Simone Weil

Vortrag von Margard Wohlfarth, Kulturamtsleiterin in Altenburg/Thüringen 2002

BLOG-Redaktion: Pfr.i.R. Michael Wohlfarth, Berlin

Simone Weil – Vortrag und Gespräch von Margard Wohlfarth, Kultur-und Theaterwissenschaftlerin, anläßlich einer Ausstellung im Spalatingymnasium Altenburg 2002 im 2. Jahr des Bestehens dieser Schule. Gegr. Von Birgit Kriesche (Pädagogin) und Michael Wohlfarth (Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen) und vielen Anderen.

Name der Ausstellung (Friedensbibliothek Berlin):“Die gefährlichste Krankheit ist die Entwurzelung.“(Simone Weil)

Sie ist auch heute abzurufen in der Friedensbibliothek Berlin (Antikriegsmuseum). In Chemnitz wurde sie kurz nach dem Einmarsch der Truppen der russischen Förderativen Republik in die Ukraine gezeigt – anläßlich eines Friedensforums.

Vortrag und Gespräch, Leitung Mi Wo.

Vertretung Michael Wohlfarth

„Wiederholt“ in der Kirchengemeinde Köpenick/Martin-Luther- Kapelle am Mo d.14. 10. 2024 wegen Unpässlichkeit der Verfasserin.

Nach dem Ernte-Dank-Lied „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land“ von Matthias Claudius Begrüßung durch die Leiterin des Gesprächskreises.

Übergabe des Wortes an mich: „Danke für die Einladung meiner Frau in Ihren Kreis und herzliche Grüße von ihr. Aber sie hat mich gebeten, ihren Vortrag, den sie vor über 20 Jahren im Spalatingymnasium zu Altenburg vor der dortigen Lehrerschaft gehalten hat, vorzutragen und bittet um Entschuldigung wegen ihrer Nicht-Teilnahme. Sie ist in Fürbitte bei uns“.

Text der Rede

„Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. – Dieses Gebet enthält alle je möglichen Bitten. Man kann kein Gebet ersinnen,das nicht schon darin beschlossen wäre. Es ist unmöglich, es einmal zu sprechenund dabei auf jedes Wort die ganze Aufmerksamkeit zu richten, ohne daß in derSeele eine vielleicht unendlich kleine, aber tatsächliche Veränderung bewirkt wird,- so kommentiert Simone Weil das Gebet Jesu, unser Gebet.

Wir haben uns heute versammelt, um uns eine Ausstellung zu erschließen, die wundervolle Fotos enthält, die die ganze Welt, alles Leben umfassend darstellen –Landschaften, Menschen etc. – in großer Eindrücklichkeit und Schönheit bei allemRealismus, bei aller kritischen Distanz unmittelbar den ganzen Kosmos derSchöpfung ausschreiten. Sie zeigen Gutes und Böses, Freude und Unglück.

Es sind Fotos bekannter Fotografen aus dem vergangenen Jahrhundert.Sie umschließen Texte von großer Bedeutsamkeit, Gedanken, Zitate, Aufzeichnungen einer bedeutenden Denkerin, Philosophin – Simone Weil.

Ich weiß nicht, ob Ihnen der Name schon einmal begegnet ist:an der Berliner Humboldt-Universität kam er nicht vor. Natürlich hätte ich auf ihn treffen können bei kritischer Beschäftigung mit bürgerlichen Philosophen,mit Häretikern der marxistischen Ideologie, oder denen, die nicht so recht einzuordnenwaren wie z.B. Walter Benjamin. Der war auch Jude und auch schon tot aber er hattenicht den Makel, ein Mystiker zu sein, wie Simone Weil eine Mystikerin wurde und war…. Simone Weil gehört zu den bedeutenden jüdischen Philosophinnen des ausgehendenJahrtausends neben Rosa Luxemburg ( 1871 geboren), Edith Stein (1891 geboren) undHannah Arendt (1906 geboren).Von Rosa Luxemburg wissen die DDR-Leute wohl alle etwas. Sie war auch so ein Geheimtip unter den Philosophikern und Ästhetikern im Osten und eine Leitfigur der Neuen Linkenim Westen. – Von Edith Stein haben sicher weniger gehört. Sie war Mitarbeiterin des Phänomenologen Edmund Husserl, trat schließlich in den Orden der Unbeschuhten Karmeliterinnen ein, wo sie ihre „Kreuzeswissenschaft“ schrieb, und wurde als Nonne am 2. August 1942 aus dem Echter Karmel – sie war mit ihrer Schwester Rosa nach der Reichskristallnacht aus Sicherheitsgründen von Köln in die Tochtergründung übergesiedelt – deportiert und starb eine Woche darauf in Auschwitz. – Die Heidegger-Schülerin Hannah Arendt (geb. 1906) überlebte in den USA und hat bis zu ihrem Tode 1975 ein umfangreichesphilosophisches Werk verfaßt, das allgemeine Beachtung findet.

Keine der drei Frauen hatte eine rein akademische Laufbahn gewählt. Rosa Luxemburg war vor allem Politikerin. Edith Stein hatte der wissenschaftlichen Arbeit im säkularen Bereich entsagt. Hannah Arendt hatte sich in der Zeit des Dritten Reiches der zionistischen Bewegunggeöffnet und engagierte sich im Widerstand, beschäftigte sich folgerichtig später mit politischer Philosophie, schrieb u.a. über den Eichmann – Prozeß mit dem Untertitel „Über die Banalität des Bösen“. Stein und Arendt waren einem systematischen Philosophieren verpflichtet. –

Wer war Simone Weil?

Sie wurde 1909 geboren – die Jüngste von den Vieren also. Um die Zeit zu verstehen und richtig einzuordnen muß ich mir klarmachen, daß es das Geburtsjahr meiner Mutter ist …. Simone Weil starb mit 34 Jahren. Ihr Leben war erschreckend kurz. Es gab keineKarriere, nicht mal eine abgebrochene wie bei Edith Stein. Eigentlich war Simone Weil„nur“ Lehrerin, Gymnasiallehrerin an verschiedenen staatlichen französischen Schulen, also Beamtin, bekommt Schwierigkeiten, weil sie sich intensivst gewerkschaftlich engagiert, weil sie ungewöhnliche Formen des Unterrichts bevorzugt. – Deshalb gehört diese Ausstellung zweifellos in eine Schule…Ein kurzes, ungewöhnliches Leben, eine ungewöhnliche Biographie, ein ungewöhnliches Gottes-, Welt- und Menschenbild, um die Anliegen der Evangelischen Erwachsenenbildung ins Spiel zu bringen. Ich bin ihrem Namen übrigens erstmals begegnet in unserem neuen Evangelischen Gesang-Buch. Ein Zitat: s.o. – Dann war ich voriges Jahr in Berlin und fand die Information über diese Ausstellung in Form des Zettelpacks mit allen Zitaten aus ihren Schriften, die in der Ausstellung zu lesen sind und dachte, wir müßtendie hier zeigen für uns und andere. Der Begriff der „Entwurzelung“ als Krankheit der menschlichen Seele hatte uns schon – anders gefasst und ohne Kenntnis ihres Ansatzes –in den Jahren des Totalitarismus beschäftigt, den Simone Weil genauso haarscharf geißeltewie die proletarisierende Wirkung des Geldes andererseits. Hinzu kommt, dass das Motto unserer Schule, der 1. Psalm, thematisiert, wie der Entwurzelung zu widerstehen ist, genau im Sinne der Weil. Aber das haben wir dann erst bei der Eröffnung der Ausstellung am 1. September entdeckt!

Ungewöhnliche Pädagogik im Bewusstsein, dass es um mehr gehen muss als um Wissens-Vermittlung und um Erziehung, nämlich um Bildung im weiteren Sinne wurde am Donnerstag an den Schulprojekten Bernhard August von Lindenaus durch Frau Dr. Titz-Matuszak vorgeführt, kompetent und schöpfend aus umfassender Kenntnis der Lindenauschen Biographie. Es tut mir leid, sagen zu müssen, dass ich nicht in der Lage bin, über Simone Weil mit der gleichen Souveränität Auskunft geben zu können, weil ich erst begonnen habe, mich hineinzulesen in ihre Schriften, soweit sie mir im Moment zugänglich waren. Sie wurde in Paris geboren in einer jüdischen Familie, die sich total assimiliert hatte, obwohl die Mutter aus Russland (Rostow am Don) stammte. Aber gerade deren Eltern waren schon Freidenker gewesen. Simone Weil stand der jüdischen Tradition fremd, ja sogar feind-selig gegenüber. Im übrigen ist der Name Weil im Jüdischen so häufig wie der Name Müller im Deutschen. Er führt sich offensichtlich zurück auf Weil der Stadt, so dass ich um Nachsicht bitte, wenn ich den Namen deutsch ausspreche. – Sie wuchs im Pariser Arzthaushalt auf zusammen mit dem drei Jahre älteren Bruder André, der wie sie eine absolute Begabung für Mathematik hatte und diese auch ausbildete. Der Familiensinn war stark ausgeprägt, die Erziehung vorbildlich in einem rein humanistischen Sinne – kein Altes Testament, kein Evangelium, aber die antike Welt und die Märchen mit ihrer klaren Unterscheidung von Gut und Böse „verwurzeln“sich in ihr. Simone ist wieder Bruder ungewöhnlich begabt und schwierig. „Was ihre Professoren beeindruckte, war nicht sosehr das Niveau ihrer Arbeiten als ihre ungewöhnliche Persönlichkeit. Es war unmöglich , von ihrem Charakter nicht beeindruckt zu sein: dieses zwingende Bedürfnis, die Wahrheit zu suchen und sie, wenn sie gefunden war, mit unerschütterlichem Mut auszusprechen, dieses energische Zurückweisen jeden Kompromisses, in kleinen wie in großen Dingen.“ (Cabaud)

Nach Ablegen des Baccalauréats in Philosophie tritt sie in das LycéeHenri IV ein. Das ist eine Mittelschule! Dort setzt sie ihr Philosophiestudium fort bei Émile Chartier, bekannt unter dem Pseudonym „Alain“, dessen Unterricht in der freien Interpretation der großen Denker bestand(Plato, Descartes, Kant, Hegel). „Es kam ihm nicht darauf an, deren doktrinäre Gegensätze zu betonen, sondern die Leben gebende Substanz jedes Denkers zum Ausdruck zu bringen.“ (Cabaud). Diese Methode versucht Weil später selbst zu verwirklichen. Alain gibt die Grundlegung in allem . Bei ihm beginnt die Beschäftigung Weils mit marxistischen, sozialistischen und gewerkschaftlichen Ideen und ihre Positionssuche im Bereich der Religion. Dazu später mehr. Alain will und kann wohl eines: seine Schüler ermutigen ihren eigenen Weg zu gehen und sie dann auch entlassen. Weil tritt 1928 in die École Normale Supérieure ein, die staatliche Ausbildungsanstalt für Gymnasiallehrer. Sie ist eine der vier ersten Frauen, die hier studieren dürfen. Als Studentin gibt sie sich nonkonformistisch, blau strümpfisch, arrogant und radikal. Sie veröffentlicht auf Anregung Alains erste schwerverständliche Artikel, betätigt sich „praktisch“, indem sie Rugby spielt, um ihren Körper zu trainieren, trägt dabei eine chronische Stirnhöhlenentzündung davon,die ihr ganzes weiteres Leben durch schwerste Kopfschmerzen prägt. Sie beginnt, sich aktiv politisch in der Gewerkschaftsbewegung zu betätigen, unterrichtet Arbeiter in einer Art Volkshochschule und verwirklicht und entwickelt dabei Ideen, die auch in der Ausstellung zur Ausprägung kommen.

