dirigierte, den Straßenverlauf nicht verfehlte

und aus den Augen verlor.

Niemand kam von der Straße ab.

Die Fahrgäste in ungefährer Sicherheit, wenn sie den Kopf nicht hoben.

„Wie von Geisterhänden des Waldes im Hochgebirge Graubünden wirst du getragen.“

„Davongetragen.“

Sind das die Gespenster der Vergangenheit.

„Wenn du dein Ohr auf die Schiene des Zuges legst, hörst du sie kommen, die Reiterscharen“, schreibt der große Dichter George Bernanos in einem seiner großartigsten Bücher.

Die Stunde war um und der Fahrer konnte sich wieder erheben und der Beifahrer stand auf und reckte sich.

Das war eine dunkle Geschichte am hellen Tag.

Und wir haben nichts gesehen.

Hoffentlich wiederholt sie sich nicht.

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3.

Doch sie wiederholt sich.

Schlimmer.

Besser.

Endlich finden wir den Mut zur Selbstverteidigung und tricksen nicht herum mit den Einschußlöchern von vorgestern in unserem Gelben Wagen, damit wir nicht vom Weg abkommen, ob nun als Beifahrer oder als Fahrer. Oder als Gäste.

Wir kommen wieder und immer wieder in ein Gewitter.

Wir müssen uns darauf vorbereiten.

Unsere Schauspieler und Schauspielerinnen standen auf wie ein Mann, wie eine Frau und stupsten die Sitzengebliebenen an: den Clown, den Tänzer, den Sänger, der noch nicht begriffen hatte,

als es wieder losging.

Wo kramten sie die Schrotflinten her. Waren sie doch keine Attrappe, als sie ihre Indianertänze aufführten in der Höhle des Käthchens von Heilbronn. Oder war das alle Berechnung und kalkuliertes Abenteuer für die gelangweilten Gäste der Liebe in dem 5 – Sterne – Bus:

Die Kugeln flogen, aber sie trafen nicht. Die Geschichte bleibt dunkel.

Aber der helle Mittag.

Die Helle Mitte in Berlin-Marzahn-Hellersdorf lassen wir zurück.

Wir wissen es nicht.

Nicht, wo sich das Schicksal abspielt.

In welchen Köpfen.

In welchen Betten.

In welchen Verweigerungen.

In welchen Zusagen.

Es bleibt dunkel.

Und es ist gut so, sagt ein nachdenklicher Mitreisender, der gerade gekämpft hat.

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4.

Es wiederholt sich nicht.Scheinbar haben die Angreifer begriffen, daß wir zum Widerstand bereit sind.

Wir kommen wohlbehalten im Norden von Paris an und suchen unsere Kombüse auf, in der wir übernachten können.Das sind Container, wie wir sie aus den Camps kennen in Berlin, wo Flüchtlinge untergebracht werden, bis sie ein zu Hause bekommen, in dem sie abwarten, ob ihr Asylantrag positiv beschieden wird.Sie können von dort aus Deutsch als Fremdsprache lernen, eine Schule besuchen oder sich vermitteln lassen.

Wir müssen das alles nicht.

Nein, wir haben Urlaub.

Wir haben frei.

Man wird uns führen.Zuerst in eine Restaurant, wo wir uns etwas zu essen kaufen sollen. Der Wirt wartet schon.Nicht nur auf die Gäste, sondern auch auf den Manager, der uns überreden wird, dies und das zu kaufen, was es überall gibt, aber eben auch hier.

Das ist eine Abmachung zwischen dem Veranstalter, dem Gastwirt und dem Warenverkäufer einer

großen Handelskette.Diese Abmachung senkt den Gesamtpreis der Fahrt.

So geht das mit der Werbung.

Aber niemand will mitmachen.

Besonders die Rostocker sind sehr renitent.Sie weigern sich auszusteigen und in das Restaurant zu gehen. Sie sagen, das ist doch nur eine Falle.

Alle werden von den Rostockern aufgefordert, nicht auszusteigen. Sie hätten das schon erlebt:

eine Halle ohne Ausgang oder mit Türen, die verschlossen waren.

Kaufen oder Einsperren das Motto.

Nur hier wären wir sicher.

So bleibt dem Manager nichts weiter übrig als zu telefonieren und sich sagen zu lassen,

was er nun tun soll. Er wird ungehalten. Aber wir bleiben. Im Bus.

Wir rufen wie auf dem Leipziger Ring: „Wir sind das Volk.“ – Da bekommt der Manager es mit der Angst zu tun und gibt dem Fahrer, der sich bis jetzt ganz schön raus gehalten hatte, ein Zeichen,

daß er zurück fahren soll in den Containerhof.

Die Strafe ist, daß wir dort alle aussteigen und der Fahrer sagt, jetzt gibt es kein verbilligtes Essen.

Der Vormittag sei gelaufen.

Was machen wir jetzt?

Ah, da machen sich welche auf zur Vorort-Bahn. Sie wollen mit der Bahn nun endlich nach Paris kommen in die Stadt der Scholaren, in die Stadt der Liebe.

So mutig sind wir nicht.

Wir tasten uns vor bis zum nächsten legendären Vorort-Straßencafé in der Nähe des Vorortbahnhofs.

Tausend Bilder, von denen neunhundertneunundneunzig mit Sicherheit gelöscht werden.

Immer wieder sind wir erschrocken über die Sensibilität der elektronischen -, die dann zu den Endlosschleifen führen in unseren Bildbetrachtungen auf dem Monitor. Wir können nie richtig umgehen mit den Multiplikationen, die als Verheißungen verkauft werden, bunt und schrill und uns erschlagen und erschrecken.

Also erst einmal tausend Bilder: ich sitze in der Veranda eines französischen Vorort-Cafés, sozusagen auf der Straße.

Gott sei Dank habe ich das Telefon dabei. Ein Handy. „Unentbehrlich“, sagt meine Frau: „Für den Zusammenhalt!“ Wir fliegen alle durch den Weltraum, aneinander gekettet mit diesem unsichtbaren Kabel der Erreichbarkeit.

„Also – ich habe den Vorortbahnhof gefunden.“

Pause.

„Du kannst nachkommen.“

Pause.

„Ich sitze hier gegenüber der und der Kreuzung, ah – den Dichternamen kann ich erkennen, nachdem die gegenüberliegende Straße benannt ist.“

Da ist sie auch schon. Sie kommt aus dem Dunkel des Viaduktes direkt auf mich zu. Ich sehe sie.

Sie mich nicht.

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5.

Am Nachmittag endlich wieder im Bus.

Wir müssen nicht mit der Vorortbahn an die Seine fahren. Nicht zu Notre Dame. Auch nicht zum Platz der Republik, zu den Tuilerien, zum Garten de Luxembourg. Nein – wir werden gefahren.

Wir stehen nicht in einem deutschen finsteren Wald – sagen wir in der bayerischen Rhön – und müssen mitgenommen werden, bis uns endlich einer aufliest. Der Busfahrer eines Busses,

wo die Gäste müde zusammengesackt sind hinter den Sitzen ihrer Vordermänner – und Frauen.

Sie verstecken sich vielleicht und reden nicht miteinander, es sei denn sie lachen sehr laut,

damit sie nicht schon wieder schlafen müssen, die Leute aus dem Spreewald, nicht die Aufständischen aus der DDR – Hafenstadt Rostock, wie wir es hier erlebt haben. Eben.

Ob das gut war?

Wir erinnern uns sehr genau.

Es ist ja auch noch gar nicht lange her.

Wir sind zusammengeschweißt.

Eine Schicksalsgemeinschaft, entgegen aller Voraussagen, daß es kein Schicksal mehr geben wird. Nie.

Wir sind der Bus der Indifferenten und Ambivalenten. Das ist auch ein Schicksal.

Gerade durch unsere Unentschiedenheit wollten wir genau das verhindern: Schicksal. Volk. Familie.

Mit Gottes gnädiger Hilfe könnten wir es aber wieder werden. Aber nur dann.

Jetzt zu dem Platz, wo das Gefängnis stand, die Bastille, wo wir uns treffen mit den Mutigen, die selbständig ohne Gruppe voraus gefahren sind. Das waren auch nicht die Rostocker. Die hatten für diesen Tag schon ihr Pulver verschossen.Und saßen nun brav aber froh auf ihren Sitzen und ließen sich führen.Wir auch. Wir sind ja eigentlich aus Leipzig, jedenfalls aus der Nähe.

Jetzt stieg Madelaine zu. Unsere Führerin. Sie schwenkte ihren großen rosa Hut. Das war das Zeichen, wenn wir einmal nicht mehr wußten, wo wir waren. Oder wo sie war. Oder die anderen.

Immer auf den Hut achten, wie er geschwenkt wurde. „Du wirst ihn schon sehen in dem Gewühl“, tröstete mich der besonders freche Spreewälder mit viel Erfahrung im Genick mit diesen Offerten aus der Welt der Liebe und des Reisens quer durch Europa. Er war Rentner und wollte nicht ständig

seinen Garten an der Spree umgraben oder Ähnliches. Seine Frau bestärkte ihn darin.

Seine Machtworte hatten immer Wirkung.

Ich zanke mich mit meiner Frau, weil sie so unpünktlich ist und die Uhr vergißt, den Stellplatz und die Heimreise. Was sagt er?

„Nun ist aber wieder gut!“

„Schluß nun!“

Gut, daß es die einfachen Leute gibt.

Das Gute ist banal.

Nicht nur das Böse.

Also der Hut, der große Hut, der Hut mit Farbe. Pink. Rosa. Eigentlich ein Sonnenhut.

Im herrlichen Paris. Der schönsten Stadt der Welt. Die meisten Touristen.

Madeleine hat einen Vater, der ist Deutscher.

Sie ist eine Brückenbauerin.

Ein Pontifex.

Ihre Rede ist wie ein Fluß.

Wie die Seine persönlich.

Sie hat nichts zu verlieren.

Nur zu gewinnen.

Sie ist eine würdige und selbstbewußte Pariserin. Keine Libertinage und so weiter.

Konservativ links sicher. Sie hat uns in der Hand, wie alle Reiseführer in der ganzen Welt.

Ob Hannan in Haifa, oder der Wattführer vor Sylt. Denn das Wasser kommt und der Wurm ist weg, wenn du nicht aufpaßt.

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6.

Paris – ein Zeitfenster.

Wie waren wir in den Bus geraten. Was war das für eine Passion?

Was ist uns da in ’s Haus geflattert.

Viele Herzen auf einem Stück Papier, das meistens weggeworfen wird. In einer zornigen Faust zerknüllt wird: Reklame.

Diesmal nicht. Jede/Jeder hat uns abgeraten. Betrug. Werbereise. Wie viel hatten wir gehört von eingeschlafenen Busfahrern einer Rentnerfahrt. Und die Bögen, die Einzelnen, die an irgend welchen einsamen Ecken stehen und mitgenommen werden möchten. Die Um- und Umwege.

Das Gestrüpp vor der Spree – fast wurde das Wasser von dem winkenden Beifahrer übersehen.

Aber das ist ja noch ein komischer Aspekt. Diese stillen Wasser, man weiß nie, ob sie einen herunterziehen, wie in den Gedichten von Johann W. von Goethe: Halb sank er hin. Oder ob der weiße märkische Sand leuchtet und die Sache eigentlich nur ein Fußbad frei nach Kneipp bedeutet.

Diese stillen nördlichen Wasser. – Du weißt nicht, ob der Fluss ein Fluss ist oder ein See.

Das fasziniert dich so, daß du wie Kant auch bleiben möchtest.

Nein – mein Frau wollte.

Endlich Paris.

Also wir haben sie alle eingesammelt und wußten nicht, wer sie waren.

Wir sind ja auch eingesammelt worden nach einer schlimmen Fiktion.

Ohne die Fiktion sind wir zum ZOB Berlin, beim Funkturm, getigert mit dem Wagen; der springt von 30 km pro Stunde zur Höchstgeschwindigkeit, um das GRÜN nicht zu verpassen.

Ah – gut, daß kein INTERNET im Spiel war.

Alles schön super Post, Papier.

Wie früher.

Wie früher.

Wie früher.

Aber wie man nach Karl-Marx-Stadt jetzt Chemnitz wieder, manche sagen Karl-Chemnitz-Stadt,fahren kann, um an einer einsamen Kreuzung zu schauen,

ob dort jemand steht?

Eigentlich drei.

Dann doch nur einer.

Wir schütteln die Köpfe und verstecken uns hinter den Lehnen.

Jetzt heißt es wieder Chemnitz.

Der große Kopf ist noch da.

Nicht wie der große Lenin im märkischen Sand.

Egal wie wir gekommen sind im Romanfieber des Terrors und der Selbst-Verteidigung oder durch die Einladung einer gut kalkulierenden Group.

Nach einem sehr eigenartigen HÖHLENERLEBNIS.

Nach den Ereignissen in einem finsteren Wald, den wir aufgesucht hatten nach einer Schießerei,

von der wir bis heute nicht wissen, ob sie uns gegolten hat. Doch. Sicher. Einschüchterung.

Alte und neue Seilschaften, zum Verwechseln ähnlich. Gemietete Bürgermeister, klassische Agenten. Zerrissenes Deutschland in Nord und Süd und West und Ost, Gott sei Dank in Europa,

wo es sich im Glückstaumel und in der Not der seelischen Verzweiflung austoben darf.

Die Spareinlagen sind hoch genug – für viele. Im Durchschnitt. Wir kamen nicht zu Hermann Hesse und konnten unsere Steckpferd nicht weiter reiten: Rote Wachskerzen am Baum, nichts da! NEON.

Wir werden das jetzt nicht wieder aufrollen.

Schlussstrich.

Also Paris. Normal. Mit Bus auf jeden Fall. Einem Liebesbus. Die Optionen bringen uns nur durcheinander. Jetzt geht der Bericht weiter.

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7.

Sie führt uns eines Tag darauf auf den Tower.

Wir sehen das Neue Paris, jenseits des Eifelturmes,hinter der Seine.

Kühn.Dort wollen wir hin.

Verteidigung.

Verteidigung der Stadt gegenüber einer Übermacht.Die Freiheit winkt und stirbt in den Kugeln, weil Bismarcks Truppen immer näher rücken.

Wir fotografieren uns zu Tode.Kein Platz für ein Wort.

Ich verliere den Anschluß. Wo ist der Bus?

Ah-dort.

Die Gruppe trollt sich.

Da ist kein deutsches Maß. Kein Maßhalten.

Nur Kühnheit gegen den Himmel.

Die große Nation.

Auch wenn wir damals gesiegt haben.

Die Reaktionäre aus Preußen, um das Vaterland zu einigen.

Jetzt sind wir die Verlierer, die als Touristen gekommen sind, um die Stadt der Liebe auszukosten

bis zum Letzten. Daß ich nicht lache.Auf etwas fallen wir immer wieder herein.Auf die Werbung, auf das große Vergnügen, daß bei aller Billigkeit gar nicht stattfinden kann, weil es zu schnell geht.

Wie bei so genanntem schnellen Sex.

Ich glaube, die Pariser wüßten jetzt gar nicht, wovon wir reden oder gar träumen.

