
Am Dienstag nach der Europawahl im Berliner Tagesspiegel:
Herr Grünewald, vor knapp zwei Monaten konstatierte eine Jugendtrendstudie, dass die jungen Menschen hinsichtlich ihrer Werteorientierung deutlich nach rechts gerückt seien. Jetzt hat die AfD tatsächlich bei den unter 25-Jährigen 16 Prozent geholt und sogar die Grünen (11 Prozent) überholt. Was ist Ihre Erklärung dafür?
Angesichts der multiplen Krisen beobachten wir in unseren Studien eine eher resignative Grundstimmung in der Gesellschaft. Die Menschen ziehen sich in ihr privates Schneckenhaus zurück. Die globalen Probleme werden ausgeblendet, weil junge Menschen das Gefühl haben, sie könnten sowieso nichts verändern. Das kommt fast schon einer fatalistischen Endzeitstimmung gleich, weil die großen Krisen, Corona oder Klima, so überwältigend sind. Darunter leiden natürlich die Zustimmungswerte der Grünen, die schon immer eher für Aufbruch standen und dafür, dass man die ökologischen Herausforderungen annimmt.Die Tagesspiegel-App Aktuelle Nachrichten, Hintergründe und Analysen direkt auf Ihr Smartphone. Dazu die digitale Zeitung. Hier gratis herunterladen.
2019 hat noch jeder dritte Jungwähler sein Kreuz bei den Grünen gemacht. Gilt das Motto „Fridays for Future“ heute weniger?
Die ökologischen Themen sind den jungen Menschen immer noch wichtig. Aber wenn man keine Geschichte vom Aufbruch mehr erzählen kann, sondern das Gefühl hat, wir können schon froh sein, wenn wir die Verhältnisse aus Kindheitstagen noch etwas aufrechterhalten können, sinkt die Bereitschaft, sich zu engagieren. Dafür braucht es eher Projekte wie die Energiesparmaßnahmen vor zwei Jahren, als man dachte, man kann einen sinnvollen Beitrag leisten. Wenn das Unterfangen allerdings zu abstrakt ist, verliert man schnell den Glauben an Selbstwirksamkeit und lässt es lieber ganz bleiben.
Der Experte
Stephan Grünewald ist Diplom-Psychologe und Mitbegründer des Rheingold-Instituts, das jedes Jahr mehr als 5000 Tiefeninterviews zu aktuellen Fragen aus Markt, Medien und Gesellschaft durchführt.
Welche Werte sind denn den jungen Menschen heute wichtiger? 17 Prozent für die CDU zeigen ebenfalls einen Trend in Richtung Konservativismus.
Den Jugendlichen ist Harmonie wichtig. Das zeigen unsere Studien immer wieder. Was Kindern heute Angst macht, ist weniger, wie bei den 68ern, dass sie wieder in autoritäre Verhältnisse hineingeraten, sondern dass Familien auseinanderbrechen könnten. Sie möchten nicht in Armut, mit einer alleinerziehenden Mutter oder in gespaltenen Patchwork-Konstellationen aufwachsen und tun alles für den Zusammenhalt. Der Zank in der Ampel kostet daher sehr viel Vertrauen, da dies eine Grundangst wiederbelebt, dass Bindungssysteme auseinanderbrechen könnten. Und dafür wurden ja neben den Grünen auch SPD und FDP abgestraft.Falscher Umgang im Job mit der Gen Z „Warum sollten Jüngere etwas besser können, was Ältere schon lange machen?“
Mit einem traditionellen Familienbild wirbt ja auch die AfD. Macht das die Partei bei den Jungen attraktiv?
Die Jugend sehnt sich jedenfalls nach Stabilität, das kann in der Familie begründet sein oder im Großen und Ganzen. Ein Versprechen der AfD ist ja die Rückkehr in die alten vertrauten Verhältnisse der Bundesrepublik. In die Zeit, als die Welt noch überschaubar war. Und in der beschriebenen Endzeitstimmung zieht ein solch rückwärtsgewandtes Versprechen natürlich. Die gute alte Zeit kann ja auch nur zehn Jahre zurückliegen. Und auf Tiktok punktet die AfD natürlich mit ihren sehr einfachen Botschaften.
Die Jugendlichen träumen vom Haus im Grünen und von festen Beziehungen.Stephan Grünewald, Mitbegründer des Rheingold-Instituts für Tiefeninterviews
Es gibt ja auch die These, dass das Erstarken der rechtsextremen AfD unter den Jungwählern eine Rebellion gegen das linksliberale Elternhaus ist. Ist da was dran?
Unsere Studien zeigen eher das Gegenteil: Heutzutage fällt sogar die gewöhnliche Pubertätsrevolte oft aus, weil Teenager sehr systemstabilisierend unterwegs sind. Man möchte schließlich nicht, dass die Familie aufgrund der eigenen Revolte hochgeht. Außerdem profitieren Jugendliche auch davon, wenn ihre Eltern sie auf Augenhöhe behandeln und ihnen größere Freiheiten einräumen. Natürlich schaut sich jede Jugendgeneration trotzdem an, was macht meine Elterngeneration falsch und wo muss ich gegensteuern. Insgesamt konnten wir in unseren Studien aber keine sonderlich rebellische Grundhaltung bei den jungen Menschen finden, so wie sie früher üblich war.
War denn der Spruch „Wer jung und nicht links ist, hat kein Herz, wer alt und immer noch links ist, keinen Verstand“ jemals richtig?
Wir haben sehr lange die Jugendbewegungen mit den 68ern gleichgesetzt, also mit jungen, rebellischen und langhaarigen Menschen, die durch die Institutionen marschieren. Seit den 1990ern hatten wir aber schon Jugendgenerationen, die wir als „Generation Kuschel“ oder „Biedermeier“ bezeichnet haben. Insgesamt sind Jugendliche wertekonservativer geworden. Seit zwei Jahrzehnten träumen sie in unseren Tiefeninterviews vom Haus im Grünen, von der heilen Familie. In festen Beziehungen ist ihnen Treue sehr wichtig. Selbst Beamtenverhältnisse und Lebensversicherungen gehören mittlerweile zum jugendlichen Wertekosmos.
Wer AfD wählt, ist tendenziell auch für Ausgrenzung. Wie kann man dem entgegensteuern?
Ich finde, wir brauchen dringend Projekte, die an die Selbstwirksamkeit appellieren. Ich bin selbst Verfechter des sozialen Pflichtjahrs. Hier können junge Menschen ihren Horizont erweitern, soziale Schranken überwinden, in Kontakt mit anderen Menschen treten und sehen, dass sie selbst etwas bewirken können.




Aus einem kirchlichen Schaukasten in Ost-Berlin, Grünau.