Das tut sie auch weiter in Le Puy im Département Haute-Loire, wo sie ihre erste Anstellung erhielt. „Ihre pädagogische Begabung grenzte ans Märchenhafte“, schreibt ihr Freund undBiograph Gustave Thibon. „Wenn sie auch die Bildungsmöglichkeiten bei jedermann gern überschätzte, so verstand sie doch, sich jeder Bildungsstufe anzupassen, und ihrem Schüler was auch immer beizubringen.“

Aber ihre Beteiligung an antimilitaristischen und pazifistischen anarchistischen Aktionen stempelt sie zur „Vièrge rouge“ –ähnlich wie ehemals Rosa Luxemburg. Sie tritt für die Forderungen von Arbeitern und Arbeitslosen beim Bürgermeister und im Stadtrat von Le Puy ein und nimmt an Demonstrationen teil. Sie trägt bei Aufmärschen die rote Fahne voran. Es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise und eminenter Arbeitslosigkeit. Im Hause ihrer Eltern trifft sie Leo Trotzki, mit dem sie sich überwirft, weil sie die UdSSR als totalitären Staat nicht für einen Arbeiterstaat hält. In dem Aufsatz „Gehen wir einer proletarischen Revolution entgegen?“ hat sie hellsichtig die Lage in Deutschland vor der Machtergreifung Hitlers analysiert und schonungslos die großen Parteien in Deutschland beurteilt. Ihre Aktivitäten haben zu mehrfacher Versetzung geführt: 1932 nach Auxerre, 1933 nach Roanne/Loire, 1934 nach Bourges. 1934 versucht sie sich, um die wahre Lage der Arbeiter kennenzulernen, als Hilfsarbeiterin in einer Elektrofirma, führt Protokolle über ihre Tätigkeit, erkrankt, nimmt erneut eine Lohnarbeit an, wird arbeitslos, arbeitet auf einem Bauernhof, schreibt philosophische und politische Texte. Geht 1935 nach Spanien, um aufseiten der Republikaner zu kämpfen, erleidet einen Unfall und versucht nach mehreren Klinikaufenthalten 1937 wieder zu unterrichten, was nicht von Dauer ist. Nach Kriegsausbruch geht sie mit den Eltern über die Demarkationslinie. Sie gehört zur Résistance, schreibt und arbeitet ab und an in der Land-Wirtschaft bis zur Ausreise nach Amerika 1942. Von dort nach England, wo sie wegen Spionage-Verdachtes isoliert wird. Ab Januar 1943 arbeitet sie unter Robert Schumann und Louis Clouson für die Forces de La France Libre und möchte als Partisanin nach Frankreich zurück, was ihr wegen ihres jüdischen Aussehens verweigert werden muß. Sie beschließt dann, nichts zu essen, um so den Hungernden in Frankreich nahe zu sein. Vorher hat sie die Hälfte Ihrer Lebensmittelration für ihre Landsleute abgegeben. Im April Einlieferung in ein Londoner Krankenhaus. Feststellung von Lungentuberkulose. Sie stirbt am 24. August 1943 an Herzmuskelschwäche und Auszehrung. Ab 1947 beginnt die Herausgabe ihrer Schriften.Wie ist diese scheinbar chaotische Biographie in Einklang zu bringen mit dem vorhin mitgeteilten Zitat? – Wir ahnen, daß es eine ganz andere Seite Simone Weils geben muß. -War sie schizophren oder „verrückt“, wie Charles de Gaulles meinte?

Wir lesen dazu in der Ausstellung:

Ausgespart blieb bei unserer Betrachtung weitgehend die religiöse Dimension, Ihre Spiritualität. – Weil hat eine in die Tiefe gehende Begegnung mit dem Christentum in einem portugiesischen Fischerdorf, erlebte 1937 eine Anrührung in Assisi in der Kapelle Santa Maria degli Angeli, und hat 1938 in der Benediktiner-Abtei von Solennes eine Christus-Begegnung, die alles das, was in ihr angelegt war – sie sagt, sie habe seit frühester Kindheit den christlichen Begriff der Nächstenliebe gehabt, dem sie den Namen der Gerechtigkeit gab, wie an mehreren Stellen des Evangeliums, und der so schön ist; und sie sagt, der Begriff der Reinheit, mit allem, was dieses Wort für den Christen in sich enthalten kann, habe sich ihrer mit sechzehn Jahren bemächtigt – zweifelsfrei auf Christus hin entfaltete. Ihre Theologie des Kreuzes ist der Angelpunkt aller Überlegungen, die sich auch in dieser Ausstellung finden. Dabei war ihre totale Hingabe ihres Ichs an den Gekreuzigten (keineswegs eine Hingabe an die Kirche) kein Hinderungsgrund für ihre politische Arbeit. Im Gegenteil!

Wir müssen vielmehr alle Äußerungen – auch in der Ausstellung – vor dieser Folie sehen.

Simone Weils philosophisches Werk ist am ehesten der Existenzphilosophie zuzuordnen,am meisten spirituell Sören Kierkegaard verwandt, den Simone Weil vermutlich gar nicht kannte . Kierkegaard unterschied angesichts der aufkommenden Moderne (Technik, Zivilisation, Medien etc.) ästhetische, ethische und religiöse Existenz .Die religiöse Existenz ist für Weil wesensmäßig Grundlage ihres eigenen Denkens und Handelns aber auch ihre Forderung an die Gesellschaft: „Das Höchste ist nicht, das Höchste zu verstehen, sondern es tun“ , sagt Kierkegaard in den Tagebüchern. Dementsprechend hoch und radikal sind z.B. ihre ethischen Anforderungen an Politiker. Das werden wir im ersten Teil der Ausstellung sehen,wo es um die Bedürfnisse der menschlichen Seele geht. – Das Höchste tun, beten, ohne Bedingungen zu stellen und auf Gott warten unter Furcht und Zittern, ob er uns vielleicht trotz allem liebt! Weil sieht sich selbst als Närrin in Christo. Becketts „Warten auf Godot“ ist für mich da eine Verstehensbrücke. – Sie war übrigens ein fröhlicher Mensch!

Weil denkt nicht in Kategorien der Logik, der Soziologie, der Psychologie, auch nicht philosophisch systematisch sondern in Paradoxa. Thibon, Freund und Herausgeber ihrer „Cahiers“ hat einen Katalog von Merkworten aufgemacht, die ihre Notizen umkreisen: Schwerkraft und Gnade – Leere und Ausgleichung – Hinnahme der Leere – Ablösung – Verdrängung der Leere durch Einbildungen – Verzicht auf Zeit – Begehren ohne Gegenstand – Das Ich – Entschaffung – Auslöschung – Notwendigkeit und Gehorsam – Täuschungen – Götzendienst – Liebe – das Böse – das Unglück – Die Gewalt – Das Kreuz – Waage und Hebel – Das Unmögliche – Widerspruch – Der Abstand zwischen dem Notwendigen und dem Guten – Zufall – Der Atheismus als Läuterung – Die Aufmerksamkeit und der Wille – Dressur – Vernunfteinsicht und Gnade – Der Ring des Gyges – Der Sinn des Universums – Metaxy – Schönheit – Algebra – Der soziale Buchstabe – Das große Tier – Israel – Die soziale Harmonie – Mystik der Arbeit.

Das Anliegen der Aussteller aus Berlin (Umfeld ZIONSKIRCHE): Entwurzelung. Dieser Begriff mußte sofort faszinieren gerade heute in unserer Situation wieder, gerade auch Lehrer. Lassen Sie mich vollständig zitieren: „Die E. ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft, weil sie sich selbst vervielfältigt. Einmal wirklich entwurzelte Wesen … verfallen entweder einer seelischen Trägheit, die fast dem Tode gleichkommt, oder sie stürzen sich in eine hemmungslose Aktivität, die bestrebt ist, auch diejenigen zu entwurzeln, die es noch nicht oder erst teilweise sind.“ Wir werden erinnert an den Marxschen Begriff der Entfremdung und an den psychologischen Begriff der Diskontinuität bei Max Picard. (Picard sagt, daß früher die Kontinuität die Struktur des Einzelnen und der Welt war im Gegensatz zu heute.). –

Als Zuarbeit zu einer künftigen Verfassung Nachkriegs-Frankreichs formuliert Weileine „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ als Gegenentwurf zur FranzösischenRevolution mit ihrem Menschenrechtsbegriff, der auf dem Naturrecht fußte. Vorrang vor demRecht habe die Verpflichtung, die nicht auf zufälligen Situationen oder x-beliebigen gesellschaftlichen Spielregeln beruht, sondern ausgeht von den Bedürfnissen der menschlichen Seele (so titelt auch der erste Teil der Ausstellung). Diesen Bedürfnissen wird nicht entsprochen, indem man schrankenlose Freiheit postuliert. Vielmehr tun sich Spannungsfelder auf als da sind Gleichheit und Hierarchie, Gehorsam und Freiheit, Wahrheit und Freiheit des Ausdrucks, Einsamkeit und Intimität und zugleich soziales Leben, persönliches und kollektives Eigentum, Strafe und Ehre, Sicherheit und Gefahr. Wir können diesen Katalog jederzeit ergänzen von unseren gegenwärtigen Erkenntnissen her.

Der zweite Teil der Ausstellung zeigt die Ursachen und Ausmaße der Entwurzelung, die sichals Proletarisierung des Menschen darstellt. Der Mensch, mehr oder weniger ausgestattet mit Geld verliert sein menschliches Gesicht, wird zur Verbraucher. Der „König Kunde“ist eine Karikatur des Menschen, eine Neuauflage des Proletariers, der Karl Marx ehemals so mit Mitleid erfüllte, daß er schließlich eine Gesellschaft postulierte, in der die Bedürfnisseder menschlichen Seele per Gesetz verwirklicht werden sollten. Was dann auch Hitler versuchte. (Und Stalin! – d.Red.)