Die neue Stadt im Hintergrund.

Das mußt du gesehen haben.

Die Linien, die in den Himmel führen.

Die Schande von damals.

Auf den Gebeinen der Communarden wurde sie errichtet.

Die Niederlage hat sie beflügelt.

Die Verteidigung, diese riesige Frau, umgeben von Bajonetten und Kanonen ist gestorben und immer wieder auferstanden.

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8.

Wie das Heilige Herz.

Sacre Coer.

Madeleine hat es mir gesteckt.

Dort wo sie Tag und Nacht die Messe lesen, Mont Matre, Sacre Coer.

Das andere Frankreich.

Nicht die Libertinage, sondern das Heilige Frankreich.

Schon im Garten de Luxembourg ihr großer rosaroter Hut und das Karussell des Rainer Maria Rilke.

Mit dem weißen Elefanten:“Dann und wann ein weißer Elefant…“

Sie wußte es nicht.

Jetzt auch hier an der Treppe zum SACRE COER.

Ist das die Kirche der Buße?

Weil es mit der Freiheit nicht geklappt hat.

Wenn Du nach Hause fährst in Deine Kombuese, den Container, im Norden der Stadt, in Deine Flüchtlingsunterkunft, Du Asylant…Schau nach Süden, schau zurück wie Lots Weib und du siehst auf dem Hügel Mont Martre die Kuppel wie sie glänzt – und Du beginnst zu fragen. Wärend die Silberflieger über dir zur Landung ansetzen.

9.

Längst sind wir wieder zu Hause.

Madeleine verlassen.

Es waren ja nur 5 volle Tage.

Nicht einmal und eine Nachtfahrt nach der anderen, wenn ich die Hinfahrt mitrechne.

Es war schlimm.

Um ein Haar wären wir in Frankreich geblieben.

Im goldenen Versaille, wo die Franzosen gedemütigt wurden.

So hat sie es einfühlsam, wie es nur Brückenbauer können, beschrieben.

Der Sonnenkönig,schon als Kind verfolgt, baute sich diesen Zufluchtsort. Gerade hier mußte sie, nicht Madelaine, sondern Margarete, meine Frau die Zeit und den Ort verpassen.

Sie schaute nicht auf die Uhr, wie verabredet, als wir uns trennten.Die Abfahrt war genau ausgemacht – nach Hause.Die Zeit auch.

Sollen wir mit der Eisenbahn fahren, der berühmten französischen.

„Nein!“

Wir sollen nicht.

„Wir warten!“, sagt Madeleine.

Die Gruppe nickt nicht.

Noch bleibt sie verhalten.

Die Reisegruppe, alle, die bereit waren zur Verteidigung, als sie angegriffen wurden.

Erinnern Sie sich: Als die Felder sich ausbreiteten wie in den Kolchosen Sowjetrußlands und in der DDR und den jetzigen Agrargenossenschaften in der post – DDR .

Diese fiktive Situation.

Oder dann:Als sie ausgebeutet werden sollten von den Händlern, die ein fetten Fang witterten.

Diese reale Situation.

Ein Rostocker Lehrer – Ehepaar nahm sich der Sache an und veröffentlichte diese Sache in der SUPERILLU.

Wir haben alle unterschrieben.

Oder sollten es wenigstens.

Mindestens gegenlesen, dazu hatte ich mich bereit erklärt.

Nichts kam.

Trotzdem sehr gut, es kam in der SUPERILLU.

Wir haben es gehört von Leuten, die sie gelesen haben, oder welche kannten, die sie abbonieren.

Madeleine war mutig.

Sie riskierte das Murren und überzieht:Jetzt ist es 12.15 Uhr.

Endlich kam sie angetrottet.

Margarete.Plötzlich stand sie neben mir, als ob es nicht gewesen wäre.

Schlechtes Ortsgedächtnis.

Kein Handy.

Wir konnten nicht anrufen.

Das ist eine Schande.

Uhr ja.

Aber die nutzt gar nichts, wenn man vergisst, wo der Ort ist.

Großes Gezänk im Bus, bis der Lausitzer Gärtner aus Sachsen oder Brandenburg zur Ruhe mahnt und zum Frieden.

So war das.

Unser Abgang aus den Lustgärten des vergoldeten Fankreich.

Einmalig.

Oh Gott, war mir das peinlich, gerade wollte ich einen Flirt beginnen, über Internet mich austauschen, wenn wir zurück sind: über die -wie immer- nur angerissenen Dinge, Frankreich und Deutschland betreffend.

Wir hatten ein Recht dazu – aus der Zone.

Heitereitei- Sommer mit Regen, Sonne und Frieden im Herzen wünscht

Michael Wohlfarth

Kalendergeschichte aus Kalender: Erzählungen und Lyrik by unitid.p.c.

Die eigenartigen Wagen

1

der Ägypter.

Sie legen die Rollen aus.

Darauf die Pyramide

damit

sie nicht

den Himmel verdunkelt

und den Sonnenwagen

des Gottes mit ihrer Spitze

zum mathematischen

Punkt macht.

Also woanders hin.

Aber wohin.

Wo die Sonne nicht

aufgeht und

nicht untergeht.

2

Ich habe geträumt

das Blasgerät ist wieder unterwegs

auf vier Rädern

zum Wegblasen der Blätter.

Der Mann

der auf dem Wagen sitzt

im blauen Arbeiteranzug

steuert in die Mitte der Straße

vom Rinnstein weg,

um auch dort das letzte Blatt

zu erwischen.

Immer wieder siehst du

solche eigenartige Fahrzeuge

klein, gelb, orange,

funktional,

die Straßenkehrmaschinen

für einen Mann

die Laubfeger

oder Sauger.

3

Aber der Postilion

Der Gelbe Wagen,

das Mädchengesicht

so hold

wie Luischen.

Singt Brüder,

damit es wiederkommt

das Lied vom Gelben Wagen.

Oder sind das jetzt die Mondkarren

die die Gesteinsproben entnehmen.

Vielleicht

Wir suchen weiter.

4

Der Große

und der kleine Wagen

am Himmel

über dir.

Nur eine kleine Anstrengung

und du weißt es wieder:

Im Schoß des Waldes

Auf der Insel in der

Irischen See

Auf den Sandhügeln

der Eiszeit

rund um die Hauptstadt.

Schau einfach nach oben

im aufrechten Gang.

Halte inne.

Kein Stillstand.

Kein Fortschritt.

5

Der große

und der kleine Klaus

die saftigen Wiesen

und die Sumpfotter

– geh du nicht hin –

fallen dir ein,

wenn du nach unten schaust

und dich vergewissern möchtest

wohin dich dein Stern geführt hat.

Laß jetzt.

Laß dir Zeit in der Nacht

wenn es sie gibt.

6

Ich, Hieronymus Bosch

habe nicht den Heuwagen gemalt

um die berühmte Nadel zu finden

sondern um zu zeigen

wie verworren die Welt ist

wenn das Gebet verloren geht

und damit

jegliche

innere

Ordnung!

Er fährt

ja er fährt

mit den unseligen Gestalten

zur Hölle

wollte ich sagen.

Ich, Hieronymus Bosch

habe sie umgehend illustriert

damit keiner denkt

sie sei nur virtuell zu verstehen

als gedachte Alternative.

Nein, nein

wir wissen

wie realiter sie sein kann

meine Brüder und ich

aus dem Orden der

Malerfreunde und Dichter.

Aber

da schaut die Lust hervor

in ihrer Absurdität der Un–Lust

und Langeweile: Seid lustig

damit die gnadenlose Zeit

niemand bemerkt.

Aber irgendwann bemerkst du sie

doch.

Da schaut die Geilheit

aus allen Halmen des

gemähten Grases und des

gedorrten in der

niederländischen Sonne

und kann nicht mehr

zwinkern

geschweige denn lächeln.

Das tut sie eben nicht.

Wer schaut denn da noch

und wird geschaukelt

weil die Höllenpferde

beginnen zu ziehen

und die Erdlöcher sich

bemerkbar machen

die Räder brechen

weil der Stellmacher

kein Eisen kennt.

Hü Schimmel hü.

Der Kutscher sitzt oben auf

und hat seine übervolle

Fuhre.

Ein eigenartiges Bild.

Sie werden alle abgeworfen

am Strand

und das Heu verfliegt

mit dem Wind.

6

Wollen wir noch andere Bilder finden

von dem Maler in Utrecht

oder anderswo?

Der absurden Spiele

der Urteile,

die vollstreckt werden?

Des verdammten Höllenschlundes?

Des Halses, durch den alles geht?

Der Mühle

die alles mahlt?

Faszinosum bis zum

Stillstand.

Wir haben seiner gedacht

des H.B. in diesem Jahr

des HERRN.

Und viele sind losgefahren

um in seiner Heimat

die Dinge besser

zuordnen zu können.

Lob.

Lob.

7

Das Rad der Geschichte

ist abmontiert

auf dem Platz

vor

des

Volkes

Bühne

im Osten

unweit

der

unsichtbaren

Grenze

Berlins.

Sie haben es beleidigt

nicht nach Berlin

West verbracht

sondern

wenn schon

dann schon

in das Land der Freiheit

der Marianne

des Hahns

der

Maria Magdalena

sie soll ein Flüchtling des Mittelmeeres

gewesen sein von Jerusalem an die

französische Riviera

Cannes und so.

Das Rad der Geschichte

das kaputte Rad der Geschichte

das Sinnbild eines zerbrochenen Rades

nicht auf der Zinne

– nie wieder –

sondern auf dem Rasen

gar nicht rostfrei

gegenüber dem Parteihaus

mit dem schönen Namen

ROSA.

Texte auf dem Pflaster.

Babylon gegenüber.

Schräg.

Ein Nachtbold

hat das Straßenschild

überklebt

mit einem

anderen Namen:

Ronald Reagan.

Nachdem ein Freiherr in Hohenschönhausen

und Kornblum diesen Präsidenten gewürdigt

haben

zu seinem 100. *-TAG.

Wegen dem Fall

der Mauer.

Jetzt wird es ein Allzwecktheater

wie Babylon.

Und auch in der Zeile:

Gauckbehörde

Berlin.

Schlimmer geht’s immer.

Schlimmer, Schlimmer.

Nimmer?

8

Troika

Quadriga

zerbrochenes Rad

Lenkrad?

9

Steuerbord rechts oder links.

Geradeaus sowieso.

Denn der Sturm bläst

wie er will.

Der Wind.

Steuerbord

Rad

Schiff ahoi

Kahn der ewigen kleinen Leute

Fröhliche Wissenschaft ahoi.

Kahn der fröhlichen Leute.

Halt es fest

wenn alles bricht

Vergiß es nicht.

Das Rad.

Oder greif hinein.

Wenn du kannst.

Kalendergeschichte – Dezember

  1. Eine der vielen Weihnachtsgeschichten.

Endlich klingelt es einmal wieder in unserer Zweisamkeit.

Nachts.

Wir fahren auf und stehen in den Betten.

„Geh du!“

„Nein du!“

Als ob wir wüßten, wer es war.

Grauen.

Tatsächlich, es stehen zwei Kapoleute vor der Tür, die gehört haben, es sollen sich Weihnachtskerzen aus rot-und weißgefärbtem Wachs in unserer Wohnung befinden.

Im Keller.

Zum Anzünden am Heiligen Abend.

„Nie und nimmermehr!“ rufen sie im zweistimmigen Chor. „Unterstehen Sie sich!“

Wir fragen, auch zweistimmig (Tenor und Sopran),

wer sie geschickt hat.

Sie antworten: „Das Amtsgericht. Es ist untersagt, Kerzen zum Anzünden aufzubewahren.“

„Warum?“

„Es ist eine Gefährdung.“

„Wieso?“

„Wachs brennt und außerdem haben Sie eine Fichte

aus dem Kirchenwald Mannichswalde im Thüringisch-Sächsischen Grenzgebiet – extra schön – geschlagen.

Wir haben das Gespräch mit dem zuständigen Pfarrer abgehört.“

„Dürfen Sie das?“, fragen wir zu zweit in die fahle Lichtdämmerung der Beleuchtungsanlage im Wohnpark Nr. 8 -13.

„Wir dürfen alles, wenn es um die Sicherheit der Bürger geht und um ihre Gesundheit.“

Zweistimmiges Kapolied:

„O-O-O b e r s t e P r i-o-r i-t ä-t ä t !“

(Tenor-Kopfstimme und Bariton).

Dieser Refrain, diese Strophe kam immer wieder.

Und es hallte zurück aus dem naheliegenden Wald.

Wir konnten es nicht mehr hören und knallten, unhöflich wie wir sind, die Tür zu.

Da brachen sie sie auf. Die Tür.

Wir ahnten nicht, daß sie es ernst meinen.

Die schwarzen Helme der Sicherheitsleute glänzten im Mondlicht und strahlten unter den Parkleuchten, die die Nacht so grell fade erscheinen lassen, daß es einen umtreibt.

Nur eine flackert und geht stundenlang aus.

Worüber sich alle freuen.

Aber es darf nicht sein.

Es hätte längst gemeldet werden müssen und abgestellt, also angestellt.

Ohne Flackern und Pause.

Der Hausmeister hat bestimmt deswegen

ein schlechtes Gewissen.

Ich fürchte, es hat ihm schon jemand gesteckt.

Oder auch nicht.

Weil sich wirklich a-a-a-lle freuen.

Ausnahmsweise.

Also wir gehen einmal davon aus,

daß der Hausmeister es gar nicht weiß,

weil im Morgenlicht, wenn er kommt,

alle europäischen Birnen nur noch Glas sind,

ohne brennenden Docht.

Abgeschaltet.

Obwohl – im Winter stimmt das nicht ganz.

Inzwischen haben sie die Tür wieder aufbekommen

und wir stehen zitternd vor Kälte und Schreck.

„Lassen Sie uns durch! Haussuchung!“

Neulich Nacht hatten wir die Schweine zu Besuch, die wälzten sich in der Lake unterm Dornenstrauch. Nur ihre Spuren hatten wir am nächsten Tag zu Gesicht bekommen. Das war doch was. Einen Kurzbericht wert an die Enkel.

Aber das?

Sie nahmen ihren Helm nicht ab und stürmten die Wohnung.

Sie fanden nichts.

Dann zeigten wir ihnen den Weg.

Auf dem Wohnparkweg ums Haus durch den Haupteingang in den Keller.

„Aber bringen Sie erst das Schloß in Ordnung“, sagte ich und zog eine Pistole, die ich mir bei einem Waffenhändler in Tirol gekauft hatte unter Vorlage einer Berechtigung. Sie wurden nervös. Bloß keinen Aufruhr mitten in der Nacht unter Ausleuchtung aller Details.

Sie rannten zu ihrem Überfallwagen und brachten

ein Ersatzschloß, das sie einsetzten mit Hilfe eines Schlossers, der die ganze Zeit auf der hinteren Sitzbank geschlafen hatte. Niemand hatte damit gerechnet, daß wir ihnen die Tür vor der Nase zuknallen.

Am wenigstens der Schlosser, ein friedlicher Mann.

Nun haben sie ihn also wachgerüttelt.

Nach all dem nun hinunter zur richtigen Kellertür.

Dort lagen sie: die Schachteln mit roten und weißen Christbaumkerzen.

Vom Schwarzmarkt.

Aus Rußland eingeschmuggelt, sagte uns vertrauensvoll unser Händler.

Eins, zwei, drei, vier mal zugreifen und hinein in den Beutel aus schwarzem Samt.

Keine Verhaftung aber Beschlagnahmung.

Wieder oben.

Sie gingen zu ihrem Jeep.

Kein Gruß.

Der Handwerker stand auf dem Parkweg, auf dem er gewartet hatte. Dann stürzte er als erster auf den Jeep zu und riß die hintere Tür auf.

Endlich war die Aktion abgeschlossen.

Irgendwo gibt es Löcher in dem Zeittunnel,

über die die roten und weißen Christbaumkerzen

zu uns gekommen sind. Das Geheimnis ist beschädigt worden. Ja, es hat jemanden so in Aufregung versetzt, daß er geplaudert hat. Vielleicht auch angezeigt bei den obersten staatlichen Behörden.

Wir mußten nun eine elektrische Baumkette kaufen.

Europäische Norm, dachte ich.

Aber mein Frau nahm mich beiseite: „Sie sind dumm, sie haben nicht nachgeschaut unter dem Rost, auf dem sie gestanden haben, als sie geklingelt haben, mitten in der Nacht. Den sie fast durchgetreten haben, als sie mit Gewalt das Schloss zerstörten, indem sie sich dagegen stemmten.“

Kalendergeschichte – Februar

Oder – der Grundriß einer Wohnung.

Anfang Februar.

Plötzlich klingelt es – wieder.

Es hat tagelang nicht geklingelt.

Auch nicht nachts.

Der Postbote, der das Paket des Nachbarn los werden möchte?

Der Nachbar selber, der es endlich wissen möchte?

Was geschehen war.

Neulich nachts.

Uns trennt nur ein schmaler Fußweg und beidseitig so etwas wie ein grüner Graben.

Vorsicht Ökologie“, rufen die Ewiggestrigen.

Es gibt ja keinen Frühling, Sommer, Herbst und Winter mehr und man erkennt an den Stoppelfeldern, über denen die Drachen hoch fliegen nicht mehr, ob es wirklich Herbst ist. Stoppelfelder vielleicht noch als Erkennungsmarke einer Jahreszeit. Eben kurz nach der Ernte. Wann ist die. Na ja – ungefähr noch wie früher.

Aber Drachen.

Geht doch an die Ostsee.

Dort fliegen sie immer.

Oder in Kopenhagen haben wir sie über die Dächer fliegen sehen mitten im Sommer, von einem Fenster aus gehalten.

Nichts stimmt mehr.

Sofort der Pflug.

Sofort kommt der Samen in das Land.

Fruchtfolge.

Also, der Graben ist immer grün. Man könnte meinen, es ist Kunstrasen.

Alles nur Deko“, singt der Chor in der Parkaue.

Und dann noch einmal die Ewiggestrigen:

Vorsicht Ökologie!“

Das Regenwasser läuft besser ab nach den Berechnungen.

Die Büsche in den Gräben sind kurz gehalten.

Sie sollen dem Haus nicht schaden und uns keine Dunkelheit bereiten.

Dabei wollen wir sie, die Dämmerung des Gebüschs, wenn die Sonne hernieder scheint im Sommer.

Nein, nein, nein!“ rufen einige Bewohner. Sie wollen noch mehr eigene Fahrzeuge.

Und überhaupt nicht mit dem Bus fahren!“

Hört auf mit dem Gemaule“, schaltet sich der Hausmeister, der auch als Parkwächter fungiert, zwischen die streitenden Parteien.

Also kein Nachbar?

Auch nicht einer von den vielen gegenüber vom Fußweg: Doppeltes Längshaus.

Wir sind Parterre. Eigentlich Souterrain.

Und wenn es klingelt, stehen sie sofort im Haus,

in der Wohnung. Wenn du erst einmal aufgemacht hast.

Kennst du die Geschichte vom Schuhmacher, der auf Jesus wartet, weil im Traum ihm jemand gesagt hat: „Der wird dich morgen besuchen!“

Du kennst sie nicht? Hol‘ es schleunigst nach.

Nimm und lies und mach dich auf!

Hau auf die Trommel, die du finden wirst,

damit sie aufwachen: die Schläfrigen und Müden.

Du weißt auch nicht, wer wirklich kommt?

Der Mensch kommt, du wirst lachen, der Mensch, der gerade verlorengegangen ist. Der sich verliert im ganz und gar Unmöglichen und andern unsäglichen Dingen.

Aber es sind die Armen, vergiß es nicht.

Nimm und lies den Schriftsteller Tolstoi,

oder wo es sonst noch zu finden ist.

Du wirst es selber sehen.

Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an“,

spricht CHRISTUS DER HERR.

Erinnere dich an den russischen Schuhmacher im Souterrain.

Hat es wirklich geklingelt, ich bin allein zu Haus.

Und mach nicht jedem auf.

Es ist in der Dämmerung eines grauen Februarnachmittags.

Gut, daß die Büsche kurz geschoren sind,

sonst wäre es dunkel, gerade jetzt.

Wie recht haben sie: die Grünzeugflotte des Senats und die Kolonnen für die Bepflanzungen.

Gut, dass die Büsche kurz geschoren wurden, gegen unseren Widerstand“, werden wir uns immer wieder zuflüstern, wenn es ernst wird.

Und du erkennst niemanden mehr in der Dämmerung,“ murmeln wir einträchtig in voller Harmonie mit allen Bewohnern des Wohnparks.

Vor allen Dingen kommen ja auch noch die Wölfe von Polen herüber. Die Zeiten ändern sich.

Einen Spion haben wir nicht. Also öffne ich die Tür. Und wieder stehen zwei Männer in schwarzer Uniform mit der Aufschrift vor der Tür. Sie halten mir einen Beutel unter die Nase. Er kommt mir bekannt vor.

„Gehört der Ihnen?“

„Nein, aber ich habe ihn schon gesehen.“

„Wann?“

„Vor Weihnachten.“

„Erzählen Sie!“

Ich bat sie, herein zu kommen, aber sie wollten nicht.

Es muß POLIZEI sein. Schwarze Klamotten…

Die betreten nicht so einfach eine fremde Wohnung ohne einen Hausdurchsuchungsbefehl.

Einer von beiden dreht sich nach links so, daß ich auf seinem Rücken in großen Buchstaben

POLIZEI lesen kann im Dämmerlicht

des späteren Nachmittags.

Diese bewaffneten Uniformierten. Sie hüten sich davor, die Bürgerinnen und Bürger in Angst und Schrecken zu versetzen. Bei der deutschen Geschichte.

Sie sind scheu.

Die beiden schwarzen Polizisten halten mir immer noch den schwarzen Beutel hoch vor meine Nase.

„Entschuldigen Sie, wenn Sie nicht hereinkommen wollen, dann muß ich den Türstopper durchtreten, damit ich nicht immerzu die Tür mit meinen Händen aufhalten muß. Das ist hinderlich, wenn ich mit Ihnen rede.“

„Ist Ihre Frau nicht zu Hause?“

„Warum?“

„Sie war Zeuge eines Vorfalls in der Zeit vor Weihnachten“.

„Wie ich auch?“

„Ja.“

Sie redeten im Wechsel einzeln oder im Chor

und endlich übergab der eine dem anderen den Beutel. Und sie hielten ihn nicht mehr ständig vor mein Gesicht.

„Wollen Sie nicht doch hereinkommen. Es ist Februar. Und der Wind macht die Wohnung kalt.“

Das haben sie eingesehen und sie kamen in den engen Vorraum und ich konnte zwei Schritte rückwärts gehen aus dem kleinen Vorraum, in dem die fremden Männer standen in Uniformen mit der Aufschrift POLIZEI,

aber ohne Namen.

Ich ging rückwärts durch die zweite Tür in den wesentlich größeren Mittelraum, von wo aus Wohnzimmer, Wintergarten, Küche, Arbeits-Dienstzimmer und das Zimmer mit der Um – die – Ecke – Schlafmöglichkeit abzweigen.

Alle Türen waren verschlossen und die beiden Polizisten waren nicht neugierig, so wenig, daß sie nicht einmal um eine Ecke geschaut hätten.

Gute Preußen am Süd-Ost-Rand Berlins.

Nach einer langen schweigenden Minute sagten sie dann aber doch:

„Ach wissen sie, wir nehmen Ihr Angebot an!“

„Welches?“

„Von vorhin!“

„Platz nehmen?“

Sie nicken im Chor.

Ich öffne die Wohnzimmertür und führe sie in den Wintergarten, der daneben liegt.

Die Tür ausgehängt, weil es meine Frau so wollte.

Ich zünde die Kerze an auf dem Tisch und bitte,

Platz zu nehmen.

Die Herren haben jetzt die Möglichkeit nach draußen zu blicken, dahin, von wo sie gekommen sind.

Wenn sie nicht zu abgelenkt sind von den Unmassen

an Bildern, die alle Wände schmücken.

Ah, ja, da kommen die Heimkehrer von der Arbeit auf dem Laufsteg und die hübsche Verkäuferin aus der Boutique von einem Großmarkt am See.

„Sie wissen inzwischen, warum wir geklingelt haben?“, der eine.

„Noch nicht ganz!“

„Weil wir Ihnen etwas zurückbringen möchten!“

Pause.

„Was Ihnen zu Unrecht abgenommen wurde.“

Damals mitten in der Nacht, vor Weihnachten?“

„Richtig!“

„Sie sehen ähnlich aus – wie… die… damals!“

Pause.

Weiter: „Ich weiß nicht mehr genau, ob der Schriftzug POLIZEI auch auf ihrem Rücken zu lesen war.“

„Das können sie ja auch nicht, weil im Mondlicht und in dem fahlen Licht der Parkbeleuchtung das nicht so einfach war“, sagt der andere.„Ach so, ja. Sie standen uns ja auch nur gegenüber. Und dann der Überfall, Haussuchung. Wir waren froh, Sie in den Keller zu den Kerzen führen zu können.“ Dabei haben sie nicht an Lesen gedacht?“, der Linke vor der Wand mit Blick auf die Verglasung. „Kapo, Kapo,“ und weiter: „So geisterte es durch das fahle Licht in unseren Köpfen.“

„Na ja, Sie gingen ja auch vorneweg und haben ihnen nie auf den Rücken geschaut. Ein richtiger Polizist wird immer auf so etwas achten.“

Um zu zeigen, wie vertrauensvoll anders die Situation diesmal war, standen sie auf und drehten sich um.

„Lesen Sie!“

„Ihr Kollege hat sich vor der Tür bewußt so gedreht, daß ich den Schriftzug gut erkennen konnte. Auch in der Dämmerung eines späten Nachmittags im Februar: Polizei!“

„Sehen Sie“, der eine.

Wir alle drei: „POLIZEI!“

Berliner Polizei.

Die Sanftmütige.

Überhaupt keine Bullen.

„Und neulich?“

„Lassen wir das jetzt. –

Wir sind hier, um Ihnen zu sagen, daß alles seine Richtigkeit hatte. – Sehen Sie, hier sind Ihre ROTEN KERZEN aus Wachs.“

Der Linke öffnete den schwarzen Beutel, der mir so bekannt vorkam und zeigte sie mir.

Lange Pause im Wintergarten. Jeder sah den anderen an in der Dämmerung. Dann machte einer der Besucher das elektrische Licht an und telefonierte.

Der andere blies das Teelicht aus.

Im Chor der Linke und der Rechte: „Wir möchten aus Sicherheitsgründen noch die andere Packung haben.“ Keine Antwort von meiner Seite.

„Wir wissen, wo sie ist.“

„Deswegen hätten Sie uns auch nicht herein bitten müssen.“

„Viel zu viel Umstände.“

Der etwas Rundlichere – bei genauerem Hinsehen: „Die schwarze Tasche gehört uns“.

„Bitte gehen Sie vor die Tür und hebeln sie den Rost aus!“

„Warum?“

„Weil Sie dort die restlichen ROTEN KERZEN versteckt haben.“

„Unsere Recherchen haben ergeben, daß Sie doppelt so viel rote altdeutsche Wachskerzen bei dem Händler, der inzwischen in den Ruhestand gegangen ist, gekauft haben. Unsere Kollegen sind noch in der Ausbildung und haben sich mit der Hälfte zufrieden gegeben.

Sie haben natürlich auch Fehler gemacht: Grob, verwüstend u.s.w.“

Schweigen.

„Aber jetzt sind wir gekommen und erschrecken Sie nicht in der Nacht. Das machen nur Anfänger.“

Der Hagere: „Bitte gehen Sie jetzt!“

Er zog eine Pistole.

Ich stürzte durch alle Türen unter das Glasdach des Einganges, riß den Rost hoch und war froh, daß meine Frau noch nicht bis dahin gekommen war, wirklich alle Dekorationen in den Keller zu bringen.

„Hier, die Kerzen!“

„Danke!“

„Darf ich noch eine Frage loswerden?“

„Woher?“

„Ja, woher.“

„Der Nachbar hat es uns gesagt. – Geben Sie es doch zu, wie gefährlich es ist, einen Baum anzuzünden!“

Sie erhoben sich aus unseren Korbstühlen. Der eine steckte seinen Revolver wieder ein und der andere schmiss die doppelt gefüllte Tasche über die Schulter. Dann gingen sie zurück in den immer dunkler werdenden Tag. Sie warfen das Auto an.

Scheinwerfer – und surften davon.

Ich weiß bis heute nicht, ob es Polizisten waren oder andere vergleichbare Menschen, die sich umgezogen hatten, um ordentlich zu sorgen – für ihren Kiez.

Kalendergeschichten März bis Juni

Im Frühling.

Diesmal klingelt es überhaupt nicht.

Es kann gar nicht, weil: wir sind nicht zu Hause.

Aber auf einer Parkbank im Frühling

kommen zwei Beamte auf uns zu und stellen sich vor: „Erwin Schmidt, Geheimpolizei in Stuttgart.“

„Roland Gürtler, ehrenamtlicher Ortsteilbürgermeister in Schleendorf.“

„Ja, bitte“, ich.

„Ja, bitte“,meine Frau Gemahlin.

„Wir sind auf Reisen“, setzen wir noch hinzu,

als ob wir uns entschuldigen müßten.

Na und ob.

Natürlich.

Wir sind einmal wieder zu schnell gefahren und einer hat uns gesehen.

Nicht das Auge Gottes wie in den Abraumhalden

New Yorks in den 20er Jahren des Großen Gatsby. Nicht der Staatsicherheitsdienst „Zur Schorfheide“ 1988, nicht einmal die fröhlichen Nachbarn in Berlins äußersten Waldbezirken, die sind viel zu weit weg.

Oder?

„Wir sind auf Reisen!“

Auch nicht der Starkasten, der die Geschwindigkeiten fixiert. Ob er nun oval und schön aussieht wie in Schweden. Oder immer noch häßlich wie in Deutschland. Militärisch grün, pure DDR.

Die beiden sagen nichts.