Der Totalitarismus ist die andere Seite der Medaille. Hellsichtig hat Simone Weil erkannt, daß der Sozialismus darauf aus war, den Proletarierstand nicht zu beseitigen, sondern auf die Gesamtheit der Menschheit auszudehnen, d.h. – die Seelen im Namen einer Ideologie zu töten oder gefügig zu machen. Geld, Kollektiv, Meinung, Medien, Mode -, in ihnen dient die Masse Mensch dem Großen Tier, von dem schon in der Offenbarung und in Platons „Politeia“ die Rede ist. Die Entwurzelung mündet im Götzendienst, in knechtischer Gesinnung und ist das größte Unglück, weil es Gut und Böse nicht mehr zuläßt, d.h.es läutert das Böse, indem er das Grauen davor beseitigt. Wer ihm dient, dem scheint nichts mehr böse oder dem darf zumindest nichts mehr böse erscheinen, außer den Verfehlungen im Dienst.“

Teil 3 der Ausstellung: Die Einwurzelung

Folgende Bedürfnisse sind zu erfüllen, damit die menschliche Seele einwurzeln kann in ihren natürlichen Lebensbereichen, die keine Nischen sind, sondern öffentlich und allen zugänglich: das Vaterland, die durch Sprache, Kultur, eine gemeinsame geschichtliche Vergangenheit, durch den Beruf, die Heimat definierten Lebensbereiche. Verbrecherisch ist alles, was ein menschliches Wesen entwurzelt oder es verhindert, Wurzel zu fassen. Kriterien sind Brüderlichkeit, Schönheit, Freude, Glück. –

„Wer auch immer eine gleichviel wie beschaffene Macht – eine politische, administrative, richterliche, ökonomische, technische, geistige oder sonstige Macht ausübt oder auszuüben wünscht, sei gehalten sich zu verpflichten, diese Verpflichtung zur praktischen Regel seines Verhaltens zu nehmen.“

Ich schlage vor, dass Sie die Texte der Weil nicht zu Gegenständen erkenntnistheoretischer Überlegungen machen. Lassen Sie sie durch sich hindurchgehen. Meditation ist hier angesagt, vielleicht eine Betrachtung unter den Aspekten der Bitten des Vaterunsers, das Simone Weil als einzig notwendiges weil von Christus vorgeschlagenes Gebet durch definiert und für sich akzeptiert hat. Und lesen Sie dann vielleicht darüber hinaus das, was hier zugänglich ist.

Die Gefahr besteht, daß man die Texte instrumentalisiert. Z.B. könnte man bestimmte Äußerungen synkretistisch deuten und meinen, Weil wolle die Religionen vermischen – ein beliebter Zug unserer Zeit. Im Grund meint sie doch aber, daß jeder seinen eigenen Christus finden muß aus seiner Tradition. Aber er ist der Weg , die Wahrheit und das Leben. Er ist die Tür. Wohin? – Das Kreuz ist der Ort des Heils und Grund der vollkommenen Freude ohneWissen um die Zukunft, die uns zu entschlüsseln versagt ist. Das Kreuz ist unsere einzigeHoffnung. „Kein Wald bringt solchen Baum hervor, mit dieser Blüte, diesem Laub und dieserFrucht.“ (Crux fidelis, inter omnes/Arbor una nobilis,)/Nulla talem silva profert/Fronde, flore, germine … – Venentius Fortunatus). Nur dadurch wird Einwurzelung letztlich wirklich möglich.

In diesem Sinne noch ein letztes Wort zur Lehrerschaft, ein Hinweis nämlich auf die verwendete Literatur. Ich selbst bin noch lange nicht fertig mit der kleinen Auswahl Weilscher Texte, die ich im Buchhandel erwerben konnte. In der Reihe Klassiker der Meditation bei Benziger ist eine Sammlung wichtiger Schriften erschienen, die ich Ihnen sehr empfehlen möchte. Sie finden da wichtigste Traktate, unter anderen die Studie für eine Erklärung der Pflichten gegen das menschliche Wesen (Anstoß zur Ausstellung) aber vor allem die „Betrachtungen über den rechten Gebrauch des Schulunterrichts und des Studiums in Hinblick auf die Gottesliebe“, entstanden 1942.

Empfehlen möchte ich auch die wirklich gute rowohlt-Monographie von Angelica Krogman“.

Altenburg, d. 16. September 2002

Ende des Vortrages, Gespräch und abschließendes Gebet mit Segen.

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Simone Weil

Zitate über Gott

Zwei Gefangene, deren Zellen nebeneinander liegen, kommunizieren miteinander, indem sie an die Wand klopfen. Die Wand ist das, was sie trennt, aber sie ist auch ihr Kommunikationsmittel. So ist es auch mit uns und Gott. Jede Trennung ist eine Verbindung.“ 

„Nur das Unmögliche ist für Gott möglich. Das Mögliche hat er der Mechanik der Materie und der Autonomie seiner Geschöpfe überlassen.“ „Wir können nur eines über Gott wissen – dass er das ist, was wir nicht sind. Unsere Erbärmlichkeit allein ist ein Bild dafür. Je mehr wir es betrachten, desto mehr betrachten wir ihn.“ 

„Im Verhältnis zu Gott sind wir wie ein Dieb, der in das Haus eines gütigen Hausherrn eingebrochen ist und einen Teil des Goldes behalten durfte. Aus der Sicht des rechtmäßigen Besitzers ist dieses Gold ein Geschenk; aus der Sicht des Einbrechers ist es ein Diebstahl. Er muss gehen und es zurückgeben. So ist es auch mit unserer Existenz. Wir haben ein wenig von Gottes Wesen gestohlen, um es zu unserem zu machen. Gott hat uns ein Geschenk daraus gemacht. Aber wir haben es gestohlen. Wir müssen es zurückgeben.“ 

„Die Welt ist die Sprache Gottes zu uns.“ 

„Wir müssen alle Tatsachen lieben, nicht wegen ihrer Folgen, sondern weil in jeder Tatsache Gott gegenwärtig ist.“ 

„Wenn wir Gott sein Verbrechen gegen uns vergeben, das darin besteht, dass er uns zu endlichen Geschöpfen gemacht hat, wird er uns unser Verbrechen gegen ihn vergeben, das darin besteht, dass wir endliche Geschöpfe sind.“ 

„Wir können keinen einzigen Schritt zum Himmel machen. Es liegt nicht in unserer Macht, uns in vertikaler Richtung fortzubewegen. Wenn wir aber lange in den Himmel schauen, kommt Gott und nimmt uns auf.“ 

„Inmitten des Abgrunds der Verzweiflung leuchtet der Glanz Gottes am hellsten und bietet dem müden Geist Trost und Hoffnung.“ 

„Das Streben nach Gott verkörpert ein Streben nach Bedeutung, ein unerschütterliches Streben nach Transzendenz in einer Welt, die durch materielle Grenzen eingeschränkt ist.“ 

„Wenn wir die Wunder der Schöpfung betrachten, erhaschen wir flüchtige Blicke auf die Großartigkeit von Gottes Kunstfertigkeit, die durch die Jahrhunderte hindurch widerhallt.“ 

„Gott zu begreifen bedeutet, die gesamte Existenz zu umarmen und sich der göttlichen Gegenwart hinzugeben, die sowohl das Innere als auch das Jenseits durchdringt.“ 

„In der Stille der Selbstbeobachtung begegnen wir den geflüsterten Äußerungen Gottes, die durch die Korridore der Seele widerhallen.“ 

„Gottes Liebe ist die ewige Quelle allen Mitleids, die unaufhörlich fließt, um die Herzen der Menschen zu erheben und zu erlösen.“ 

Notiz

Tagebuch

Dienstag d. 1. Oktober. Was tun fürs Vaterland.

Stau, Stau, Stau, immer wieder fällt mir ein: Der Stau.

Kultursenator und Beauftragter STASI Berlin laden zum 1. Oktober ein zu ERINNERN OHNE ZU BELEHREN.

Fremd im eigenen Land. Deutsch. Karl-Marx-Straße, Normannenstraße. Projekt.

Nie angekommen (Brasch)

Da sind wir nun endlich um 1/2 17.00 Uhr leider immer noch Sommerzeit und nicht Normalzeit -wie von der EU versprochen- weggekommen von Müggelheim, unserem Waldort und Wildschwein-Paradies, um uns dann in den Stau zu stürzen: Rush Hour und stundenlang auf der Autobahn stehen zu bleiben. Stop and go. Abschneiden Tempelhof. Noch schlimmer in der Stadt. Verkehrswende. Wieder auf die Bahn und schließlich Abfahrt bis zur SUAREZ Straße Charlottenburg. 15 die Zahl, die wir suchen über den Türeingänge. Endlich mit Zurückfahren.

Ernst-Lammert-Institut. Ziemlich pünktlich. Studentenwohnheim. Einlass. Smarte CDU- Freunde weisen uns und wir sind erstaunt über den Platzmangel, den man uns am Telefon weissmachen wollte und nur mit Hinweis auf Staatssekretäin a.D., Kulturamtsleiterin in Altenburg bekamen wir tatsächlich die digitalen Eintrittkarten zugeschickt. Wie Theater in Pandemie. Alles geblieben. Aber keinesfalls besser als vorher. Wie gesagt die Ränge waren leer. Die zweite Reihe im Seminarraum.

CILAO und Ebert hatten schon Platz genommen. Wir auch. Kurzes Statment über die Lage. Alles gut bis auf AfD und Krieg in Suez/Ukraine.

Erinnern ohne zu belehren. Oktober. 35 Jahre ist das alles her.

Geht das überhaupt. Erinnerungskultur beinhaltet naturgemäß auch lernen, sanftes lernen gewissermaßen.

Demokratiezentrum in der Normannenstraße an Stelle der STASI-Zentrale. Der zentrale Punkt des Gesprächsabends.

Wir sind gespannt. In jeder Hinsicht.

M.W.