„Na, wer hat uns denn angezeigt, diesmal?“

Eigenartig, daß selbst ein ehrenamtlicher Ortsteilbürgermeister es fertig bringt zu schweigen.

Das wird der Geheimpolizist mit ihm trainiert haben.

„Das falsche Benzin?“

„Du kannst sie nicht provozieren“, sagt schließlich

meine Frau.„Und du solltest es auch nicht!“ Nach einer gebührend langen in der Oper gelernten Kunstpause.

Ich rate weiter: „Ha,ha, ha – die irreguläre Glühlampe. Oder haben wir einen zu grünen Salat im Kofferraum, gemessen an europäischen Standarts?“

„Nichts von alledem“, sagt Erich: „Wir wollen Ihnen etwas zurückbringen!“

„Das haben mir im Februar in Berlin schon einmal zwei verkleidete Beamte gesagt. Sie haben es mir sogar gezeigt aber dann – verdoppelt – wieder mitgenommen.“

Meine Frau wird nervös, weil sie bei dieser Geschichte nicht dabei war. Ich nehme an, sie glaubt mir immer noch nicht. Es ist ja auch fast nicht vorstellbar: friedlich – sanftmütig – kriminell mit großen Buchstaben auf den Jacken: P O L I Z E I.

„Zurückbringen?“ rufen wir aber dennoch im Chor.

„Kommen Sie doch einmal mit an unser Auto“,

sagt Roland.

„Weshalb?“

„Das werden Sie schon sehen.“

Wir erheben uns ein wenig unschlüssig und gehen mit in die Richtung der beiden.Es beruhigt uns kolossal, daß der Ortsteilbürgermeister dabei ist und der Wagen von Roland und Erich gleich um die nächste Biege steht des breiten Kiesweges, der knirscht, was das Zeug hält.Von da ist es nicht weit bis zu unserem Quartier in Schleendorf im schönen Schwäbischen.

Halt, hatten sie vielleicht geklingelt an unserer Tür dort, in der Urlauberwohnung. Dann haben sie uns gesucht. Herausgefunden, daß wir nicht sehr weit weg sein konnten. Es lag noch Kaffeedampf in der Luft, die Türen waren nicht so hermetisch abgeriegelt wie in Neuzehlendorf, Berlin.

Die Frühlingssonne war gerade im Begriff unterzugehen in der künstlichen Sommerzeit.

Und wir waren nun wirklich gespannt.

„Haben Sie etwas gefunden, was uns gehört?“, fragte ich ahnungsvoll. So etwas war mir schon oft passiert.

Der Ermittler: „Nein, sie haben nichts verloren, da würde sich das Fundbüro melden und auch der Ortsteilbürgermeister hat anderes zu tun.“

„Haben Sie denn etwas verloren?“ unterbrach Roland.

„Nicht, daß wir wüßten“, meine Frau und ich gemeinsam, fast zweistimmig.

Erwin Schmidt, Geheimpolizist, Ermittler, Kriminaler feierlich: „Wir haben etwas gefunden in mühevoller Kleinarbeit, was Ihnen gestohlen wurde.“

Uns fielen alle unsere Sünden ein, wie in DDR-Zeiten, wenn wir aufs Revier bestellt worden sind, als plötzlich der Kriminale Erwin vor uns stand mit Roland, der Staatsmacht des Ortsteils Schleendorf in Baden-Württemberg. Das geht uns leider immer noch so bei jedweder Berührung mit diesen Außerirdischen.Wir kommen eben aus dem Ghetto, aus dem Untergrund. Aus dem Osten. Und das Licht zu dem wir uns mühsam empor gekämpft haben in der lang anhaltenden friedlichen Revolution blendet uns noch all zu oft.

Und wir lassen uns täuschen und fallen auf fast jeden faulen Trick herein in der Individualwirtschaft des Landes, wo die Sonne untergeht: WEST.

Und jetzt diese Wendung: Uns fielen wirklich die ROTEN KERZEN AUS WACHS ein, die im Keller unserer Parterrewohnung, die in Wirklichkeit eine Souterrainwohnung war, den Besitzer gewechselt hatten vor Weihnachten, nach Weihnachten wiedergebracht wurden für einen Augenblick. Aber nur um die zweite Packung auch noch mitzunehmen, die meine Frau listigerweise unter dem Rost vor der Tür versteckt hatte – unter Androhung von Gewalt! POLIZEI! Ordnungskräfte. Selbsthilfegruppe mit gestohlenen Uniformen? Jetzt kommt die Aufklärung der Geschichte. Da hat es sich doch gelohnt.

Aber warum Baden-Württemberg?

Kapo-Leute haben wir sie genannt, schwarz, wie die Tschechenpolizei im Sozialismus, wenn wir über die Grenze machten. – Highway. – Ungarn. – Freiheit.

„Sie schlagen schnell…“ flüsterten wir uns damals zu.

Es ist wie gestern.

Heute?

Wir sagten aber nie etwas…

Wir machen jetzt eine Pause, aber keine Angst:

die Geschichte geht gleich weiter.

Ich bin unterbrochen worden.

Irgend etwas wichtiges.

Vielleicht das Fernsehen.

Oder die AfD.

Oder ein nicht zu umgehender Telefonanruf, der getätigt werden muss.

Wahrscheinlich hat wirklich das Telefon geklingelt. Oder waren die Kinder noch da. Ich weiß es nicht.

Sie kommen immer zu Besuch, wenn in Sachsen Ferien sind oder in Thüringen: die Enkelkinder.

Jedenfalls: es gibt Wichtigeres als die Phantasien zu roten Kerzen, die alles volltropfen: Teppiche, Tischdecken. Und dann sind doch auch wirklich die Kunstkerzen aus elektrischem Licht viel geeigneter.

Und wir müssen keine Geschichten dazu erfinden und europakritisch werden mit seinen abstrusen Maßeinheiten. Nein, das müssen wir nicht.

Günter Grass hat über die KPD nachgedacht.

Wir über AfD.

So ist das.

Das war damals das eigentlich Erschütternde:

Im Bett liegen und über KPD nachdenken.

Der Trommler glaube ich. Und wir in der DDR mit unseren heiß ersehnten WestbesucherInnen,

die Günter Grass mitbringen. Und den Spiegel.

Man muß wirklich nichts schreiben.

Auch keine Kerzen an die Bäume klemmen und eventuell noch anzünden. Nein, nein.

Wir können es alles lassen, aber wir lassen es nicht.

Vielleicht gerade auch wegen der Enkel.

Es ist wie der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt: Der Tropfen!!!

Aber es ist nicht einfach.

Plötzlich Pause und Unterbrechung.

Es gibt Wichtigeres.

Aber nur, wenn es auch Unwichtiges gibt. Ist doch so.

Nein?

Also zum Beispiel Österreich, diese Protestanten, diese Minderheit. Sie machen Ärger.

Es gibt noch andere Beispiele.

Hesse.

Ich habe ihn das erste Mal – wieder – in Österreich gelesen. Im schönen katholischen Tirol: auf 100 Leute ein Protestant. Die Atheisten lassen wir außen vor.

Sonst wird es kompliziert.

Hesse.

Ich erinnere mich noch ganz genau: Besuch getrickst aus der DDR zu einer Tante, die es nicht gibt.

Hesse.

Pietismus.

Schlag 10.00 Uhr.

Ich renne über die Wiese und spüre die Engigkeit in Baden-Württemberg nördlich von Stuttgart.

Alles gut.

Technik gut.

Mercedes.

Schiller.

Ich fliege über die Wiese, dem Bach zu und ich weiß, hier war Hesse zu Hause.

Und jetzt, also damals Urlauberseelsorge in Tirol – und der Hesse unter meinem Kopfkissen.

Mir war das immer so schwülstig…Aber was soll man machen. Irgend etwas muss der Mensch machen.

Dann bekommt er solch eine Biografie zwischen die Finger…..

Du kannst nicht nur predigen, auch nicht immerzu wandern. Trinken kannst du, einen Wodka unten bei die Russen. Das sind ja solche Gewölbe in Schwaz, wo sie uns einquartiert hatten. Neben der Garage, viel zu teuer für uns.

Aber auf den Berg könntest du.

Ist das wichtig.

Es ist beeindruckend.

Für Kinder auch, Erwachsene, Eltern und Großeltern.

Weiter geht’s.

Weißt du noch, geneigter Leser, wieso es uns nach Baden-Württemberg verschlagen hat im Frühling.

Hesse.

Von Berlin aus.

Von den Kellern aus, wo die Kerzen versteckt werden, damit die Kontrolleure sie nicht finden, die allen unnötigen Kitsch verdammen und Europa zum Opfer bringen.

Inzwischen ist der März vorüber und wir sind am Ende des schönen abwechslungsreichen Monats April, der macht was er will. Stürme. Schneeflocken. Regen. Minusgrade am Morgen.

Plusgrade am Morgen. Erste gärtnerische Versuche. 200 km von hier in Nordsachsen, um nur ja nicht zu versäumen, wenn der Vorsitzende des Kleingarten-vereins das Wasser anstellt, durch jeden Garten persönlich geht, aber wieder umkehrt, wenn der Sturm und die Flocken zu heftig sind kurz vor Ostern.

Also weiter mit diesen Kanistern, die gefüllten Krüge, zum Kochen und Waschen in der Minilaube am Rande von Z., wo die Leute reden wie in Halle an der Saale.

Aber endlich klärt es sich auf und nach Ostern Wasser Marsch aus allen Brunnen und die Leute sind glücklich. Es geht los. Die Saison hat begonnen.

Also Schwaben.

Das schöne Schwaben.

Hermann Hesse.

Die Abendsonne.

Nach den vielerlei Unterbrechungen wegen vieler wichtigerer Dinge als Aufschreiben einer völlig unwichtigen Erzählung über rote oder weiße Kerzen aus Wachs, die nicht mehr konform sind in der EU. Christbaumkerzen. Ah, Christbaum, vielleicht liegt da schon der Hase im Pfeffer, inzwischen im April der Osterhase, das alte Fruchtbarkeitsgeschenk.

Christbaumkerzen.

Der korrekte Ausdruck könnte ja auch anders heißen.

Wir haben länger die Zeitung nicht gelesen, das Radio nicht angeschaltet und den PC mißbraucht als Schreibmaschine ohne die ganze wunderbare Nachrichten- und Reklamewelt, aus der man ja alles erfährt, alles Notwendige.

Nun ja, jetzt hatten wir Ostern, das christlichste aller Feste – wenn da keiner etwas dagegen hat.

Wie sollte er.

Also ich erzähle weiter: Sie erinnern sich – die Biege. Dahinter das Auto von dem Kriminalen und dem Bürgermeister. Der Sand knirscht. Die Kiesel quietschen.

Die Sonne geht langsam auf den Horizont zu. Die Abendsonne.Wir sind im Frühjahr. Und machen einen Kurzurlaub. Hesse hat uns dazu verführt.

Sind wir einen anderen Weg gegangen als den, der zum Dorf führt? Die Biege müßte längst zu Ende sein .

Erst jetzt fällt mir auf, wie der Schlapphut herumläuft, besonders meiner Frau. Sie flüstert es mir ins Ohr: „Sieh dir den einmal ganz genau an und den anderen, bevor es zu dämmerig wird und du gar nichts mehr erkennst. – Wo ist denn nun der Wagen des Geheimpolizisten in Lederjacke?“

Der Ortsteilbürgermeister steckte sich eine Zigarette an, obwohl linkerhand der Wald begann. Aber es stand nicht POLIZEI auf seinem Rücken. Bei beiden nicht. Es war nicht so eng wie in unseren Räumen und Vorräumen zu Hause in Müggelheim (Berlin). Es war Freiheit in Baden-Württemberg, dem Musterländle.

Draußen im Freien gegen Abend bei schönem Wetter.

Endlich der Mannschaftswagen?

Ja, der Mannschaftswagen. Hier würden wir erfahren, was der Geheime uns zu sagen und zurückzubringen hat.

Wir fragten.

Er zeigte auf die Treppe, die „auf Deck“ führt.

Es saßen keine Soldaten auf den seitlichen Bänken, auch keine Polizisten.

Der Planwagen war leer.

„Zoll“, dachten wir. Rauschgiftdezernat.

„Bitte nehmen sie Platz!“sagte der Ortsteil-bürgermeister von Schleendorf, der er natülich nicht war, obwohl er so harmlos aussah.

„Sie wollten uns etwas zeigen?“

„Wir sind extra im Vertrauen darauf, daß Sie uns die Wahrheit sagen, mitgekommen.“

„Ja, wir waren dummerweise auch neugierig“,bemerkte meine Frau resigniert. „Der schöne Abend“, jammerte sie.

„Es wird noch viel schöner werden“, sagte die Lederjacke mit Schlapphut. Die Freundlichkeit in Person im Gegenlicht der untergehenden Sonne

vor der Parkbank.

„Wie meinen sie das?“

„Kommen sie endlich zur Sache, wir wollen nach Hause in unser Quartier. Und ich bestehe darauf, daß wir nicht zu Fuß zurückwandern, sondern Sie uns bitte schön nach Hause fahren.“

Plötzlich packten sie uns und legten uns Handschellen an und fesselten uns – wie den Spürhund – an jeweils eine mittlere Stützstange des Planwagens.

„Wir protestieren!!!“ – im Chor….

Längst waren die beiden Männer im Führersitz und fuhren los. Sie hatten uns gefangen genommen, wie zwei Schwerverbrecher. Sie haben uns angelogen. Zumindest der eine, der sich ständig als der joviale Ortsteilbürgermeister ausgab und mit seiner schwäbischen Zunge schnalzte. Und mit dem Daumen schnippte.Wie ein Berliner aus dem Ostteil der Stadt.

„…hab ich zahlt“, hören wir immer im X69, wenn wieder einmal eine schwäbische Gruppe im ehemaligen INTERSHOP, jetzt MÜGGELSEEPERLE-HOTEL, zu Gast ist.

„…hab ich zahlt“, dachten wir.

Wofür zahlen wir jetzt.

Sind wir schuldig geworden.

Ein Justizirrtum?

Sie hatten uns gelockt in das Dunkel des Waldes und des Abends im Frühling. Wir hatten uns keinen Dienstausweis zeigen lassen.

Wir sind naiv.

Uns fielen die horrendesten Geschichten ein:

Wir werden durch ganz Deutschland gekarrt,

den Rhein hinauf und hinunter…..

Aber erst einmal: sie steckten einen Hund unter die Plane. Er tat uns nichts, sondern legte sich winselnd neben den Eisenfuß einer Holzbank. Auf so einer

saßen wir. Hatten sie ihn aufgelesen, bemerkt im grellen Scheinwerferlicht ihres Holz-Vergasers.

„Aha, sie sind tierlieb und bremsen auch für Tiere.

Das hat man ja bei solchen Leuten“, dachte ich.

Und es fiel mir die deutsche Geschichte ein.

Ja wirklich, vorhin bremsten sie kurz und schmerzlos.

Es war der Hund.

Was wollten sie?

Wollten sie uns vor ein Gericht zerren.

Ein selbst erfundenes oder ein ordentliches.

Wenn er wirklich von der Kripo war, war es schon ganz gut. Wenn…

Und der Ortsteilbürgermeister?

Jetzt hatten sie erst einmal für eine Sekunde die Plane gelüftet, um den Vierbeiner unterzubringen.

„Können Sie uns sagen, was das soll?“, schrie meine Frau die Leute an. Es muß schlimm um uns stehen, sonst würde sie so etwas nicht machen. Es hat mich immer kolossal aufgeregt, wie ruhig sie oft geblieben ist, wo man sich schon mal aufregen konnte, ja mußte, nach meiner festen Überzeugung.

Keine Antwort.

Die Planen waren wieder undurchdringlich geschnürt in ganz raffinierten Mustern. Wahrscheinlich elektronisch untersetzt. Eingebaute Luftschlitze ermöglichten allerdings einen Frischluftzug.

Was sollen wir dem Vermieter sagen im Schwäbischen. Er hatte uns eingeladen zum Frühstück am nächsten Morgen in sein Haus. Er wird sich wundern wegen der Unhöflichkeit. Nur gut, daß wir uns noch einmal umgeschaut haben, wie immer, wenn wir aus dem Haus gehen, als wir die Ferienwohnung verlassen haben. Damit wir sie im Gedächtnis behalten, wenn wir wieder heimkehren.

Man kann ja schließlich einmal eine Nacht wegbleiben.

Das werden die Nachbarn in den anderen Ferienhäusern nicht übelnehmen, wenn sie es überhaupt registrieren.

Jetzt schüttelte es und rüttelte es aber. Es war ein Waldweg. Durch die Schlitze der Plane sahen wir, daß der Himmel sternenklar wurde….

Der Ortsteilbürgermeister stieg aus dem Fahrerhaus und kam zur Plane: „Aussteigen, bringen Sie den Hund mit!Wir machen hier eine Rast.“ Er schloss uns die Handschellen auf und schickte uns in den Wald.

„Hinten rechts sehen sie Toiletten. Die können sie benutzen“.

Tatsächlich sie standen da.

Kultiviertes Land.

Wo waren wir?

Wir wagten nicht zu fliehen. So schlimm war es ja auch noch gar nicht.Wir konnten schreien. Wer hört uns?

Außerdem glaube ich die Geschichte mit dem Hund nicht mehr. Wahrscheinlich ist er abgerichtet für Leute wie uns, wenn sie Angst zeigen und weglaufen.

Gebremst haben sie wahrscheinlich wegen Komplizen, die sie beauftragt haben, ihnen den und den Hund an die und die Stelle zu bringen an unseren Fahrweg.

Was w a r unser Weg?

Wir haben uns getroffen in der Mark Brandenburg, meine Frau und ich, nicht zu weit von dem Bäcker entfernt, dessen Frau so tolle Gedichte redigiert und selber schreibt.

Eines vom ungeborenen Leben.

Eines vom Baum in der Landschaft, der man selber wird.

Man muß nur bleiben in einer Welt des Grau.

Nein mit Grün hat das ganz und gar gar nichts zu tun.

Nur mit GRAU.

Das war lange her.

In Hirschluch.

Sie, die Studentin der Theater-und Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität. Worauf ich stolz bin: Auf die Theaterwissenschaft, wenn auch nur im Zweitfach dazu gemogelt. Auf die Kulturwissenschaft nicht, das war doch nur die Raffinerie der Ideologie, die Umwandlung von Salz in Zucker für das Volk, das sich dann später erhob und schrie:

WIR SIND DAS VOLK.

Kein Wunder.

Sie haben den Zucker, der kein Zucker war, ausgespien, den Polizisten vor die Füße.

Hirschluch ganz in der Nähe von unserem Vorort, wo wir in die Kirche gehen, wo die Spießer wohnen, die Sozialisten im Rentenalter, eine ansehnliche Wählerschicht, die Kopp-Bücher verbreitet und Verschwörungstheorien glaubt, falls ihr alter Glaube ins Wanken geraten ist.

Die Frau des Bäckers heißt Strittmatter, EVA und er, der Bäcker heißt auch Strittmatter, ERWIN, ein wenig pornografisch wie alle Handwerker vom Orgelbauer bis zum Bäcker. Es muß ja schließlich auch flutschen.Was ist wohl flutschen…?

Schreiben, ja schreiben, ruft ERWIN STRITTMATTER auch und legt los mit seinem Wundertäter. Dazu fällt mir nur Ulbricht ein und daß die Leute sagen, er sei der, der aus dem ROT-LICHT kommt in dem neobarocken Leipzig, um die Ecke.

Erwin Strittmatter in der Nähe von Leipzig und Berlin im gesamtdeutschen Maßstab der deutschen Wiedervereinigung: Seele ist Ausdehnung, sagt Konrad Lorenz, der Tierforscher. Na – zwischen Leipzig und Berlin, da gibt es noch Einziges – und Einiges. Die Lausitz, die Oberlausitz, die Niederlausitz.

Wo ist Fontane gewandert?

Wir müßten das prüfen im Internet.

Und den Grafen, nach dem das Eis genannt ist, auch solch ein Frauenheld: Wie war doch gleich sein Name, sein Gesicht?

Seine Herkunft?

Seine Zukunft?

Pückler.

Seine Parks.

So nahe an Polen.

An den polnischen Trödelmärkten.

Mädchen gab es hier nicht wie in Tschechien.

Ah.

Na, ja.

„Allet zwischen Oder, Neiße, Berlin und Leipzig,“ ruft der Berliner dazwischen.

„Da liegt Musike drin!“

Jetzt reden sie wieder alle durcheinander:

„In einem Polenstädtchen.“-

Der Chor.

„Der Grass ist hier auch gewandert.“-

Einer der Quertreiber.

„Mit der SS.“

Muß der das sagen.

In seiner Zwiebelperspektive des Weinens, für das man nicht kann wegen der Zwiebel, sage ich.

Sie ist schuld.

Hitler ist schuld.

Wir nicht.

Der Verbrecher.

Im Krieg, als der schon verloren war.

Da liegt ja auch noch Cottbus, nach dem das Cottbuser Tor benannt ist in Kreuzberg in dem Land Berlin. Kreuzberg mit „Golgatha“, ein wenig darunter, wenn man einkehren möchte. Ich nie, weil – Blasphemie ist nicht meine Sache in dieser Programmtheologie dieser Zeit und Stadt, wo nur noch am Stadtrand die Kirchen nach Heiligen heißen. „Marien“ und „Sophien“ ausgenommen.

Das stimmt.

Ein Glück, würde die Frau des Buchhändlers in der Biedermeierstadt Altenburg sagen.

Jetzt haben wir aber erweitert den Dunstkreis -nach Süden von Leipzig aus.

Am östlichsten liegt Dresden.

Sachsen und Preußen u n s e r Land.

Mein Land Thüringen.

Ihr Land Sachsen.

Aber geboren in der Mark, der Neumark.

Landsberg an der Warthe.

Ich.

Flucht.

Umsiedlung.

Mörsdorf.

Schöngleina. Schöngleine. Ich höre die Kinderstimmen und sehe den Opel P 4 mit dem Tierarzt.

Nein, ich höre ihn. Ein fernes Geräusch zwischen den Hügeln, auf denen jetzt Blockhütten des Sozialismus stehen: Datschen nach russischem Vorbild, damit wir uns ausruhen können nach der Mühe der Ebene. Altenburger hatten dort unter Umständen solch eine Hütte – im Holzland.

Meine Kindheit.

Zuflucht im Pfarrhaus, weil der Krieg jenseits der Oder verloren ist.

„Seele ist Ausdehnung“, ruft der Chor im Wald während der Pinkelpause für die, die hocken muss und den, der im Stehen pinkeln darf, wenigstes im Wald bei den Schwaben.

Schwabenwald?

Oder wo?

Wo sind wir, ruft der kleine Junge, wenn er unter die Kiefer gesetzt wird, weil die Mutter und die Großmutter, die Mutter des Vaters Reisig suchen müssen für den Winter.

Der kommt bestimmt.

Zwitschern diesmal nur die Vögel, ruft nicht auch Rübezahl im Holzland bei Mörsdorf und macht den Schlesiern Mut, die den Krieg hinter sich haben und ihre Heimat.

Und die Russen und die Deutschen.

Die Frauen. Die Männer. Die Kinder.

„Nun aber mal nicht alles durcheinander!“

„Ja, es ist aber alles durcheinander!“ gibt der Chor der Waldgeister dem Schreiber recht.

Und gerade ist Sonntag und wir wollten zur Besinnung kommen, Choräle singen und beten lernen.

Wir dürfen aussteigen aus dem Karren, der uns fährt.

Sie kennen die menschlichen Bedürfnisse und wollen nicht, daß ihr Karren beschmutzt wird weder durch Menschen noch durch Tiere.

Wenigsten dieser Ordnungstrieb hat sich erhalten.

Aber wir haben Angst.

Was wird noch kommen auf großer Fahrt. Wir wissen ja nicht einmal, wer uns fährt. Der Postillion, der Kapo, der Administrator. Eigentlich sind wir ganz weit weg von unserem Urlaubsort in Schwaben im Frühjahr diesen Jahres.

Um Hermann Hesse nachzuspüren.

Eine irre Idee, wo ich ihn nie leiden mochte. Dieses Weichei, bis, ja bis wir den Glockenschlag hörten über der Wiese und wussten: nein, diese Enge in Baden-Württemberg. Das war im Kalten Krieg, wo wir eigentlich andere Sorgen hatten. Aber vielleicht sind das ja die eigentlichen Sorgen, die wir uns nicht nehmen lassen wollten. Einmauern lassen wie den Hund im Mittelalter, der das Haus abergläubisch beschützen sollte?

Wir kamen uns wie der Hund vor.

Die eingemauerten Sorgen.

Nein, er war nur ein Anlass.

Hermann Hesse.

Nicht nur. Es zieht uns immer wieder in diese Gegend, als wir ihn gelesen haben im Süden, in den Alpen, ist uns das klar geblieben. Er hat uns bestätigt, dass wir eine Seele haben.

„Schwaben reicht bis zum Bodensee“, sagt jetzt meine Frau.

Wir steigen wieder auf.

„Wir müssen.“

Der Motor springt an und der Ortsteilbürgermeister entschuldigt sich bei uns für die Entführung. Er sei gar kein Ortsteilbürgermeister aus dem schwäbischen Örtchen, sondern ein gedungener Mörder, der frei herumläuft uns aber nichts tun wird, weil er nichts gegen uns hat.

Im Prinzip nicht.

Dann gibt er dem Kriminalen, der sicher auch nur ein Krimineller ist, das Lenkrad in die Hand von diesem elenden Holzvergaser mit Russenplane, die elektronisch untersetzt ist, und IFA-Motor und sagt: „Weiter!“

Nach einigen Kilometern wagen wir wieder zu fragen, was mit uns wird. Da gibt es nämlich ein Fensterchen, das wir aufmachen können zum Führerhaus.

„Das werdet ihr sehen.“

Der Hund winselt und tut uns nichts.

Es ist Nacht.Wir haben es gesehen.

Draußen im Wald.

Inzwischen wussten wir, es ist unser Schicksal.

Wir wussten nicht was.

Aber – das….

Wir fingen an zu überlegen.

Handy?

Nein.

Unsere Kinder?

Erst nach Wochen.

Wir hatten von drei Wochen gesprochen im schönen Schwabenland, wo die Schilder an der Straße stehen und auf Hölderlin aufmerksam machen, auf Möricke und na – ja: Hesse. Das Idol der Blumenkinder in Amerika.Wir hatten noch viel vor: hinüber nach Frankreich fahren zu den strengen französischen Eltern, wo sie noch Sie sagen, die Kinder, angeblich.

Wo die Eltern bedient werden, nicht die Kinder.

Strasbourg, wo der Troubadour in Goldweste und weißem leinenen Hemd auf Kosten des Staates die Leier führt mit den herzzerreißenden Melodien der FRANZÖSISCHEN REVOLUTION.

„KUNST, KUNST. KUNST…“ ruft der Chor dazwischen, von einer unangenehmen Zeitung

bestellt!

„Freiheit, Freiheit, Freiheit!“, singt die Lorelei und der Hahn pfeift sich eins, die deutsche Henne gackert.

Johanna kannst du pfeifen?

Holde Kunst und holde MUSICA.

Was ist das für ein herrliches Land.

Oder eben hinunter ans Schwäbische Meer.

Oder in die Liederhalle Stuttgart.

Weinberge wie in der Bibel im Gleichnis.

Tabak, daß es nur so kracht in der Gesundheit.

„Wein, Wein, Wein!“-

Aha, der Winzerchor ist durchaus präsent.

Die Raucher? – Keine Lobby!-

Höchstens in der verachteten 2. Welt.

Lettische Tennisschläger… und so.

Wir werden keinen Chor dazu aufmachen.

Obwohl: es kotzt mich an, der Gärtner versteckt seine Zigarette in einem freien Land auf dem Parkweg des Wohnparks in Berlin, den er pflegt.

Wie ein Halbstarker.

Er heißt Karl May.

Ungelogen.

Und die BIBEL bei den Frommen.

Die Pietisten in der Verfassung.

Die Bischofswahl in der Öffentlichkeit.

Jetzt sind wir wieder in Württemberg, nicht in Baden.

Und wir aus Ostberlin.

Ehemals Thüringen/Sachsen.

„Abraham ischt gesegnet“, hören wir noch den Vater des Posaunenchores.

„Nicht nur die Armen“, der Posaunenchor.

Aber nun?

Unter der Plane?

Im Schneckentempo durch den deutschen Wald.

„Wohin geht die Reise“, fragte mich neulich eine Leiterin eines kleinen südwestdeutschen Verlages.

FRAGEN WIR UNS AUCH.

Jetzt.

Heute.

Werden sie uns erschießen, weil wir irgend einen Strich durch eine Rechnung gemacht haben, von der wir nicht wissen, daß sie existiert.

In was sind wir geraten?

Wir schlingern durch den geordneten Wald ohne neuerliche Konzeption der süddeutschen Förstereien.

Das Benzin beziehungsweise das Buchenholz dampft zum Autoschornstein neben dem Cockpit hinaus in die frische Waldluft.

Es schlingert wie auf den Kaliningrader Straßen, wo der Prediger und Chauffeur uns von Schlagloch zu Schlagloch balancierte in seinem nagelneuen Moskowiterauto.

Fahren eine Kunst.

Mit weißen Glacéhandschuhen einer Großmacht, Rußland.

So, genau so, kam ich mir vor. Und erzählte es ausführlich, weil meine Frau nicht dabei war .

Vor Jahren Richtung Ostpreußen, Königsberg, Kaliningrad, eine Abschußrampe für Atomraketen der ruhmreichen russischen Armee.

Das ist Jahre her.

Jetzt ist jetzt.

Wahrscheinlich.

Schwarzwald oder Rhön, oder Taunus, deutsche Mittelgebirge jedenfalls. Die uns verbinden: Ost und West.

Schlingern.

Ist das Gestell hin.

Das Hirschgeweih – haben wir im Volkswagen der DDR gelernt.

Oder habe ich mich damals verhört.

Verführen lassen von der Poesie des DDR-Alltags: Trabant.