Heile Welt

Eine Rezension

Michael Wohlfarths Werk spiegelt – manchmal wie ein Fiebertraum – das Seelenleben und Empfinden eines tief im christlichen Glauben verwurzelten Menschen wider, der im Spannungsfeld der Nachkriegszeit in der DDR seinen eigenen Weg finden musste, der die friedliche Revolution aktiv mit begleitet hat und nach der Wende bis heute seinen kritischen (Weit-) Blick nicht verloren hat.
Wohlfarth ist Pfarrer und gelernter Tischler, arbeitete mit Jugendlichen in der DDR und hinterfragt in seinen Texten stets die Realität, so wie es wohl auch die ihm anvertrauten jungen Menschen stets getan haben.
Leider gibt es auf viele komplizierte Fragen keine einfachen Antworten, wenn es überhaupt solche gibt… Dies gilt sowohl für die Zeit vor als auch nach 1989 und wohl besonders der Wende selbst.
Wohlfarths große Leistung besteht darin, in einer ihm eigenen sehr komplexen, ja gar kafkaesken Lyrik und Metaphorik dem Leser eben nicht einfache Antworten zu liefern, die der Komplexität seiner behandelten Thematik sowieso nicht gerecht werden könnten, sondern vielmehr ein zum Teil beklemmendes und oft vordergründig verwirrendes Gedankengemälde zu erzeugen, bei dessen Betrachtung der Leser zumindest eine Spur von Wohlfarths Gefühlsleben zu ergründen vermag.
Wenn die Leserin oder der Leser sich darauf einlassen, dann nimmt er uns auf steinigem abgründigem Weg mit auf eine Reise in seine Welt, die uns direkt und ungeschminkt eine Ahnung vom Erfahrenen vermittelt.
Und in den darin enthaltenen Gefühlen liegt dann vielleicht auch ein Hauch von Antwort und Verständnis auf all die unverstandenen Fragen, die Ost und West entzweien.
Michael Wohlfarths Text ist somit eine ungeschminkten Analyse eines genauen und authentischen Beobachters, eines gläubigen Menschen und selbst Betroffenen, der es geschafft hat, seine Selbstzeugnisse in einer ihm eigenen komplexen Sprache so zu verfassen, dass die Gefühlsebene des geneigten Lesers direkt erreicht wird:
In aller ungeheuren Absurdität und Banalität des erlebten Lebens, in aller Subjektivität, oft mit Zweifel aber stets mit soviel Stärke und Hoffnung auf das für einen Menschen Wichtige:
Seinen Glauben.

Heile Welt – Berliner Erzählungen im Verlag auf der Warft. Die dazugehörige Rezension hat ein Freund aus dem self- publisher -Verband geschrieben.

Sie ist unbestellt.

Zum 3.Oktober 2024

Gestern am Breitscheidplatz gewesen, wo ich schon oft genug war – eigentlich. Das erste Mal eine Pro-Israel-Demonstration. Schon ziemlich lange her mit Rednern aller Couleurs aus dem Deutschen Bundestag. Vor der Pandemie und vor der Gründung der AfD in Berlin. Ich erinnere mich, wie eine Jüdin aus Russland/Sowjetunion zwei sympathischen Gymnasiastinnen aus Neukölln das Plakat aus der Hand gerissen hat, auf dem stand: Nie wieder Deutschland. So wie ich es gelesen habe auf den Dächern von Friedrichshain als ich das erste Mal nach unserem Umzug von Altenburg nach Müggelheim (Südost-Rand Berlin) auf der Brücke stand/ Warschauer Straße. Ich war erschüttert und habe Anzeige erstattet. Wegen Überlastung und an Hand mehrerer Anzeigen, die in die gleiche Richtung gingen, wurde die Anzeige nicht bearbeitet, wie mir mitgeteilt wurde: Der Regen würde das schon erledigen. Auch wegen dieses Vorganges wusste ich, warum die AfD solchen Zulauf hat und das Geschichtsbewußtsein für sich in Anspruch nimmt. Weil die anderen Parteien geschlafen haben. Nation ist nur gefährlich, wenn sie unterdrückt wird!! Auch im Disput und im Diskurs, der übrigens schon lange nicht mehr stattfindet.

Also gehe ich auf die Straße zum Nationalen Feiertag und komme dort in‘ s Gespräch. Besser als der nichtssagende Rummel, denn ich erlebt habe am Brandenburger Tor. Immer wieder. FRIEDEN und FREIHEIT, um die es da geht angesichts einer sehr ernsten Bedrohung. Von wem auch immer ausgelöst mit aller Geschichte und Vorgeschichte des Krimkrieges, dem DONBASS und der „Spezialoperation Wladimir Putins“, die in Wirklichkeit ein nicht erklärter Krieg ist, den Russland führt mit dem Ziel, die Nato aus der Ukraine heraus zu halten und inzwischen noch viel mehr. Nach zweieinhalb Jahren Zermürbungskrieg, in dem Tausende von Menschen sterben. Völkerrechtlich gesehen ein unerlaubter Angriffskrieg.

Ich laufe vom Breitscheidplatz, wo meine Erzählung: Vom Osten kommend endet in dem Buch HEILE WELT – BERLINER ERZÄHLUNGEN mit dem genialen Cover des Verlages AUF DER WARFT: Eine Grünpflanze kämpft sich durch den Spalt des Betons – bei Jesaja ist es ein Spross am abgehackten Baum. Wenn Sie genau hinschauen: Auf dem Bild ist es Pflaster, nicht Beton. Ich hätte Einspruch einlegen sollen. Pflaster ist zu urgemütlich – wie das alte Berlin. Beton entspricht meiner Wirklichkeit aus der ich komme: Die DDR, die Diktatur des Proletariats nach sowjetischem Muster und mit kommunistischen deutschen Träumen ausgestattet. Unter 46 Jahren sowjetischer Besatzung.

Daher unsere menschliche Nähe zu Russland mit einer Kirche jetzt, in der ein gewaltiges Auferstehungsbild den Raum bestimmt. In der Sowjetunion unvorstellbar. Ich habe dieses Bild verhöhnt gesehen im Internet: „… und das soll den Soldaten wohl die Kraft geben? Ha, ha, ha!“ Sie verhöhnen die Menschen, die glauben. Es ist schlimm. Gerade auch weil ich Matthias Grünewald liebe und sein Bild von der Auferstehung Jesu Christi (als Pestbild).

Ich laufe und laufe unter Trommelklang in einem Fahnenmeer ROT, sogar mit Hammer und Sichel, Schwarz-Rot-Gold mit dem Emblem der DDR, als dem besseren Staat, wie es auf einem Plakat heißt.

Mit vielen hochgehaltenen Schildern unserer Buchstabenwelt: alle Argumente im Austausch in einer Zeit des Krieges und der Inflation, wie der Tagesspiegel schreibt.

Ich laufe mit wegen FRIEDEN MIT RUSSLAND.

Wegen meines Buches „ACH DOSTOJEWSKI“.

WEGEN DER RUSSOPOHBIE die ausgebrochen scheint.

Hoffentlich wollen da nicht einige sich rächen wegen Stalingrad.

Habe ich oft gedacht.

Sie wissen es selber nicht.

Ihre Großväter haben die Panzer gefahren, bis sie im russischen Schlamm steckengeblieben sind.

Wer hat das angerichtet: den Wortbruch.

Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein, weil es Deutsche gibt, die es verdienen, auf sie stolz zu sein. Hans-Dietrich Genscher z.B.. Er hat sein Wort gegeben als Hallenser, damit es zur deutschen Wiedervereinigung kommen konnte: Die NATO wird nicht über die Oder gehen, geschweige über die Weichsel. Die Russen sind abgezogen. Die Amerikaner ganz und gar nicht. RAMSTEIN. Warum wohl gibt es diesen Auflauf? Unter diesem Namen.

Das Wort ist gebrochen worden. Gekauft worden. Verkauft worden. Kein guter Stern für die Wiedervereinigung Deutschlands. Kein guter Stern für die zerfallende Sowjetunion.

Wenn wir von Korrektheit reden, von Recht und Völkerrecht, muss auch und gerade davon gesprochen werden. Über was sonst.

Tagebuch

1.

Landsberg heißt jetzt Gorzow und das Wort Berg kommt auch in dem jetzigen Namen zum Tragen. Die Berge nach Norden hin. Von der Warthe aus gesehen. Landsberg an der Warthe. So steht es in meinem Personalausweis. Stand in der DDR. – Ich dachte immer, ich bin ein Flüchtlingskind. Aber das stimmt nicht. Meine Mutter ist auf Anraten meines Vaters vor meiner Geburt nach Mitteldeutschland gezogen, nach Thüringen, in ein Dorf bei Jena, Kreis Stadtroda: Mörsdorf. Dort war ein Großonkel von mir Pfarrer und in dem Pfarrhaus war noch Platz. Allerdings ist sie dann zurück zu ihren Eltern in die Stadt, in der sie ihre Jugend verbracht hat. Ich bin in einer Privatklinik unweit von der Wohnung meiner Großeltern mütterlicherseits in Landsberg an der Warthe in der Neumark, jetzt Polen, geboren worden.

Nach der Taufe, als der 2. Weltkrieg immer näher kam, fuhr meine Mutter mit mir zurück in ihre Wohnung in Ostthüringen. Meine Großmutter Theodora Arter begleitete uns. Fuhr dann aber zurück zu ihrem kranken Mann Dr. Friedrich Arter, meinem, unserem Großvater mütterlicherseits.

Ich habe noch 7 Geschwister.

Also Gorzow. Das Hotel, um welches es geht, steht in der Nähe der so genannten Freiheitsglocke, gespendet von der AG Landsberg mit der ich auch assoziiert bin. Wir haben zu meinem Geburtstag dort unseren ersten HALT gemacht, als er wir unsere Stadtwanderung unternommen haben in Richtung Warthe und darüber hinaus. Ein großer Platz, auf dem auch die Vereidigungen der Armee vorgenommen werden unter Teilnahme der Bevölkerung. Eine Brigade ist ganz in der Nähe stationiert und legt großen Wert darauf, dass es eine Voksarmee ist und bleibt. Zur Vereidigung in diesem Jahr, ausgerechnet in der Zeit unseres Familientreffens, strotzt die Großstadt nur so von Panzern, schwerem Gerät und Mannschaftswagen aller Art. Der evangelische Geistliche erzählte uns Einiges darüber nach dem sonntäglichen Gottesdienst in seiner Kapelle auf dem ehemaligen Friedhof der deutschen Stadt, jetzt KOPERNIKUS-PARK.

Das Hotel ist nur ein paar Straßen entfernt von der ehemaligen Steinstraße in Landsberg an der Warthe, in dem meine Großeltern mit ihrer Familie gewohnt haben, nachdem Großvater Arter in Landsberg sich als Rechtsanwalt nieder- gelassen hat. Die Kanzlei besuchten wir ebenfalls en tour am Sonnabend dem 6. Juli anläßlich meines 80.*Tages, weswegen der Familienausflug geplant worden war. Bevor wir über die Brücke gingen und das Stadtmuseum in Augenschein nahmen. Leider hat einer der Nachfolger meines Großvaters aufgegeben oder sich einen anderen „Stellplatz“ gesucht. Jetzt ist das Ganze unkenntlich bis zum geht nicht mehr. Nebenan ein SEXSHOP im katholischen Polen. Die Kathedrale oberhalb der Gasse lässt grüßen mit dem Bischof vor der Tür, überlebensgroß in Bronze gegossen wegen SOLIDARNOSC. Die Kathedrale heißt Marienkirche und ist größer als die Marienkirche in Berlin.

Es gibt viele Orte zum HALT MACHEN, zum Stillehalten und der Besinnung.

ZUM GEBET.