Ist das Lenkrad hin.

Die Aufhängung.

Gibt es WISMUT-Schnaps da vorne im Gehäuse.

Und wir unter der Plane, mittlerweile zwei Hunde

unter der Bank.

Was sollen wir sagen?

Was sollen wir tun.

Wir sind entsetzt.

Die Pinkelpause liegt schon lange zurück.

Ja vielleicht ist es immer noch die vornehm durch geforstete katholische Rhön.

Damals ist vor einer Stunde.

Ein Tag.

Ein Jahr.

Ein Mond.

Haben wir geschlafen.

HABEN SIE UNS EIN Gemisch verabreicht aus Kinderlimonade und…

Vielleicht.

Vielleicht.

Vielleicht.

Sind wir Tage unterwegs.

Jahre, Monate, Jahreszeiten.

Ach ja, das Fenster, wie ein Zeitfenster.

An der Decke des alten Armeelasters.

Was machen der Geheimpolizist und der Ortsteilbürgermeister mit uns.

Sie wollen uns quälen.

Bestrafen.

Der Weg ist das Ziel, wenn man kein Ziel hat.

„Goethe hat recht“, tönt der müde und immer matter wirkende Chor der Waldgeister.

Sie verstehen auch die Welt nicht mehr.

Eigentlich müssten sie keifen.

Sie sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Warum nicht.

Es wird eben sachlicher.

25 Jahre deutsche Einheit ist ja auch genug, daß man sich wieder beruhigt.

Oder sind sie da vorne, der Kriminale und sein Gegenteil auch längst ausgewechselt worden von einem Geheimdienst, der selber längst ausgewechselt worden ist, weil er nicht länger zu rechtfertigen war.

Solche Fragen stellen wir uns.

Nichts ist zu vermitteln.

Wie es heute so schön heißt.

„Ja, ja besser unter einer Russenplane im Schwarzwald als im falschen Blätterwald Berlins!“, tönt es aus einer Ecke des Carrés,

War das der zugelaufene Hund.

Der wirkliche Mephisto.

Wir sind Faust.

Na, na.

Nun ist es aber wieder gut.

„Satiriker allet!“

So ein Berliner, der Köter.

Die Ecken scheinen besetzt unter den Bänken.

Quark, Quark.

Was für ein Wagen.

Wir gucken uns groß an und nehmen uns vor,

mehr auf die sogenannten überflüssigen

Stimmen im Marktkonzert zu achten.

Auf Fahrt.

„Thespis, Thespis!“, jetzt erwachen die Geister zu neuem Leben im Wald, im Wald.

Die Plane ist durchlässig.

Karre, karre dich durch die Landschaften Germaniens, wo vielleicht die Imperialisten geschlagen worden sind von den Thüringer Ersatzheeren, als die Römer frech geworden, sim, sim, sim.

Simsalabim.

Durch die undurchdringlichen Wälder. Wir schmiegen uns ungewöhnlich eng aneinander.

Weil wir nicht wissen, was kommt.

Schicksal.

Plötzlich lichtet sich der Wald.

Wir hören sein Rauschen nicht mehr weiter.

Elektrischen Licht fällt durch das Zeitfenster.

Kein Geräusch mehr von Gesträuch an den Seitenplanen.

Hört der Waldweg auf?

Wähnen sich die Fahrer, Gangster in Sicherheit.

Öffentlich auf einer Stadtautobahn.

Wir wollten uns doch gerade in des Waldes Dunkel

und Licht und seiner Dämmerung unsere Geschichte,

unsere Rebellion in Erinnerung rufen.

Jetzt Geschwindigkeit.

Anhalten.

Der Schornstein wird als Kulisse überflüssig und abmontiert.

Ein tolles Stilmittel.

Schade.

Sie schieben ihn zu uns in den Waggon.

Wir stellen die Füße darauf.

Nichts da.

Es wird eine Treppe besorgt, sogar die.

„Bitte!“, der Fahrer.

Wir steigen ab.

„Sie können jetzt das Weite suchen!“

Pause.

„Allerdings, wir finden Sie, jederzeit.“

„Falls Sie uns wieder in die Quere kommen!“,

tönt es vom Beifahrersitz aus.War das immer noch

der Kriminelle aus Schwaben.

Wir erkennen sie nicht mehr.

Wir standen unschlüssig.

Sie schoben den Transporter noch näher an den Straßenrand. Er stand vollkommen abschüssig.

„Geht!“

Wir gingen.

Zurück.

Nicht ins Helle, sondern dahin, wo wir meinten, hergekommen zu sein.

„Geht!“

„Schneller!“

Dann krachen Schüsse.

Wir schmeißen uns auf den Boden.

Die Kugeln pfiffen über uns hinweg.

Sie hätten uns treffen können.

Alles wegen roter Kerzen am Christbaum in Müggelheim?

Weil die Mitbewohner das nicht mochten von wegen der Sicherheit.

Ganz bestimmt n i c h t!

Und wegen uns verkleidet und austauschbar hinterher gereist.

In das Land Hermann Hesses, eines Schriftstellers, der uns nie viel gesagt hat.

Aber pflichtgemäß kundig gemacht.

Sein Leben ernst genommen.

Und unseres?

Wir wagten wieder aufzublicken.

Sie stiegen in einen Flitzer um.

Ein Dritter hat ihn aus Straßburg gebracht.

Der Planwagen stand schräg.

Beleuchtung fahl.

War hier die Grenze.

Wir kennen uns überhaupt nicht aus.

Außer in Berlin-Ost, Brandenburg, Mecklenburg, Thüringen, Sachsen.

Auch Sachsen-Anhalt, nicht so.

Was sind wir doch für eingezwängte Leute gewesen.

Die Hälfte unseres Ehelebens hinter Stacheldraht.

„Die Freiheit ist nicht so einfach“, stellen wir immer wieder fest und seufzen.

Der Wald verschluckt uns wieder.

Wir haben einen langen Marsch vor uns.

Nur keine Panik. Bald sind wir zu Hause.

Wir tun so, als ob nicht passiert ist, wenn wir den Ort finden, wo wir zuletzt saßen auf der Bank in der Wegbiege, um zu schauen, wie der Feuerball des Herbstes hinter dem Horizont verschwindet und uns zurück läßt in unserer Einsamkeit zu zwein.

Wir werden es den Wirtsleuten ein paar Häuser weiter erklären, wenn wir sie finden.

Aber wir bleiben nicht länger, wir brechen ab

und reisen.

Und nichts falsch machen, sonst finden sie uns, denkt jeder von uns beiden, aber sagt es nicht.

Schweigen im Walde.

Im wieder deutschen Wald?

Wer sind sie und wer sind wir?

Kalendergeschichte Juli

Endlich frei

Nach einer Weile des Wanderns im Zwielicht der Ungewißheit und des eben noch Erlebten eine Lichtung im Wald und wir suchen uns Steine, auf die wir uns setzen und warten.

Wir haben keine Landkarte und keinen Kompaß.

Wir sind ja von einer Parkbank im Schwäbischen entführt wurden, als die Sonne im Sinken begriffen war und wir gerade in unser Quartier zurückwollten , uns vorlesen wollten aus dem Club der toten Dichter oder Hermann Hesse, nachdem wir französischen Wein, Käse und deutsches schwarzes Brot aus dem Gästekühlschrank bescheiden aufgetafelt hätten

auf dem quadratischen Tisch am Fenster nach Osten,

wo die Sonne aufgeht.

Allmählich fiel uns das alles wieder ein, wie weiße Flocken, die von einem grauen Himmel fallen.

Was hatten wir erlebt.

Inzwischen.

Ist das alles wahr?

Oder Einbildung.

Es ist wahr und keine Einbildung.

Wir müssen uns wappnen.

Von was hatten wir gelebt.

Gab es eine Rationierung.

Oder haben sie uns in einen Tiefschlaf versetzt mit einer Dreifachspritze, in der auch Ernährung inbegriffen war.

Wie lange wird das vorhalten?

So einsam ist Deutschland nicht.

Nicht wie in den Märchen der Gebrüder Grimm, wo

der Wald kein Ende nimmt und des Rätsels Lösung

die Hexe ist, ohne die es kein Überleben gibt.

Die Hexe, die Brücke.

Die Hexe zum Überleben.

Allerdings: Immer der Kampf mit ihr.

Der siegreiche Kampf.

Die Eroberung des Terrains.

Nur dann kommt der Schwan

und die Kiesel leuchten im Mondlicht.

Und die Eltern ändern sich.

Kein Hexenhaus in Sicht.

Kein Pfefferkuchen.

Windstill.

Dort, ein Wartehaus.

Und da kommt er schon, der lustige Bus der deutschen Mittelgebirge, um uns aufzuladen, gegen ein geringes Entgelt.

Der Postbus, dachten wir.

Niemand in dem Bus.

Außer der Kraftfahrerin in schickem Hemd und roter Schleife.

Gut gemacht.

Wir fassen uns an der Hand und steigen ein.

Wir fassen Mut.

Es wird schon nicht wieder etwas passieren.

Eigenartigerweise hat uns die Fahrerin nicht gefragt, wie weit wir wollen. Wahrscheinlich verkauft sie Pauschalkarten für einen Weg ins Unendliche. Mindestens für ein Bundesland.

Wir hatten ja auch wirklich unsere Seniorenkarte dabei.

Bestens versorgt.

„Es muß ein Touristenbus sein, der angemeldete Mitreisende aufsammelt für eine der schönsten Reisen der Welt“, sagten wir uns.

Denn nach einer Weile des Fahrens wurden wir noch einmal begrüßt: „In unserem Luxusbus mit vier Sternen auf der Fahrt von Warnemünde, Rostock, Berlin nach Paris über Luckenwalde, Chemnitz, Thüringen, Saarbrücken!“

„Fahren Sie wohl!“

Eine eigenartige Ausdrucksweise: „Fahren Sie wohl!“

Es wird wohl eine Ausländerin sein,

die es besonders schön machen wollte.

Es war die Fahrerin.

Wie sie sparen!

Auch hier.

Wir hatten die Gruppe nicht wahrgenommen.

Oder waren sie so hinter den hohen Lehnen versteckt in ihrem geübten Reiseschlaf, daß wir sie nicht sehen konnten nach dem, was wir erlebt hatten.

Völlig benommen.

Verängstigt.

Es wurde immerhin geschossen an der Grenze.

Wir waren an einer Grenze angekommen.

An unserer eigenen Grenze.

Und liefen wie Ausgesetzte und Verschonte von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch.

Taumelten vor Glück, daß die Schüsse, absichtliche oder nicht, uns nicht getroffen haben.

Es waren doch Schüsse, die wir gehört haben?

Oder?

Der Transporter stand doch schief am Straßengraben und die Gangster entfernten sich?

Sie sollten uns einen Schrecken einjagen.

Das war ihnen nicht nur gelungen.

Wir sind fassungslos.

Wir sehen Gespenster.

Wir sehen den Gespensterbus.

Und dabei ist es ein Bus auf der Fahrt in die Stadt

der Liebe.

Oh.

Wir sehen, daß er leer ist.

Dabei verstecken sich die Insassen hinter ihren hohen Lehnen.

In der Dämmerung.

In der Nacht.

Das Licht ist ausgeschaltet.

Die Scheinwerfer draußen suchen den Weg.

Vornübergebeugt der Fahrer,

die Fahrerin jetzt neben ihm.

Aha, ein Wechsel hat stattgefunden.

Der Beifahrer ist nach vorne gekommen,

er hatte auch einen Gästeplatz

hinter einer Lehne auf der vorletzten Reihe.

Gleich neben uns.

Erst als er sich ächzend erhebt, bemerken wir ihn.

Die Fahrerin bleibt vorn.

Mit der Zeit werden wir müde und schlafen ein.Wären wir wach geblieben hätten wir uns an die Dunkelheit gewöhnt und die Gesichter hinter den Lehnen erkannt.

Zudem huschte ab und an der gute alte Mond an den Fenstern vorbei und traf mit seinem Strahl den einen oder anderen.

Sie werden uns wecken, wenn wir am Ziel sind.

Dann werden wir weiter sehen.

Kalendergeschichte August

Auf einmal fanden wir uns wieder in jener riesigen Höhle. Sie haben uns aufgelesen mit vielen anderen. Das kann ein Vergnügen werden.

Wie viele Tage waren wir eigentlich allein unterwegs mit dem Kommando, welches uns von unserer Aussichtsbank – der untergehenden Sonne entgegen – aufgelesen hatte und uns unter einem fadenscheinigen Vorwand weggelockt hatte zu einem Fahrzeug,

das sich als ein Vehikel der besonderen Art herausstellte: nämlich ein Gefängnis.

Es war ein Transporter für Gefangene, zeitlos, geschmacklos, stillos. Einmal Benzin, einmal Diesel, einmal Holzvergasung.

Keine Pferde, nein.

Nur Neuzeit.

Mehrteilig im Antrieb.

Ein Kunstwerk vielleicht auch.

Wer weiß.

Darin wurden wir herumgefahren, bis uns schwindlig wurde vor lauter Interesse und Freiheit und Gefangennahme, knurrendem Hund – der arme – unter den Pritschen zum Liegen, Schlafen und Sitzen.

Wir saßen ein am Tag.

Wir saßen ein in der Nacht.

Aber wir sind sie wieder los geworden.

An der Grenze zu Frankreich.

Zwar gab es noch eine Schießerei.

Wer weiß, wem sie wirklich gegolten hat.

Wir konnten uns zurückziehen und hofften,

sie würden nicht zurückkommen

in ihren Lederjacken und Kostümen.

Die beiden.

Immer dieselben.

Wer weiß.

Wir liefen und liefen.

Immer gefaßt an den Händen.

Wie Hänsel und Gretel.

Die Alten inzwischen.

Vielleicht hatten wir uns in‘ s Gras gelegt an einem lauen Sommerabend. Da waren sie und nutzten ihre Chance. Natürlich haben sie immer auch ein Betäubungsmittel zur Hand.

Sie brauchen nur die Nacht abzuwarten.

Nein, so war es nicht.

Das Haus in Schwaben für eine Auszeit als Ziel der Rückwärtsbewegung?

Es war zu gravierend an der Grenze.

Wir müssen uns durchschlagen bis in die Kiefernwälder des Nordostens, um schließlich in unsere Stadtwohnung zu gelangen am südöstlichen Rand Berlins.

Wir sind eingestiegen in den Linienbus.

Ganz freiwillig.

Endlich in ein System.

Endlich ein Fahrplan.

Endlich eine Haltestelle.

Wir haben gewartet.

Wir waren viel zu müde.

Wir sind eingestiegen in den Ferienbus.

Wir sind eingestiegen in den Bus, der sein Ziel kennt.

Die Stadt der Liebe.

Paris.

So ist das.

Wir sind eingestiegen in den Bus der Liebe

L‘ AMOUR.

Wir hatten schon viel vom Jüngsten Gericht gehört

und gelesen.

Die Bilder gesehen.

Zur Rechten und zur Linken.

Schafe und Böcke.

Christus der Weltenrichter.

Wir hatten uns schon viel zu sagen gehabt unterwegs

in dem umgebauten Mannschaftswagen

aus seligen DDR-Zeiten, als sie uns durchgeschüttelt hatten auf holprigen Waldwegen.

Jeder hat seine Geschichten erzählt.

Und jetzt diese Höhle, in der wir aufwachen.

Ku Klux Klan?

Ein etwas höher angelegtes Schiedsgericht?

Die Weisen aus dem Morgenlande?

Eine Gerichtsbarkeit, wie wir nicht kannten.

Situation um Situation spielten sie uns vor.

Es waren schlecht bezahlte Schauspieler und auch Schauspielerinnen.

Das ist nicht selbstverständlich.

Schauspielerinnen waren lange Zeit verboten.

Und überhaupt das Schauspiel.

Im katholischen Paris mußten die Rollen gesungen werden.

So entstand die Oper.

Oder es waren die Simultanspiele, die Mysterienspiele, die verkündigten, was gut und böse sei.

Hier in der Höhle haben wir es mehr

mit Schulbeispielen zu tun.

Wie aus der reformatorischen Tradition, um die rechte Lehre besser und einfacher „herüberzubringen“.

Ab und zu rieselte der Kalk von den Seitenwänden und die Flammen der Fackeln legten sich, richteten sich dann aber wieder auf.

Es war also nicht so schlimm mit der Zugluft.

Uns hatte man auf eine Bank gewiesen,

die nicht so furchtbar stabil schien.

Aber besser die, als gar nix…

Vielleicht war diese Bank

als Erziehungsmittel geeignet:

wir mußten schön still sitzen.

Die erste Situation

Ein Mädchen, das schmollte, weil sie fand, nicht genug geliebt zu werden.

Das ging wohl in meine Richtung.

Ich hätte sie ja auch mehr lieben können.

Demütig schaute ich nach unten

Meine Frau tröstete mich.

„Siehst du, jetzt weißt du, was du falsch gemacht hat.“

– Pause – „Damals“…

Blackout.

Alle Scheinwerfer an.

Mit der Dunkelheit war es jetzt zu Ende.

Der anwesende Richter gab ein Zeichen.

Er schnipste.

Und sieben andere Richter strömten aus den Ecken des Raumes und beratschlagten mit dem Obersten der Richter, wie diese kurze Szene zu bewerten sei.

Während sie beratschlagten,

ein Blick auf die Darsteller.

Sie setzten sich in den Sand und warteten,

ihnen jemand den nächsten Text in die Hand drückte.

Wie von Geisterhand wurde dem Anführer

eine Rolle gereicht.

Ein großer zusammen gerollter Bogen, eng beschriftet.

Er bat zwei seiner Mitspieler, ihm zu helfen,

das starke Papier am oberen Ende fest zu halten,

damit er es „aufrollen“ konnte in der Manege.

Sie lesen.

Und nicken sich zu.

Sie verteilen die Rollen für die nächste Geschichte.

Jetzt durchflutet helles klares Sonnenlicht den Raum.Vielleicht kam das Licht von oben und nicht aus diesen widerlichen Großscheinwerfern, auch nicht von den Fackeln, die dem Ganzen einen Hauch von Jugendveranstaltung gaben.

Ein junger Mann sitzt am Klavier und spielt und spielt.

Plötzlich springt er auf und rennt in die Tiefe der Höhle und reißt dort ein Fenster auf.

Der Wind fing an zu wehen und alle mußten ihre Hüte fest halten, der Regisseur die Rolle auf dem Sand, auf die er sich vorsichtshalber legte.

Der jetzt verstärkt herabrieselnde und vom Wind getriebene Kalk legte sich auf alles.

Auf die Gesichter, auf die Spieler.

Auch auf uns.

Ich fing an mich zu erinnern.

Ich liebte ein Mädchen über alle Maßen.

Aber ich wagte nicht, es ihr zu sagen.

Immer kam mir das Bild des russischen Bauern vor die Augen, wie er eine selbst geschnitzte kleine Ente fast den Nacken einer jungen Frau berühren ließ.

Aber dann abließ mit seinen Versuchen,

sich dem Mädchen zu nähern.

Das Mädchen konnte ihn nicht wahrnehmen.

Sie konnte seine Zärtlichkeit nicht bemerken, die er ihr schenken wollte.

Er wagte nicht, sie zu berühren.

Ja, da riß ich das Fenster auf und ließ die kleine Nachtmusik über das ganze Tal erschallen, daß sie hinüberreichte bis in die Kammer.-

Meine Frau fragte mich, warum weinst du, es ist doch eine so schöne Musik, die der junge Mann da zaubert an diesem Ort.

Auf einmal ist es ein guter Ort.

Ich schaute sie an und nickte ihr zu.Wie recht hatte sie.

Plötzlich schlug das Fenster im Finstern zu und augenblicklich legte sich der aufgekommene Wind.

Und der Kalkstaub fiel von uns ab.Und die Gesichter waren nicht mehr weiß und verkalkt, sondern braun, rot, fahl, blass, gesund, krank. Mit stechenden Augen, mit freundlichem Blick.

Ob es nun die Richter waren, alle wieder getaucht in das Halbdunkel.

Die Luke hoch über uns wurde wieder geschlossen.

Ob es der Oberrichter war.

Die Spieler rollten die Rolle wieder ein und übergaben sie dem Spielmeister.Wenn ich mich nicht täusche, wurde ein Gefährt von oben herabgelassen.Auf seine Ebene wurde die Rolle gelegt und nach oben gezogen.

Die Truppe konnte sich erst einmal wieder

zurückziehen.

Wir warteten auf den Richterspruch.

Aber es kam keiner.

Der Sekretär hatte seinen Block gezückt

und sich Notizen gemacht.

Wahrscheinlich ist alles noch längst nicht zu Ende.

Die Richter setzten sich auf die Bänke uns gegenüber.

Wahrscheinlich schliefen wir ein,

nachdem sie uns eine Tablette gegeben hatten.

Eine Mehrfachtablette mit mehrfacher Wirkung:

Nahrung, Gesundheit, Schlaf.

Nachts wachte ich auf.

Eine Fackel an der Höhlenwand

leuchtete spärlich den Raum aus.

Wir waren allein in der Höhle.

Wahrscheinlich hatten sich die Mitspieler

und die Auswerter des gezeigten Spiels in bequemere Gemächer zurückgezogen.

Wir lagen auf einer Kamelhaardecke vor unserer wackeligen Bank.

Ich dachte an Flucht. Aber es gab keinen Ausgang.

Auch keine Leiter, um an die Luke in großer Höhe heran zu kommen.

Die Luke wird von außen gesehen solch eine kleine Betonerhöhung in der Landschaft sein. Wie man sie oft findet, um die Kanalisation ab und an mit dem Tageslicht zu verbinden. Dann müßte jemand von außen auf Signalton den Deckel wegschieben,

oder dergleichen.

Wie war das mit dem Flutlicht der Sonne und des Sommers.

Es gab ja sogar Schatten, wie draußen.

Dann verbinden uns die Schatten mit der Welt

da draußen.

Ich weiß noch wie ich die Jugendlichen das Gruseln gelehrt habe über der Existenzphilosophie der Griechen: Wir alle sitzen im Blues.

Das ist die platonische Höhle.

Aber Christus im Grab. Rolling Stones.

Der Stein ist weg.

Christus im Licht.

Ich bin wieder eingeschlafen. Gott sei Dank.

Keine Leitern an den Wänden.

Kein Ausgang.

Vielleicht liegen wir in der Tiefe der Höhle,

an ihrem Ende.

Und die Akteure von außen, von draußen, aus dem gleißenden Licht der Scheinwerfer und der Sonne.

Wir sind die Gefangenen.

In Untersuchungshaft.

Das Gefängnis ist eine rotbraune Erdhöhle mit Kalkelementen.

Aber sind wir nicht in der Bundesrepublik Deutschland. Mindestens in Europa. Nahe der französischen Grenze oder der belgischen.

Es wird wohl eine der vielen Erziehungsmaßnahmen sein, die sie anwenden, bei Leuten,

wo der Gesetzestext versagt.

Hoffen wir es.

Gibt es eigentlich Anwälte in dem Spiel?

Die zweite Situation

Auf einmal taghell.

Wir werden wachgerüttelt von Kapo-Leuten,

die wir kennen aus allen Zeiten,

die uns zugänglich sind.

Verkleidet?

Ja, es waren die Schauspieler.

Einer tanzte als Clown an uns vorüber.

„Der Bagger!“ riefen sie im Chor

„Der Bagger, der Bagger!“

„Der Baggerfahrer!“

„Eine zwielichtige Gestalt“, flüstert mir eine Tänzerin ins Ohr.

Die Richter in ihren Roben erheben sich müde

von ihren Bänken gegenüber.

Wir hatten sie völlig vergessen.

Aber sie waren noch da.

Hatten sie kein zu Hause?

Tatsächlich, ein Bagger schob sich langsam nach vorn, geradewegs auf uns zu. Es war eigentlich kein Greifarm, der märkischen Sand oder Thüringer Erde oder Geröll in den Alpen in seine Schaufeln nahm und sie herüber schwenkte auf den bereit stehenden Lastwagen. Dazu war es hier zu eng, jedenfalls nach jetzigem Ermessen.

Nein, es stand da ein Prediger auf der kleinen schwenkbaren Hebe-Bühne, mit Gitterstäben gesichert.

Er fuchtelt und fuchtelte.

Aber wir verstanden kein Wort.

Vielleicht sollte er singen.

Jetzt wurde der Motor abgeschaltet vom Baggerführer mit Helm. In Schwarz-Gelb.

Die Bühne senkte sich auf den Boden.

Der Clown sprang und öffnete das Gittertürchen für den Neuankömmling.

„Hoch lebe der Neuankömmling!“, riefen die Schauspieler und Schauspielerinnen.

„Bravo“, riefen die Richter in ihren Roben und klatschten dezent, dann aber mehr und mehr.

Ja, mit den Füßen stampften sie irgend einen Takt.

Dem Neuankömmling wurde ein Ehrenplatz zugewiesen.

Allmählich stellten die Beleuchter wieder dieses eigenartige Dämmerlicht her, wie es heute allgemein beliebt und beliebter wird.

Der Mann mit Helm stieg vom Bagger herunter, ein hellgelbes schönes Fahrzeug, und mischte sich

unter die Truppe.

Er war der Mittelpunkt. Unbestreitbar.

Die Damen umgarnten ihn.

Er flog auf Frauen, hatte man den Eindruck.

Der Spielführer erschien mit einem silbernen Tablett und überreicht ihm einen Wismutschnaps.

Dann kam ein Bäcker und bot Salzbrezeln an.

Nachdem dieser kleine Empfang glücklich überstanden war, wurde das Licht noch weiter heruntergeschraubt.

Man sah nichts mehr.

Wir legten uns wieder.

Die Roben wurden unsichtbar.

Und der Kumpelmann rief: „Licht aus, Licht aus…!“

Ein unanständiger Kinderreim aus meiner Jugendzeit, aus glücklichen Dorf-Kinder-Tagen.

Er schien aber auf sein Gefährt zu steigen.

Grelle Scheinwerfer.

Motor heult auf.

Rückwärtsgang.

Jetzt schien es mir, ich würde sein Gesicht,

diese Maske wieder erkennen.

Ja, als winkte er mir zu.

Dann dreht er sich um.

Er mußte den Weg aus der Höhle finden.

Wir konnten nicht mehr schlafen. Wenn auch das Licht ausging und heruntergeschraubt wurde auf Null. Stockfinsternis. Es wurde gehuscht und getuschelt.

Wir legten uns neben unsere Bank wie schon gehabt. Die Bilder tanzten an uns vorüber.

War das ein Event, den das Reiseunternehmen organisiert hatte, für das der Bus fuhr, der uns aufgelesen hatte und dem wir uns anvertrauen wollten.

Natürlich wußten wir nicht, wer wirklich in dem Bus saß. Und wir wollten es gar nicht wissen. Jedenfalls nicht so genau. Wir wollten einfach nicht mehr laufen und hofften so mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, daß wir Orientierung und Hilfe bekamen,

wie wir am besten zurückfinden konnten.

Es mußte Schnittmengen und Schnittlinien geben, Kreuzungen, wo man entscheiden konnte, in welche Richtung man umsteigen wollte.

Bis wir merkten, das war kein Linienbus, sondern ein Bus des Himmels und der Erde.

PARADISO. Ein Gefährt der Freude. Der Liebe und der Hoffnung.Keiner wollte uns sagen, wohin die Reise geht. Es war ihr Geheimnis.Wir konnten den Bus auch nicht anhalten, höchstens, daß es zu einem Halt kam, weil die Passagiere das in ihrer Mehrheit verlangten wegen Notdurft, Bewegung und frischer Luft.

Das muß eingeplant werden, auch von den verrücktesten Unternehmungen der Werbebranche,

die die Welt beherrscht. Nun warteten wir auf den Halt, um uns dann dort zu erkundigen, wie es weiter geht.

Vielleicht gab es ja auch eine Tankstelle, einen Imbiss, einen Grenzübertritt, einen freundlichen Tankwart und entgegenkommende Verkäuferinnen und Verkäufer.

Und nun waren wir hier in der Kleistschen Höhle des Käthchen von Heilbronn. Mystisch, verkehrt. Gelb, Schwarz. Da – es schien einen Totenkopf auf einem Faß zu geben.Gab es einen Mond, der bis hierher seine Strahlen sendete, daß die Uranfässer anfangen konnten zu fluoreszieren? Wollen Sie uns zeigen, wo das Millionen-Atom gelagert wird. Schon der Bagger kam mir verdächtig vor.

Mein Frau stieß mich an:

„Rezitiere dein jüngstes Gedicht! Bitte!“

Ich tat ihr den Gefallen nicht.

Sondern schwieg.

„Erzähle du eine Geschichte!“

Plötzlich huschte der Strahl einer Taschenlampe

über unsere Gesichter.

Wir verhielten uns ganz ruhig und taten so,

als ob wir schliefen.

Wir mußten mitspielen. Wohl oder übel.

Entweder einer der Richter in seiner Robe, auf seinem Schlafplatz – es erging ihm so wie uns, er konnte keinen Schlaf finden -, aber nein, es war mit Sicherheit eine Schauspielerin, die auch gleichzeitig als Tänzerin angestellt war, das belastet das Budget weniger, – jedenfalls wurde ein Lied gesungen, von einer Harfe begleitet:

Das Schlaflied.

Flaches Land. Flaches Land

wie bist du abgebrannt.

Wolltest aufsteigen in den Himmel

bist geblieben bei der Bimmel:

Immer dasselbe.

Immer dasselbe.

Dein Bäume wuchsen bis in den Himmel

Der Sturm hat sie entwurzelt

Der Gärtner gestutzt

mit scharfer Scher.

Die Grenzenlosigkeit war dein Ziel

Welch ein Unterfangen.

Es gibt sie nicht.

Weil alles endlich ist.

Trotz Goldener Raketen

und Bällen, die um den Erball kreisen.

Flaches Land.

Nagel deine Zäune dicht

Miss deine Entfernungen aus

Damit du berechenbar bleibst

für deine Bewohner.

Allmählich konnte man nichts mehr verstehen.