Es ist ein geschichtlicher Ort für unsere Familie. Ein bedeutender Ort, weil meine Großmutter von hier aus floh, mitten hinein in die sowjetischen Truppen, die schon längst weiter waren als sie und Freunde, die die Stadt dramatisch verließen mit schwerem Herzen.

Einem Pfarrer soll hier ein Denkmal gesetzt werden. Pfarrer Grün, der bis zuletzt gewartet hat. Er hat die letzten Beerdigungen vorgenommen. Er hat sich einen Wagen genommen mit dem Kutscher und die Toten zum Friedhof auf den gegenüberliegenden Berg gefahren, um sie in Würde zu beerdigen. Mein Großvater wurde dorthin gelegt, wo schon mein Onkel Friedrich lag, um auf den Auferstandenen und zum Himmel Gefahrenen zu warten, wenn er wiederkommt auf die Erde, um zu richten die Lebenden und die Toten. Sie zu sich zu nehmen als die Gerechten und Ungerechten. In das Licht und die Finsternis.

Es sind Menschen gekommen, die Dr. Arter geholfen haben in seiner Krankheit, die ihm Nahrung gebracht haben, um zu überleben. Es gab dankbare Menschen, die bezeugt haben, wie ihnen der RA geholfen hat im nationalsozialistischen Staat: Juden und Jüdinnen; Männer und Frauen der bekennenden Kirche.

Der ehemalige Bürgermeister von Hohensalza vor dem 1. Weltkrieg und kurz danach, als seine Tochter Annemarie eine Kugel traf im polnischen Aufstand; der ehemalige Bürgermeister von Pößneck in Thüringen (meine Mutter Angela wurde dort geboren) war ein sozial denkender Mensch, der in beiden Städten dafür gesorgt hat, dass dort menschenwürdig gewohnt werden konnte. Zusammen mit seinem Partner, dem bekannten Architekten Heinrich Tessenow, der dem Bauhaus nahestand.

Als die Russen kamen und Landsberg als Festung, die von niemandem verteidigt wurde, niederbrannten, dort plünderten und vergewaltigten, kamen sie auch in die Wohnung in der Steinstraße und nahmen ihre Mützen ab, wenn sie zu VÄTI geführt wurden, der krank darniederlag. Nur die Uhren nahmen sie mit. Sonst taten sie niemandem etwas. Das Kreuz meiner Großmutter hat ihnen Respekt eingeflößt. Und sie bekamen Achtung vor den Verlierern, die sie gerade dabei waren zu demütigen. – Was ist endgültig, frage ich heute im September 1924 am Ostrand Berlins, 80 Jahre danach. Wärend der Krieg im Osten der Ukraine tobt.

Allerdings belegen Briefe, die meine Schwester Christine gefunden hat und aufbewahrt, wie aktiv unsere Großmutter auf den Krieg reagiert hat. Sie hat die Mädchen mit Kohle schwarz angemalt und im Keller versteckt, in Schränken. Sie ist von Haus zu Haus gelaufen und hat Mut gemacht.

Landsberg/Gorzow- jetzt Großstadt, damals eine Mittelstadt vergleichbar von der Größe her mit Altenburg in Thüringen, wo ich 20 Jahre als evangelischer Pfarrer mit meiner Frau Margard zusammen gearbeitet habe.

Eine brandenburgische Mittelstadt, um mit Ausdrücken von heute zu agieren.

Ich habe diese Stadt besucht nach meinem Geburtstag am 18.6.24, den ich in der Müggelheimer Kirche und im Cafe gegenüber gefeiert habe mit Berliner Freunden und Bekannten, mit unserem ältesten Sohn aus Stepfershausen in der Rhön und Max, dem Abiturienten, seinem Sohn, meinem ersten Enkel; meinem Berliner Bruder Ehrenfried und seiner Frau Anita, Anne-Katrin, der Tochter meiner Cousine Anneliese, Therese, der Tochter meiner Cousine Renate.

Frau Pfarrer Schwedusch-Bishara wollte es so, dass es einen richtigen Gottesdienst gibt mit Segenspenden mitten in der Gemeinde, die auch zahlreich erschienen war.

Mein Sohn meinte aber, nun müßte ich aber doch nach Gorzow fahren, um von Angesicht zu Angesicht zu klären, ob unsere Anmeldung und anschließende, fast ausschließlich einseitige Korrespondenz zum Familientreffen Früchte getragen hat und wir vom 5.- 7. Juli wirklich willkommen waren im Hotel GRAZJA.

Ich habe das gemacht, bin vorbeigefahren an dem Delta der Warthe zur Oder hin. Allerdings seit Längerem kein Wasser zu sehen. Trocken gelegt? Die Waldstrecke, neue Straßen mit Kreiseln und wieder Gorzow in Sichtweite. Irgendwo davor Lagerung. Fettbrote oder so ähnlich. Alles in solo. Ankunft gegen Mittag. Stellplatz wieder neben der Freiheitsglocke, die ich zuletzt erlebt habe im Januar des vorherigen Jahres mit der AG Landsberg zusammen. Von daher kannte ich das Hotel und war begeistert vom Schwimmbad mit fitness.

Die Telefonnummer großartig angebracht über dem Eingang, der über ein Brückchen führt wegen dem Bächlein, an dem meine Cousine Renate angeblich vor und nach dem Kindergarten gespielt hat, als sie mit ihrer Mutter mit in der Wohnung meiner Großeltern wohnte. In Kriegszeiten. Ja, dort gab es Enten, die entweder in den Parks herumgeisterten oder schwammen und tauchten.

Ankunft an der Theke. Alles gut, alles gut. Viel mehr war nicht und die Bitte, sich an den und den zu wenden an dem Familienwochenende, weil der Manager, er selber, da Urlaub hat. Also doch eine Information und die traurige Erkenntnis: DDR-Bürger. Hinterwald. Osten. Null, Null, Null. Die Zahlenreihe. Algorithmus. 00 Polen, Hotel. Ein Lustspiel sondergleichen. Also nach Hause. Nicht einloggen, möglichst über NORDEN, nicht weiter nach OSTEN wie im vorigen Jahr, als meine Frau und ich nach der Anmeldung keine Lust hatten sofort nach BERLIN zu fahren.

Sondern nach Danzig.

1.Sonntag im Herbst 24

Am ersten Sonntag im Herbst 24

Wenn ich in Israel gereist bin, habe ich immer gehört: die christliche Welt. Damit meinte der israelische Lotse die Welt aus der wir kamen, die Christliche Welt. Ja, diese unsere Welt ist durch das Christentum das geworden, was sie ist mit ihren Idealen:Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Das sind die leuchtenden Begriffe dieser Welt, Europas. Hoffentlich nicht nur Leucht – Reclame, sondern wirklich die Kraft und die Stärke derjenigen, die getauft sind und versuchen ihren Glauben zu leben, um danach die Welt, ihre Welt, ihre Beziehungen zu gestalten.

In unserem für heute vorgeschlagenen Predigttext lesen wir:

Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt (damit) Christus angezogen (wie ein Taufkleid).

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau;denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.

1.Da bin ich gleich wieder im Bus, der durch Israel fährt und höre Chanan (Hans), der überlebt hat in einer holländischen Familie, als Nazi-Deutschland Holland besetzt hat.

Christliche Welt.

Die Welt auch Abrahams.

Denn wir sind ja auch Abrahams Kinder, wie die Juden und Muslime.

Ja – und dann ist auch die Welt Israels nicht unchristlich.

Bestimmt nicht, weil wir deswegen ja dort sind.

Wegen dem Christus, auf den ich getauft worden bin von meinem Vater im Fronturlaub im damaligen Landsberg an der Warthe in der brandenburgischen Neumark. Im Wohnzimmer meiner Großeltern mit Wasser aus der Silberschale, die jetzt auf der Kommode steht zu Hause bei uns hier in Müggelheim in der Philipp-Jacob-Rauch-Strasse.

Jüdisch-Christliche Tradition.

Wir warten, dass ER wiederkommt. Unsere jüdischen Brüder und Schwestern warten, dass ER kommt. DER MESSIAS.

Wir warten nach der Schrift. Wir warten nach der Verheißung.

Nach der Verheißung, nach der Zukunft: Als Erben sogar, als Erben des Reiches Gottes. Als Söhne und Töchter Gottes in Christus.

Reich Gottes, welches schon hier beginnt, wenn wir uns als Brüder und Schwestern nahe sind und aus einem Kelche trinken, von einem Brot essen, dem Brot des Lebens. Die familia DEI, die Familie Gottes s i n d.

2. Warum betont Paulus zum Schluss seines 3. Kapitels im Galaterbrief in den Versen 26 – 29 so vehement (noch einmal lesen s.o.- je nach Situation) die Einheit der Christen.

Die Ökumene?

So sehr?!

Die Einheit der Kirche, an die wir glauben in unserem Glaubensbekenntnis, auch in diesem Gottesdienst?

Und wo liegt denn eigentlich Galatien? Und wer sind die Galater?

Sie lebten in Zentral–Anatolien, in dem Gebiet der heutigen Türkei. Paulus war mehrmals in der Gegend rund um das heutige Ankara herum, Kleinasien. Zuerst ging er als gebürtiger Jude bei seinen Missionsreisen immer in die Synagogen und hat das Evangelium von Jesus dem Gekreuzigten und Auferstandenen dort gepredigt.

Mit Erfolg.

Die jüdischen Gemeinden waren im damaligen Sinne auch weltweit verstreut. Als Diaspora. Die Welt war multikulturell. Aber nicht nur Juden hat er getroffen, im Gegenteil; er war der sozusagen patentierte Heiden-Missionar und bekam durch die differenzierte Zusammensetzung der Gemeinden die Fragen Jude oder Heide, Mann oder Frau, welche Religion auch immer, Sklave oder Herr „auf den Tisch, die er beantworten musste. Menschen, die Verantwortung tragen müssen Fragen beantworten, sonst sind seine Gemeinden in Gefahr, die er begründet hat mit seinen Mitstreitern. Und er wird immer wieder die Begründung für seine Antworten mitliefern. Für seine Verantwortung: Eins in CHRISTO.

3. Im Einzelnen: Die bekehrten Juden meinten, ihre jüdischen Gebräuche seien heilsnotwendig auch wenn sie an Jesus Christus als Heiland der Welt, als Messias und Erlöser glaubten. Und die Heiden (Ethnes), also Nicht-Juden müssten diese Sitten mit annehmen und praktizieren wie sie. Und ihre Sitten und Gebräuche ablegen.

Kernthema: Beschneidung.

Paulus zu den bekehrten Heiden: Ihr müsst nicht mosaisch werden.

Paulus zu den Juden: Ihr sollt Juden bleiben, aber ihr dürft die anderen nicht nötigen, erst Juden zu werden, damit sie Christen werden können.