Weder an Text noch an Melodie.

Die Sängerin entfernte sich in die Richtung des Baggers. Sie hatte den Ausgang gefunden.

Wir sahen uns an, so gut das ging in der Finsternis

der Höhle.

Das Lied war gut.

Jetzt war es ganz verklungen.

Als der Bus hielt in einer flachen Weingegend, war es gegen Morgen. Wir waren ja mitten in der Nacht zugestiegen.

Es gab keinen Imbiss. Aber Wasser.

In einiger Entfernung Chemietoiletten.

Dann Aufstellen und Abmarsch zwei und zwei.

Wir waren nicht mehr allein.

Wir waren ein Kollektiv.

An einer Kurve des Feldweges war ein Verpflegungspunkt aufgebaut.

Wir konnten im Gehen etwas essen,

wie bei einem Langstreckenlauf.

Alles sehr ungewöhnlich.

Da am Horizont ein Schacht mit einem Fahrstuhl in die Tiefe. Das war die Attraktion. So sind wir hinunter- gekommen und liegen nun mit Spießen und mit Stangen. Verschollene Goldgräberinnen, verstohlene Tänzerinnen, verlegene Spießer und ein paar Profis, von denen aber niemand weiß, wer es wirklich ist, werden uns unterhalten und ihren Prüfungen unterziehen.

Du kannst niemanden ansprechen….

Alles schläft.

Uns fallen die Hunde ein, die in unserer Kutsche saßen, von der wir nicht wußten wie sie wirklich angetrieben wird. Ein Vehikel. Aber das ist ja jetzt vorbei.

Oben einen schöne flache Weingegend in Deutschland (noch) und ein komfortabler Liebesbus, der uns in die Stadt der Liebe bringen wird.

Aber wir müssen erst diese Prüfungen bestehen.

In diesen Schacht fahren, Angstproben bestehen von wegen Fässern mit einem Totenkopf als Symbol, gelb – schwarz, notdürftig beiseite geräumt, damit die Tänzer und Tänzerinnen genügend Raum und Zeit finden für ihr und unser Vergnügen: Tanzen.

Aber sie schlafen nun auch oder entwickeln in einem Nebengang ein Konzept, wie es weitergehen wird.

Ich bin gespannt, denn auch das Theater der Worte und Gesten ist eine Option in der Dämmerung dieser Höhle, in der wir keine Schatten sehen, wenn wir nach oben schauen.

Zu tief.

Wegen des Atoms.

Hat die Atombehörde der Bundesrepublik Deutschland diese Höhle freigegeben für gruppendynamische Übungen, verpachtet an Busgesellschaften,

die den Kick suchen für ihre zahlenden Gäste.

Eine Unterbrechung, die sich sehen lassen kann.

Dann haben sie liederlich gearbeitet beim Beräumen. Oder sie sind noch mitten dabei.

Siehe der GELBE BAGGER. Die Endlagerung scheint zu klappen und über Neunutzungen kann nachgedacht werden.

Wir sind die Neunutzung. Wir – die Menschen.

Wir, die etwas erleben wollen. Hart an der Kante.

Das Schlaflied ist gesungen.

Wann werden die Richter das Signal geben und den Urteilsspruch verkünden.Wir nehmen an, sie arbeiten nicht daran, sondern schlafen den Schlaf der Gerechten.

Ungewöhnlich früh schrillen tausend Wecker und wir werden aufgerufen durch den Lagerfunk, uns in die Duschräume begleiten zu lassen, damit der Richterspruch vollzogen werden kann. Die Richter in Perücken und Roben – bis zur Unkenntlichkeit verkleidet – kommen uns gestriegelt und gebügelt entgegen auf dem Weg zu den Duschkabinen.

Ihre Mienen sagen uns nichts. Vielleicht haben sie Masken auf.

Meine Frau sagt, ich soll das Dritte Reich meiden.

Nicht schon wieder.

Auch das noch.

Aber es ist eine Geschichte. Von lange her.

Mit meiden ist da nichts.

Es ist das Quantum, sagt uns der Richter in Gera.

Extra aus Berlin gekommen. Ihr habt ja recht…

geben wir uns mühselig zufrieden, weil ja die Richter und Oberstaatsanwälte auch schlafen möchten, wie die Funktionäre in der DDR – so ein Oberkirchenrat in der Arbeitsgemeinschaft: Arbeit auf dem Lande.

Da müssen wir quantifizieren und dürfen nicht absehen von den Volumina der Verbrechen.“

EINTAUSEND VERBRECHEN SIND SCHLIMMER ALS EIN VERBRECHEN.

Das muß Berücksichtigung finden in der Beurteilung.

Ja, ja, ja!“ ruft der Chor.

Aber im Ansatz ist es doch dasselbe!“, ruft der Gegenspieler.

Der Gegenspieler bin ich. Der Haarschopf auf meiner Seele wird grau und die Haare stehen zu Berge vor Grauen, was das wohl bedeuten würde.

Einen Juden umbringen ist nur kriminell und überhaupt – die Judenfrage.

Viele Juden – das ist der HOLOCAUST, die SHOA.

Mit gutem Gewissen (Pascal).

Die DDR war nur kriminell.

Nein, nein, nein!“ rufen wir.

Was denn.

Ungewöhnlich früh schrillen tausend Wecker und rufen zum Appell. Wir schnellen auf wie gute Pioniere und rennen in die Toiletten, um uns hübsch zu machen für die Weiterfahrt.

Denn es soll ja weitergehen mit dem Bus da oben, in die Zukunft der blauen Berge und unendlich weiten französischen Felder. Wahrscheinlich läuft sich der Motor schon warm und der verantwortliche Fahrer schaut nach dem Rechten.

„Schnell, schnell!“ rufen wir uns alle zu und die Richter stehen schon in Reihe mit den Protokollen ihrer Nachtberatungen in Händen.

Frühstück ist nirgends zu sehen.Die Tänzerinnen und Tänzer werden im Morgenlicht die Klapptische aufgestellt haben vor dem Transportmittel und der Reiseleiter ist unterwegs über die Grenze, um uns einen ersten Vorgeschmack französischer Küche zu vermitteln. Wir werden in alter DDR-Manier sammeln in einer Mütze, um uns bei ihm extra zu bedanken.

Endlich sind wir alle versammelt und erwarten den Spruch.

Oben betätigt einer – von außen – die Klappe, so daß Morgensonnenlicht einfällt in das rotbraune Höhlensystem mit Baggern, Fässern, Pritschen, Decken auf dem Boden und anderem.Im Grund sehen alle ein wenig übernächtigt aus. Aber alle sagen, es war prima. Wir schauen uns an und hoffen, daß das Schauspiel in der Tiefe zu Ende ist. Eine redselige Mitfahrerin gibt uns zu verstehen, daß alles im Programm zu finden ist und nichts zufällig.

Wir haben keine Ahnung, ob sie mitbekommen hat,

daß wir kein Reiseprogramm haben können, weil wir uns gar nicht angemeldet haben zu dieser Reise, sondern, daß wir nur froh waren, nicht weiter in der Nacht zu Fuß unterwegs zu sein.Wir wissen ja bis jetzt nicht, was die Fahrerin bewogen hat anzuhalten.

Es ist jetzt an uns zu entscheiden, so zu tun als ob wir dazugehörten. Sozusagen als die Letzten der aufgelesenen Reisegruppe in den Himmel der Liebe. Andererseits wird sich doch jeder Irrtum aufklären, sobald die Unterlagen des Reiseleiters, der gleichzeitig der zweite Fahrer des Busses ist, vervollständigt werden und ein Häkchen hinter unserem vermeintlich angemeldeten Namen gemacht werden muß.

Das Problem ist nur, warum hat er uns nicht längst gefragt.Er hätte doch auf uns zukommen können und seine Fragen stellen.

Jetzt wird geläutet.

„Nummer 1 und 2“

Sie treten vor.

Der Richter in der Mitte übergibt den beiden ein Zertifikat und beglückwünscht die Reisenden zur ihrer 1.und 2. Probe „GUT bestanden“.

„Sie können schuldenfrei weiterfahren! Gratulation!“

Wir merken, es ist ein weit verzweigter Platz.

Die Klappe oben bleibt die ganze Zeit offen.

Es muss inzwischen gegen Mittag sein, fast alle Paare sind aufgerufen, nur wir noch nicht. Sie sind aus den Gängen gekommen. Alle sind numeriert für den Glücksbus. Ja, sie haben wie Nummern-Girls ihre Nummern vor sich hergetragen, kamen tänzelnd zum Teil aus ihren Unterkünften für die Nacht. Sicher haben sie so genächtigt wie wir und bestimmt haben die Tänzer und Tänzerinnen alle auch zu ihnen Texte in die Hand gedrückt bekommen, die dann zu Szenen wurden in dem Labyrinth. Allerdings wurde die Zeremonie unterbrochen durch wiederholtes Auftreten des Baggers mit dem Prediger auf der Schaufel und dem Kumpel, der uns zuwinkte.

Endlich war es so weit. Von der Kapazität der Sitzplätze her müssten wir jetzt nach vorne gerufen werden. Aber wir wurden nicht gerufen.Der Vorsitzende nahm sein Perücke ab, zog seinen Talar aus. Seine Kollegen taten es ihm gleich. Und sie brachen in ein höchst ungelenkes Gelächter aus, zogen sich zurück mit irgendwelchen Attrappen von Akten unter dem Arm.

„Dürfen wir nicht weiter mitfahren? Wenigstens bis zur nächsten Haltestelle oder zur Grenze, wo mit Sicherheit Umsteigemöglichkeit besteht für unsere Heimkehr?“ riefen wir. – Keine Antwort. Die Richter verloren sich in den Gängen. Allerdings warfen sie ihre Kostüme in hohem Bogen in irgend welche Ecken.

Der Gerichtsdiener kam auf uns zu und verkündete uns, wir benötigten kein Zertifikat.Wir wären nur Gast.

Allerdings der Gerichtsdiener begleitete uns nicht nur bis zum Fahrstuhl, sondern bis in den Bus und setzte sich neben uns, wo in der Nacht vorher der Beifahrer geschlafen hatte. Die Reisegruppe hatte schon Platz genommen.

Käthchen von Heilbronn war zu Ende.

Schlußwort – Auf ins große Vergnügen

Es wäre ja nun die Gelegenheit gewesen, mit den Reisenden ins Gespräch zu kommen. Der Tag war sonnig. Der Wind wehte sacht und erfrischend.

Wir hatten alle viel erlebt.

Es war eine erstaunlich ruhige Reisegruppe. Nur einer machte ein paar Witze über die Pariser in seiner Jugend. Er meinte Kondome und keiner lachte. Der Busfahrer machte ein paar überleitende Bemerkungen. Auch er begrüßte uns nicht als Zugestiegene.Vielleicht hat ihm sein Arbeitgeber bedeutet: nicht fragen, nichts sagen. Also lag es jetzt an uns, auszubrechen und schleunigst zu verschwinden.

Irgend etwas hielt uns fest. Wir stiegen ein, als gehörten wir dazu und studierten die Reisehefte, die verstreut in den Netzen hinter den Lehnen der Sitze lagen. Auch bei uns.

Ein letzter Blick zurück auf den Busplatz, die Chemietoiletten, in der Ferne der Schacht…

Ohne ein erklärendes Wort geht es weiter. Der Motor wird angelassen, heult kurz auf und der Bus der fröhlichen schweigenden Leute setzt sich in Bewegung Richtung Westen, wie wir annahmen. Er schwenkte auf die Autobahn ein. Der Beifahrer, jetzt vorn etabliert, macht eine Durchsage, daß wir in einer halben Stunde die Grenze passieren und wir einen Haltepunkt ansteuern, an dem wir uns die Füße vertreten könnten, einen Kaffee kaufen, von ihm selbst aufgegossen. Brötchen könnten auch geschmiert werden.

Beifall.

Endlich Frühstück.

Keine all zu lange Pause, kein Umweg, um auch noch den letzten Mitreisenden kurz vor Paris sozusagen aufzunehmen in die Gesellschaft der Liebeshungrigen.

Keine dummen Witze. Jeder war dankbar für den nun geordneten Gang der Dinge, wie man sich das vorstellt.

Es war ein schöner milder Morgen im Frühsommer.

Allerdings nach der mehr oder weniger durchwachten Nacht waren wir müde und schliefen ein. Die Sonne im Osten, im Rücken. Nichts blendete uns.Wir konnten die Gardinen zuziehen und keiner störte uns.

Tatsächlich nach einer halben Stunde hielt der Bus, knapp hinter der Grenze zu unserem großen Nachbarland im Westen. Es gab ein Restaurant, in dem man geordnet seinen menschlichen Bedürfnissen nachkommen konnte. Freundlicherweise haben wir dann noch irgend etwas gekauft.

Die Reisegruppe saß auf Findlingen, die verstreut aufgebaut waren, dort einer, dort zwei u.s.w. Alle hatten etwas vor sich: Kaffee, Brötchen oder die eigene Proviant-Tasche.

Wir kannten die Gestalten und Gesichter aus der Höhle. Es waren die Schauspielerinnen und Schauspieler, die auch die Tänzer waren; es waren die Richter ohne Roben und Perücken, nur der Baggerfahrer und der Prediger auf der Schaufel des Baggers fehlten. Sie werden ihre Arbeit weiter tun in der platonischen Höhle, ob da nun Theater gespielt wird oder nicht.

Mit oder ohne Beifall.

Allerdings der Prediger so ganz ohne Gemeinde?

Nur der Fahrer des Baggers, der die Tonnen stapelt? –

Wer hat den das Zertifikat bekommen? Die Spieler für ihr Spiel. Die Tänzer für ihren Tanz. Sollten wir etwa die Richter richten?

Das war aktive Erholung. Die Reisenden hatten zu tun.

Ich hätte dem Obersten Richter das Zertifikat verweigert, weil er im Überschwang seine Robe respektlos in die Ecke geworfen hatte.Und die anderen taten es ihm gleich. Das wirkt ansteckend auf die anderen.Sie nehmen dann ihre Rollen nicht mehr ernst.

Sie müssen durchgehalten werden bis zur letzten Sekunde.

Nein, sie waren immer beides: Spieler und Publikum, Reisepublikum. Das war der Geck.

Wenn wir auch eine Rolle gehabt hätten, würde ich sagen, WIR waren beides: Richter und Gerichtete, Tänzer und Zuschauer, Schauspieler und Textlieferanten mit ihrem einfachen normalen Alltagsleben.

Nun hatte sich alles aufgeklärt und die Fahrt konnte weitergehen.Wir stiegen ein und jeder nahm seinen Platz wieder ein. Noch wurde nicht gewechselt und da und hier ein Besuch abgestattet, um zu fragen: „Alles gut?“- oder so…..

Es gab nur noch ein Ziel. Auf große Fahrt!

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Kaffee Gedicht

Komm

wir gehen in das Cafe`

wo der Kaffee noch schmeckt.

Die Zitrone noch gelb ist

ausgequetscht

in s

Stundenglas.

Die Torte vergiftet wird

von den Heinzelmännchen

die sie dann auch

selber essen.

Und nicht etwa

den Kuchen

servieren.