Abraham ist unser Kronzeuge. Er ist durch den Glauben ABRAM zu ABRAHAM geworden, zum Vater des Glaubens und ihm sind durch den G l a u b e n und nicht durch die Einhaltung irgendwelcher jüdischer Rituale die Verheißung, die Zukunft zuteil geworden, die auch unsere Verheißung und unsere Zukunft ist.

4. Wie schön wäre es, wenn auch wir in unseren Streitigkeiten zuerst das sehen, was uns verbindet und nicht das, was uns trennt. Im Gemeindekirchenrat, in den Konventen. In der Ökumene, wo orthodoxe, römische und protestantische Christen sich begegnen.

Wie schön wäre es, wenn wir unsere Traditionen und Denkschulen positiv einbrächten und nicht zu Grenzzäunen machen.

Sondern uns freuen, wenn uns „die andere Seite“ die Schönheit ihres Glaubens zeigen.

Wie schön wäre es, wenn der Glaube an den einen HERRN Vereinnahmungen ideologischer Art und Weise überflüssig macht.

Dann ist der Glaube an Jesus wirklich revolutionär, weil er den Grund legt nicht für die Gerechtigkeit für mich alleine, sondern für die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Zur Freiheit für die tätige Liebe aus Glauben ruft er die Galater auf.

Ein zänkisches Bergvolk, keltischen Ursprungs,wie ein Ausleger bemerkt.

Schenke es Gott uns allen, dass unser Glaube an Jesus nicht erstickt wird in den Dornen des Alltags, sondern Früchte des Geistes tragen wird, die der Apostel zwei Kapitel weiter benennt:Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte. (Kapitel 5, 22).AMEN

Mit freundlichen Grüßen

Michael Wohlfarth

Gemeindeabend Ostkirche – ein Nachtrag.

Die Pfingstkirche ist die größte aller christlichen Kirchen und die, die am meisten wächst. Die charismatische Weltbewegung war die Antwort auf die Geistvergessenheit in den Kirchen. Selbst die Berliner Mauer und der ungarische Stacheldraht konnten sie nicht aufhalten im Kalten Krieg. Pfingstkirche heißt nicht unpolitisch sein. Im Gegenteil. In Südamerika und Afrika bemühen sich Regierungen und Parteien, Impulse dieser Bewegung aufzugreifen. Oder auch abzuwehren. Wobei „links“ und „rechts“ infrage gestellt werden. Pfingstkirchen sind in Mega-Städten zu Hause, damit sie ein zu Hause werden. Das ist ein Anspruch, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die charismatische Bewegung ist gleichermaßen in der katholischen Kirche zu finden wie auch in der lutherischen. Sie bewegt sich unabhängig von den Lehren zum Heiligen Geist, die die jeweiligen Kirchen vertreten. Die charismatische Bewegung ist keine Denkschule und verkörpert keine Traditionslinie im herkömmlichen Sinn.

Die Charismatische Weltbewegung macht deutlich, die Pfingstkirchen machen es deutlich, dass es mit der Theologie des Heiligen Geistes nicht um Formeln geht, die man eigentlich genauso gut vergessen kann und man höchstens froh war, sie ansagen zu können, wenn man danach gefragt wurde z.B. in einem theologischen Examen. – Aber auch schon in einem landeskirchlichen und akademischen Kontext wird deutlich – im Koexistieren verschiedener Religionen – , dass es eine große Täuschung ist, zu glauben, nichts vom Heiligen Geist wissen zu müssen und nichts von der Lehre der Trinität im christlichen Glaubensbekenntnis. – Mir sehr erinnerlich Bischof Bedford-Strohms Bemerkung in multikultureller Absicht, damals leitender Bischof der EKD: Fragen Sie einen Christen, eine Christin über das Wesentliche des christlichen Glaubens. Meinen Sie, sie bekommen zu hören: Die Trinität? – Zitat Ende.-

Im Gegenteil, innerhalb der monotheistischen Religionen, der abrahamitischen Religionen, ist es um der Redlichkeit Willen wichtig die Dogmatik der eignen Religion zu kennen.

Gott schenke es, auch zu glauben.

Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Die alten Kirchen hatten das Glaubensbekenntnis bezüglich des Heiligen Geistes, dass er gleichermaßen vom Vater ausging wie der Sohn, Christus, selber. Dieser Satz wurde im Osten der Kirche betont und weiter getragen in die Geschichte, bis auf einmal der Zeitpunkt gekommen war, dass es zwei Sätze gab: Die Herkunft des Geistes ist als vom Vater zu beschreiben. Die Herkunft des Geistes ist als vom Vater u n d dem Sohn zu beschreiben. Den ersten Satz betonte so die Kirche des Ostens. Bis sie es aufschrieb als Dogma für sich. Den zweiten Satz betonte die Kirche des Westens. Bis sie es aufschrieb für sich und ihr Selbstverständnis und dann auch als Machtanspruch.

DAS ABENDLAND. Die Trennung nannte man folglich DAS MORGENLÄNDISCHE SCHISMA. DER ZEITPUNKT EINTAUSENDVIERUNDFÜNFZIG (1054) ! Siehe dazu das Nicaenische Glaubensbekenntnis in unserem Gesangbuch. Dort wird es ganz deutlich. Nicht im apostolischen Glaubensbekenntnis, dass wir meistens im Gottesdienst beten und damit Gott loben.

Heute hat man den Eindruck, dass das alte Schisma wirksamer ist als das neue: Die Trennung in römisch/katholisch und evangelisch/protestantisch.

Der Osten und der Westen. Im sogenannten Kalten Krieg war das viel einfacher zu buchstabieren durch Politik und Ideologie.

Der Osten war kommunistisch. Der Westen kapitalistisch.

Der oberste Seelenhirte der ROK (Russisch – Orthodoxe Kirche) sagt heute nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Krieg in der Ukraine von sich, dass er besser mit dem Islam zurecht käme als mit dem Westen. Der Osten ist orthodox und asiatisch. Der Westen ist demokratisch. Das alte Schisma gewinnt an Bedeutung in der jetzigen Auseinandersetzung zwischen autoritär und liberal. Besonders durch die Führung Russlands unter Kyrill und Putin.

Dogmengeschichte ist also aktuell. FILOQUE: UND DER SOHN, VON DEM A U C H U N D G L E I C H Z E I T I G DER HEILIGE GEIST AUSGEHT. Nicht nur vom Vater. Von Beiden. Wir erinnern uns an Moltmann mit seiner Art von Gruppendynamik zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Und indem RUACH als das Weibliche angesehen wird, RUACH, der Geist, der über den Wassern schwebte, als noch nichts passiert ist in der Schöpfung spielt natürlich bei Moltmann das Femininum in seiner Trinitätslehre eine Rolle. Die Sexualität dann ein gefundenes Fressen für jedwede Form der französischen Satire im Ausspielen der verschiedenen Religionen auf französischem Boden. Vielleicht der wirkliche Grund für Kyrill vom Untergang des Abendlandes zu sprechen, des WESTENS. Bestimmt hat er nichts gegen das Johannesevangelium, besonders gegen die Kapitel, in denen sich Jesus verabschiedet von seinen Jüngern und ihnen den Heiligen Geist verheißt als Tröster und Beistand (PARAKLETOS). Damit auch seinen Geist, den der Vater und der Sohn sind eins.

Sprache des Glaubens

Tagebuch: Gestern abend Vortrag und Gespräch zum Thema Ostkirche.

Bitte BLOG Ostkirche aufrufen (Februar 24) und die Ergänzungen bzw. Anhänge lesen, die nötig geworden sind und aufgefallen sind beim Nach-Gespräch und z.T. heftiger Diskussion zum Thema Osten und Frieden. Ich danke für alle Aufmerksamkeit und bitte darum, dass wir nicht in unserem Narzismus verharren, sondern das FEINE, dass wir nötig haben in unseren Beziehungen gesellschaftlicher und privater Natur in der Theologie finden. Allerdings einer Theologie, die nicht die Kirche zersetzt, sondern ihr dient ( Klaus Berger). Kirche verstanden als EKKLESIA, die Herausgerufenen. Einer Theologie, die gebetet wird, wie Wolfgang Lory+ uns sagte auf meinem ersten Konvent in Thüringen (Schmölln).

Dass wir glauben, was wir beten und wir beten, was wir glauben (ein anglikanischer Kollege tief im Sozialismus; Tagung Potsdam, Hermannswerder).

Einer Theologie, die Trost spendet, wie mir eine Schriftstellerkollegin sagte – und empfohlen hat. Einer Theologie eben wie der Spötter Bertolt Brecht trotzdem und vielleicht gerade deshalb wusste: Sie ist das Subtilste. Er hat sie scheinbar geschätzt. Sonst hätte er es nicht gewußt.

Was wissen wir?

Buchempfehlung Erhart Kästner: Die Stundentrommel vom heiligen Berg Athos.

„Endlich keine Theologie. Endlich Glauben.“ – Wandern auf dem Athos.

Evangelisches Gesangbuch Lied 124 für Pfingsten: „Nun bitten wir den Heiligen Geist, um den rechten Glauben allermeist, dass er uns behüte an unserm Ende, wenn wir heimfahrn aus diesem Elende. Kyrieleis.“- Lied zur Handauflegung und Segnung der Konfirmanden in Ostthüringen. – 13. Jahrhundert. Die folgenden Strophen von Martin Luther.

Einsamkeit

1

Ein mir wichtiges Sommerevangelium war die Geschichte mit Jesus, wo sie ihn zum Schluss zum Brotkönig machen wollen, weil er das Brot so wundersam vermehrt hat, dass alle satt wurden; mehr noch, dass es Körbe gab, die voll gesammelt wurden mit den Resten, die nicht gegessen werden konnten von den 5000.

Vielleicht waren es mehr. Vielleicht waren es weniger.

Jesus floh, als er merkte, dass sie ihn zum Brotkönig machen wollten (Johannes 6 1-15).

Jesus flieht oft – in die Einsamkeit. Seit dem fliehen Viele – in die Einsamkeit. Die Mönche, zuerst der heilige Antonius, der – in der Wüste – seine Höllenfahrt erlebte – und überstand.

Wir nennen das Aus – Zeit. Pause. Einmal aus Allem `raus. Urlaub.

Wer weiss, was sie mit uns machen wollten. Etwas gutes oder etwas Schlechtes.

Wir sind froh einmal aus dem gnazen Trubel heraus zu kommen. Aber auch ohne Urlaub und die Sehnsucht auszusteigen gehört es zu unserer Kultur, wenigstes einen Moment zu finden im grellen Licht des Tages, der uns selber gehört. Damit wir immer wieder die Kraft finden weiter zu machen, die Aufgaben zu erledigen, die auf uns warten. Was man heutzutage so grossartig Momentum nennt, ist eigentlich d a s.

Und wenn wir diesen Moment nicht finden, dann sind wir unzufrieden. Und haben nicht die nötige Freiheit, die wir benötigen, um den Tag, die Woche, das Jahr gestalten zu können.

2

Um so mehr bin ich erstaunt, dass Einsamkeit jetzt ein Thema ist. Ja, dass überlegt wird, eine Regierungsstelle zu schaffen, die sich mit dieser Frage beschäftigt: Einsamkeit.

Ein gesellschaftliches Problem. Zu viele Menschen sind einsam. Ein relevantes Thema. Auch sicher zum Thema geworden durch die Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie Corona. COVID.

Ehen sollen darüber kaputt gegangen sein.

Familien.

Es gibt Klage und Anklage.

Und Verteidigung.

Rechtfertigung.

3

Ja, es ist wirklich wahr, wer keine selbstverständliche Gemeinschaft in der Gemeinde Jesu hat, wird sicher kaum eine solche Einsamkeit mit Gott kennen, wie ich sie oben beschrieben habe an Hand des Sohnes Gottes, der die Menschen flieht, seine Anhänger und Jünger, die Populisten, um im Angesicht des Vaters Atem zu holen, Kraft zu schöpfen.

Auf einem Berg.

In einem Garten. Zum Beispiel Getsemani.

4

Einer der bekanntesten Theologen des 20. Jahrhunderts war Karl Barth. Er war Dorfpfarrer in seiner Heimat, in der Schweiz. Über seine Auslegung eines Briefes des Apostel Paulus an die christliche Gemeinde in ROM ist er von heute auf morgen zu einem der bekanntesten Ausleger und Deuter der Heiligen Schrift geworden. Er hat im Laufe seiner Karriere eine vielbändige Dogmatik geschrieben. Wenn man so will ein Lehrbuch über den christlichen Glauben. Zum Schluss hat er seinen Studenten erklärt, wie einsam ein Pfarrer und eine Pfarrerin sein können. Ja, vielleicht müssen. Er kannte die Berge der Schweiz und die Wege, auf denen man die Einsamkeit sucht und findet.

5

Blaise Pascal, ein Mathematiker und Philosoph des 17. Jahrhunderts hat seine Zeitgenossen und -Genossinnen wissen lassen: dass das eigentliche Grundübel seiner Zeit und seines Erachtens darin bestünde, dass die Menschen es nicht länger als zehn Minuten alleine in ihrem Zimmer aushielten. Dann müßten sie hinaus stürmen und die Welt erobern.

6

Als meine Frau und ich 1988 von unserem evangelisch-lutherischem Pfarramt Thonhausen mit den umliegenden Dörfern Mannichswalde, Wettelswalde, Schönheide wegzogen, weil mein Gehalt im Sozialismus so schmal war, dass meine Frau Angst hatte, es reicht nicht für uns und unsere Kinder und sie müsse in ihrem Beruf als Theater-und Kulturwissenschaftlerin etwas dazu verdienen, haben wir in unserer neuen Stelle in der Theater-und Kreisstadt Altenburg die Brüderkirche a u f g e m a c h t, damit a l l e in ihr eine Herberge erkennen könnten für gute und schlechte Zeiten. Komischerweise funktionierte das. Ein Lehrer als erster erschien auf unseren Aushang hin und hat uns seine Hilfe angeboten. Noch andere kamen.

Die Offene Kirche und die Friedliche Revolution waren für uns eine Einheit. Und die Stadt-Community hat das auch immer so verstanden.

Und für sich in Anschlag gebracht.

Die Offene Kirche war gleichzeitig ein Ort der Gemeinschaft – bis dahin, dass Menschen in ihr gesund geworden sind – und sie war ein Ort der Einsamkeit, der Fluchtbewegung: ASYL. Wie eigentlich immer in Krisen-Zeiten der deutschen Geschichte.

Die Spannung von Gemeinschaft und Einsamkeit mit Gott und den Menschen ist die eigentliche Dynamik, die eine christliche Gemeinde ausmacht in ihrem Kern. Die so genannte Kerngemeinde.

7

Und was hält diese beiden Dinge Gemeinschaft und Einsamkeit zusammen, bezw. läßt sie uns aushalten?

Das Gebet.

Das Vaterunser.

Unser Glaubensbekenntnis.

Das Sprechen lernen im Gebet zu Gott hin, das Sprechen lernen im gemeinsamen Lösen einer Aufgabe. Vieler Aufgaben, die auf uns warten.

Im gemeinsamen Auslegen der Heiligen Schrift.

Wir hatten und haben ein großes Holzkreuz im Altarraum stehen. Daran hingen an den Nägeln die Gebete der Besucher der Offenen Kirche. Wenn ich nicht wußte, was ich sonntags predigen soll an Hand eines vorgeschlgenen Textes, bin ich an dieses Kreuz gegangen und habe diese Gebete gelesen.

In großer DEMUT. Denn sie standen da ohne jeden Datenschutz, manchmal mit Name und Adresse.

So viel Vertrauen!!!

8

Die Kirche, die Gemeinde hat also ein Angebot zu machen, wenn jetzt das Thema Einsamkeit ein Thema der Politik wird.

Ist es so schlimm geworden? Die Einsamkeit, die Isolierung, der Egoismus, die Gier nach Geld und Macht.

Bitten wir für unsere Kirche, dass sie nicht nur für sich selber da ist, sondern in der Lage ist Antworten zu geben. Und nicht nur Fragen zu stellen, wenn sich Menschen aufmachen, Gott zu suchen und den Nächsten.

Beides oft gleichermaßen verloren.

Umzug 1988 von Thonhausen nach Altenburg

Lebensfreude auf dem Land

Aus der Stille, der Kontemplation in die Aktion: Schulgründung 2000, 16. Jahrgang SPALATINGYMNASIUM Altenburg

Das Buch der Offenen Kirche…in jedem Portal, Müggelheim(Berlin) nach der Heimreise vom Fischland am 5.Sept.24 M.W.

Achtung: morgen am 11. September `24 in 12559 Berlin -Müggelheim, Ecke Müggelheimer Damm/Ludwigshöheweg, erste Bushaltestelle (69) um 19.00 Uhr (KITA/Gemeindeeingang) „Ostkirche- Orthodoxie“ Impuls Bilder, Musik, Erlebnisberichte.(Pfr.i.R. Michael Wohlfarth-s.a. Blog weiter unten.)

Prosa im Sommer oder doch GEDICHT?

GEBROCHEN DEUTSCH

Gedicht in 13 Versen

Vers 1

Neulich schrieb mir eine Kollegin im Vorlesen, sie möchte auch Schriftsteller werden.

Wir müssen hier nicht auf Endungen achten. Sie ist aus Thüringen. Weimar. Das sagt alles.

Also sie schrieb, dass sie noch viel vor hat. Sie ist gut im Organisieren.

Nur der schläfrige Verleger reagiert nicht.

Sie möchte ihr Erstlingswerk in die Homepage des Verlages bringen. Sie hat gute Leute. Aus Köln jetzt. Wo der Dom ist.

Da ist alles aufstrebend – gewesen.

Mich ermuntert das – so lange nichts Besonderes passiert – nach der Lesung in Leipzig – an diesem deutsch-deutschen Roman weiterzuschreiben, wo keiner weiß, wohin er uns führt. Amerika oder Russland?

Vers 2

Auszug aus einem Brief:

„… ach, Dostojewski, jetzt machen sie dich auch noch schlecht: Gute Literatur ? – ja, aber deine Weisheiten?

Wie bei deinem Bruder Tolstoi.

Behalte sie doch lieber für dich.

Inzwischen gibt es Einiges, wo über dich so gesprochen wird.

In angesehenen Tageszeitungen, Kultur-Kolumnen aller Art.

Ich möchte keine Namen nennen.

Du weißt schon.

ACH DOSTOJEWSKI, komm heraus aus deiner Hütte in Tirol.

Oder sitzt du schon auf dem Felsenvorsprung am Berg und wartest auf den Bergrettungsdienst.

Auf den Heli, wie die jungen Sportler sagen.

Die Eventisten.

Also, besser bleibe darinnen.

In deiner Hütte, Höhle oder wo

immer.“

Vers 3

Es ist schon ein Problem.

Das Fernsehen taugt nicht zur

Unterhaltung.

Die Krimis werden immer ernster.

Oder lustiger,

die Toten sind nicht mehr tot,

sondern Material für den Slapstik.

Vieles wirkt kindlich wie

CHRISTINE SUCHT DEN

LIEBEN GOTT.

Ohne Gott.

Immerzu wird mir erklärt, warum es so kommen muß.

Das Schreckliche.

Alles ist Zufall.

Nicht einmal mehr peinlich.

Jeder kann es sein.

Jede kann es sein.

Ist ja wahr.

Wo ist das alles nur abgeschrieben?

Aus dem Internet?

„Jetzt wollen wir dem Feminismus frönen“, rufen sie.

„Es gibt keine Schuldigen mehr!“

Es gibt nur eine Friedhofskapelle, wo die Toten aufgehoben werden, in der das Vaterunser nicht gesprochen wird, sondern das entscheidende Gespräch „zwischen den entscheidenden Parteien.“

„Aus denen die Komplizen kommen.“

Es ist alles nur ein Unfall gewesen.

Tragisch wie bei Kleist:

die Schuldig-Unschuldigen.

„Ach ja, Dostojewski, wir sind

alles Kinder ohne Vater.“

„Eine Spur von Geschlechterkampf vielleicht?“

„Bitt‘ schön, der Herr.“

„Bitt‘ schön, die Dame!“

Oder umgekehrt.

Das Gebot: DU SOLLST NICHT TÖETEN wird illustriert, indem die Polizei sich darum kümmert.

„Das kann so nicht weitergehen, Dostojewski!…..“

Vers 4

Wo bist du?

Im Schatten des Abends?

Wer bist du, in der Morgensonne?

Du bist da, wo wir alle sind.

Im Gewühl der Großstadt.

Versteckst du dich?

Bist du nackt?

Heißt du auch Adam.

Wie wir alle.

Du ziehst von einem Ort zum anderen.

Von einer Kraft zur anderen

im Tal?

Von einem Event zum anderen.

Von einem Diskurs zum anderen.

Mit fadem Beigeschmack.

Vers 5

Beschreibung eines Glasfensters

in einer Kirche am Markt:

Rückbesinnung

Wie sie da herumsitzen

um das Kind Jesus.

Und er belehrt sie.

Aber werden sie klüger?

Einige wenigstens?

Sie sehen gut aus.

Ein Nazarener hat es entworfen –

das Bild –

und ein Kunstschmied in Mosaike zusammengefaßt.

Nach Norden gerichtet.

Wenig Sonne.

Aber genügend Altenburger Tag,

wo Skat gespielt wird

zum Feierabend,

weil es hier erfunden wurde.

Wie vieles andere.

Auch Brockhaus ein Altenburger.

Das Gericht ist nach der Wiedervereinigung wieder hier.

Das Spielgericht: SKAT.

Und die guten Lehrer sollen von da kommen, sagt der Alte Fritz,

wenn es nicht so gut ging

mit seinen Unteroffizieren

mit einem Arm oder Bein

und sie die Kinder geprügelt haben,

damit es gute Preußen werden.

Nur Prügeln geht nicht.

Vers 6

Viele rufen: „Hosianna,

Hosianna, gelobt sei, der kommt

im Namen des Herrn!“

Und: „Kreuzige ihn!“

Nicht auf meinem Kirchenfenster in einer immer kleiner werdenden Mittelstadt in Ostthüringen.

Chor: „Durch die Abwanderung nach Westen und Süden.

Weil Uran noch im Boden ist.

Aber nicht gefördert wird

der Vergiftung wegen.

Durch die Russen nicht

und durch die Amerikaner nicht.

Durch niemanden.“

Gegenchor: „Und die Braunkohle ist auch nicht Ebbe.

Sondern ziemlich weit oben.

Aber sehr eingeschränkt im

dezidierten Abbau

in unserer Gesellschaft,

die wir 1989 errungen haben .“

Einzelner: „Ich auch. Zu Recht.

Und ohne Blutvergießen.

Nicht wie heute in der Ukraine.

Die ist uns sehr nah.“

Nicht auf meinem Kirchenfenster rufen sie: „Hosianna, Hosianna,

gelobt sei, der da kommt

im Namen des Herrn!“

Und drei Tage später: „Kreuzige ihn!“

Nein, es wird gesungen.

Immer singen am Abend die Chöre von den „lieb Engelein“.

Sie singen die Passion Christi

nach dem Evangelisten Johannes von Johann Sebastian Bach.

Wenn du in dieser Kirche sitzt am Abend und das bunte Glas leuchtet im Licht der untergehenden Sonne, oder später für sich ohne Tag, dunkel in der Nacht.

Und ich höre sie singen: HOSIANNA und wenn die drei Tage um sind: KREUZIGE.

Gibt es auch Bilder von d i e s e m Geschrei?

Von diesem Volk?

Aufgerührt von diesen Gelehrten auf meinem Fenster: Pharisäer und Schriftgelehrte, Sadduzäer, Griechen, Lateiner und Orthodoxe.

Die Kopten und Äthiopier, Kämmerer und Oligarchen, Russen und Syrer, Aramäer, Katholiken und Lutheraner. CALVINISTEN.

ÄGYPTER.

Von Nazarenern gemalt, Rudolph Schäfer,

Schnorr von Carolsfeld, von Schmieden

um die Jahrhundertwende vor dem 1. Weltkrieg

geschweißt und gelötet zum TRANSPARENT ?

So wie Lehren durch Lernen und Lernen durch Lehren.

Der 12-jährige Jesus im Tempel.

Ein Konfirmandenbild.

Ein Pädagogenbild.

Universitas.

Pestalozzi und Fröbel.

Vielleicht.

Ich weiß es nicht.

Ich bin kein Forscher.

Halt, aber ganz sicher in Rom.

Und überall, wo die Hochkirche zu Hause ist.

Die Renaissance, das Christliche Abendland vor seinem Untergang, die Christliche Kunst, die den Papst gerettet hat und Rom.

Das barocke Europa.

In jeder Predigt, die malen kann zum Palmsonntag.

In allen christlichen Kirchen.

Vers 7

Die Kinder waren nicht Jesus

Wir haben sie gespielt diese Szenen.

Die Kinder waren nicht Jesus.

Aber Palmen, die sich wiegten im Wind,

als Jesus kam und die Berge tanzten und alle riefen HOSIANNA, weil er den Tod besiegt

und Lazarus ruft in seinen Gewändern.

Und die Schriftgelehrten sich beratschlagen,

was sie machen sollen bei so viel Begeisterung.

„Wie ungut ist das!“ haben sie untereinander gesagt –

und sind beiseite gestanden.

Das haben wir gespielt.

Vers 8

Wir waren gerade in den weißen Städten

ohne die spitzen Hexenhausdächer nördlich der Alpen,

damit der Schnee rutschen kann.

Sie haben alle den Stein berührt, die Millionen und Abermillionen, so dass er glatt ist.

Alle sind sie KREUZFAHRER und stellen sich an,

um das Heilige Grab zu berühren, zu küssen, enthusiastisch. Welche Liebe ist in den Frauen. Und wie gefährlich

ist Religion, sagen die Protestanten.

Sonst müßten sie ja auch Knüppel in die Hand nehmen oder Knuten, um einzupeitschen, oder auszupeitschen.

Wer soll das regulieren.

Vers 9

Comenius

du wurdest die Stationen geführt.

Du vertraust auf IHN.

Du hast dich ABM schreiben lassen und ziehst los.

Pilgrim.

Es wird Zeit, dass wir das würdigen. –

Suchst du ein Mädchen?

Wie im 19. Jahrhundert die Romantiker?

Bist du schwul?

Oder lebst du deine Kulturpubertät aus,

die es seit Sartre nicht mehr geben soll,

weil sie eine bürgerliche Krankheit ist: JUGEND.

Wir sind gespannt. Ich bin mehr als gespannt.

Ich kann es kaum erwarten.

Aber da sehe ich dich auch schon den Berg hinaufkommen

in Thüringen. Wie lange ist das her.

Und vor dir liegt ausgebreitet das Tal.

Dort ist die Kirche, in der du Dienst tun wirst

und die Steine anpredigen, damit sie lebendige Steine werden

zur Auferbauung der Gemeinde.

Es ist die Barmherzigkeit, die über dich kommt

beim Anblick des Dorfes.

Du siehst mit den Augen des Christus. Im Rennen hinunter den Berg.

Das Gehöft neben der Kirche ist nicht der Pfarrhof,

das Haus auf gleicher Höhe nicht das Pfarrhaus,

sondern es sind Bauern und Arbeiter, die hier wohnen.

Weil du vom Dorf bist, hat du keine Scheu,

einfach in den Hof zu gehen und zu fragen.

Was sagen sie dir, als du fragst?

Nichts?

Doch.

Nicht Weihnachten ist das schönste und öfter.

Sondern der Dank.

Der ERNTEDANK.

Vers 10

Das wissen sie nicht mehr

wem der Dank gebührt.

In der Stadt.

Oder?

Es kann nur der Herzog sein, dem gehuldigt wird,

wenn die Bauern reiten in ihren eng anliegenden Kostümen.

Und erst die Bäuerinnen von damals.

Sie winken.

Natürlich winken sie dem Herzog, dem Publikum jetzt.

Sie waren stolz, sie brauchten den Herzog

und umgekehrt.

Sie wussten, wem Ehre gebührt und die Steuer.

Und sie waren abhängig.

Aber nicht absolut.

Sie waren schlau.

Schlitzohrig,

weil sie das wussten.

Und hatten

ein gesundes Misstrauen.

Wer hat das heute noch.

DAS BAUERNREITEN.

DER ERNTEDANK.

DIE HULDIGUNG auf Augenhöhe.

Die Untertanen auf dem Pferd.

Vers 11

Die Große Stadt

wo sie herumsitzen und streiten

wo sie herumgehen, die Peripathetiker und fuchteln

mit ihren Händen und spielen mit ihren Füßen

oder dem Ball den entscheidenden Drive geben für das Tor.

Wenn sie treffen.

Das ist übrigens immer noch das Beste.

Suchen sie die Wahrheit.

Einer bestreitet sie.

Weil sie stört zu leben, angeblich.

Zur Wahrheit braucht es die Liebe.

Bekommen wir sie?

Nein, wir müssen darum bitten, uns ganz klein machen.

In Demut.

Und nicht nur so tun in unserem Großen Spiel.

Vers 12

Berlin

Ah, endlich gefunden

das Buch der Lieder mit Genricha Geine

der auf dem Stein sitzt am Weinberg

wo kein Wein wächst.

Der bei Gorki sitzt

gedoubelt,

weil der etwas von ihm halten möchte

auch weiterhin?

Aber jetzt endlich in die Galerie

in die Rumpelkammer der Geschichten in Kunst.

Da ist der Schraubenkönig

ha ha ha

er macht es möglich.

Was ist da?

Das Jüngste Gericht.

Es mutet russisch an.

Blockwartmäßig und wie eine Festung

im amerikanischen Westen,

als dort die Indios noch zu Pferde saßen,

um es dem weißen Mann zu zeigen.

Nein, wie eine russische Holzkirche.

Du musst nur nahe genug sein

dem Material.

Aber die Marien, die lieblichen

die Schönen, das Kindlein auf dem Arm?

Ikone, was haben sie aus dir gemacht?

Dich ausgezogen, Maria

in ein Kondom gesteckt

und aus war der Traum.

Vers 13

Das alles ist lange her.

Aber jetzt?-

Jetzt reitet Comenius mit einem Skelett von Gaul an die See, um in See zu stechen, wie man es in Seemannsdeutsch ausdrückt. Wenn die Ebbe vorbei ist und keine Sturmflut in Aussicht. Er ist völlig vergessen worden bei all den Beschreibungen der Überfahrt einer Gräfin, der Moderatorin und ihrem Reportertross.

„Das schwarze alte Pferd, dass nur noch einem Skelett vergleichbar ist, schwamm in der Welle dem alten Frachter hinterher..“

„Nein, nein“, ruft der Chor der Meerjungfrauen dazwischen: „Es ist ja gar kein alter Frachter, er wäre auch nicht tauglich für die See – es ist doch das berühmte Segelschulschiff mit den Lehrern und Lernenden, mit den Gärtnern und Pflanzern, Biologen, Botanikern an Bord – und mit A. Die nun endlich die verfluchte alte Welt zu verlassen wünscht und einen Neuanfang sucht.“

„Und er ist auch nicht dem Frachter, der keiner ist,

hinterhergeschwommen, auch nicht auf dem Rücken von tausend Pferden. Nicht einmal mit seinem „Skelett“.

Das hat er angebunden an einen alten Laternenpfahl im Hafenviertel und hat sich sachte in die Gruppe gemischt, die auf das SEGELSCHULSCHIFF strebte.“

Sagt später ein alter Fischer, der ihn kannte.

„Sein Matrosenanzug war vorzüglich.“

Ein anderer an einem Tisch des Zielhafens: „Hau Ruck und Nur zu! – das waren seine ständigen Sätze, wenn es vorwärts gehen musste. Und es musste ja vorwärts gehen. Bei Flaute und bei Sturm. Mit den Segeln, mit den Jungs, den Mädchen, den Gärtnern u.s.w.“

Was für ein Fuhre.

Welche Fracht.

Warum haben wir C. vergessen, übersehen.

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